Die Buch- und Lese-Tipps der CvO-Belegschaft

Als Buchhändlerin oder Buchhändler liest mensch in der Regel mehr als die meisten anderen. Und diese Lektüreerfahrungen geben wir gerne weiter.

Nur so sind wir der Frage "ich suche etwas zum Geburtstag, sie wird 30 Jahre alt" gewachsen, aber natürlich auch der Suche nach einer einschlägigen Abhandlung zur Aktualität von Karl Marx.

Ganz ungefragt stellen wir Ihnen hier schon einmal einige ausgewählte Juwelen unserer Lesereisen vor.

Spezial

Bühnenglanz und Prekarität – eine große Tochter Flensburgs:

Emmy Ball Hennings

In diesem Jahr ist eine neue Biographie in Form einer Graphic Novel und der 3. Band der Werkausgabe von Emmy Ball Hennings erschienen. Für uns ein besonderer Anlass an diese große Autodidaktin und Persönlichkeit zu erinnern.
Wir empfehlen diese Bücher, die einen tiefen Einblick in das bewegende Leben von Emmy bieten. (hn)

Fernando González Viñas, José Lázaro – Alles ist Dada. Emmy Ball-Hennings.

Eine Biographie über die Dada-Künstlerin Emmy Ball-Hennings ist in diesem Frühjahr als Graphic Novel erschienen.Unter dem Titel »El Ángel Dadá« (»Der Engel des Dada«) wurde die Comic-Biographie auf Spanisch bereits 2017 veröffentlicht. Dem Autor Fernando Gonzáles Viñas, der bereits Werke von Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings ins Spanische übersetzt hatte, war es ein Anliegen, die »zu Unrecht vergessene Schlüsselfigur des Dadaismus« einem heutigen Publikum ins Gedächtnis zu rufen.

Ihr Werk ist zwar kaum noch bekannt, doch Emmy Hennings war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Star der Avantgarde-Szene. Sie trat als Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin auf, schrieb Gedichte und Romane, zeichnete – und war obendrein Modell und Muse für viele zeitgenössische Künstler wie Erich Mühsam, Johannes R. Becher oder Reinhold Junghanns. 1885 in Flensburg geboren, heiratet sie früh und bekommt eine Tochter. Sie schliesst sich mit ihrem ersten Mann einer Wandertheatergruppe an, das gemeinsame Kind bleibt bei der Großmutter zurück. Ihr Leben ist ein steter Kampf – nicht nur um künstlerische Anerkennung, sondern auch um das tägliche Brot, um Tinte zum Schreiben, um Morphium, das die Sinne betäubt. Ob als fahrende Sängerin oder als Teil der Berliner, Münchener oder Pariser Bohème: Prekäre Lebensumstände sorgen immer wieder für Konflikte mit dem Gesetz, und Prostitution bleibt wiederholte Male der einzige Weg, sich über Wasser zu halten. Sie zahlt einen hohen Preis für ihren Mut und ihren unbedingten Willen, sich nicht den gesellschaftlichen Zwängen zu beugen, sondern ihren eigenen Weg zu gehen.

Nach langen Jahren der Ignoranz tritt Ball-Hennings allmählich aus dem Schatten ihres zweiten Mannes, des Literaten Hugo Ball, heraus und erhält aufgrund ihres vielseitigen Schaffens den eigenständigen Platz in der Literaturgeschichte, den ihr väterlicher Freund Hermann Hesse bereits zu ihren Lebzeiten eingefordert hatte. Schließlich gehörte sie mit Hugo Ball und Künstlerfreunden wie Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Tristan Tzara und Marcel Janco zu den Gründern des Cabaret Voltaire in Zürich, das 1916 die Keimzelle der internationalen Dada-Bewegung wurde. Ebenso wie Hugo Ball stand sie dort Nacht für Nacht auf der Bühne, bis ihnen nach einigen Monaten die Kräfte verliessen und sie sich beide ins Tessin zurückzogen. Nach Balls frühem Tod blieb sie dort und arbeitete u.a. an autobiographischen Texten, in denen sie die Erfahrungen ihres schwierigen Lebens verarbeitete.

»Ich war Teil einer Welt, die immer noch viele inspiriert«, resümierte sie 1948 kurz vor ihrem Tod. Wie diese Welt aussah, schildert die Graphic Novel in schlaglichtartigen Stationen. González Viñas lässt sie darin als Ich-Erzählerin zu Wort kommen, während José Lazaro die passenden Schwarzweißzeichnungen dazu liefert. Der Zeichenstil ist eher konventionell gehalten, was der Lesefreundlichkeit aber guttut. Denn einordnende Kommentare oder ähnliches gibt es nicht, Hintergrundwissen um Politik, Kunst und Gesellschaft der Zeit um den Ersten Weltkrieg wird vorausgesetzt. Das Bild der Protagonistin und ihrer Zeit wird gleichermaßen schillernd gezeichnet. Nichtsdestotrotz ist es eine interessante Lektüre, die anregt, sich mit ihrem Gesamtwerk auseinanderzusetzen.


kt., Avant-Verlag, Berlin 2020
Übersetzung aus dem Spanischen von André Höchemer
232 S., 25,00 €
ISBN 978-3-96445-034-0



… und immer noch ein Muss für jede und jeden Interessierten:

Emmy Ball Hennings : 1885 - 1948 ; "ich bin so vielfach ...": Texte, Bilder, Dokumente

Ausstellungskatalog, 1999, Zürich
Museum Strauhof, Zürich, 25. März - 31. Mai 1999 ; Museumsberg Flensburg, 5. September - 28. November 1999 ; eine Ausstellung des Museums Strauhof, Zürich und des Robert-Walser-Archivs/Archiv der Carl-Seelig-Stiftung, Zürich in Zusammenarbeit mit Museumsberg Flensburg] / zsgest. von Bernhard Echte unter Mitarb. von Katharina Aemmer. [Mitarb. am Katalog Nicola Behrmann …]

Stroemfeld-Vlg., 1999, ISBN 978-3-87877-757-1
Pp.: DM 68.00 - heute 12,00 € (Ladenpreis aufgehoben)





Nicola Behrmann – Geburt der Avantgarde … Emmy Hennings

Für eine tiefere Sicht auf das Wirken von Emmy Hennings ist diese gründliche Studie der Mitherausgeberin der Werke und Briefe Emmy Hennings ein Muss.

geb., Wallstein 2018, 424 S., 29,90 €, ISBN 978-3-8353-3123-5


Mittlerweile sind 3 Bände von Emmy Hennings Gesamtwerk im Wallstein-Verlag erschienen:

Annäherung an eine Dichterin und Kabarettistin: Aus der großen Kugel fallen

"Ich singe die Unendlichkeit! O Zeit, bist du so eingeschneit?":

Eine hervorragend editierte Studienausgabe ihrer Gedichte befreit Emmy Hennings vom Ruf der Femme fatale und zeigt sie als Mystikerin.


Von Nico Bleutge - Süddeutsche Zeitung

Am 4. Februar 1916 erschien in der Neuen Zürcher Zeitung eine Vorankündigung folgenden Inhalts: "Künstlerkneipe ,Voltaire'. Am Samstag abends 8 Uhr werden im Saale der ,Meierei' (Spiegelgasse 1) aus eigenen Werken lesen: die Herren Rudolf Anders und Hugo Ball sowie Frau Emmy Hennings. Frl. Riesa Helm singt Lieder am Flügel, Frau Hennings Lieder zur Laute." Auch wenn sich der Berichterstatter der NZZ in seiner wenige Tage später veröffentlichten Besprechung des Abends vor allem für das "aus sechs russischen Herren bestehende Balalaika-Orchester mit Gitarrenbegleitung" begeisterte - Emmy Hennings wurde schnell als der leuchtende Stern der Veranstaltung ausgemacht. "Man liebt sie unaussprechlich", notierte Hugo Ball nur wenige Wochen nach der Premiere.

Aus der "Künstlerkneipe ,Voltaire'" sollte das berühmte Cabaret Voltaire werden. Hier wurden nicht nur Gedichte rezitiert und Chansons gesungen, hier wurde auch der Dadaismus aus der Taufe gehoben. Hugo Ball trug seine Lautgedichte vor und Richard Huelsenbeck schlug die Trommel, nicht zuletzt gegen den Krieg und für eine andere Vorstellung von Kunst. Dabei war die Rollenzuschreibung von Beginn an klar. Die Frauen, allen voran Emmy Hennings, wurden hauptsächlich als Sängerinnen und Musen wahrgenommen, die "kleine zärtliche Chansons" vortragen, die Würdigung als Avantgarde-Dichter blieb den Männern vorbehalten, neben Hugo Ball und Tristan Tzara etwa Hans Arp oder Klabund.
Ihr Lebensentwurf war gewollt, mit den Rollenbildern ihrer Zeit hat sie sich intensiv beschäftigt.

Emmy Hennings war sich dieser Projektionen bewusst. Und sie waren ihr eine vertraute Erfahrung. Schon in den Jahren zuvor, während ihrer Zeit in Berlin und München, hatte man sie vornehmlich als Chansonette gesehen. In ihren Kabarettauftritten oder in Briefen hat sie solche Zuschreibungen genau reflektiert. Heute noch wird sie immer wieder als "Star der Münchener Bohème" oder der Züricher Szene bezeichnet, gerne mit Verweis auf ihre "erotische Ausstrahlung" und das Klischee einer unersättlichen Lust auf das Leben. Dahinter steckt nicht selten ein nur lose kaschierter Vorwurf gegenüber Hennings' Lebensführung: dass sie Drogen nahm und ihren Lebensunterhalt zeitweilig mit Prostitution verdienen musste, dass sie vor der Beziehung mit ihrem späteren Ehemann Hugo Ball jahrelang als Wanderschauspielerin unterwegs war und wegen des Verdachts auf "Beischlafdiebstahl" und Hilfe zur Desertion mehrere Monate im Gefängnis saß.

Völlig in Vergessenheit gerät über solche Deutungen, wie intensiv sich Emmy Hennings mit den Rollenbildern ihrer Zeit und den Widersprüchen bürgerlicher Moral auseinandergesetzt hat, wie gewollt der Lebensentwurf eines dauernden Unterwegsseins war. Erst recht aber wird verdrängt, was für eine großartige Dichterin sie war. Schon in ihrem Erstling "Die letzte Freude" von 1913 schreibt sie intensive "Ätherstrophen", die sich wie ein positiv aufgeladenes Gegenstück zu Jakob van Hoddis' expressionistischer Phantasmagorie "Weltende" lesen lassen: "Jetzt muss ich aus der großen Kugel fallen. / Dabei ist in Paris ein schönes Fest. / Die Menschen sammeln sich am Gare de l'est / Und bunte Seidenfahnen wallen." Allerdings ist ihren Versen von Beginn an ein Nachdenken über die Zeit eingezogen, über Traumzustände und die Wahrnehmung der Nacht.

Dazu kommt eine mit Verlassenheits- und Einsamkeitsfantasien verknüpfte lebenslange Sehnsucht, die mal der Wunsch nach einer umfassenden Einheit aller Momente ist, mal nichts als eine "Sehnsucht nach der Sehnsucht". Wolkig wirken die Verse glücklicherweise nie. Hennings schließt romantisches Vokabular mit nüchternen Gegenwartswörtern wie "Möbel" oder "Krankenhaus" kurz, sie spielt mit dem Rhythmus und verwendet Einsprengsel von Seemannsliedern, die ihr aus ihren Kabarettprogrammen vertraut sind.

All diesen "verlorenen Paradiesen" kann man jetzt in einem schön gemachten Band nachgehen. Nicola Behrmann, die schon in einem sehr lesenswerten Buch versucht hat, Hennings aus den Geschlechterklischees und Verdrängungsbewegungen der Rezeption herauszulösen und sie als Dichterin in die Geschichte der Avantgarde einzuschreiben, hat mit ihren Kolleginnen eine Studienausgabe zusammengestellt. Darin sind nicht nur jene Gedichte enthalten, die zu Hennings' Lebzeiten erschienen sind, sei es in ihren drei Einzelbänden, sei es in Zeitschriften oder Anthologien, sondern auch alle Gedichte aus dem Nachlass und eine Handvoll Prosaskizzen, die sie vermutlich zwischen 1913 und 1917 geschrieben hat. Anhand der aufgelisteten Varianten und kleiner Kommentare kann man die Entstehung der Gedichte nachvollziehen.

"Die Berge Jütlands und blaue Heide / Und in Vaters Hof fielen manchmal die Sterne", heißt es in einem Gedicht. Tatsächlich waren die Berge Jütlands die Ostseeküste, und der Vater war im Schiffsbau beschäftigt, als Emmy Hennings 1885 in Flensburg zur Welt kam. Schon mit 16 verließ sie die Familie, heiratete früh, bekam ein Kind, ließ sich bald wieder scheiden und zog mit wechselnden Theatergruppen durch die Lande. Als sie später im Münchener "Simplicissimus" als Kabarettistin bekannt wird, verdichten sich die inneren und äußeren Spannungen und sie konvertiert zum Katholizismus.

Die Hinwendung zur Religion ist eine einschneidende Erfahrung, die auch in die Gedichte einwandert. Die lebenslange Sehnsucht erscheint nun immer wieder als eine Sehnsucht nach Gott. Hennings liest Texte der mittelalterlichen Mystik, von Meister Eckhart etwa oder Mechthild von Magdeburg, und verwandelt sich deren sprachliche Mittel für ihre Gottsuche an. Ziel der mystischen Bewegung ist die Verschmelzung mit dem Anderen. Es ist eine Erfahrung, die sich, eben weil es um das Aufheben jeder Unterscheidung geht, der vermittelnden Sprache eigentlich entzieht.

Um das Erlebnis der mystischen Unio aber doch teilen zu können, haben die Mystikerinnen und Mystiker nach sprachlichen Wegen gesucht, die Momente dieser Erfahrung in sich tragen. Paradoxien und Fragen sollen etwas von der Widersprüchlichkeit der ekstatischen Bewegung zeigen, Metaphern und Vergleiche ihre Strahlkraft andeuten, Litaneien und andere Arten von Wiederholung den meditativen Charakter der mystischen Erfahrung in die Form des Sprechens einsenken. Bei Emmy Hennings klingt es so: "Ich singe die Unendlichkeit! / O Zeit, bist du so eingeschneit? / So weiß gesungen, rosenrot! / Du Frucht der Liebe, Blut vom Tod! / Hör mein Verschwörerlied zur Nacht! / Tiefe im Tag, nachthell entfacht. / Wie bist du weinend, wie lächelnd erwacht …".

Es ist spannend zu beobachten, dass Hennings zwar tief in die religiöse Bildsprache eintaucht, die religiösen Motive aber auch ein ums andere Mal übersteigt. So wird Maria bisweilen weniger als "Mutter mit der Dornenkrone" oder als Inbegriff einer traditionellen Vorstellung von Weiblichkeit besungen, sondern als Bild für die ersehnte Ganzheit, als "Saum der Allmacht" oder "Wiege des Lichtes". Und fast möchte man meinen, die Suche nach Gott sei manchmal mehr noch eine Suche nach dem perfekten Vers: "Wenn du nicht Sehnsucht hast nach mir, / Wie könnt ich sehnen mich nach dir? / Du süßer Gott, o himmlisches Gedicht! / Was denkt dich an? Sieh mein Gesicht!" Gott erscheint hier als Gedicht, doch scheint nicht zugleich das Gedicht ein Gott zu sein?
"Und erwiderten die Schneeflockensprache, die aus der Höhe sank"

Noch länger als ihre mystischen Metamorphosen aber wirken jene Verse nach, in denen sich Hennings von den liedhaften Formen löst und nicht nur funkelnde Bilder entwirft, sondern auch einen Rhythmus mit zahlreichen Wechseln. "Einmal deuteten unsere Prismaaugen den Regenbogen", setzt ein Ensemble wundersamer Langzeilen ein. So wie in den Prismaaugen die Wahrnehmungen unterschiedlich stark gebrochen werden, spaltet sich die Rede in verschiedene Sprechweisen auf und macht diese Sprechweisen ihrerseits zum Thema: "Wir verstanden das Murmeln der Geister in den Goldquellen / Und erwiderten die Schneeflockensprache, die aus der Höhe sank." Es ist ein Gedicht über den Baum der Erkenntnis und den Verlust des Paradieses. In einer großartigen Paradoxie finden die Verse gerade dort zu Metrum und Reim, wo sich Grübelei und "Suchersehnsucht" ausbreiten. Und nicht von ungefähr reimt sich nun "Wahn" auf "Sternenbahn."

Man muss die vielen Traumreisen, Mariengedichte und "kleinen Heimwehlieder" mögen, die Hennings in ihren späteren Jahren geschrieben hat. Das Gefühl des Anders- und Alleinseins, das sie auch in ihrer Prosa entfaltet, durchzieht nun beinahe jeden Vers. Souveränitätsgesten, wie man sie zur selben Zeit etwa bei Else Lasker-Schüler finden kann, sind ihr fremd. Doch gerade so entsteht eine Dichtung, die in ihrer Brüchigkeit modern ist. Emmy Hennings stirbt 1948. In ihren letzten Gedichten inszeniert sie ein Sprechen der "Sterne und Menschen", das sich immer schon fremd ist - und das auf die Erinnerung setzt: "O, diese Wechselmelodie / Mein Lied, das rasch der Wind verstreicht, / Das in mir lag, vergess ich nie. / In Kinderschuhen hüpft sichs leicht."




Emmy Hennings: Gedichte.
Herausgegeben und kommentiert von
Nicola Behrmann und Simone Sumpf.
Unter Mitarbeit von Louanne Burkhardt.
Mit einem Nachwort von Nicola Behrmann.

Wallstein Verlag
Göttingen 2020
698 Seiten, 38,00 €
ISBN ISBN 978-3-8353-3503-5


Emmy Hennings:
Gefängnis
Das graue Haus
Das Haus im Schatten.
Drei Romane (1)

Klappentext
Herausgegeben von Christa Baumberger und Nicola Behrmann. Mit Abbildungen. 'Ein verlaufenes Kind, ein lebendig gewordenes Märchen oder Volkslied, süß und gruselig zugleich', so charakterisierte Franz Herwig 1923 das literarische Phänomen Emmy Hennings. 1916 eröffnete sie mit Hugo Ball das Cabaret Voltaire in Zürich, wo die Dada-Gruppe nicht nur gegen den Krieg, sondern auch gegen die Kunst rebellierte. Hennings` 1919 erschienener Roman 'Gefängnis' sorgte für großes Aufsehen. In einer eindringlichen, expressiven Sprache seziert sie das Erlebnis einer Inhaftierung bis in die sprachlichen Details hinein. Dem Leser wird mit existenzieller Dringlichkeit vorgeführt, was es bedeutet, im Gefängnis zu sein. Das Verhältnis von Delinquenz und Strafvollzug, Schuld und Sühne beschäftigte Hennings viele Jahre. Davon zeugen die zwei weiteren Gefängnis-Texte 'Das graue Haus' und 'Das Haus im Schatten'. Die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der drei Romane wird im Anhang erstmals fundiert aufgearbeitet und von einer umfassenden Dokumentation zur Wirkungsgeschichte begleitet. 'Sie ist die reinste Inkarnation des weiblichen Vaganten, die in der deutschen Dichtung vielleicht je da war.' Klabund


Wallstein Verlag
Göttingen 2016
ISBN 9783835318342
Geb., 576 Seiten, 24.90 €

Herausgegeben von Christa Baumberger und Nicola Behrmann. Mit Abbildungen.


Emmy Hennings:
Das Brandmal
Das ewige Lied (2)

Klappentext
Herausgegeben von Nicola Behrmann und Christa Baumberger unter Mitarbeit von Simone Sumpf. Mit einem Nachwort von Nicola Behrmann. Zwei literarische Wiederentdeckungen über Frauenschicksale Anfang der zwanziger Jahre, die ein Jahrhundert später nichts von ihrer aufrüttelnden Wirkung eingebüßt haben. Nach Erscheinen ihres zweiten Romans "Das Brandmal" im Jahr 1920 galt Hennings als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Die radikale und selbstzerstörerische Aufrichtigkeit des Mädchens Dagny, das ruhelos durch die deutschen Städte zieht und sich zeitweise zur Prostitution gezwungen sieht, wurde mit den Romanen Hamsuns und Dostojewskijs sowie den "Bekenntnissen" von Augustinus und Rousseau verglichen. Auch heute liest sich der Roman als eindringliches Zeugnis eines bedrängten Lebens, das an Aktualität nichts verloren hat. Die 1923 erschienene Erzählung "Das ewige Lied" ist der Fiebermonolog einer Sterbenden, der in vielerlei Hinsicht an "Das Brandmal" anknüpft. Von der Literaturgeschichte nahezu vergessen, wird dieses Werk hier erstmals wieder aufgelegt. Der zweite Band der Kommentierten Studienausgabe enthält beide Texte nach dem Erstdruck ediert und von einem ausführlichen Stellenkommentar begleitet. Eine umfassende Rezensionssammlung dokumentiert die beeindruckende Wirkungsgeschichte, vor allem von "Das Brandmal". Im Nachwort werden die biografischen Hintergründe beider Werke sowie deren Rezeptionsgeschichte und literarische Bedeutung erstmals fundiert aufgearbeitet.


Wallstein Verlag
Göttingen 2017
ISBN 9783835330405
Geb., 508 Seiten, 24.90 €

Herausgegeben von Nicola Behrmann und Christa Baumberger unter Mitarbeit von Simone Sumpf. Mit einem Nachwort von Nicola Behrmann.


Emmy Hennings:
Gedichte.
Werke und Briefe.
Kommentierte Studienausgabe 3

Klappentext
Herausgegeben von Nicola Behrmann, Simone Sumpf und Louanne Burkhardt. Der dritte Band der Kommentierten Studienausgabe präsentiert erstmals das gesamte lyrische Werk von Emmy Hennings. Das umfangreiche lyrische Werk von Emmy Hennings wird in diesem Band erstmals vollständig publiziert - ihre zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte sowie die unveröffentlichten aus dem Nachlass - und in seiner beeindruckenden stilistischen Spannbreite erschlossen: Auf Kabarettlieder folgt expressionistische und dadaistische Lyrik, die zugleich romantische und religiöse Tendenzen aufweisen. Hennings" Gedichte stehen dem Volkslied, dem Chanson und der Liturgie gleichermaßen nahe und vermitteln existenzielle Grenzerfahrungen wie Liebe, Hunger, Exil, Krieg und Gottsuche mit ergreifender Schlichtheit und Direktheit. Neben einem Verzeichnis der mehr als 900 Varianten und Lesarten der Gedichte enthält der Anhang Sachhinweise und einen detaillierten Kommentar zur Entstehung. Im Nachwort werden der biografische Hintergrund, Bezüge zur modernen Lyrik sowie die zeitgenössische Rezeption aufgezeigt.


Wallstein Verlag
Göttingen 2020
ISBN 9783835335035
Geb., 698 Seiten, 38.00 €

Herausgegeben von Nicola Behrmann, Simone Sumpf und Louanne Burkhardt. Der dritte Band der Kommentierten Studienausgabe präsentiert erstmals das gesamte lyrische Werk von Emmy Hennings.


Dossier zum Schriftsteller Klaus Modick

Klaus Modicks Werk kreist auf herausfordernde Weise um die Bedingungen schriftstellerischer Produktion. Offener als andere thematisiert Modick dabei das Spannungsverhältnis zwischen einem qualitativ hohen Anspruch und der Notwendigkeit, von seinem Beruf auch leben zu können. Insbesondere in seiner Literaturbetriebssatire „Bestseller“ (2006) hat Modick dieses Thema zugespitzt.

Modicks Büchern, unter denen sich auch direkt Autobiographisches wie das „Vatertagebuch“ (2005) oder die „Krummen Touren“ (2010) findet, vermeiden dabei Anbiederei an den Kritiker- oder Publikumsgeschmack und stellen vielfach eine kunstvolle Herausforderung dar.
So im „September Song“ an, wo er überwunden geglaubte erotische Verwicklungen eines echten Fünfzigers selbstironisch aufs Korn nimmt. Schon der an Kurt Weill angelehnte Titel dieses mit großer Leichtigkeit geschriebenen Romans signalisiert seine Nähe zur modernen amerikanischen Literatur.
In seinem bisher wohl besten Buch „Die Schatten der Ideen“ (2008), einer mit zeitgeschichtlicher Tiefenschärfe und intimer Landeskenntnis operierenden Mischung aus Politthriller, Campus- und Erotikroman, der die hysterische McCarthy-Ära der Verfolgung und Unterdrückung gesellschaftskritischer Intellektueller, Schriftsteller und Hochschullehrer, aufarbeitet.
Nach Amerika kehrt Modick zurück mit „Sunset“, ein kurzer, überwiegend auf reales Material zurückgreifender und nur zu kleineren Teilen frei verfahrender Lion-Feuchtwanger-Roman, der auf doppelte Weise triftig erscheint: als akademischer Stoff, denn über diesen Autor hat Modick vor gut dreißig Jahren (bei Karl Robert Mandelkow) seine Doktorarbeit geschrieben; und erneut in Hinsicht auf das Verhältnis zwischen Kunst und Kommerzialität.

„Klaus Modick entspricht in seinen Romanen jenen Wünschen an die neue deutsche Literatur, die seit Jahr und Tag die Debatten beherrscht, als das bedeutende Beispiel eines zugleich realitätshaltigen und spielerischen, hintergründigen und unterhaltsamen Erzählens. Seine Romane sind vielschichtig, geprägt von komplexen Motivverarbeitungen und literarischen Anspielungen, aber an der Oberfläche immer süffig und, wie man sagt, gut zu lesen.“ (Hubert Winkels: Deutschlandfunk)
„Intelligent und literarisch beschlagen hat Klaus Modick fest ein Publikum im Blick, das nicht gewillt ist, sich langweilen zu lassen.“ (Walter Hinck: Frankfurter Allgemeine Zeitung) Er schreibt mit „jener spezifischen Leichtigkeit, die in Deutschland einen schweren Stand hat. Sie ist gut komponiert, sie wird suggestiv erzählt; und sie leistet unangestrengt alles, was angestrengtere Literatur auch von sich verlangt. Literatur in Sicht!“

(Jochen Hörisch: Neue Zürcher Zeitung)

Am 4. Dezember 2013 hatten wir Klaus Modick mit einer Lesung zu seinem Buch »Klack« bei uns zu Gast


Der kretische Gast
geb. Eichborn 2003; seit 2017 KiWi-TB,
457 S., 12,00 €
ISBN 978-3-462-05105-6


Modick umstritten – einige Beispiele anhand des Buches »Der kretische Gast«

Klaus Modicks Roman "Der kretische Gast"

KLAUDIA PREVEZANOS © Die Berliner Literaturkritik, 07.01.04

Das ist typisch - auf Buchbesprechungen kann man sich eben nicht verlassen. „Der kretische Gast“ von Klaus Modick will rezensiert werden. Ein Überblick bisheriger Abhandlungen in der Presse zeigt - völlig gegensätzliche Einschätzungen. Während zwei Journalisten mit ihrem Spott über das Epos nicht hinter dem kretischen Berg halten und von Karl-May-artigem Kitsch schreiben, ist ein weiterer Rezensent begeistert. Was also bleibt zutun? Selber lesen.

Zwei Geschichten erzählt der Oldenburger Autor Klaus Modick, die des Literaturstudenten Lukas Hollbach und die des Archäologen Johann Martens: Hamburg, im Winter 1975. Hollbach findet auf einem Flohmarkt zwei alte Fotos, die er kauft. Zum einen faszinieren sie ihn. Zum anderen glaubt er, den Mann auf dem einen Bild schon einmal gesehen zu haben. Er findet heraus, dass sie auf Kreta während des Zweiten Weltkrieges entstanden sind, und macht sich auf den Weg. Auf der griechischen Insel beginnt die Spurensuche, Hollbach lernt das Leben Martens’ kennen.

Lesen Sie die ganze Buchbesprechung …

Zwei Orte, zwei Zeiten

Kreta, im Winter 1943: Martens soll auf der von Deutschen besetzen Insel Kulturgüter registrieren, die nach Nazideutschland gebracht werden sollen. Kulturdiebstahl. Doch die scheinbar gefahrlose Aufgabe wird das Leben des Mannes für immer verändern. Auf Kreta begegnet Martens auch Friedrich Hollbach, dem Vater des zweiten Protagonisten des Romans. Er ist Wehrmachtsoffizier in Griechenland und an Gräueltaten der Soldaten gegen die Bevölkerung beteiligt. Die Verknüpfungen der Schicksale von Martens 1943 und von Hollbach 30 Jahre später werden von nun an immer enger. Und natürlich kommt die Liebe ins Spiel.

Achtung, Kitsch-Alarm! Dass Hollbach die schicksalhaften Fotos zufällig auf irgendeinem Flohmarkt findet, erscheint manchem als zu konstruierter Einstieg. Dass sich der junge Hollbach auf Kreta dann ausgerechnet in Sophia verliebt, die Tochter der großen Liebe Martens’, mag auch zuviel des Guten sein. Es ist Modick außerdem anzumerken, wie sehr er selbst die griechische Insel liebt und sich davon mitreißen läßt. So sehr, dass er mitunter die Namen seiner Hauptfiguren verwechselt.

Die Anleihen bei Homer und dem klassischen Aufbau des griechischen Dramas - Krise, Steigerung zum Klimax, Höhepunkt der Verwicklungen, Katharsis und Läuterung der Seele - können darüber nicht ganz hinweg trösten. Zudem drängt sich der Vergleich mit dem Roman „Corellis Mandoline“ von Louis de Bernières auf. Darin gerät der italienische Besatzungsoffizier Corelli auf der griechischen Insel Kephallonia in ähnliche Nöte wie Modicks Held Martens. Doch bei allem Wohlwollen schneidet „Der kretische Gast“ dabei schlechter ab. Wie gesagt: Kitsch-Alarm. Der Vorwurf an Autor Modick kommt auch deshalb auf, weil seine bisherigen Romane davon weitgehend frei waren und - trotzdem oder gerade darum - intelligente Unterhaltung boten. Manch einem mag es nun zu schmalzig sein.

Helden, Pathos, Schmalz

Aber, ach, die Kitsch-Klippe umschifft Modick zwar nicht immer. Aber er hat trotzdem ein gutes Buch abgeliefert, das mehr als einige gute Seiten hat. Der Karl-May-Vergleich ist nicht ganz unpassend, weil „Der kretische Gast“ auch ein Abenteuerroman ist. Darin werden - darin sollen sogar - Heldentaten begangen werden. Er ist auch ein Reise- und Entwicklungsroman. Gleich zwei Menschen machen sich auf den Weg und sind am Ende nicht mehr die Gleichen. Sie müssen sich entscheiden, auf wessen Seite sie stehen. Martens gerät zwischen die Fronten der griechischen Partisanen und der deutschen Besatzungssoldaten. Hollbach muss erkennen, dass sein Vater nicht der Mann ist, für den er ihn gehalten hat. Und dass er doch sein Vater bleibt. Etwas Pathos (vom griechischen Wort „Leiden“) gehört dann auch dazu.

An die üppige Erzählung mit den großen Themen Liebe, Leidenschaft, Gewissen, Schuld und Sühne hat sich Modick im Großen und Ganzen mit Erfolg herangewagt. Dass er ab und an auf der Schmalzspur ausgleitet, sei ihm verziehen. Ist ja auch Geschmackssache. Was also bleibt zu empfehlen? Selber lesen.

Klaudia Prevezanos ist Journalistin und lebt in Köln

http://www.berlinerliteraturkritik.de

 

Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2003

Friedmar Apel kann diesem Roman, der während der deutschen Besatzungszeit auf Kreta spielt, wo sich ein mit Beutekunst befasster deutscher Archäologe in eine Griechin verliebt, nicht viel abgewinnen. Eigentlich schätzt er den Autor als "versierten Produzenten intelligenter Unterhaltungsliteratur", betont Apel. In diesem Buch allerdings sei Klaus Modick von seiner allenthalben spürbaren Liebe zu Griechenland davongetragen worden und ergehe sich allzu schwelgerisch der Beschwörung der Schönheit der Insel, bedauert der Rezensent. Auch die Schilderung insbesondere der griechischen Protagonisten überzeugt ihn nicht recht, denn sie wirken auf ihn zu "pittoresk" um Anspruch auf Echtheit behaupten zu können. Die Dialoge schließlich moniert er als ziemlich "hölzern". Zu Apels Enttäuschung geht das Romangeschehen in "Kitsch und Klischee" unter, wobei sich der Autor, wie er kritisiert, durch seine Griechenland-Begeisterung zu allzu "emphatischen Stilmitteln" hinreißen lässt. Zur Kunst des Erzählens gehört eben auch das "Weglassen", mahnt Apel weise und er bedauert, dass der Autor dies in diesem Roman nicht beachtet hat.


Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.09.2003

Begeistert ist Jochen Hörisch von Klaus Modicks neuem Roman. Begeistert von der Leichtigkeit, mit welcher der Autor Zeitgeschichte, Philosophisches und Philologisches transportiert und vermittelt. Modick werde regelrecht von Erzähllust "vorangetrieben", schreibt Hörisch wohlmeinend, wie man sie sonst nur aus lateinamerikanischer Prosa kenne. Dabei scheue er auch nicht vor kolportagehaften Elementen, genau kalkulierten Sentimentalitäten und massenhaft literarischen Anspielungen zurück. Da werden spätere Doktoranden viel Dechiffrierarbeit leisten müssen, unkt Hörisch und nennt schon mal für diesen auf Kreta spielenden Roman Platons Gastmahl, Arkadien-Mythos und Orpheus-Klänge, Virilios Medientheorie und "psychoanalytische Quellen thalassaler Regressionslust" als mögliche Ansatzpunkte. Daneben sei "Der kretische Gast" auch ein gelungener Liebesroman, meint Hörisch, gegen den er überhaupt nichts einzuwenden finde, außer dass er fast zu perfekt erscheine.

Einfach Erzählen:

Klaus Modick und der kretische Gast – Hajo Steinert

Anders als Ulla Hahn, deren Roman eher mit erhobenem Zeigefinger geschrieben ist, gelingt Modick ein Balanceakt zwischen historischer Recherche und Abenteuerroman, Liebesromanze und Hommage an eine Insel, die sich vor allem in den siebziger Jahren großer Beliebtheit unter Rucksacktouristen erfreute. Die Erzählebenenen bei Modick changieren Kapitel für Kapitel zwischen den vierziger und siebziger Jahren. Aber welcher Möchtegernhippie wusste schon, dass dieses "Paradies" Kreta 1941 von den Nazis besetzt wurde? Dass die Nazis im Zuge ihrer Tyrannei Dörfer verbrannten und tausende Kreter, darunter vor allem Partisanen, hinrichteten? Und wer von uns hatte eine Ahnung davon, dass sich nach der deutschen Kapitulation englische Siegertruppen besiegte deutsche Einheiten zur Hilfe holten, um die kretische Unabhängigkeitsbewegung "Andartiko", die im Krieg noch Seit an Seit mit den Engländern stand, zu zerschlagen? - Das sind Fragen, die Klaus Modick bewegten. Er stöberte in zahlreichen historischen Quellen. Stimmig und unspektakulär arbeitete er sie in sein Buch ein.
Die Romanhandlung. Auf der Basis der historischen Fakten läßt Modick 1943 einen fiktiven Archäologen die Insel betreten, um reinrassige Kunstgegenstände für Hitlers geplantes germanisches Museum zu sammeln. Ein Dr. Martens gerät immer mehr in den Bann der Schönheit und Vitalität der Insel, verliebt sich in eine Kreterin, hier beginnt und endet die Romantik. Als Martens Zeuge eines blutigen Massakers seiner Landsleute wird, die Partisanen vor weiteren Aktionen der deutschen Besatzer warnt und dabei auffliegt, wird er wegen Sabotage verhaftet. Die Schilderung des inneren Konflikts zwischen deutschem Gehorsam und mediterraner Lebenslust gehört zu den stärksten Seiten des Romans. Schwächer kommen jene Siebziger-Jahre-Seiten daher, in denen Modick sämtliche Klischees abruft, die man mit der Generation verbindet: außer Pop und Kiffen nichts gewesen.

Dennoch bietet Klaus Modick ein aufregendes Leserlebnis. Nicht nur, weil er ein weitgehend unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte spannend für alle Lesergenerationen aufgearbeitet hat, sondern weil hier einer - selten genug in der deutschen Literatur - ohne großes Federlesen erzählt, einfach erzählt. Modick setzt das deutsche Schimpfwort "Schmöker" außer Kraft.

http://www.dradio.de



SPANIEN GELESEN …


Grandes, Almudena – Das gefrorene Herz

Almudena Grandes ist eine vielfach ausgezeichnete spanische Autorin – hier legt sie ihr "Opus Magnum" vor: Über drei Generationen spannt sie den Bogen der so unterschiedlichen Familien, die heute durch die Liebe von Alvaro und Raquel gezwungen werden, sich mit den Hypotheken der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Auf der Beerdigung seines Vaters entdeckt Alvaro eine ganz am Rande stehende Besucherin, Raquel ist es, die sein Leben und das seiner großen Familie vollkommen verändern wird. Schliesslich hat sein Vater seine machtvolle Stellung dem Verrat und Betrug an Raquels Vorfahren zu verdanken. Ein fürwahr turbulentes leidenschaftliches Werk über die bis heute tief gespaltene spanische Gesellschaft der Nach-Franco-Zeit, in der es noch viele weisse Flecken gibt, erzählt in vielen verschachtelten Episoden, Rückblenden, aber schliesslich zu einem grossen Roman "durchkomponiert".
Ein spannender Liebesroman, ein vielschichtiges Gesellschaftsportrait und ein bewegender Historienroman – all das findet sich in diesen 960 Seiten.

Wer von all dem noch nicht genug kriegen kann oder – umgekehrt – wer die Autorin erst einmal im etwas "risikoloseren" Taschenbuch kennenlernen möchte, dem sei das frühere Hauptwerk von Almudena Grandes ans Herz gelegt "Die wechselnden Winde".
Hier wird der historische Hintergrund, der Spanische Bürgerkrieg, nur ganz am Rande gestreift, im Vordergrund stehen die Schicksale von Sara Gomez und Juan Olmedo, die kunstvoll miteinander verflochten erzählt werden. Beide haben unterschiedliche Lasten zu schultern, sie aus ärmlichen Verhältnissen mit einer betrogenen Kindheit, er aus wohlhabenen Haus mit belastenden Familienkonflikten. Wie die tükischen wechselnden Winde des südlichen Spaniens um die Bucht von Cadiz so entfaltet sich die Geschichte, mal gezeichnte von Leidenschaft und Hass, mal geprägt von Liebe und Zutrauen.



Das gefrorene Herz
geb. Rowohlt 2009;
seit 2010 rororo TB,
ISBN 978-3-499-24767-5
960 S., € 12,99


Die wechselnden Winde
rororo TB, 2004,
ISBN 978-3499234200,
640 S., € 12,99


Raffael Chirbes

Vieles im Werk von Almudena Grandes erinnert an die eigenwilligen Romane von Raffael Chirbes – beide verwenden gekonnt die Technik einer verschränkten, verflochtenen Erzählweise, bei Chribes etwas gewöhnungsbedürftig nahezu ohne Punkt und Komma, kaum Absätze. Beide haben die historische und gesellschaftliche Wirklichkeit Spaniens im Fokus, die vielfach mit Deutschland vergleichbare, langjährig "unbewältigte", verdrängte Vergangenheit. Almudena Grandes schreibt vielleicht eine Idee unterhaltsamer.

Chirbes, Raffael – Krematorium
Ein grandioses Gesellschaftspanorama: die Familie als Ort des Besitzdenkens, die Zerstörung der Umwelt, Bauspekulation, schmutzige Geschäfte, Korruption, Drogen. Sexualität als Ware und gleichzeitig letzter Halt gegen die Auflösung jeglicher Verbindungen. Rafael Chirbes erzählt in »Krematorium« von einer aus den Fugen geratenen, von den Göttern verlassenen Welt, in der keine Gewissheit mehr gilt, in der Werte, Wörter und Utopien leere Hülsen sind. Und doch ist dieser Roman ein Rettungsversuch: Aus der Erzählung der Widersprüche einer Gesellschaft, die sich ganz dem Konsum und dem Mammon verschrieben hat, wird schmerzhaft deutlich, was wir verloren haben.

»›Krematorium‹ ist einer der besten spanischen Romane der letzten zehn Jahre. Eine brillante Analyse des wilden Kapitalismus unserer

Zeit.« La Vanguardia
»Rafael Chirbes vertraut der sozialen Funktion von Literatur, ihrer Fähigkeit zur Verständigung. Solange er schreibt, ist die Welt nicht verloren.« Erich Hackl.

Alle Bücher sind ursprünglich im Kunstmann-Verlag, München erschienen. Mittlerweile sind sie auch als Taschenbücher bei Fischer und Diana erhältlich.



Krematorium; geb. Kunstmann 2008; seit 2012 FISCHER TB
ISBN 978-3-596-18663-1, 432 S., € 10,99

Die sehr empfehlenswerten Bücher von Raffael Chirbes sind:

Die schöne Schrift
Die Ode an die Mutter, ein sehr schönes Buch!
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Der lange Marsch
Die Zeit nach dem Bürgerkrieg bis in Jahre der 60-er Jugendrevolte, eingefangen über eine Vielzahl von Einzelschicksale, sehr anschaulich.
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Der Fall von Madrid
Ein Tag des Umbruch, ein Tag der Geschichte, der Hoffnungen, der Wünsche – erzählt von vielen so unterschiedlichen Mensch am Todestag des Generalissimus Franco. Ein komplexes Spanienbild am Anfang der 80er Jahre.
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Alte Freunde
Der letzte Teil dieser Triologie - das Porträt einer Generation, die vor dreißig Jahren die Welt verändern wollte und in den Niederungen der Wirklichkeit angekommen ist.


Jaume Cabré – Das Schweigen des Sammlers

Wie schon in seinem vorherigen Roman "Die Stimmen des Flusses" zelebriert Cabrè auch in seinem neuen Buch die filmschnitt-artige Erzählungsweise über einen Zeitraum von mehreren Jahrhundeten hinweg: Wir erleben die beklemmende Zeit der Naziherrschaft in Italien, das Erwachsenwerden des jungen Adrià, das entbehrungsreiche Leben des Geigenholzfachmannes Jachiam Mureda und die intrigante Welt des Antiquitätenhändlers, Felix Ardèvol. Die Szenen wechseln, wir springen in den Jahrhunderten - allmählich entfaltet sich ein scheinbar logisches Mosaik von politischer und familiärer Geschichte, die Spannung scheint auf den Höhepunkt zu treiben, doch der Autor hat immer noch neue Wendungen zu erzählen - was für eine Spannung, was für eine Welt!

Jaume Cabrés Bücher erfordern Muße, sie schenken uns aber eine unglaubliche Vielfalt von Erlebnissen und historischen Enthüllungen, die tatsächlich jedes Mal lange, lange Nachwirken. (hn)

Der ebenso sehr empfehlenswerte Roman "Die Stimmen des Flusses" liegt bereits als Suhrkamp-Taschenbuch vor: Suhrkamp 2009, 666 S., ISBN 978-3-518-46049-8, 10,99 €


Das Schweigen des Sammlers
geb. Insel 2011;
seit 2013 Insel TB,
ISBN 978-3-458-35926-5
845 S., € 12,00