Die Buch- und Lese-Tipps der CvO-Belegschaft

Als Buchhändlerin oder Buchhändler liest mensch in der Regel mehr als die meisten anderen. Und diese Lektüreerfahrungen geben wir gerne weiter.

Nur so sind wir der Frage "ich suche etwas zum Geburtstag, sie wird 30 Jahre alt" gewachsen, aber natürlich auch der Suche nach einer einschlägigen Abhandlung zur Aktualität von Karl Marx.

Ganz ungefragt stellen wir Ihnen hier schon einmal einige ausgewählte Juwelen unserer Lesereisen vor.

Politik und Sachbuch


kartoniert, 286 Seiten, 19,80 €
Verlag assoziation-a, 2017
ISBN 978-3-86241-457-4


Lutz Taufer – Über Grenzen

Vom Untergrund in die Favela

Der Historiker Karl Heinz Roth schrieb soeben zu dem Buch – treffender kann ich es nicht zeichnen (hn)

»Lutz Taufer hat in den Extremkonstellationen der linksradikalen Geschichte agiert, und da er darüber ohne jede Beschönigung und in uneingeschränkter Konfrontation mit den begangenen Fehlern schreibt und nachdenkt, wird sein Buch tatsächlich zu einem Schlüsselwerk der 1960er bis 1980er Jahre. 
Die Lektüre tut weh, denn sie blendet nichts aus: weder die maßlose Überschreitung der Grenzen der Gewalt, durch die der emanzipatorische Anspruch zerstört wurde, noch die Maßlosigkeit eines Repressionsapparats und Gefängnissystems, die heute kaum jemand noch wahrhaben möchte. Auch darüber schreibt Taufer in einer Dichte, wie ich sie bisher nicht gelesen habe. 

Lesen Sie die ganze Buchbesprechung …

Was für ein Glück für ihn, dass er sich nach seiner Freilassung auf den Weg nach Uruguay und dann in die brasilianischen Favelas machte, wo er an der Seite der Namenlosen und Armen agiert hat. Und ein Glück für den Leser dazu, denn auch die Brasilien-Kapitel sind hochinformativ, beschönigen nichts und beweisen eine enorme Beobachtungsgabe und Erinnerungsfähigkeit. 
Insgesamt übertrifft seine Lebensskizze an Genauigkeit und selbstkritischer Reflexion alles, was ich aus diesem Spektrum bisher gelesen habe, nur aus Italien und Lateinamerika gibt es Gleichrangiges.«

Lutz Taufer hat am 2. Februar in Flensburg aus seinem Buch lesen – die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-SH statt und in Zusammenarbeit mit der Ossietzky-Buchhandlung.

 

TB, 224 S., 14,95 €
oekom-Verlag 2017
ISBN 978-3865818430

TB, 128 S., 19,95 €
oekom-Verlag 2017
ISBN 978-3960060253


Die imperiale Lebensweise

Wir“ müssen aufhören so zu leben wie bisher.
Und wir müssen das System verändern.

Ulrich Brand, Markus Wissen – Imperiale Lebensweise

Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus 

I.L.A. Kollektiv – Auf Kosten Anderer?

Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert

Lesen Sie beide Buchbesprechungen …

Ulrich Brand, Markus Wissen – Imperiale Lebensweise

Die Imperiale Lebensweise (IL), verfasst von den Politologen Ulrich Brand und Markus Wissen, beruht auf einer Art gesellschaftsstabilisierendem Kompromiss zwischen den Interessen der Herrschenden und breiteren Schichten der Bevölkerung. Der Kapitalismus ist weder sozial noch ökologisch haltbar, die Menschen im globalen Norden leben auf Kosten anderer, es wird zu viel Auto gefahren, Fleisch gegessen und unnützes Zeug produziert.

Die imperiale Lebensweise verweist auf „die Produktions-, Distributions- und Konsumnormen, die tief in die politischen, ökonomischen und kulturellen Alltagsstrukturen und -praxen der Bevölkerung im globalen Norden … eingelassen sind“ (S. 44). Die IL beruht darauf, dass ihre zerstörerischen Folgen auf andere Regionen der Welt verlagert werden. (siehe auch: Stephan Lessenich – Neben uns die Sintflut).

Diesen Zusammenhang anzusprechen ist zwar nicht ganz neu, in der politischen Debatte und im allgemeinen Bewusstsein spielt er allerdings bestenfalls eine Nebenrolle. Das Verdienst der Autoren besteht darin, die damit verbundene Problematik weit ausgreifend, theoretisch gut begründet und mit empirischem Material unterlegt aufzuzeigen.

I.L.A. Kollektiv – Auf Kosten Anderer?

Das I.L.A.-Kollektiv (I.L.A. für „Die imperiale Lebensweise: Ausbeutungsstrukturen im 21. Jahrhundert“) hat auf der Basis einer Schreibwerkstatt gar ein Dossier / Arbeitsbuch mit dem Titel „Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert“ zusammengestellt. Auch dieses wurde vom Oekom Verlag im Sommer 2017 – wenige Monate nach dem Werk Brands und Wissens – herausgegeben. Diesem Arbeitsbuch gelingt es, die Aussagen zu konkretisieren und auch sprachlich zugänglicher zu machen.
Hier wird gefragt „nach den Potenzialen für alternative Ideen und Konzepte, die in vielen Teilen der Welt an Bedeutung gewinnen und die dem berechtigten Unmut über soziale Ungleichheit, ökologische Zerstörung und ‚postpolitische‘ Alternativlosigkeit zu einem emanzipatorischen Ausdruck verhelfen“ (I.L.A. Kollektiv 2017, S. 5). Die dabei behandelten Themen reichen von Digitalisierung und Geld bis zu Sorge und Bildung.

Brand und Wissen gehen davon aus, dass die herrschende „multiple Krise“ (sozial, ökonomisch, ökologisch und politisch) einen Wendepunkt darstellen und gesellschaftsverändernde Initiativen vorantreiben könnte. Das wachsende Unbehagen an den bestehenden Verhältnissen deute darauf hin. Es komme darauf an, die eigene Lebensweise zu hinterfragen und praktische Ansätze einer solidarischen Gesellschaftsordnung zu entwickeln. Solche seien bereits in vielen Teilen der Welt anzutreffen. Ein Ziel müsse ein grundlegender institutioneller Umbau des Staates und eine umfassende Demokratisierung sein.
Die von den Autoren vorgelegte Analyse ist überzeugend, auch wenn sie keinen Masterplan für eine ökonomisch und politisch andere Gesellschaft vorstellen. Dazu braucht es praktische Erfahrungen, politische Bewegungen und ihre Reflexion bzw. weiter gehende theoretische Diskussionen. Dazu genügend Anlass gegeben zu haben, ist das Verdienst dieses lesenswerten Buches.

(hn)


Roman, kartoniert
edition suhrkamp 2017
221 S., 18,00 €
ISBN 978-3-518-07252-3


Didier Eribon – Rückkehr nach Reims

"Rückkehr nach Reims" ist zwar schon im Mai 2016 erschienen, seine grosse Wirkung erzielte es aber erst in diesem Frühjahr vor dem Hintergrund des drohenden Aufschwungs der französischen "Front National" und dem Niedergang der europäischen Sozialdemokratie.

Ein Vater stirbt. Der Sohn macht sich auf die Suche. Was nach einem Roman- oder Filmanfang klingt, ist der autobiografische Kern einer unglaublich spannenden und bestürzend aktuellen Rückschau: Didier Eribon, kosmopolitischer, schwuler Pariser Intellektueller, hatte mit seiner homophoben Familie radikal gebrochen. 

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Mit über fünfzig kehrt er erstmals in seine Heimatstadt Reims zurück, sucht, mit der Mutter das Fotoalbum durchgehend, nach Spuren seiner proletarischen Kindheit. Herausgekommen ist eine Studie über Herkunftsverleugnung, sexuelle und soziale Scham und die alles entscheidenden feinen Unterschiede in der französischen Elite. Ein autobiografischer, selbstreflektierender Text, der sehr feinfühlig und genau den gesellschaftlichen Brüchen in der französischen Arbeiterklasse, in der französischen Linken, vorwiegend der Parti Socialiste, nachspürt. Verstörend und aufschlussreich in Zeiten von Brexit und dem europäischen Aufstieg des autoritären Nationalismus.

(hn)


Chr. Links-Vlg. 2017
2. akt. Aufl.
224 S., 18,00 €
ISBN 978-3-86153-824-0


Claudia Knauer – DÄNEMARK

Ein Länderportrait

Passend zum Länderschwerpunkt "Dänemark" des diesjährigen Literatursommers hat der Christoph Links Verlag ein neues Länderporträt unseres Nachbarlandes veröffentlicht: Autorin ist die Büchereidirektorin im Verband Deutscher Büchereien Nordschleswig und langjährige Redakteurin des Nordschleswiger in Aabenraa, Claudia Knauer.

Was wissen wir wirklich über unsere Nachbarn?
Claudia Knauer erklärt uns nicht nur das Wesen von Minderheitsregierungen, die vielfache Kompromissfindung in den Parlamenten über viele Parteigrenzen hinweg, warum selbst konservativen Regierungen ein für deutsche Verhältnisse ausgeprägtes Sozialsystem wichtig war und ist und ein vielbeschworenes Gemeinschaftsdenken gepflegt wird. Natürlich wird die rigide Ausländerpolitik der letzten Jahrzehnte, getragen von nahezu allen Parteien des Folketing, nicht verschwiegen und damit auf gesellschaftliche Spannungen und Dissonanzen verwiesen.

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Die Autorin zeichnet ein kenntnisreiches und unterhaltsames Bild unserer Nachbarn – ob sie vom Alltag, der Wirtschaft, vom dänischen Filmwesen oder vom Roskilde-Festival erzählt. Natürlich erfahren wir auch, warum "hyggelig" so bedeutsam ist wie das Hotdog – und warum eine Deutsch-Dänin doch nie eine richtige Dänin werden wird …

Diese überaus gelungene Länderkunde, die auch vielen langjährigen Dänemark-Reisenden immer wieder überraschende neue Erkenntnisse vermitteln wird, stellt Claudia Knauer in der Carl-von-Ossietzky-Buchhandlung vor.

Claudia Knauer: Studium von Politikwissenschaft, Philosophie und Öffentlichem Recht, zog 1997 mit Mann und Sohn nach Dänemark, wo ihre Tochter geboren wurde. Sie arbeitete mehr als 15 Jahre als Journalistin beim Nordschleswiger – der deutschen Tageszeitung in Dänemark. Vor einigen Jahren hat sie die dänische Staatsbürgerschaft angenommen. Am 1. Januar 2015 hat Claudia Knauer den Stuhl in der Redaktion gegen den in der Deutschen Zentralbücherei eingetauscht. Als Büchereidirektorin sorgt sie für die Verbindung von deutscher und dänischer Kultur.

 


geb. Verlag Rowohlt
seit 2017 rororo
416 S., 12,99 €
ISBN 978-3-499-61748-5


Volker Hagedorn – Bachs Welt

Familiengeschichte eines Genies

Johann Sebastian Bach kennt jeder. Aber dass er der Spross einer 150 Jahre alten Dynastie von Musikern war, ist kaum im Bewusstsein.
Dieses Buch erzählt die Geschichte eines erstaunlichen Clans in einem Europa des Umbruchs, das geprägt war von Kriegen und Seuchen.
Im 17. Jahrhundert wurde Musik ein Mittel gegen Elend und Tod, und die Bachs vor Bach beherrschten diese Kunst mit zunehmendem Genie.
Volker Hagedorn verfolgt ihren Weg über Hochzeiten und Todesfälle, Notenblätter und Orgelbänke, bis schließlich der große Ausnahmekomponist in Erscheinung tritt.

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Zugleich schlägt das Buch den Bogen in die Gegenwart.
Wie sieht es heute dort aus, wo die Bachs lebten und Johann Sebastian zum Wunderkind wurde?
Hagedorn beschreibt die Arbeit der Forscher, für die unscheinbare Aktennotizen zu Leuchtspuren durchs Barock werden.
Und er schildert einen der faszinierendsten Forschungskrimis der Musikgeschichte, der im zerbombten Berlin beginnt und an dessen Ende in der Ukraine das legendäre «Altbachische Archiv» auftaucht - eine Notensammlung der Bachs vor Bach, das Fundament von Johann Sebastians Genie.

Hagedorns Buch entwirft ein farbenfrohes und facettenreiches Zeit- und Sittengemälde, das die Wurzeln des Musikers Bach erstaunlich lebendig werden lässt.

Am 5. November 2016 las Volker Hagedorn aus seinem Buch bei uns in der Buchhandlung.

 


geb. Hanser Berlin 2016
seit 2018 überarbeitet
als Piper TB
224 S., 11,00 €
ISBN 978-3-492-31269-1


Stephan Lessenich – Neben uns die Sintflut

Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis

Stephan Lessenich kritisiert in seinem neuen Buch den globalen Kapitalismus – ein Ereignis im Wissenschaftsbetrieb, da sich hier einer der etabliertesten Soziologen aus dem "Hotel Abgrund" herausbegibt. Lessenichs Buch ist für eine breite Öffentlichkeit in einer schnörkellosen, verständlichen Sprache verfasst und besagt kurz zusammengefasst:

Uns im Westen geht es gut, weil es den meisten Menschen anderswo schlecht geht. Wir lagern systematisch Armut und Ungerechtigkeit aus, im kleinen wie im großen Maßstab – ergo Externalisierungsgesellschaft. Und wir alle verdrängen unseren Anteil an dieser Praxis.

Lessenich formuliert im Grunde nichts Anderes oder Neues was vor ihm andere Autoren wie z.B. Wallerstein, Harvey, Sassen oder Altvater diagnostiziert haben – aber er bietet eine brillante, hoch aktuelle und politisch brisante Analyse der Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse der globalisierten Wirtschaft mit einer Fülle von Daten und Fakten.

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Und er hält sich mit seiner Kritik nicht zurück, er formuliert unterschwellig eine wütende Attacke: Das Nicht-wissen-Wollen ist der Habitus der Externalisierungsgesellschaft, klagt er an: "Wir leben nicht über unsere Verhältnisse. Wir leben über die Verhältnisse anderer".

Und warum sollten sich die Privilegierten der Welt sich jetzt auf Veränderungen einlassen? Letztlich aus aufgeklärtem Eigeninteresse: weil die Kosten der Externalisierung in Form von Klimakatastrophen und Flüchtlingsbewegungen bereits jetzt bei uns an die Tür klopfen. Denn auf unserem immer kleiner werdenden Planeten gibt es kein Innen und kein Außen mehr. Das Ende der Externalisierungsgesellschaft ist auch eine Frage der Zeit … Lessenich bleibt nicht bei der Moral, er stellt die Systemfrage und fordert radikales Denken: Politisierung und Kollektivierung und der Übergang vom „Empört Euch!“ zum „Tut was!“ werden herausgestellt.

Dass das noch viel zu wenig ist, um der Externalisierungsgesellschaft Zügel anzulegen, weiß Stephan Lessenich natürlich selbst. Mit seinem herausfordernden Buch hat er aber einen fundierten, aufwühlenden Anstoß für eine weitergehende Diskussion gegeben. Lesen!

 


geb. Assoziation A 2014
203 S., 19,80 €
ISBN 978-3-86241-440-6


Corry Guttstadt – Wege ohne Heimkehr

Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen – ein historisch-literarisches Lesebuch

Vor 101 Jahren, im Frühjahr 1915 begann der Völkermord an den osmanischen Armeniern durch das jungtürkische Komitee, welches sich im Jahr 1913 an die Macht geputscht hatte und als enger Bündnispartner des Deutschen Kaiserreiches auch in diesem Vorgehen deutsche Unterstützung und Rückendeckung erhielt.

Dieses Buch will in Form einer kommentierten historischen und literarischen Textsammlung ein Zeichen gegen das Vergessen setzen und an diesen Massenmord vor über 100 Jahren erinnern, aber auch das Leben der Armenier vor und nach dem Ersten Weltkrieg darstellen. Es präsentiert vor allem literarische, häufig autobiografisch geprägte Texte von (zumeist) Armeniern, die einen Eindruck ihrer vielfältigen Lebensrealitäten in Anatolien vermitteln. Weitere Texte schildern die Lebensbedingungen der überlebenden Armenier in der Türkei, in der das Verbrechen bis heute von staatlicher Seite geleugnet wird. So gab es auch für die meisten Überlebenden keine Heimkehr, ihre Familien waren ermordet, ihr Besitz beschlagnahmt.

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Die heftigen, teilweise hasserfüllten Reaktionen staatlicher Amtsträger unter Führung des Staatspräsidenten Erdogan demonstrieren, wie eng die derzeitigen Machthaber noch der türkischen imperialen Machtpolitik verbunden sind - und wie fern sie einer sachlichen Auseinandersetzung mit den Hypotheken eben dieser Machtpolitik stehen.
Diese Reaktion unterstreicht die Wichtigkeit dieses Buches.

Corry Guttstadt, geb. 1955, studierte an der Universität Hamburg Turkologie und Geschichte. Während der 1980er und 1990er Jahre arbeitete sie als Übersetzerin (Türkisch), Deutschlehrerin und freie Autorin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Situation der ethnischen und religiösen Minderheiten in der Türkei. Sie verbrachte ein Forschungssemester am Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington DC und erhielt mehrere Forschungsstipendien (u.a. von der Fondation pour la Mémoire de la Shoah in Paris). 2011 und 2012 war sie Projektmanagerin des Projekts zum multiperspektivischen Geschichtslernen »Zuerst einmal bin ich Mensch« am Anne Frank Zentrum Berlin.

Ihre Dissertation »Die Türkei, die Juden und der Holocaust« basiert auf Recherchen in etwa 50 Archiven weltweit. Das Buch avancierte zum internationalen Standardwerk zum Thema und wurde inzwischen ins Türkische und Englische übersetzt.

Derzeit erarbeitet Corry Guttstadt mit Förderung der Beate Klarsfeld Foundation und der Fondation pour la Mémoire de la Shoah eine Quellenedition zur Politik der Türkei während des Holocaust.

Zum Buch Wege ohne Heimkehr

»Dies ist ein Weg, von dem es keine Heimkehr gibt«, notierte Armin T. Wegner im November 1915 in Ras al-Ayn im heutigen Nordsyrien. Wegner, der 1915-1916 als Sanitätssoldat der osmanischen Armee Augenzeuge des Völkermords an den Armeniern wurde, beschrieb mit seinem Tagebucheintrag das Los der vielen Hunderttausend Deportierten, die der sichere Tod erwartete.

Doch eine Heimkehr gab es auch für die meisten Überlebenden nicht. Nicht für Zabel Yesayan, eine der wichtigsten armenischen Schriftstellerinnen und engagierten Frauenrechtlerinnen ihrer Epoche, die sich der Deportation durch Flucht entzogen hatte, der die Erinnerung an den Ort ihrer Kindheit aber ein geistiger Zufluchtsort blieb. Nicht für den Lehrer Hagop Mintzuri, der zeitlebens nicht in das Dorf zurückkehrte, aus dem seine Frau, seine vier Kinder und alle anderen Angehörigen deportiert worden waren.

Dieses Jahr jährt sich der im Schatten des Ersten Weltkriegs begangene Völkermord an den Armeniern zum 101. Mal. Die meisten der in diesem Band versammelten Texte sind literarische, häufig autobiografisch geprägte Texte von Armeniern, die damit selbst zu Wort kommen. Einige stammen von Überlebenden der Deportationen, darunter bekannten armenischen Schriftstellern wie Yervant Odian, aber auch von Personen wie Pailadzo Captanian, die aus dem Bedürfnis schrieben, Zeugnis abzulegen über die erlebten, unvorstellbaren Grausamkeiten.

Ein Großteil der Texte thematisiert nicht den Völkermord selbst, sondern die Erinnerungen von ArmenierInnen an ihr Leben vor 1914 oder das Weiterleben im Exil bzw. in der Republik Türkei. Sie vermitteln einen Eindruck der vielfältigen Lebensrealitäten von Armeniern im Osmanischen Reich. Armenier nahmen aktiv Anteil am intellektuellen Aufschwung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ob Lyrik, Prosa oder Journalismus, von der Satire bis zum Theater, die armenische Literatur war ein entscheidender Bestandteil der osmanischen Literatur jener Epoche. In den Werken der armenischen AutorInnen drückt sich ihre Hoffnung und dann, angesichts der Ausgrenzung und Vernichtung ihres Volkes, ihre Verzweiflung aus, die sich ganz ähnlich dem deutsch-jüdischen Schreiben des frühen 20. Jahrhunderts in hellsichtiger Gesellschaftsanalyse und Satire Bahn bricht.

Die Texte werden gerahmt durch ein Vorwort des Historikers Hans-Lukas Kieser zu den Hintergründen des Völkermords sowie ein Nachwort von Corry Guttstadt und Ragıp Zarakolu zur Erinnerungspolitik in der Türkei.

Am 11. Juli 2016 hat Corry Guttstadt ihr Buch bei uns in der Buchhandlung vorgestellt.

 


geb. Beck C. H. 2014;
seit 2016 Beck-TB,
816 S., 16,95 €
ISBN 978-3-406-68865-2


Thomas Piketty – Das Kapital im 21. Jahrhundert

Dieses Buch erzählt vordergründig nichts Neues, wir alle wissen, wie der Reichtum bei einer kleinen gesellschaftlichen Minderheit wächst, was für eine enorme Umverteilung in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat.
Aber das im einzelnen verständlich zu verfolgen, die empirischen Daten so exakt und auch (ja, tatsächlich!) spannend aufbereitet lesen zu können und nachvollziehbare Lösungsvorschläge für die anhaltende ökonomische Krise vorgelegt zu bekommen – das hat ausser diesem französischem Ökonomen noch niemand fertiggebracht. Zu Recht jubelt die kritische Wissenschaft.

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Wem dieser Schmöker gar zu gwaltig geraten ist, der möge sich zunächst mit dieser gekonnten Einführung (nebst Rezensionsüberblick und Darlegung der wichtigsten kritischen Einwände gegen Piketty) befassen:

Kapitalismus:
Die ersten 200 Jahre

Thomas Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert" – Einführung, Debatte, Kritik

Stephan Kaufmann und Ingo Stützle

kartoniert Bertz + Fischer, 2014, 112 S., 7,90 €, ISBN 978-3-86505-730-3

 


geb. FISCHER-Verlag 2012;
seit 2015 als Fischer TB,
509 S., 14,99 €
ISBN 978-3-596-03025-5


George Packer – Die Abwicklung

Eine innere Geschichte des neuen Amerika

Das epochale Buch zur Lage der USA - so etwas schaffen nur die Amerikaner: Ein lesbares, unterhaltsames, spannendes Sachbuch über ein bedrängendes Thema zu schreiben - ohne dabei wissenschaftliche Standards zu missachten.

Das ist eine Schreibe, die es hierzulande nicht (oder kaum!) gibt. In Deutschland - so scheint es - müssen wissenschaftliche Reportagen oder Essays unlesbar sein, sonst genügen sie wissenschaftlicher Reife nicht. 

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Dieses Werk (und Sie können beliebig andere, z.B. zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung nehmen - Sie werden eine Fülle von hochqualifizierten aber dennoch höchst spannend zu lesenden Abhandlungen finden, leider nur ein Bruchteil in deutscher Übersetzung!) spürt den Brüchen und Verwerfungen in der amerikanischen Gesellschaft in beinahe 50 Einzelporträits oder Reportagen nach, ein bislang beispielloses, anschauliches Unterfangen. Wer die heutige USA verstehen will, sollte dieses Buch lesen.

(hn)


kartoniert Edition Nautilius
2014, 926 S., 29,90 €
ISBN 978-3-89401-810-8


Emma Goldman – Gelebtes Leben

Autobiografie (Überarbeitete Neuausgabe). Mit einem Vorwort von Ilija Trojanow.

Aus dem Englischen übersetzt von Marlen Breitinger, Renate Orywa und Sabine Vetter, überarbeitet und mit einer Chronik versehen von Tina Petersen.

»Das gut 900seitige Werk ist eine erstaunlich aufregende Lektüre. Das liegt nicht nur daran, dass das Leben Emma Goldmans über die Jahrzehnte und Kontinente hinweg überaus aktiv und ereignisreich war (...). Es ist auch dem Tonfall geschuldet, in dem Emma Goldman dies alles beschreibt: der leidenschaftlichen, gleichsam atemlosen Getriebenheit, die sich durch die Seiten zieht, und die einen hineinzieht in das Entsetzen, die Entrüstung, das Engagement der Autorin.«
Catherine Newmark, Deutschlandradio Kultur

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 Emma Goldman (1869–1940), Anarchistin, Revolutionärin, Agitatorin, Frauenrechtlerin, beschreibt ihr ungewöhnliches, aufregendes Leben. Sie ist Sigmund Freud, Peter Kropotkin, Ernest Hemingway und Lenin begegnet, hat sich gegen die Wehrpflicht eingesetzt und für die Rechte der Arbeiter, der Frauen und Kinder und für die freie Liebe gekämpft. »Gelebtes Leben« ist das Zeugnis einer kämpferischen, unabhängigen Frau.
Emma Goldman, »die rote Emma«, war zu ihren Lebzeiten eine gleichermaßen verehrte wie gefürchtete Symbolfigur des Anarchismus. Sie wurde bekannt durch ihre Schriften, ihre Reden und ihre engagierten Kampagnen für die Rechte der Arbeiter, für Geburtenkontrolle, gegen die Wehrpflicht und für die Friedensbewegung.

»Goldmans Autobiografie ist nicht nur ein spannendes Zeitdokument der anarchistischen Bewegung. (...) Es ist zugleich das Selbstporträt einer Frau, die zwischen dem Wunsch nach sexueller und persönlicher Erfüllung und dem Drang, gegen Unterdrückung zu kämpfen, hin- und hergerissen ist. Vor allem hinterlässt es grenzenlose Bewunderung für eine Frau, die gegen alle Widerstände immer ihren eigenen Weg gegangen ist. Trotz der über 900 Seiten liest sich ihre Autobiografie wie ein atemlos geschriebener Roman, voller Leben und Engagement.«
Claire Horst, Missy Magazin

Marlen Breitinger, Übersetzerin und Schauspielerin, ging mit einer szenischen Lesung aus "Gelebtes Leben" auf Tournee und gastierte damit am 8. Oktober 2012 in unserer Buchhandlung.

 


Roman, kartoniert Ed. Nautilus 2007, vergriffen


Karl-Heinz Dellwo – Das Projektil sind wir

Karl-Heinz Dellwo – Das Projektil sind wir, der Aufbruch einer Generation, die RAF und die Kritik der Waffen. Dellwo war als Mitglied der RAF an der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm 1975 beteiligt und dafür 20 Jahre inhaftiert … Mit diesem kritischen, politisch reflektierten Lebensbericht stellt er sich der Debatte.

 


kartoniert Westend Verlag 2010;
seit 2011 als Piper TB,
223 S., 11,00 €
ISBN 978-3-492-26485-3


Ulrike Herrmann – Hurra, wir dürfen zahlen.

Der Selbstbetrug der Mittelschicht

Die schwarz-gelbe Bundesregierung war für die Mittelschicht ein absehbar schlechtes Geschäft – und trotzdem hat diese Schicht, die noch immer die weitaus meisten Wahlberechtigten stellt, die „Koalition der Mitte“ an die Macht gewählt. Wie ist das zu erklären?
Die Redakteurin der "taz", Ulrike Herrmann, macht in ihrem Buch „Hurra wir dürfen zahlen“ einen interessanten Versuch, diesen „Selbstbetrug der Mittelschicht“ zu erklären.

Begütert ist die Mittelschicht nicht: Zu ihr zählt, wer zwischen 1000 und 2200 Euro netto im Monat als Single bzw. 2100 bis 4600 Euro als Ehepaar mit zwei Kindern monatlich verdient. Die Mittelschicht unterstützt in ihrer Mehrheit eine Politik, die vor allem der Oberschicht dient,

  • weil es die Reichen verstehen, ihre Macht und ihren Reichtum zu verschleiern,
  • weil der Glaube an den Aufstieg in der Mittelschicht ungebrochen ist,
  • weil sie ihren Status überschätzt und ihre Aufmerksamkeit darauf lenkt, sich von der Unterschicht abzugrenzen.
Lesen Sie die ganze Buchbesprechung …

Die Deutschen scheinen zur Selbsttäuschung zu neigen. Es ist fast egal, wie viel jemand verdient, viele fühlen sich „fast reich“, nur 9 Prozent in Westdeutschland ordnen sich der Oberschicht zu und zur Unterschicht wollen nur 3 Prozent gehören - obwohl die ökonomische Realität völlig anders aussieht.
Zwar wisse die übergroße Mehrheit durchaus, dass die soziale Herkunft entscheidend sei, um zu Reichtum zu gelangen, doch über zwei Drittel glaubten an die „Leistungsgesellschaft“. „Obwohl die meisten klar erkennen, dass die Startchancen keineswegs gleich verteilt sind, wird Reichtum umstandslos akzeptiert.“ (48) Es ist geradezu paradox - an selbst profanen Beispielen, wie etwa der Partnerwahl (65) oder der „Begabtenförderung“ (66ff.) ja sogar der Wahl der Vornamen für die Kinder (101ff.) kann Ulrike Herrmann belegen, dass sich die Schichten immer stärker voneinander separieren und sich insbesondere die Elite immer mehr abschottet (65).

Unter dem Stichwort „Schickedanz-Syndrom“ beschreibt die Autorin das „seltsame Phänomen“, dass zwar objektiv der Reichtum zunehme, sich subjektiv aber immer mehr Reiche um ihre Zukunft sorgten. Die Reichen würden arm gerechnet, während die Armen zu den Reichen ernannt würden, die als Schmarotzer lebten und die „Leistungsträger“ aussaugten (Sloterdijk-Debatte).

Typisch dafür, wie sich die Reichen arm rechneten, sei der Verweis auf die Einkommensteuerstatistik, wonach etwa die obersten 20 Prozent der Steuerbürger über 70 Prozent des Gesamtaufkommens stemmten. Dabei würde allerdings verschwiegen, dass die Reichen keineswegs übermäßig belastet würden, denn selbst Spitzenverdiener zahlten im Durchschnitt nur 23,8% an Steuern auf ihr Einkommen. Selbst Multimillionäre wüssten sich arm zu rechnen. Der Verweis auf die Einkommensteuer sei aber auch schon deshalb eine Irreführung, weil diese Steuerart schon fast zur „Bagatellsteuer“ verkommen sei (77) und sich der Staat immer stärker durch die indirekten Steuern finanziere, die alle gleich betreffen. Für 2010 sei etwa die Körperschaftssteuer mit 7,2 Milliarden Euro niedriger eingeplant als die Versicherungsteuer mit 10,45 Milliarden Euro. Bei den Sozialabgaben würden die Reichen sogar prozentual weniger belastet als die Mittelschicht – ein recht seltener Fall auf der Welt (78).

Herrmann geht in weiteren Kapiteln dem Phänomen nach, warum sich die Mittelschicht so willig täuschen lasse. Als einen Grund nennt sie, dass die Nachkriegszeit und das Wirtschafswunder mental fortwirkten. Die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) habe die Selbstdeutung der Deutschen nachhaltig beeinflusst. Hierarchien oder der Klassenbegriff waren im Sprachgebrauch verschwunden und „Schichten“ wurden von „Milieus“ abgelöst. Teilhabe am Konsum sei maßgebend geworden. Dabei seien es nur verschiedene Arten gewesen, mit der eigenen Armut umzugehen – Armut sei Armut geblieben (86). Wenn Wut hochkomme, dann richte sie sich allein auf Manager und Politiker, aber nicht auf Millionäre oder Milliardäre.

Ein weiteres Element des Selbstbetrugs sei die Bildung oder wenigstens die Hoffnung, dass zumindest die Kinder aus der Mittelschicht aufsteigen könnten. Schon im Kleinkindlebenslauf fände inzwischen „eine Art Wettrüsten“ statt. Der eigentliche Stress beginne aber mit der Schule bzw. der Schulauswahl. Der Massenandrang auf die Gymnasien entwerte das Abitur, das kein Erkennungszeichen der Eliten mehr sei, daraus erkläre sich der Drang vor allem besser Verdienender, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken. Die Mittelschicht-Eltern bemerkten gar nicht, dass sie sich auf einen Konkurrenzkampf einließen, den sie nie gewinnen könnten. Statt darauf zu drängen, dass die staatlichen Schulen besser ausgestattet werden, fordere die Mittelschicht Steuersenkungen, wovon vor allem die Eliten profitierten, und entzögen damit dem Staat noch die letzten Mittel für eine Bildung, die für mehr Chancengleichheit nötig wären.

Zwar habe es in der deutschen Mittelschicht schon immer Abstiegsängste gegeben. Der Krisendiskurs sei stets ein Medium bürgerlicher Selbstverständigung gewesen, neu sei jedoch, dass die Sorgen durchaus berechtigt seien. Gehörten 2000 noch 49 Millionen Menschen der Mittelschicht an, so waren es 2006 nur noch 44 Millionen. Gleichzeitig fand sich rund ein Viertel aller Bundesbürger in der Unterschicht wieder (121).

Ulrike Herrmann geht dem Phänomen dieses Abstiegs nach, den sie als „deutschen Sonderweg“ bezeichnet (123), denn ökonomisch seien etwa die fallenden Reallöhne nicht zu erklären (125). Ihr scheint das eine Frage der Mentalität zu sein. So sei es auffällig, wie stark sich die Deutschen immer wieder von dem Arbeitgeber-Argument beeindrucken ließen, die Löhne dürften kaum steigen, weil sonst die internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet sei.

„Die deutsche Mittelschicht nimmt ihren eigenen Verlust nicht wahr, weil sie sich nach unten abgrenzen kann“ (126), die Zuversicht, niemals zum Prekariat zu gehören, verleite die Mittelschicht, sich mental mit den Unternehmern zu verbünden.

Die Verachtung für die Unterschicht wachse sogar, je stärker der eigene ökonomische Status bedroht werde. Die Gesamtstimmung in Deutschland sei: „Wer arm ist, muss sich den Verdacht gefallen lassen, eventuell ein Betrüger zu sein“ (130). Dieser uralte und nicht nur in Deutschland verbreitete Generalverdacht sei mit der Agenda 2010 offizielle Regierungspolitik geworden, wie Ulrike Herrmann mit zahlreichen Belegen untermauert. Die Wirkung blieb nicht aus: Nach einer Erhebung des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer im Jahre 2009 meinten 47 Prozent der Bevölkerung, dass Langzeitarbeitslose „arbeitsscheu“ seien und sogar 57,2 Prozent nahmen an, dass sich Hartz-IV-Empfänger „auf Kosten der Gesellschaft ein schönes Leben machen“ (135).

Dem von manchen „Experten“ (Sarrazin, Nolte, u.a.) und vom „Boulevard“ erzeugten Zerrbild über die „Unterschicht“, von dem sich die Mittelschicht nobel abhebe, wurde durch massive Kampagnen mit absurden Rechenbeispielen untermauert, wonach sich Arbeitslose besser stellen als Arbeitsplatzbesitzer. „Statt wahrzunehmen, dass die eigenen Realeinkommen fallen, vermutet man lieber, dass die Hartz-IV-Empfänger zu viel kassieren“ (155). Das Spiel, das die Mittelschicht mit sich treiben lasse, funktioniere folgendermaßen: „Die Reichen rechnen sich arm, während die Armen reich gerechnet werden. Damit verkehrt sich die Wahrnehmung, was eigentlich Ausplünderung ist. Es sind nicht mehr die Unternehmer, die ihre Angestellten ausbeuten – stattdessen beuten angeblich die Armen die Mittelschicht aus“ (158).

Wenn die Mittelschicht aber erst einmal glaube, dass der Staat nur noch den Armen nutze, dann stimme sie auch Steuersenkungen zu, von denen tatsächlich nur die Begüterten profitierten.

„Umverteilung“ sei in Deutschland ein „Tabuwort“, aber es werde permanent umverteilt – bisher allerdings von unten nach oben (179). Die Finanzkrise verstärke den Umverteilungsprozess: Zum einen, weil der Staat das Vermögen der Eliten rettete, indem er die Banken gestützt hat. Zum anderen, weil der Staat dafür Schulden aufnehmen musste und diese Kredite wiederum vor allem von den Eliten gewährt würden, die dafür die Zinsen kassierten. Bisher sehe es ganz danach aus, dass die Mittelschicht alleine auf den Kosten der Finanzkrise sitzen bleibe.

Ulrike Herrmann liefert keine wissenschaftliche Analyse, sondern eine Streitschrift in aufklärender Absicht. Ihr Buch „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ ist ein journalistisch gut geschriebenes und eingänglig lesbares Buch. Es hält der herrschenden Ideologie „der Mitte“ einen Spiegel vor, aus dem sich ein realistisches Selbstbild der Mittelschicht widerspiegelt, das aber so gar nicht dem entspricht, was diese Schicht sich selbst einbildet und was ihr täglich von den mächtigen Eliten eingeredet wird.

Es bietet eine Fülle von Fakten und nachvollziehbaren Argumenten - gegen die Westerwelles, Sarrazins, Merkels und Scheuerls (Volksabstimmung gegen die Hamburger Schulreform).

(hn)