Die Buch- und Lese-Tipps der CvO-Belegschaft

Als Buchhändlerin oder Buchhändler liest mensch in der Regel mehr als die meisten anderen. Und diese Lektüreerfahrungen geben wir gerne weiter.

Nur so sind wir der Frage "ich suche etwas zum Geburtstag, sie wird 30 Jahre alt" gewachsen, aber natürlich auch der Suche nach einer einschlägigen Abhandlung zur Aktualität von Karl Marx.

Ganz ungefragt stellen wir Ihnen hier schon einmal einige ausgewählte Juwelen unserer Lesereisen vor.

Mord und Totschlag

Schwarzes Gold

Dominique Manotti

Die französische Schriftstellerin Dominique Manotti knöpft sich in ihren Kriminalromanen am liebsten die ganz großen Spieler vor: Die Konzernchefs, die Fußballvereinspräsidenten, die Politikergrößen, die Supersponsoren (die mit Eigennutz!), die Unterweltbosse. Manotti, Jahrgang 1942 und gelernte Historikerin, schreibt immer politische Geschichten. Die Strippenzieher und Täuscher dieser Welt sind ihr Thema. Die Polizei hat ihnen nicht furchtbar viel entgegenzusetzen – wenn sie ihnen denn überhaupt etwas entgegensetzen möchte. Und nicht lieber den bequemeren Weg der Korruption wählt.

Vielfach preisgekrönt sind ihre Werke, lakonisch und illusionslos ist ihr Stil. Ihr jüngster Krimi führt zurück in die 70er Jahre. Ölkrise, Drogenhandel, das Ende der legendären "French Connection" – und mittendrin, in der runtergekommenen Hafenstadt Marseille, ein junger Kommissar. Er wühlt sich durch die Machenschaften der großen Ölkonzerne. Im Roman entfaltet sich das Panorama einer finsteren Welt, die schon alle Schatten der heutigen Globalisierung vorwegnimmt. Die Steuerparadiese im Roman sind Malta und Zypern. Aber auch die Schweiz mit ihren Banken und Rechtsanwaltskanzleien spielt eine gewichtige Rolle. Neben den Global Playern der Erdölbranche und den Ölländern ist reichlich Platz für Hasardeure, denn Milliarden-Gewinne locken. Erdöl wird zu Recht als Schwarzes Gold bezeichnet.

Man kann Manotti lesen wie im Flug: Kühl, knapp, schnörkellos sind ihre Sätze. Doch äußerst treffsicher. Scheinbar pfeift sie auf Dekor, aber die Atmosphäre schlüpft dennoch durch die Hintertür hinein. Und Théo Daquin, der robuste, Rückschläge wegsteckende, sein Sexleben (mit Männern) ungeniert genießende Ermittler, er ist doch ziemlich vielschichtig und plausibel, obwohl er keine der gängigen Kommissarsmarotten hat. Oder gerade weil er sie nicht hat?
Commissaire Theo Daquin, den wir hier am Anfang seiner Laufbahn erleben, hat sich ja schon als erfolgreicher Serienheld etabliert. Schwarzes Gold ist ein weiterer Meilenstein auf dem Erfolgsweg der französischen Ausnahmeschriftstellerin. Unbedingt lesen! Weitere Infos zum Werk der Autorin hier.


Aus dem Französischen von Iris Konopik, 380 S., 19,00 €
Argument Verlag, 2016, Hamburg


Ketzer

Leonardo Padura

Leonardo Padura ist ein kubanischer Autor, der uns mit seinen ungewöhnlichen Krimis um den Teniente Mario Conde sehr offen und realistisch den heutigen Alltag seines Landes nahe bringt. Es sind die lebendig beschriebenen Figuren, die seine Bücher so aufregend machen. Dabei wertet Padura nicht - er erzählt einfach, die Beurteilung überlässt er dem Leser.
In seinem neuen großen Werk ist die heutige Krimihandlung nur ein wichtiger, spannend und gut erzählter Teil, genau genommen erzählt er drei Romane in einem: Da ist die Geschichte aus der Blütezeit des mittelalterlichen Amsterdam um Rembrandts verschollenes Christus-Bild, die Beschuldigung der Ketzerei gegen den Maler und sein Modell, einen jüdischen Jüngling. Wir erleben die gescheiterte Flucht ins kubanische Exil der Familie Kaminsky, mit einem Bild von Rembrandt, seit Generationen im Besitz der Familie, hoffen sie, sich freizukaufen. Doch die Einreise wird allen verweigert. Das Schiff fährt zurück nach Europa. Daniel Kaminsky wird seine Familie nie wiedersehen.
Mario Conde macht sich auf die Suche nach den Geheimnissen des Christusbildes und der Familie Kaminsky. Der Fall führt ihn durch die Jahrhunderte. Die Spur zieht sich um die halbe Welt. Ein aussergewöhnlicher Roman! (hn)

Leonardo Padura ist ein kubanischer Autor, der uns mit seinen ungewöhnlichen Krimis um den Teniente Mario Conde sehr offen und realistisch den heutigen Alltag seines Landes nahe bringt.
Weitere Infos hier.


Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein
geb. Unionsverlag 2014;
seit 2015 Unionsverlag TB
652 S., 16,95 €
ISBN 978-3-293-20696-0


Viele bunte Krimis – auch von alten Bekannten

Für alle LeserInnen etwas anspruchsvollerer Kriminalromane, eine komplexere und vielschichtige, dabei sprachlich gekonnt ausgefeilte Geschichten lieben, gibt es in diesem Herbst ein ganzes Füllhorn, das zum Überwintern reichen dürfte!

Da ist zunächst "Der Sohn" – abseits von den Spuren, die der große Harry Hole hinterlassen hat, aber dennoch unverkennbar ein echter Nesbø! Spannend, mit immer neuen überraschenden Wendungen - super!

Gewohnt gut wie immer das Gespann Hjorth/Rosenfeldt um den nicht gerade sympathischen Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann über "Das Mädchen, das verstummte" sowie der neue Deon Meyer (vgl. hier) über die "Cobra"!

Endlich – auch Robert Wilson (siehe hier) ist mit einem neuen Serienhelden zurück - jetzt hat er die iberische Halbinsel verlassen und seine neuen Krimis in London angesiedelt, auch wenn es den Kosmopoliten natürlich auch zeitweilig in andere Weltgegenden führt. Diesmal – natürlich hochspannend wie immer — überschätzt sich der Protagonist gewaltig …

Es gilt aber auch, neue schwedische Krimi-Autoren anzupreisen: Carl-Johan Vallgren ist bislang durch zwei fundierte historische Romane sehr erfolgreich in Erscheinung getreten und legt nun seinen ersten Krimi vor: Eine komplexe, schier unerklärliche Entführungsgeschichte, in die unser Held hineingezogen wird …

Joakim Zander ist wirklich ein neuer Autor, der hier einen höchst mysteriösen Spannungsroman in den Gefilden der EU-Institutionen in Brüssel ansiedelt – da bleibt so vieles so unerklärlich … und die NSA lässt grüssen!
(hn)


Nesbø, Jo: Der Sohn.
Geb. Ullstein 2014;
seit 2015 Ullstein TB,
521 S., 10,99 €
ISBN 978-3-548-28778-2

Hjorth/Rosenfeldt (den nicht gerade sympathischen Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann z.B. hier über "Das Mädchen, das verstummte"): Ein Fall für Sebastian Bergman, Nr. 4, rororo, 10,00 €
ISBN 978-3-499-26662-1

Deon Meyer: Cobra.
Seit 2016 Aufbau TB, 10,99 €
ISBN 978-3-7466-3194-3

Robert Wilson - siehe hier. Weitere Infos unter Randomhouse oder robert-wilson.eu


Einen neuen Krimi-Autoren aus Norwegen gilt es zu entdecken:

Winterfest / Jagdhunde

Jørn Lier Horst

Nach all den hyperdramatischen, weltzerstörerischen Krimi- und Thriller-Bänden, in denen gemetzelt wird, was das Zeug hält - endlich, ein ziemlich unspektakulärer, normaler aber dennoch gut erzählter Kriminalroman, es ist kaum zu glauben, dass es so etwas noch gibt! Doch Jørn Lier Horst aus Norwegen versteht sein Handwerk, dabei bleibt er auf dem Boden, ist geerdet - er fesselt, wir Leser_innen sind sofort "drin", es gibt kaum länger andauernde Atempausen, wir lesen …, nein wir müssen lesen, so spannend sind diese doch so normalen Geschichten.

"Winterfest" ist 2012 zuerst erschienen und jetzt im Taschenbuch lieferbar: Unser Kommissar Wisting ahnt, dass seinem aktuellen Fall etwas Unheilvolles anhaftet. Der Mord in einer idyllischen Feriensiedlung, eine brutale Einbruchserie und dann scheint auch noch seine Tochter Line in die Geschehnisse verwickelt zu sein - viele schwer zu entwirrende Fäden müssen bearbeitet werden ....

Wegen dem soeben erschienen Roman "Jagdhunde" erhielt Lier Horst den Norwegischen Krimipreis 2012 - völlig zurecht! Wisting steht mit dem Rücken zur Wand - der anerkannte Anwalt eines langjährigen Gefängnisinsassen kann ihm die Manipulation von Beweismitteln nachweisen! Wisting hatte den Täter damals überführen können, doch nun stellt sich heraus, dass die Beweise gefälscht waren - ein gefundenes Fressen für die Medien. Der Kommissar wird suspendiert, ist gezwungen, sich selbst um die Aufklärung der verworrenen Geschichte zu kümmern. Trotz hilfreicher Unterstützung seiner Tochter, der Journalistin Line, rennt ihm die Zeit davon, denn wieder verschwindet eine junge Frau und die Parallelen zum damaligen Fall sind offensichtlich …
(av)


Jagdhunde
Geb. Grafit Verlag 2013;
seit 2018 Droemer TB,
381 S., 9,99 €
ISBN 978-3-426-30628-4

Winterfest
Droemer TB 2017,
346 S., 10,99 €
ISBN 978-3-426-30622-2


Don Winslow – Tage der Toten

Originaltitel: The Power Of The Dog,  aus dem Amerikanischen von Chris Hirte

Vorweg: Mit "Tage der Toten", der deutschen Übersetzung von "Power of the Dog", legt der Suhrkamp Verlag bereits den vierten Roman von Don Winslow in nur knapp 17 Monaten vor. Viel Lesestoff in kurzer Zeit, aber ausnahmsweise hat hier ein Verlag so ziemlich alles richtig gemacht.

Startend mit "Pacific Private" einen Roman um den Surfer Boone Daniels, dann den eigenständigen (und famosen) Mafia-Roman "Frankie Machine", nachfolgend das zweite Werk um Boone Daniels nämlich "Pacific Paradise". Und zum bisher krönenden Abschluss nun "Tage der Toten".

Ein Roman, von dem namhafte amerikanische Autoren des Genres behaupten, dass er zu den wichtigsten amerikanischen Romanen der letzten zehn Jahre gehöre.

Und das ist die Geschichte:  Mit großem Tatendrang hat sich der US Drogenfahnder Art Keller daran gemacht, in die Strukturen der mexikanischen Drogenmafia einzudringen mit Erfolg. So viel Erfolg, dass die Drogendepots reihenweise auffliegen und die Narcotraficantes die Jagd auf ihn eröffnen.

Nachdem sein Mitarbeiter von den Gangstern zu Tode gefoltert wurde, schwört Art Keller Rache und startet einen gnadenlosen, blutigen Feldzug gegen die Drogenbarone.
Zu spät bemerkt er, dass er sich damit neue Feinde macht und die sitzen in Washington.

Was als Iran-Contra-Affäre in die Geschichte einging, erlebt Keller als gigantisches Drogen-, Geldwäsche- und Waffengeschäft. Vor die Wahl gestellt, seiner Regierung zu dienen oder seinem Gewissen zu folgen, trifft er eine einsame Entscheidung und stößt dabei auf unverhoffte Verbündete.

Welchen Realitätsgehalt "Tage der Toten" in solchen bitteren Passagen urplötzlich gewinnt, zeigen Zitate aus der US-amerikanischen Wirklichkeit von 1987:
"Unser Land machte sich zum Komplizen im Drogenhandel, zur selben Zeit in der wir unzählige Dollars dafür ausgaben, die durch Drogen verursachten Probleme in den Griff zu bekommen - es ist einfach unglaublich."
(US-Senator John Kerry in den Senatsanhörungen zur Rolle der CIA im Drogenschmuggel der Contras)

Weit mehr als jeder andere politische Kriminalroman verwebt Don Winslow in "Tage der Toten" Fiktion und Wirklichkeit. Die Iran-Contra-Affäre der 80er-Jahre bildet den ganz realen Hintergrund dieses Buches. Zur Erinnerung: Mitte der 80er-Jahre verkaufte die amerikanische Regierung in einem Geheimgeschäft Waffen an den Iran. Mit den ganz und gar inoffiziellen Einnahmen aus den Waffenlieferungen an den damals eigentlich offiziellen Erzfeind im Nahen Osten wurden dann, an jeglicher Gesetzgebung vorbei, zynischerweise die regierungsfeindlichen Contras im "anti-kommunistischen Kampf" in Nicaragua unterstützt. Eine Untersuchungskommission stellte später fest, dass dabei die Contras über Jahre mehrere Tonnen Kokain in die USA geschmuggelt hatten, was mit Duldung und sogar Unterstützung der CIA geschah.

Seit Robert Littells "Legends" ("Die kalte Legende") hat es keinen so kraftvollen, politisch treffsicheren und mitunter gesellschaftskritisch-klugen Kriminalroman gegeben. Der in den USA in aller Öffentlichkeit so großmundig proklamierte Krieg gegen die Drogen geht einher mit den letzten knapp dreißig Jahren des Versagens der Südamerika-Politik der USA. Beides vermischt sich, ist eins, doch wieder und wieder fragt man sich, wo die eigentlichen Absichten der Verantwortlichen liegen und die eigentlichen Fronten verlaufen.

"Es existiert eine Schattenregierung mit ihrer eigenen Luftwaffe, ihrer eigenen Marine, ihren eigenen Geldbeschaffungsmechanismen sowie der Möglichkeit, ihre eigene Vorstellung nationaler Interessen durchzusetzen, frei von allen Kontrollen und frei vom Gesetz selbst."
(US-Senator Daniel Inouye während der Senatsanhörungen zur Iran-Contra-Affäre)

Don Winslow erweist sich als handwerklicher Könner, denn selbst seine besinnlicheren Erzählpassagen bremsen den Lesefluss nicht ab, sondern sie reduzieren nur stellenweise geschickt das Tempo, um gleich danach wieder mit fast "Actionfilm-artigen" Szenerien weitere Ausrufezeichen zu setzen.

Dies alles wirkt mit seinen Zutaten erzählerisch so einfach und beinahe spielerisch, erweist sich aber in einer Zeit, in der sich in der Kriminalliteratur hauptsächlich psychopathische Serienmörder tummeln, geradezu als wohltuend und als stilistische Feinarbeit. Fazit: "Tage der Toten" ist ein Jahrzehnt-Roman, weil er die Welt mit all den vielfältigen Mitteln des Romans so eindrücklich, so realistisch abbildet.

Schauen Sie auch hier 'rein:
http://www.krimi-couch.de/krimis/don-winslow.html


Suhrkamp Taschenbuch 2012,
689 S., 10,99 €
ISBN 978-3-518-46340-6


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Blutsonntag

Robert Brack

Die deutsche Geschichte der Weimarer Republik ist voller politischer Skandale, einige von ihnen mit blutigen Konsequenzen: Die Weddinger-Maiunruhen gehören dazu und auch der Altonaer Blutsonntag. In beide Skandale ist die Polizei der Städte Berlin und Hamburg verwickelt.

Der Altonaer Blutsonntag 1932 in Stichworten: Nationalistische Polizisten, die einen von der Polizeiführung tolerierten NS-Aufmarsch durch das Rote Altona dazu nutzen, unter den vaterlandslosen Gesellen richtig aufzuräumen. 18 Tote waren nach der Aktion zu beklagen. Die Linke war von vornherein klar die Schuldige, 4 ihrer Anführer wurden nach der Machtergreifung der Nazis hingerichtet. Bis heute sind diese Skandalurteile nicht aufgehoben worden.

Robert Brack macht nun aus dem historischen Ereignis ein bemerkenswertes Dramal: Die Journalistin Klara Schindler, die für die kommunistische Parteizeitung arbeitet, macht sich an die Aufarbeitung des Altonaer Blutsonntags. Die Erklärungen und Behauptungen auch ihrer eigenen Parteifreunde reichen ihr nicht. Der Verweis auf die Vorbereitung eines Generalstreiks hält sie nicht davon ab, weiter zu fragen, zu recherchieren. Sie ist eine eigensinnige Aufklärerin, die sich ihrer journalistischen Arbeit mehr politische Wirkung zuschreibt als einer kurzsichtigen Parteiagitation.

Schindler macht sich auf, das, was geschehen ist, zu rekonstruieren: Sie benutzt dazu eine brandneue Erfindung der sowjetischen Genossen: Ein Tonbandgerät, das es ihr erlaubt, die Zeugen der Ereignisse nicht nur zu befragen, sondern ihre Antworten auch in der direkten, unverfälschten Form zu dokumentieren. Brack nutzt diesen technischen Trick (das erste Tonbandgerät wurde erst 1935 auf der Berliner Funkausstellung vorgestellt), um die Zeitzeugen sprechen zu lassen.

Die Zeugenaussagen folgen dabei unverbunden aufeinander und erst in der Gesamtschau ergeben die teils widersprüchlichen, teils sich ergänzenden, teils in die Irre führenden Aussagen ein Gesamtbild. Klara Schindlers eigene konfliktreiche Geschichte bildet die tragende Struktur, hebt sich dabei aber von den Tonbandaufnahmen doch deutlich ab.

Herausgekommen ist ein überaus spannender Roman, der die zugespitzte Situation am Vorabend der Machtübernahme der Nazis treffend und glaubwürdig einfängt.


Edition Nautilus, 2010
253 S., 13,90 €, broschiert
ISBN 978-3894017286


Weisser Schatten

Deon Meyer

Lemmer, Bodyguard, vor einiger Zeit aus der Haft entlassen, soll Emma in den Kruger-Nationalpark begleiten. Er hofft auf einen harmlosen, schnellen Job – sie ist von der Idee besessen, ihren seit 20 Jahren verschwundenen Bruder wiederzufinden. Undurchsichtige Vorfälle, ein Schlangenattentat und schließlich wird Emma schwer verletzt – Lemmer begreift, daß er in eine Verschwörung geraten ist, die tief in der Geschichte des ehemaligen Apartheid-Staates verwurzelt ist. Meyer wie immer überaus spannend, dichte Schilderung südafrikanischer Wirklichkeit und kenntnisreiche Rückgriffe in die jüngere Geschichte des Landes. Die einfache Lösung des Falles ist nett, etwas enttäuschend, kann den Genuss dieses Buches aber nicht mehr schmälern! Gut! (hn)


geb. Rütten & Loening 2008;
seit 2014 Aufbau TB,
421 S., 9,99 €
ISBN 978-3-7466-3091-5


Das München-Komplott

Wolfgang Schorlau

Wolfgang Schorlau legt seinen 5. Fall mit dem Privat-Ermittler Georg Dengler vor: Der BKA-Aussteiger wird von seinem ehemaligen Arbeitgeber gebeten, die Akten zu einem besonderen Fall durchzuarbeiten: Es geht um das grösste und brutalste Attentat in der Geschichte Deutschlands, um den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest am 26. September 1980, damals starben 13 Menschen durch die gewaltige Explosion, 200 wurden verletzt, 68 davon sehr schwer.

Ein alter Fall, denkt Dengler, Geschichte. Doch kaum angefangen geschehen unheimliche Dinge: Waren damals viele Spuren nicht weiter untersucht worden, so verschwinden auch heute Asservate, sterben Zeugen früh und unerklärlich. Dengler findet heraus, dass die Strippenzieher von damals auch heute noch sehr lebendig sind – und auch er ins Visier genommen wird …

Natürlich greift Schorlau wieder einmal Verschwörungstheorien auf – das mag phantastisch klingen, doch kein anderer vermag sie so realitätstüchtig und spannend zu präsentieren wie er. Daneben ist dieser kleine Krimi ein Lehrstück - die Fakten, die er aufbereitet, verdienen allemal eine breite Öffentlichkeit!


KiWi 2009,
334 S., 8,95 €
ISBN 978-3462041323


Der Chinese

Henning Mankell

Januar 2006: Die Polizei entdeckt in einem kleinen Dorf ein grausiges Massaker an 18 Menschen. Die Tat eines Wahnsinnigen? Die Polizei ermittelt unter öffentlichem Druck in diese Richtung und wird anscheinend auch fündig. Die Richterin Roslin, weitab vom Geschehen, aber über entfernte verwandtschaftliche Bindungen mit einigen Opfern bekannt, entdeckt Indizien, die eine Spur nach China nahe legen.

Mankell hat wieder einen guten Roman vorgelegt, diesmal vielleicht die gelungene Verknüpfung eines schwedischen Lokalkrimis mit dem antikolonialen Afrikaengagement des Autors? Zumindest verknüpft er auf aktuellstem Niveau die Geschichte kolonialer Hypotheken der weißen Welt (hier: die erbarmungslose Ausbeutung chinesischer Sklaven bei der Industrialisierung der USA) mit dem rasanten Aufstieg Chinas zur Supermacht.

Daß er dabei über die politischen Widersprüche auf dem asiatischen und afrikanischen Kontinent kenntnisreich informiert, kann auch nicht gerade als Nachteil angesehen werden – auch wenn mensch die jeweiligen Sichtweisen nicht unbedingt teilt. Das hat Klasse!
(hn)


geb. Zsolnay 2008;
seit 2010 dtv,
605 S., 10,95 €
ISBN 978-3-423-21203-8


Ein Engländer in Sevilla –
Robert Wilson

Bei dem Namen Robert Wilson fällt zunächst auf, dass es unzählige Autoren mit ebensovielen Büchern zu geben scheint. Aber, gemach: Dieser ist einmalig, dieser hat tatsächlich "nur" 6 Krimis geschrieben, die allesamt meist auf der iberischen Halbinsel spielen, wo der englische Autor heute überwiegend lebt.

http://www.krimi-couch.de/krimis/robert-wilson.html

Zunächst – darin überaus vergleichbar mit Jo Nesbös "Rotkehlchen", Ritzels "Schatten des Schwarms" und Mankells "Rückkehr des Tanzlehrers" - die Verknüpfung von Geschichten aus der Nazi-Zeit mit der heutigen Wirklichkeit:

Tod in Lissabon
Am Strand von Cascais bei Lissabon wird eine Frauenleiche geborgen, die Ermittlungen werden verknüpft mit Geschehnissen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, als die Nazis in Portugal Wolfram für ihre Rüstungsproduktion organisieren wollten. Spannend, mit komplexen vielschichtigen Handlungssträngen.

Der Blinde von Sevilla
Auftakt der Tetralogie um Javier Falcon aus Sevilla, eine spannende Krimihandlung, verknüpft mit einer Familiengeschichte, in der sich spanische Kolonial- und Nachkriegsgeschichte mischt.

Die Toten von Santa Clara
Auch wenn mensch zu Beginn reichlich in die Irre geführt wird (welcher 11. September ist denn nun gemeint …), gibt es wieder viel und aufschlussreiche Spannung!

Die Maske des Bösen (leider vergriffen)
Zur Zeit nach den Madrider Bombenanschlägen schwappt die antiislamische Hysterie auch nach Sevilla, es kommt zu einem furchtbaren Anschlag, doch wer steckt dahinter? Wieder absolute Hochspannung, aber mit einem lapidaren Schluss!
Das kanns nicht sein …

Andalusisches Requiem (leider vergriffen)
Natürlich nicht – Wilson dreht alle Ereignisse noch einmal um, findet vollkommen neue Einsichten und Lösungen, atemberaubend! Was für Krimis, was für ein Autor! Ein solche verwobene dennoch schlüssige Geschichte mit ihren vielen einzelnen Geschicht'chen, ein solches Niveau an Diskussionen um die Lage in der Welt zwischen Orient und Okzident, zwischen Empire und islamischer, ja generell "Dritter Welt", unglaublich! Und das "im Krimi" eingepackt – unbedingt lesen!


Tod in Lissabon
Goldmann TB 2002,
576 S., 9,95 €
ISBN 978-3-442-45218-7


Der Blinde von Sevilla
Goldmann TB 2013,
639 S., 9,99 €
ISBN 978-3-442-48033-3

Die Toten von Santa Clara
Goldmann TB 2013,
506 S., 9,99 €
ISBN 978-3-442-48034-0


Beifang – Ulrich Ritzel

Kommissar Berndorf ist zurück!

Der ausgediente Kriminalbeamte Hans Berndorf bekommt den Auftrag, private Ermittlungen zu dem Mord an einer jungen Frau zu führen, deren Ehemann als anscheinend bereits überführter Täter in Ulm vor Gericht steht. Doch als Berndorf eintrifft, ist sein Auftraggeber – der Verteidiger des Angeklagten – tot, auf dem Hauptbahnhof von einem Güterzug überrollt. Hat er Selbstmord begangen oder ist er vor den Zug gestoßen worden?

Das ist nicht die einzige Frage, vor der Berndorf steht. Vor seinem Tod war der Anwalt wiederholt in heftige Auseinandersetzungen mit dem Vorsitzenden Richter geraten, weil ein seiner Ansicht nach für das Verfahren entscheidendes Beweisstück spurlos verschwunden ist: ein Schmuck, den die ermordete junge Frau getragen hatte. Dieser Schmuck – eine Goldkette mit einem breiten Ring, auf dem in Miniatur das biblische Motiv des Sündenfalls eingearbeitet war – führt Berndorf weit über seinen ursprünglichen Auftrag hinaus. Er stößt auf allerhand Merkwürdigkeiten - eine davon ist, dass der tote Anwalt und der Vorsitzende Richter entgegen dem Anschein, den sie in der Verhandlung geweckt hatten, seit vielen Jahren gute Bekannte waren.

In dem Dickicht von alltäglichen Verstrickungen, von Lügen und Niedertracht, das Berndorf freizulegen versucht, stößt er schließlich auf das Verbrechen, das vor Jahrzehnten am Anfang von allem stand.

»Ich versuche, etwas über die Zeit und die Gesellschaft zu erzählen, wie ich sie sehe. Schreiben ist immer der Versuch, etwas zu benennen, etwas aufzudecken, etwas zu verstehen.« (U. Ritzel)

Der oben zitierte Klappentext gibt exakt die Ausgangslage wider – Ulrich Ritzel, der schon beim Erscheinen seines Erstlings "Der Schatten des Schwans" den Titel "der deutsche Mankell" bekam,  gelingt es mit viel Gespür, fesselnder und genauer Erzählweise aus einem eher unscheinbaren provinziellen Vorgang ein glaubwürdiges und treffliches Bild der bundesdeutschen Wirklichkeit entstehen zu lassen.

Ein genialer Krimi, spannend und erhellend!

Ulrich Ritzel, Jahrgang 1940, geboren in Pforzheim, verbrachte Kindheit und Jugend auf der Schwäbischen Alb. Er studierte Jura in Tübingen, Berlin und Heidelberg. Danach schrieb er für verschiedene Zeitungen und wurde 1981 mit dem begehrten "Wächter-Preis" ausgezeichnet.


Beifang
geb. btb Verlag 2009;
seit 2011btb TB,
464 S., 9,99 €
ISBN 978-3-442-74162-5

Die bisherigen Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens:
Der Schatten des Schwans
btb TB (band 1), 9,99 €
ISBN 978-3-442-72800-8
Die schwarzen Ränder der Glut /Der Hund des Propheten
2 Romane in einem Band (Bd. 3+4, von 2003, 2004)
btb Verlag (TB), 864 S., 9,00 €
ISBN 978-3-442-73731-4
Uferwald
btb Verlag (TB Bd. 5), 384 S., 9,00 €
ISBN 978-3-442-73667-6
Forellenquintett
btb Verlag (TB Bd. 6), 384 S., 9,00 €
ISBN 978-3-442-73837-3
Halders Ruh
Krimi-Geschichten, btb Verlag (TB), 256 S., 7,00 €
ISBN 978-3-442-73824-3


Richard Stark

Fragen Sie den Papagei und Keiner rennt für Immer

Richard Stark hat unter verschiedenen Namen publiziert, er gilt als Ikone des roman noir:
Parker ist der durch und durch amoralische Held dieser Romane, er ist der hartgesottene Profi, er scheint keine Gefühle zu kennen, er ist die fleischgewordene coolness. Und Parker ist genial böse: Wie er auf der Flucht dazu kommt, sich den Männern anzuschliessen, die schon halb in Lynchstimmung auf die Suche nach ihm, den Gangster, gehen, das beschreibt Richard Stark so fesselnd, so faszinierend – einen solchen Krimi haben Sie noch nicht gelesen.


Das Geld war schmutzig

Im dritten und letzten Teil der Triologie befinden sich Parker und seine Freundin in einer Pension in der Nähe der verlassenen Kirche, wo die bei einem Banküberfall erbeuteten Millionen versteckt sind. Die Jagd auf den "zwischengelagerten" Schatz beginnt: Umlagert von einem Großaufgebot der Polizei, verfolgt von diversen zwielichtigen Elementen muss Parker alle Tricks und viel Kaltschnäuzigkeit aufbringen, um den Lohn der mühseligen Arbeit einbringen zu können. Gewohnt schnörkelos, gewohnt spannend, ohne ein Wort zu viel erzählt der soeben verstorbene Richard Stark. Einfach nur: Genial!

Für alle "Parker"-Fans sei darauf verwiesen, dass bei Zsolnay noch weitere Einzelbände mit Parker in der Hauptrolle erschienen sind, zunächst »Das große Gold« … (hn)


Keiner rennt für immer
dtv (Band 1) 2011, 8,95 €
ISBN 978-3-423-21266-3

Fragen Sie den Papagei
Zsolnay & dtv (Band 2) - vergriffen

Das Geld war schmutzig
dtv /Band 3), 8,95 €
ISBN 978-3-423-21321-9

Das große Gold
dtv (Band 4), 9,95 €
ISBN 978-3-423-21337-0

Der Gewinner geht leer aus
dtv (Band 5), 9,95 €
ISBN 978-3-423-21382-0

Irgendwann gibt jeder auf
dtv (Band 6), 9,95 €
ISBN 978-3-423-21419-3

Sein letzter Trumpf
dtv (Band 7), 9,95 €
ISBN 978-3-423-21468-1

Verbrechen ist Vertrauenssache
dtv (Band 8), 9,95 €
ISBN 978-3-423-21502-2

The Hunter
dtv (Band 9, der letzte), 9,95 €
ISBN 978-3-423-21737-8


Für alle Stieg Larsson-Fans

Die Begeisterung über die Romane des so früh verstorbenen schwedischen Schriftstellers wird bis zum 3. Band seiner Geschichte von der skurrilen Hackerin, Lisbeth Salander, und dem Journalisten Mikael Blomkvist anhalten – eine wahrlich überwältigender Polit-Serie!
Und der mit viel Missgunst belastete David Lagercrantz - schwedischer Schriftsteller, der die Serie nach Materialien von Larsson fortgeschrieben hat - schafft es, die Geschichten glaubwürdig und elegant (in den Bänden 4 und 5) fortzuschreiben.

Verblendung (1)
Was geschah mit Harriet Vanger? Während eines Familientreffens spurlos verschwunden, bleibt ihr Schicksal jahrzehntelang ungeklärt. Bis der Journalist Mikael Blomkvist und die Ermittlerin Lisbeth Salander recherchieren. Was sie zutage fördern, lässt alle Beteiligten wünschen, sie hätten sich nie mit diesem Fall beschäftigt. An seinem 82. Geburtstag erhält der einflussreiche Industrielle Henrik Vanger per Post anonym ein Geschenk. Das Paket enthält eine gepresste Blüte hinter Glas, genau wie in den 43 Jahren zuvor. Vangers Lieblingsnichte Harriet hatte ihm 1958 zum ersten Mal dieses Geschenk gemacht, doch dann verschwand sie spurlos. Ihr Leichnam wurde nie gefunden. In einer letzten Anstrengung beschließt Vanger herauszufinden, was dem geliebten Mädchen tatsächlich zustieß. Er engagiert den Journalisten Mikael Blomkvist, der, getarnt als Biograf, bald auf erste Spuren stößt. Unterstützt wird er von der jungen Ermittlerin Lisbeth Salander, einem virtuosen Computergenie mit messerscharfem Verstand. Je tiefer Blomkvist und Salander in der Vangerschen Familiengeschichte graben, desto grauenvoller sind ihre Enthüllungen.

Verdammnis (2)
Ein ehrgeiziger junger Journalist bietet Mikael Blomkvist für sein Magazin „Millennium“ eine Story an, die skandalöser nicht sein könnte. Amts- und Würdenträger der schwedischen Gesellschaft vergehen sich an jungen russischen Frauen, die gewaltsam ins Land geschafft und zur Prostitution gezwungen werden. Als sich Lisbeth Salander in die Recherchen einschaltet, stößt sie auf ein besonders pikantes Detail: Nils Bjurman, ihr ehemaliger Betreuer, scheint in den Mädchenhandel involviert zu sein. Wenig später werden der Journalist und Nils Bjurman tot aufgefunden. Die Tatwaffe trägt Lisbeths Fingerabdrücke. Sie wird an den Pranger gestellt und flüchtet. Nur Mikael Blomkvist glaubt an ihre Unschuld und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Seine Nachforschungen führen in Lisbeths Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die ihn bald das Fürchten lehrt.

Vergebung (3)
Mit einer Kugel im Kopf wird Lisbeth Salander in die Notaufnahme eingeliefert. Sie hat den Kampf gegen Alexander Zalatschenko, berüchtigter Drahtzieher mafiöser Machenschaften, ein weiteres Mal knapp überlebt. Aber wird sie gegen den schwedischen Geheimdienst bestehen können, der alle Kräfte mobilisiert, um sie ein für alle Mal mundtot zu machen? Zu groß ist die Gefahr, dass sie die Verbindung zwischen Zalatschenko und  der schwedischen Regierung aufdeckt. Unterdessen arbeitet Mikael Blomkvist unter Hoch- druck daran, Salanders Unschuld zu beweisen. Es fehlen nur noch wenige Details, und er wird das Komplott gegen Salander aufdecken. Auch als seine Ermittlungen von höchster Stelle massiv behindert werden, führt Blomkvist seine Arbeit unbeirrt fort. Er weiß genau, dass er nur noch diese eine Chance hat, um Lisbeth Salander zu retten. (hn)


Demnächst alle fünf Bände als Taschenbücher lieferbar:
Millennium Trilogie 1-3:
Verblendung / Verdammnis / Vergebung
Verschwörung (Millennium 4), 978-3-453-43874-3
Verfolgung (Millennium 5; erscheint jetzt im Dezember 2018), 978-3-453-43956-6

Heyne TB je 9,99 €, aus d. Schw. v. Wibke Kuhn, 2006-08


Politik und Sachbuch

Über Grenzen

Lutz Taufer

Vom Untergrund in die Favela

Der Historiker Karl Heinz Roth schrieb soeben zu dem Buch – treffender kann ich es nicht zeichnen (hn)

»Lutz Taufer hat in den Extremkonstellationen der linksradikalen Geschichte agiert, und da er darüber ohne jede Beschönigung und in uneingeschränkter Konfrontation mit den begangenen Fehlern schreibt und nachdenkt, wird sein Buch tatsächlich zu einem Schlüsselwerk der 1960er bis 1980er Jahre. 
Die Lektüre tut weh, denn sie blendet nichts aus: weder die maßlose Überschreitung der Grenzen der Gewalt, durch die der emanzipatorische Anspruch zerstört wurde, noch die Maßlosigkeit eines Repressionsapparats und Gefängnissystems, die heute kaum jemand noch wahrhaben möchte. Auch darüber schreibt Taufer in einer Dichte, wie ich sie bisher nicht gelesen habe. 
Was für ein Glück für ihn, dass er sich nach seiner Freilassung auf den Weg nach Uruguay und dann in die brasilianischen Favelas machte, wo er an der Seite der Namenlosen und Armen agiert hat. Und ein Glück für den Leser dazu, denn auch die Brasilien-Kapitel sind hochinformativ, beschönigen nichts und beweisen eine enorme Beobachtungsgabe und Erinnerungsfähigkeit. 
Insgesamt übertrifft seine Lebensskizze an Genauigkeit und selbstkritischer Reflexion alles, was ich aus diesem Spektrum bisher gelesen habe, nur aus Italien und Lateinamerika gibt es Gleichrangiges.«

Lutz Taufer hat am 2. Februar in Flensburg aus seinem Buch lesen – die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-SH statt und in Zusammenarbeit mit der Ossietzky-Buchhandlung.


kartoniert, 286 Seiten, 19,80 €
Verlag assoziation-a, 2017
ISBN 978-3-86241-457-4


Die Imperiale Lebensweise

„Wir“ müssen aufhören so zu leben wie bisher. Und wir müssen das System verändern.


Imperiale Lebensweise

Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus

Ulrich Brand
Markus Wissen

Die Imperiale Lebensweise (IL), verfasst von den Politologen Ulrich Brand und Markus Wissen, beruht auf einer Art gesellschaftsstabilisierendem Kompromiss zwischen den Interessen der Herrschenden und breiteren Schichten der Bevölkerung. Der Kapitalismus ist weder sozial noch ökologisch haltbar, die Menschen im globalen Norden leben auf Kosten anderer, es wird zu viel Auto gefahren, Fleisch gegessen und unnützes Zeug produziert.

Die imperiale Lebensweise verweist auf „die Produktions-, Distributions- und Konsumnormen, die tief in die politischen, ökonomischen und kulturellen Alltagsstrukturen und -praxen der Bevölkerung im globalen Norden … eingelassen sind“ (S. 44). Die IL beruht darauf, dass ihre zerstörerischen Folgen auf andere Regionen der Welt verlagert werden. (siehe auch: Stephan Lessenich – Neben uns die Sintflut).

Diesen Zusammenhang anzusprechen ist zwar nicht ganz neu, in der politischen Debatte und im allgemeinen Bewusstsein spielt er allerdings bestenfalls eine Nebenrolle. Das Verdienst der Autoren besteht darin, die damit verbundene Problematik weit ausgreifend, theoretisch gut begründet und mit empirischem Material unterlegt aufzuzeigen.
(hn)


Ulrich Brand / Markus Wissen:
Taschenbuch, 224 S., 14,95 €
oekom-Verlag 2017
ISBN 978-3865818430


Auf Kosten Anderer?

Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert

I.L.A. Kollektiv

Das I.L.A.-Kollektiv (I.L.A. für „Die imperiale Lebensweise: Ausbeutungsstrukturen im 21. Jahrhundert“) hat auf der Basis einer Schreibwerkstatt gar ein Dossier / Arbeitsbuch mit dem Titel „Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert“ zusammengestellt. Auch dieses wurde vom Oekom Verlag im Sommer 2017 – wenige Monate nach dem Werk Brands und Wissens – herausgegeben. Diesem Arbeitsbuch gelingt es, die Aussagen zu konkretisieren und auch sprachlich zugänglicher zu machen.
Hier wird gefragt „nach den Potenzialen für alternative Ideen und Konzepte, die in vielen Teilen der Welt an Bedeutung gewinnen und die dem berechtigten Unmut über soziale Ungleichheit, ökologische Zerstörung und ‚postpolitische‘ Alternativlosigkeit zu einem emanzipatorischen Ausdruck verhelfen“ (I.L.A. Kollektiv 2017, S. 5). Die dabei behandelten Themen reichen von Digitalisierung und Geld bis zu Sorge und Bildung.

Brand und Wissen gehen davon aus, dass die herrschende „multiple Krise“ (sozial, ökonomisch, ökologisch und politisch) einen Wendepunkt darstellen und gesellschaftsverändernde Initiativen vorantreiben könnte. Das wachsende Unbehagen an den bestehenden Verhältnissen deute darauf hin. Es komme darauf an, die eigene Lebensweise zu hinterfragen und praktische Ansätze einer solidarischen Gesellschaftsordnung zu entwickeln. Solche seien bereits in vielen Teilen der Welt anzutreffen. Ein Ziel müsse ein grundlegender institutioneller Umbau des Staates und eine umfassende Demokratisierung sein.
Die von den Autoren vorgelegte Analyse ist überzeugend, auch wenn sie keinen Masterplan für eine ökonomisch und politisch andere Gesellschaft vorstellen. Dazu braucht es praktische Erfahrungen, politische Bewegungen und ihre Reflexion bzw. weiter gehende theoretische Diskussionen. Dazu genügend Anlass gegeben zu haben, ist das Verdienst dieses lesenswerten Buches. (hn)


Taschenbuch, 128 S., 19,95 €
oekom-Verlag 2017
ISBN 978-3960060253


Rückkehr nach Reims

Didier Eribon

"Rückkehr nach Reims" ist zwar schon im Mai 2016 erschienen, seine grosse Wirkung erzielte es aber erst in diesem Frühjahr vor dem Hintergrund des drohenden Aufschwungs der französischen "Front National" und dem Niedergang der europäischen Sozialdemokratie.

Ein Vater stirbt. Der Sohn macht sich auf die Suche. Was nach einem Roman- oder Filmanfang klingt, ist der autobiografische Kern einer unglaublich spannenden und bestürzend aktuellen Rückschau: Didier Eribon, kosmopolitischer, schwuler Pariser Intellektueller, hatte mit seiner homophoben Familie radikal gebrochen. Mit über fünfzig kehrt er erstmals in seine Heimatstadt Reims zurück, sucht, mit der Mutter das Fotoalbum durchgehend, nach Spuren seiner proletarischen Kindheit. Herausgekommen ist eine Studie über Herkunftsverleugnung, sexuelle und soziale Scham und die alles entscheidenden feinen Unterschiede in der französischen Elite. Ein autobiografischer, selbstreflektierender Text, der sehr feinfühlig und genau den gesellschaftlichen Brüchen in der französischen Arbeiterklasse, in der französischen Linken, vorwiegend der Parti Socialiste, nachspürt. Verstörend und aufschlussreich in Zeiten von Brexit und dem europäischen Aufstieg des autoritären Nationalismus.
(hn)


Roman, kartoniert
edition suhrkamp 2017
221 S., 18,00 €
ISBN 978-3-518-07252-3


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Claudia Knauer – DÄNEMARK

Ein Länderportrait

Passend zum Länderschwerpunkt "Dänemark" des diesjährigen Literatursommers hat der Christoph Links Verlag ein neues Länderporträt unseres Nachbarlandes veröffentlicht: Autorin ist die Büchereidirektorin im Verband Deutscher Büchereien Nordschleswig und langjährige Redakteurin des Nordschleswiger in Aabenraa, Claudia Knauer.

Was wissen wir wirklich über unsere Nachbarn?
Claudia Knauer erklärt uns nicht nur das Wesen von Minderheitsregierungen, die vielfache Kompromissfindung in den Parlamenten über viele Parteigrenzen hinweg, warum selbst konservativen Regierungen ein für deutsche Verhältnisse ausgeprägtes Sozialsystem wichtig war und ist und ein vielbeschworenes Gemeinschaftsdenken gepflegt wird. Natürlich wird die rigide Ausländerpolitik der letzten Jahrzehnte, getragen von nahezu allen Parteien des Folketing, nicht verschwiegen und damit auf gesellschaftliche Spannungen und Dissonanzen verwiesen.

Die Autorin zeichnet ein kenntnisreiches und unterhaltsames Bild unserer Nachbarn – ob sie vom Alltag, der Wirtschaft, vom dänischen Filmwesen oder vom Roskilde-Festival erzählt. Natürlich erfahren wir auch, warum "hyggelig" so bedeutsam ist wie das Hotdog – und warum eine Deutsch-Dänin doch nie eine richtige Dänin werden wird …

Diese überaus gelungene Länderkunde, die auch vielen langjährigen Dänemark-Reisenden immer wieder überraschende neue Erkenntnisse vermitteln wird, stellt Claudia Knauer in der Carl-von-Ossietzky-Buchhandlung vor.

Claudia Knauer: Studium von Politikwissenschaft, Philosophie und Öffentlichem Recht, zog 1997 mit Mann und Sohn nach Dänemark, wo ihre Tochter geboren wurde. Sie arbeitete mehr als 15 Jahre als Journalistin beim Nordschleswiger – der deutschen Tageszeitung in Dänemark. Vor einigen Jahren hat sie die dänische Staatsbürgerschaft angenommen. Am 1. Januar 2015 hat Claudia Knauer den Stuhl in der Redaktion gegen den in der Deutschen Zentralbücherei eingetauscht. Als Büchereidirektorin sorgt sie für die Verbindung von deutscher und dänischer Kultur.


Chr. Links-Vlg. 2017
2. akt. Aufl.
224 S., 18,00 €
ISBN 978-3-86153-824-0


Volker Hagedorn – Bachs Welt

Familiengeschichte eines Genies

Johann Sebastian Bach kennt jeder. Aber dass er der Spross einer 150 Jahre alten Dynastie von Musikern war, ist kaum im Bewusstsein.
Dieses Buch erzählt die Geschichte eines erstaunlichen Clans in einem Europa des Umbruchs, das geprägt war von Kriegen und Seuchen.
Im 17. Jahrhundert wurde Musik ein Mittel gegen Elend und Tod, und die Bachs vor Bach beherrschten diese Kunst mit zunehmendem Genie.
Volker Hagedorn verfolgt ihren Weg über Hochzeiten und Todesfälle, Notenblätter und Orgelbänke, bis schließlich der große Ausnahmekomponist in Erscheinung tritt.

Zugleich schlägt das Buch den Bogen in die Gegenwart.
Wie sieht es heute dort aus, wo die Bachs lebten und Johann Sebastian zum Wunderkind wurde?
Hagedorn beschreibt die Arbeit der Forscher, für die unscheinbare Aktennotizen zu Leuchtspuren durchs Barock werden.
Und er schildert einen der faszinierendsten Forschungskrimis der Musikgeschichte, der im zerbombten Berlin beginnt und an dessen Ende in der Ukraine das legendäre «Altbachische Archiv» auftaucht - eine Notensammlung der Bachs vor Bach, das Fundament von Johann Sebastians Genie.

Hagedorns Buch entwirft ein farbenfrohes und facettenreiches Zeit- und Sittengemälde, das die Wurzeln des Musikers Bach erstaunlich lebendig werden lässt.


geb. Verlag Rowohlt
seit 2017 rororo
416 S., 12,99 €
ISBN 978-3-499-61748-5

Am 5. November 2016 las Volker Hagedorn aus seinem Buch bei uns in der Buchhandlung.



Stephan Lessenich – Neben uns die Sintflut

Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis

Stephan Lessenich kritisiert in seinem neuen Buch den globalen Kapitalismus – ein Ereignis im Wissenschaftsbetrieb, da sich hier einer der etabliertesten Soziologen aus dem "Hotel Abgrund" herausbegibt. Lessenichs Buch ist für eine breite Öffentlichkeit in einer schnörkellosen, verständlichen Sprache verfasst und besagt kurz zusammengefasst:

Uns im Westen geht es gut, weil es den meisten Menschen anderswo schlecht geht. Wir lagern systematisch Armut und Ungerechtigkeit aus, im kleinen wie im großen Maßstab – ergo Externalisierungsgesellschaft. Und wir alle verdrängen unseren Anteil an dieser Praxis.

Lessenich formuliert im Grunde nichts Anderes oder Neues was vor ihm andere Autoren wie z.B. Wallerstein, Harvey, Sassen oder Altvater diagnostiziert haben – aber er bietet eine brillante, hoch aktuelle und politisch brisante Analyse der Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse der globalisierten Wirtschaft mit einer Fülle von Daten und Fakten.

Und er hält sich mit seiner Kritik nicht zurück, er formuliert unterschwellig eine wütende Attacke: Das Nicht-wissen-Wollen ist der Habitus der Externalisierungsgesellschaft, klagt er an: "Wir leben nicht über unsere Verhältnisse. Wir leben über die Verhältnisse anderer".

Und warum sollten sich die Privilegierten der Welt sich jetzt auf Veränderungen einlassen? Letztlich aus aufgeklärtem Eigeninteresse: weil die Kosten der Externalisierung in Form von Klimakatastrophen und Flüchtlingsbewegungen bereits jetzt bei uns an die Tür klopfen. Denn auf unserem immer kleiner werdenden Planeten gibt es kein Innen und kein Außen mehr. Das Ende der Externalisierungsgesellschaft ist auch eine Frage der Zeit … Lessenich bleibt nicht bei der Moral, er stellt die Systemfrage und fordert radikales Denken: Politisierung und Kollektivierung und der Übergang vom „Empört Euch!“ zum „Tut was!“ werden herausgestellt.

Dass das noch viel zu wenig ist, um der Externalisierungsgesellschaft Zügel anzulegen, weiß Stephan Lessenich natürlich selbst. Mit seinem herausfordernden Buch hat er aber einen fundierten, aufwühlenden Anstoß für eine weitergehende Diskussion gegeben. Lesen!


geb. Hanser Berlin 2016
seit 2018 überarbeitet
als Piper TB
224 S., 11,00 €
ISBN 978-3-492-31269-1


Corry Guttstadt – Wege ohne Heimkehr

Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen – ein historisch-literarisches Lesebuch

Vor 101 Jahren, im Frühjahr 1915 begann der Völkermord an den osmanischen Armeniern durch das jungtürkische Komitee, welches sich im Jahr 1913 an die Macht geputscht hatte und als enger Bündnispartner des Deutschen Kaiserreiches auch in diesem Vorgehen deutsche Unterstützung und Rückendeckung erhielt.

Dieses Buch will in Form einer kommentierten historischen und literarischen Textsammlung ein Zeichen gegen das Vergessen setzen und an diesen Massenmord vor über 100 Jahren erinnern, aber auch das Leben der Armenier vor und nach dem Ersten Weltkrieg darstellen. Es präsentiert vor allem literarische, häufig autobiografisch geprägte Texte von (zumeist) Armeniern, die einen Eindruck ihrer vielfältigen Lebensrealitäten in Anatolien vermitteln. Weitere Texte schildern die Lebensbedingungen der überlebenden Armenier in der Türkei, in der das Verbrechen bis heute von staatlicher Seite geleugnet wird. So gab es auch für die meisten Überlebenden keine Heimkehr, ihre Familien waren ermordet, ihr Besitz beschlagnahmt.

Die heftigen, teilweise hasserfüllten Reaktionen staatlicher Amtsträger unter Führung des Staatspräsidenten Erdogan demonstrieren, wie eng die derzeitigen Machthaber noch der türkischen imperialen Machtpolitik verbunden sind - und wie fern sie einer sachlichen Auseinandersetzung mit den Hypotheken eben dieser Machtpolitik stehen.
Diese Reaktion unterstreicht die Wichtigkeit dieses Buches.

Corry Guttstadt, geb. 1955, studierte an der Universität Hamburg Turkologie und Geschichte. Während der 1980er und 1990er Jahre arbeitete sie als Übersetzerin (Türkisch), Deutschlehrerin und freie Autorin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Situation der ethnischen und religiösen Minderheiten in der Türkei. Sie verbrachte ein Forschungssemester am Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington DC und erhielt mehrere Forschungsstipendien (u.a. von der Fondation pour la Mémoire de la Shoah in Paris). 2011 und 2012 war sie Projektmanagerin des Projekts zum multiperspektivischen Geschichtslernen »Zuerst einmal bin ich Mensch« am Anne Frank Zentrum Berlin.

Ihre Dissertation »Die Türkei, die Juden und der Holocaust« basiert auf Recherchen in etwa 50 Archiven weltweit. Das Buch avancierte zum internationalen Standardwerk zum Thema und wurde inzwischen ins Türkische und Englische übersetzt.

Derzeit erarbeitet Corry Guttstadt mit Förderung der Beate Klarsfeld Foundation und der Fondation pour la Mémoire de la Shoah eine Quellenedition zur Politik der Türkei während des Holocaust.

Zum Buch Wege ohne Heimkehr

»Dies ist ein Weg, von dem es keine Heimkehr gibt«, notierte Armin T. Wegner im November 1915 in Ras al-Ayn im heutigen Nordsyrien. Wegner, der 1915-1916 als Sanitätssoldat der osmanischen Armee Augenzeuge des Völkermords an den Armeniern wurde, beschrieb mit seinem Tagebucheintrag das Los der vielen Hunderttausend Deportierten, die der sichere Tod erwartete.

Doch eine Heimkehr gab es auch für die meisten Überlebenden nicht. Nicht für Zabel Yesayan, eine der wichtigsten armenischen Schriftstellerinnen und engagierten Frauenrechtlerinnen ihrer Epoche, die sich der Deportation durch Flucht entzogen hatte, der die Erinnerung an den Ort ihrer Kindheit aber ein geistiger Zufluchtsort blieb. Nicht für den Lehrer Hagop Mintzuri, der zeitlebens nicht in das Dorf zurückkehrte, aus dem seine Frau, seine vier Kinder und alle anderen Angehörigen deportiert worden waren.

Dieses Jahr jährt sich der im Schatten des Ersten Weltkriegs begangene Völkermord an den Armeniern zum 101. Mal. Die meisten der in diesem Band versammelten Texte sind literarische, häufig autobiografisch geprägte Texte von Armeniern, die damit selbst zu Wort kommen. Einige stammen von Überlebenden der Deportationen, darunter bekannten armenischen Schriftstellern wie Yervant Odian, aber auch von Personen wie Pailadzo Captanian, die aus dem Bedürfnis schrieben, Zeugnis abzulegen über die erlebten, unvorstellbaren Grausamkeiten.

Ein Großteil der Texte thematisiert nicht den Völkermord selbst, sondern die Erinnerungen von ArmenierInnen an ihr Leben vor 1914 oder das Weiterleben im Exil bzw. in der Republik Türkei. Sie vermitteln einen Eindruck der vielfältigen Lebensrealitäten von Armeniern im Osmanischen Reich. Armenier nahmen aktiv Anteil am intellektuellen Aufschwung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ob Lyrik, Prosa oder Journalismus, von der Satire bis zum Theater, die armenische Literatur war ein entscheidender Bestandteil der osmanischen Literatur jener Epoche. In den Werken der armenischen AutorInnen drückt sich ihre Hoffnung und dann, angesichts der Ausgrenzung und Vernichtung ihres Volkes, ihre Verzweiflung aus, die sich ganz ähnlich dem deutsch-jüdischen Schreiben des frühen 20. Jahrhunderts in hellsichtiger Gesellschaftsanalyse und Satire Bahn bricht.

Die Texte werden gerahmt durch ein Vorwort des Historikers Hans-Lukas Kieser zu den Hintergründen des Völkermords sowie ein Nachwort von Corry Guttstadt und Ragıp Zarakolu zur Erinnerungspolitik in der Türkei.


geb. Assoziation A 2014
203 S., 19,80 €
ISBN 978-3-86241-440-6

Am 11. Juli 2016 hat Corry Guttstadt ihr Buch bei uns in der Buchhandlung vorgestellt.



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Zwei herausragende politische Sachbücher seien Ihnen besonders empfohlen:

Das Kapital im 21. Jahrhundert

Thomas Piketty

Dieses Buch erzählt vordergründig nichts Neues, wir alle wissen, wie der Reichtum bei einer kleinen gesellschaftlichen Minderheit wächst, was für eine enorme Umverteilung in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat.
Aber das im einzelnen verständlich zu verfolgen, die empirischen Daten so exakt und auch (ja, tatsächlich!) spannend aufbereitet lesen zu können und nachvollziehbare Lösungsvorschläge für die anhaltende ökonomische Krise vorgelegt zu bekommen – das hat ausser diesem französischem Ökonomen noch niemand fertiggebracht. Zu Recht jubelt die kritische Wissenschaft.


geb. Beck C. H. 2014;
seit 2016 Beck-TB,
816 S., 16,95 €
ISBN 978-3-406-68865-2

Wem dieser Schmöker gar zu gwaltig geraten ist, der möge sich zunächst mit dieser gekonnten Einführung (nebst Rezensionsüberblick und Darlegung der wichtigsten kritischen Einwände gegen Piketty) befassen:

Kapitalismus:
Die ersten 200 Jahre

Thomas Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert" – Einführung, Debatte, Kritik

Stephan Kaufmann und Ingo Stützle


kartoniert Bertz + Fischer,
2014, 112 S., 7,90 €
ISBN 978-3-86505-730-3


Die Abwicklung

Eine innere Geschichte des neuen Amerika

George Packer

Das epochale Buch zur Lage der USA - so etwas schaffen nur die Amerikaner: Ein lesbares, unterhaltsames, spannendes Sachbuch über ein bedrängendes Thema zu schreiben - ohne dabei wissenschaftliche Standards zu missachten.

Das ist eine Schreibe, die es hierzulande nicht (oder kaum!) gibt. In Deutschland - so scheint es - müssen wissenschaftliche Reportagen oder Essays unlesbar sein, sonst genügen sie wissenschaftlicher Reife nicht. Dieses Werk (und Sie können beliebig andere, z.B. zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung nehmen - Sie werden eine Fülle von hochqualifizierten aber dennoch höchst spannend zu lesenden Abhandlungen finden, leider nur ein Bruchteil in deutscher Übersetzung!) spürt den Brüchen und Verwerfungen in der amerikanischen Gesellschaft in beinahe 50 Einzelporträits oder Reportagen nach, ein bislang beispielloses, anschauliches Unterfangen. Wer die heutige USA verstehen will, sollte dieses Buch lesen. (hn)


geb. FISCHER-Verlag 2012;
seit 2015 als Fischer TB,
509 S., 14,99 €
ISBN 978-3-596-03025-5


Gelebtes Leben

Autobiografie (Überarbeitete Neuausgabe). Mit einem Vorwort von Ilija Trojanow.

Emma Goldman

Aus dem Englischen übersetzt von Marlen Breitinger, Renate Orywa und Sabine Vetter, überarbeitet und mit einer Chronik versehen von Tina Petersen.

»Das gut 900seitige Werk ist eine erstaunlich aufregende Lektüre. Das liegt nicht nur daran, dass das Leben Emma Goldmans über die Jahrzehnte und Kontinente hinweg überaus aktiv und ereignisreich war (...). Es ist auch dem Tonfall geschuldet, in dem Emma Goldman dies alles beschreibt: der leidenschaftlichen, gleichsam atemlosen Getriebenheit, die sich durch die Seiten zieht, und die einen hineinzieht in das Entsetzen, die Entrüstung, das Engagement der Autorin.«
Catherine Newmark, Deutschlandradio Kultur


Emma Goldman (1869–1940), Anarchistin, Revolutionärin, Agitatorin, Frauenrechtlerin, beschreibt ihr ungewöhnliches, aufregendes Leben. Sie ist Sigmund Freud, Peter Kropotkin, Ernest Hemingway und Lenin begegnet, hat sich gegen die Wehrpflicht eingesetzt und für die Rechte der Arbeiter, der Frauen und Kinder und für die freie Liebe gekämpft. »Gelebtes Leben« ist das Zeugnis einer kämpferischen, unabhängigen Frau.
Emma Goldman, »die rote Emma«, war zu ihren Lebzeiten eine gleichermaßen verehrte wie gefürchtete Symbolfigur des Anarchismus. Sie wurde bekannt durch ihre Schriften, ihre Reden und ihre engagierten Kampagnen für die Rechte der Arbeiter, für Geburtenkontrolle, gegen die Wehrpflicht und für die Friedensbewegung.

»Goldmans Autobiografie ist nicht nur ein spannendes Zeitdokument der anarchistischen Bewegung. (...) Es ist zugleich das Selbstporträt einer Frau, die zwischen dem Wunsch nach sexueller und persönlicher Erfüllung und dem Drang, gegen Unterdrückung zu kämpfen, hin- und hergerissen ist. Vor allem hinterlässt es grenzenlose Bewunderung für eine Frau, die gegen alle Widerstände immer ihren eigenen Weg gegangen ist. Trotz der über 900 Seiten liest sich ihre Autobiografie wie ein atemlos geschriebener Roman, voller Leben und Engagement.«
Claire Horst, Missy Magazin

Marlen Breitinger, Übersetzerin und Schauspielerin, ging mit einer szenischen Lesung aus "Gelebtes Leben" auf Tournee und gastierte damit am 8. Oktober 2012 in unserer Buchhandlung.


kartoniert Edition Nautilius
2014, 926 S., 29,90 €
ISBN 978-3-89401-810-8



Das Projektil sind wir

Karl-Heinz Dellwo

Karl-Heinz Dellwo – Das Projektil sind wir, der Aufbruch einer Generation, die RAF und die Kritik der Waffen. Dellwo war als Mitglied der RAF an der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm 1975 beteiligt und dafür 20 Jahre inhaftiert … Mit diesem kritischen, politisch reflektierten Lebensbericht stellt er sich der Debatte.


Roman, kartoniert Ed. Nautilus 2007, vergriffen


Ulrike Herrmann – Hurra, wir dürfen zahlen.

Der Selbstbetrug der Mittelschicht

Die schwarz-gelbe Bundesregierung war für die Mittelschicht ein absehbar schlechtes Geschäft – und trotzdem hat diese Schicht, die noch immer die weitaus meisten Wahlberechtigten stellt, die „Koalition der Mitte“ an die Macht gewählt. Wie ist das zu erklären?
Die Redakteurin der "taz", Ulrike Herrmann, macht in ihrem Buch „Hurra wir dürfen zahlen“ einen interessanten Versuch, diesen „Selbstbetrug der Mittelschicht“ zu erklären.

Begütert ist die Mittelschicht nicht: Zu ihr zählt, wer zwischen 1000 und 2200 Euro netto im Monat als Single bzw. 2100 bis 4600 Euro als Ehepaar mit zwei Kindern monatlich verdient. Die Mittelschicht unterstützt in ihrer Mehrheit eine Politik, die vor allem der Oberschicht dient,

  • weil es die Reichen verstehen, ihre Macht und ihren Reichtum zu verschleiern,
  • weil der Glaube an den Aufstieg in der Mittelschicht ungebrochen ist,
  • weil sie ihren Status überschätzt und ihre Aufmerksamkeit darauf lenkt, sich von der Unterschicht abzugrenzen.

Die Deutschen scheinen zur Selbsttäuschung zu neigen. Es ist fast egal, wie viel jemand verdient, viele fühlen sich „fast reich“, nur 9 Prozent in Westdeutschland ordnen sich der Oberschicht zu und zur Unterschicht wollen nur 3 Prozent gehören - obwohl die ökonomische Realität völlig anders aussieht.
Zwar wisse die übergroße Mehrheit durchaus, dass die soziale Herkunft entscheidend sei, um zu Reichtum zu gelangen, doch über zwei Drittel glaubten an die „Leistungsgesellschaft“. „Obwohl die meisten klar erkennen, dass die Startchancen keineswegs gleich verteilt sind, wird Reichtum umstandslos akzeptiert.“ (48) Es ist geradezu paradox - an selbst profanen Beispielen, wie etwa der Partnerwahl (65) oder der „Begabtenförderung“ (66ff.) ja sogar der Wahl der Vornamen für die Kinder (101ff.) kann Ulrike Herrmann belegen, dass sich die Schichten immer stärker voneinander separieren und sich insbesondere die Elite immer mehr abschottet (65).

Unter dem Stichwort „Schickedanz-Syndrom“ beschreibt die Autorin das „seltsame Phänomen“, dass zwar objektiv der Reichtum zunehme, sich subjektiv aber immer mehr Reiche um ihre Zukunft sorgten. Die Reichen würden arm gerechnet, während die Armen zu den Reichen ernannt würden, die als Schmarotzer lebten und die „Leistungsträger“ aussaugten (Sloterdijk-Debatte).

Typisch dafür, wie sich die Reichen arm rechneten, sei der Verweis auf die Einkommensteuerstatistik, wonach etwa die obersten 20 Prozent der Steuerbürger über 70 Prozent des Gesamtaufkommens stemmten. Dabei würde allerdings verschwiegen, dass die Reichen keineswegs übermäßig belastet würden, denn selbst Spitzenverdiener zahlten im Durchschnitt nur 23,8% an Steuern auf ihr Einkommen. Selbst Multimillionäre wüssten sich arm zu rechnen. Der Verweis auf die Einkommensteuer sei aber auch schon deshalb eine Irreführung, weil diese Steuerart schon fast zur „Bagatellsteuer“ verkommen sei (77) und sich der Staat immer stärker durch die indirekten Steuern finanziere, die alle gleich betreffen. Für 2010 sei etwa die Körperschaftssteuer mit 7,2 Milliarden Euro niedriger eingeplant als die Versicherungsteuer mit 10,45 Milliarden Euro. Bei den Sozialabgaben würden die Reichen sogar prozentual weniger belastet als die Mittelschicht – ein recht seltener Fall auf der Welt (78).

Herrmann geht in weiteren Kapiteln dem Phänomen nach, warum sich die Mittelschicht so willig täuschen lasse. Als einen Grund nennt sie, dass die Nachkriegszeit und das Wirtschafswunder mental fortwirkten. Die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) habe die Selbstdeutung der Deutschen nachhaltig beeinflusst. Hierarchien oder der Klassenbegriff waren im Sprachgebrauch verschwunden und „Schichten“ wurden von „Milieus“ abgelöst. Teilhabe am Konsum sei maßgebend geworden. Dabei seien es nur verschiedene Arten gewesen, mit der eigenen Armut umzugehen – Armut sei Armut geblieben (86). Wenn Wut hochkomme, dann richte sie sich allein auf Manager und Politiker, aber nicht auf Millionäre oder Milliardäre.

Ein weiteres Element des Selbstbetrugs sei die Bildung oder wenigstens die Hoffnung, dass zumindest die Kinder aus der Mittelschicht aufsteigen könnten. Schon im Kleinkindlebenslauf fände inzwischen „eine Art Wettrüsten“ statt. Der eigentliche Stress beginne aber mit der Schule bzw. der Schulauswahl. Der Massenandrang auf die Gymnasien entwerte das Abitur, das kein Erkennungszeichen der Eliten mehr sei, daraus erkläre sich der Drang vor allem besser Verdienender, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken. Die Mittelschicht-Eltern bemerkten gar nicht, dass sie sich auf einen Konkurrenzkampf einließen, den sie nie gewinnen könnten. Statt darauf zu drängen, dass die staatlichen Schulen besser ausgestattet werden, fordere die Mittelschicht Steuersenkungen, wovon vor allem die Eliten profitierten, und entzögen damit dem Staat noch die letzten Mittel für eine Bildung, die für mehr Chancengleichheit nötig wären.

Zwar habe es in der deutschen Mittelschicht schon immer Abstiegsängste gegeben. Der Krisendiskurs sei stets ein Medium bürgerlicher Selbstverständigung gewesen, neu sei jedoch, dass die Sorgen durchaus berechtigt seien. Gehörten 2000 noch 49 Millionen Menschen der Mittelschicht an, so waren es 2006 nur noch 44 Millionen. Gleichzeitig fand sich rund ein Viertel aller Bundesbürger in der Unterschicht wieder (121).

Ulrike Herrmann geht dem Phänomen dieses Abstiegs nach, den sie als „deutschen Sonderweg“ bezeichnet (123), denn ökonomisch seien etwa die fallenden Reallöhne nicht zu erklären (125). Ihr scheint das eine Frage der Mentalität zu sein. So sei es auffällig, wie stark sich die Deutschen immer wieder von dem Arbeitgeber-Argument beeindrucken ließen, die Löhne dürften kaum steigen, weil sonst die internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet sei.

„Die deutsche Mittelschicht nimmt ihren eigenen Verlust nicht wahr, weil sie sich nach unten abgrenzen kann“ (126), die Zuversicht, niemals zum Prekariat zu gehören, verleite die Mittelschicht, sich mental mit den Unternehmern zu verbünden.

Die Verachtung für die Unterschicht wachse sogar, je stärker der eigene ökonomische Status bedroht werde. Die Gesamtstimmung in Deutschland sei: „Wer arm ist, muss sich den Verdacht gefallen lassen, eventuell ein Betrüger zu sein“ (130). Dieser uralte und nicht nur in Deutschland verbreitete Generalverdacht sei mit der Agenda 2010 offizielle Regierungspolitik geworden, wie Ulrike Herrmann mit zahlreichen Belegen untermauert. Die Wirkung blieb nicht aus: Nach einer Erhebung des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer im Jahre 2009 meinten 47 Prozent der Bevölkerung, dass Langzeitarbeitslose „arbeitsscheu“ seien und sogar 57,2 Prozent nahmen an, dass sich Hartz-IV-Empfänger „auf Kosten der Gesellschaft ein schönes Leben machen“ (135).

Dem von manchen „Experten“ (Sarrazin, Nolte, u.a.) und vom „Boulevard“ erzeugten Zerrbild über die „Unterschicht“, von dem sich die Mittelschicht nobel abhebe, wurde durch massive Kampagnen mit absurden Rechenbeispielen untermauert, wonach sich Arbeitslose besser stellen als Arbeitsplatzbesitzer. „Statt wahrzunehmen, dass die eigenen Realeinkommen fallen, vermutet man lieber, dass die Hartz-IV-Empfänger zu viel kassieren“ (155). Das Spiel, das die Mittelschicht mit sich treiben lasse, funktioniere folgendermaßen: „Die Reichen rechnen sich arm, während die Armen reich gerechnet werden. Damit verkehrt sich die Wahrnehmung, was eigentlich Ausplünderung ist. Es sind nicht mehr die Unternehmer, die ihre Angestellten ausbeuten – stattdessen beuten angeblich die Armen die Mittelschicht aus“ (158).

Wenn die Mittelschicht aber erst einmal glaube, dass der Staat nur noch den Armen nutze, dann stimme sie auch Steuersenkungen zu, von denen tatsächlich nur die Begüterten profitierten.

„Umverteilung“ sei in Deutschland ein „Tabuwort“, aber es werde permanent umverteilt – bisher allerdings von unten nach oben (179). Die Finanzkrise verstärke den Umverteilungsprozess: Zum einen, weil der Staat das Vermögen der Eliten rettete, indem er die Banken gestützt hat. Zum anderen, weil der Staat dafür Schulden aufnehmen musste und diese Kredite wiederum vor allem von den Eliten gewährt würden, die dafür die Zinsen kassierten. Bisher sehe es ganz danach aus, dass die Mittelschicht alleine auf den Kosten der Finanzkrise sitzen bleibe.

Ulrike Herrmann liefert keine wissenschaftliche Analyse, sondern eine Streitschrift in aufklärender Absicht. Ihr Buch „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ ist ein journalistisch gut geschriebenes und eingänglig lesbares Buch. Es hält der herrschenden Ideologie „der Mitte“ einen Spiegel vor, aus dem sich ein realistisches Selbstbild der Mittelschicht widerspiegelt, das aber so gar nicht dem entspricht, was diese Schicht sich selbst einbildet und was ihr täglich von den mächtigen Eliten eingeredet wird.

Es bietet eine Fülle von Fakten und nachvollziehbaren Argumenten - gegen die Westerwelles, Sarrazins, Merkels und Scheuerls (Volksabstimmung gegen die Hamburger Schulreform).
(hn, korr. 02.02.11)


kartoniert Westend Verlag 2010;
seit 2011 als Piper TB,
223 S., 11,00 €
ISBN 978-3-492-26485-3


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Kinder und Jugend

Mareike Krügel – Zelten mit Meerschwein

Für Anton, fast neun, stehen die Sommerferien vor der Tür und er freut sich auf den Urlaub mit seinem Vater und darauf, vor den anderen Kindern in der Schule, seine Ruhe zu haben. Doch als er am letzten Schultag zu seiner Mutter nach Hause kommt, ruft ihn sein Vater an, um ihm mitzuteilen, dass er arbeiten muss und die gemeinsamen Ferien der beiden ins Wasser fallen. Sein Vater ist Journalist und muss ins Ausland reisen, um Geld zu verdienen. Eigentlich muss seine Mutter auch arbeiten, aber da sie ihren Job sowieso in ein paar Wochen verlieren wird, beschliesst sie kurzerhand, lieber mit Anton zelten zu gehen, als weiterhin zur Arbeit.
Gesagt, getan, wird das alte Zelt vom Dachboden geholt, die Rucksäcke gepackt und beide marschieren los, Richtung Campingplatz und See.

Mit von der Partie ist Antons Meerschweinchen Pünktchen. Als die beiden nach einem langen Fußmarsch beim Campingplatz ankommen, werden sie von dem unfreundlichen Campingplatzbesitzer abgewimmelt, denn der Platz ist voll. Anton findet das gar nicht so schlimm, denn es sind ihm dort sowieso viel zu viele Kinder und auch ein zu großes und lautes Getümmel.

eine Mutter gibt nicht auf. Beide streifen durch den nahegelegenen Wald, bis sie eine kleine Lichtung für ihr Zelt gefunden haben. Zelten im Wald ist zwar verboten, aber für Antons Mutter die einzige Möglichkeit, um doch noch Ferien mit Anton und Pünktchen zu machen. Anton gefällt es ziemlich gut im Wald. Es gibt Mineralwasser aus der Flasche und Kekse direkt aus der Packung und der letzte Apfel wird durch drei geteilt. Er baut für Pünktchen einen Parcours aus Zweigen und fängt an zu schnitzen. Sie dürfen natürlich nicht entdeckt werden, doch das ist gar nicht so leicht. Als Erstes werden sie von Otto, einem kleinen Hund, gefunden, der sie von da an jeden Morgen besucht, um sich einen Keks abzuholen. 

Dann trifft Anton bei seinen Erkundungstouren durch den Wald auf Liane. Die raubeinige Liane will ganz genau wissen, was mit Anton los ist und steht ihm zur Seite, als erst Pünktchen und dann auch noch Antons Mutter verschwinden …

Mareike Krügel ist eine zarte und humorvolle Sommergeschichte gelungen, die durch die wunderbaren Zeichnungen von Nele Palmtag ergänzt wird.
(av)


Beltz und Gelberg Verlag
geb., 158 Seiten
Weinheim 2018, 12,95 €
ISBN 978-3-4078-2352-6
(ab 8 Jahre)


Alexander Smoltczyk – Päpste pupsen nicht

milla (ja, ihre Mutter hat den besagten Film gesehen) zieht mit ihren Eltern von Berlin nach Rom und wird dort in ein Abenteuer der besonderen Art verwickelt: sie und ihre Freundin Eloise nehmen einen Schwarm Stare über der Stadt wahr und finden nach und nach heraus, das dort, wo dieser Schwarm auftaucht, Menschen die Wahrheit sagen (und Berlusconi zugibt, ein Verbrecher zu sein).
Bei dem Versuch, dem Rätsel auf die Spur zu kommen, gelangen sie u.a. in den Vatikan, in dem Eloise wohnt, da ihr Vater als Kommandant bei der Schweizergarde arbeitet und stossen dort auf einige Merkwürdigkeiten...
Smoltczyk ist ein guter Kenner des Vatikans und neben vielen Informationen hierzu hat er gleichermassen einen spannenden Rom-Stadtführer für Kinder geschrieben in dem es auch an literarischen Anspielungen nicht mangelt.
Der Verlag hat zu dem Buch noch einen Stadtplan gedruckt, auf dem die Reise der beiden Mädchen gut nachzuvollziehen ist. Und natürlich wird auch der wahre Grund für den Papstrücktritt verraten …
(av)


ab 10 Jahren
geb. Dressler 2013;
seit 2015 Oetinger-TB,
190 S., 6,99 €
ISBN 978-3-8415-0341-1


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Spezial

Dossier zum Schriftsteller Klaus Modick

Klaus Modicks Werk kreist auf herausfordernde Weise um die Bedingungen schriftstellerischer Produktion. Offener als andere thematisiert Modick dabei das Spannungsverhältnis zwischen einem qualitativ hohen Anspruch und der Notwendigkeit, von seinem Beruf auch leben zu können. Insbesondere in seiner Literaturbetriebssatire „Bestseller“ (2006) hat Modick dieses Thema zugespitzt.

Modicks Büchern, unter denen sich auch direkt Autobiographisches wie das „Vatertagebuch“ (2005) oder die „Krummen Touren“ (2010) findet, vermeiden dabei Anbiederei an den Kritiker- oder Publikumsgeschmack und stellen vielfach eine kunstvolle Herausforderung dar.
So im „September Song“ an, wo er überwunden geglaubte erotische Verwicklungen eines echten Fünfzigers selbstironisch aufs Korn nimmt. Schon der an Kurt Weill angelehnte Titel dieses mit großer Leichtigkeit geschriebenen Romans signalisiert seine Nähe zur modernen amerikanischen Literatur.
In seinem bisher wohl besten Buch „Die Schatten der Ideen“ (2008), einer mit zeitgeschichtlicher Tiefenschärfe und intimer Landeskenntnis operierenden Mischung aus Politthriller, Campus- und Erotikroman, der die hysterische McCarthy-Ära der Verfolgung und Unterdrückung gesellschaftskritischer Intellektueller, Schriftsteller und Hochschullehrer, aufarbeitet.
Nach Amerika kehrt Modick zurück mit „Sunset“, ein kurzer, überwiegend auf reales Material zurückgreifender und nur zu kleineren Teilen frei verfahrender Lion-Feuchtwanger-Roman, der auf doppelte Weise triftig erscheint: als akademischer Stoff, denn über diesen Autor hat Modick vor gut dreißig Jahren (bei Karl Robert Mandelkow) seine Doktorarbeit geschrieben; und erneut in Hinsicht auf das Verhältnis zwischen Kunst und Kommerzialität.

„Klaus Modick entspricht in seinen Romanen jenen Wünschen an die neue deutsche Literatur, die seit Jahr und Tag die Debatten beherrscht, als das bedeutende Beispiel eines zugleich realitätshaltigen und spielerischen, hintergründigen und unterhaltsamen Erzählens. Seine Romane sind vielschichtig, geprägt von komplexen Motivverarbeitungen und literarischen Anspielungen, aber an der Oberfläche immer süffig und, wie man sagt, gut zu lesen.“ (Hubert Winkels: Deutschlandfunk)
„Intelligent und literarisch beschlagen hat Klaus Modick fest ein Publikum im Blick, das nicht gewillt ist, sich langweilen zu lassen.“ (Walter Hinck: Frankfurter Allgemeine Zeitung) Er schreibt mit „jener spezifischen Leichtigkeit, die in Deutschland einen schweren Stand hat. Sie ist gut komponiert, sie wird suggestiv erzählt; und sie leistet unangestrengt alles, was angestrengtere Literatur auch von sich verlangt. Literatur in Sicht!“

(Jochen Hörisch: Neue Zürcher Zeitung)

Am 4. Dezember 2013 hatten wir Klaus Modick mit einer Lesung zu seinem Buch »Klack« bei uns zu Gast

Modick umstritten – einige Beispiele anhand des Buches »Der kretische Gast«

Klaus Modicks Roman "Der kretische Gast"

KLAUDIA PREVEZANOS © Die Berliner Literaturkritik, 07.01.04

Das ist typisch - auf Buchbesprechungen kann man sich eben nicht verlassen. „Der kretische Gast“ von Klaus Modick will rezensiert werden. Ein Überblick bisheriger Abhandlungen in der Presse zeigt - völlig gegensätzliche Einschätzungen. Während zwei Journalisten mit ihrem Spott über das Epos nicht hinter dem kretischen Berg halten und von Karl-May-artigem Kitsch schreiben, ist ein weiterer Rezensent begeistert. Was also bleibt zutun? Selber lesen.

Zwei Geschichten erzählt der Oldenburger Autor Klaus Modick, die des Literaturstudenten Lukas Hollbach und die des Archäologen Johann Martens: Hamburg, im Winter 1975. Hollbach findet auf einem Flohmarkt zwei alte Fotos, die er kauft. Zum einen faszinieren sie ihn. Zum anderen glaubt er, den Mann auf dem einen Bild schon einmal gesehen zu haben. Er findet heraus, dass sie auf Kreta während des Zweiten Weltkrieges entstanden sind, und macht sich auf den Weg. Auf der griechischen Insel beginnt die Spurensuche, Hollbach lernt das Leben Martens’ kennen.

Zwei Orte, zwei Zeiten

Kreta, im Winter 1943: Martens soll auf der von Deutschen besetzen Insel Kulturgüter registrieren, die nach Nazideutschland gebracht werden sollen. Kulturdiebstahl. Doch die scheinbar gefahrlose Aufgabe wird das Leben des Mannes für immer verändern. Auf Kreta begegnet Martens auch Friedrich Hollbach, dem Vater des zweiten Protagonisten des Romans. Er ist Wehrmachtsoffizier in Griechenland und an Gräueltaten der Soldaten gegen die Bevölkerung beteiligt. Die Verknüpfungen der Schicksale von Martens 1943 und von Hollbach 30 Jahre später werden von nun an immer enger. Und natürlich kommt die Liebe ins Spiel.

Achtung, Kitsch-Alarm! Dass Hollbach die schicksalhaften Fotos zufällig auf irgendeinem Flohmarkt findet, erscheint manchem als zu konstruierter Einstieg. Dass sich der junge Hollbach auf Kreta dann ausgerechnet in Sophia verliebt, die Tochter der großen Liebe Martens’, mag auch zuviel des Guten sein. Es ist Modick außerdem anzumerken, wie sehr er selbst die griechische Insel liebt und sich davon mitreißen läßt. So sehr, dass er mitunter die Namen seiner Hauptfiguren verwechselt.

Die Anleihen bei Homer und dem klassischen Aufbau des griechischen Dramas - Krise, Steigerung zum Klimax, Höhepunkt der Verwicklungen, Katharsis und Läuterung der Seele - können darüber nicht ganz hinweg trösten. Zudem drängt sich der Vergleich mit dem Roman „Corellis Mandoline“ von Louis de Bernières auf. Darin gerät der italienische Besatzungsoffizier Corelli auf der griechischen Insel Kephallonia in ähnliche Nöte wie Modicks Held Martens. Doch bei allem Wohlwollen schneidet „Der kretische Gast“ dabei schlechter ab. Wie gesagt: Kitsch-Alarm. Der Vorwurf an Autor Modick kommt auch deshalb auf, weil seine bisherigen Romane davon weitgehend frei waren und - trotzdem oder gerade darum - intelligente Unterhaltung boten. Manch einem mag es nun zu schmalzig sein.

Helden, Pathos, Schmalz

Aber, ach, die Kitsch-Klippe umschifft Modick zwar nicht immer. Aber er hat trotzdem ein gutes Buch abgeliefert, das mehr als einige gute Seiten hat. Der Karl-May-Vergleich ist nicht ganz unpassend, weil „Der kretische Gast“ auch ein Abenteuerroman ist. Darin werden - darin sollen sogar - Heldentaten begangen werden. Er ist auch ein Reise- und Entwicklungsroman. Gleich zwei Menschen machen sich auf den Weg und sind am Ende nicht mehr die Gleichen. Sie müssen sich entscheiden, auf wessen Seite sie stehen. Martens gerät zwischen die Fronten der griechischen Partisanen und der deutschen Besatzungssoldaten. Hollbach muss erkennen, dass sein Vater nicht der Mann ist, für den er ihn gehalten hat. Und dass er doch sein Vater bleibt. Etwas Pathos (vom griechischen Wort „Leiden“) gehört dann auch dazu.

An die üppige Erzählung mit den großen Themen Liebe, Leidenschaft, Gewissen, Schuld und Sühne hat sich Modick im Großen und Ganzen mit Erfolg herangewagt. Dass er ab und an auf der Schmalzspur ausgleitet, sei ihm verziehen. Ist ja auch Geschmackssache. Was also bleibt zu empfehlen? Selber lesen.

Klaudia Prevezanos ist Journalistin und lebt in Köln

http://www.berlinerliteraturkritik.de


Der kretische Gast
geb. Eichborn 2003; seit 2017 KiWi-TB,
457 S., 12,00 €
ISBN 978-3-462-05105-6


Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2003

Friedmar Apel kann diesem Roman, der während der deutschen Besatzungszeit auf Kreta spielt, wo sich ein mit Beutekunst befasster deutscher Archäologe in eine Griechin verliebt, nicht viel abgewinnen. Eigentlich schätzt er den Autor als "versierten Produzenten intelligenter Unterhaltungsliteratur", betont Apel. In diesem Buch allerdings sei Klaus Modick von seiner allenthalben spürbaren Liebe zu Griechenland davongetragen worden und ergehe sich allzu schwelgerisch der Beschwörung der Schönheit der Insel, bedauert der Rezensent. Auch die Schilderung insbesondere der griechischen Protagonisten überzeugt ihn nicht recht, denn sie wirken auf ihn zu "pittoresk" um Anspruch auf Echtheit behaupten zu können. Die Dialoge schließlich moniert er als ziemlich "hölzern". Zu Apels Enttäuschung geht das Romangeschehen in "Kitsch und Klischee" unter, wobei sich der Autor, wie er kritisiert, durch seine Griechenland-Begeisterung zu allzu "emphatischen Stilmitteln" hinreißen lässt. Zur Kunst des Erzählens gehört eben auch das "Weglassen", mahnt Apel weise und er bedauert, dass der Autor dies in diesem Roman nicht beachtet hat.


Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.09.2003

Begeistert ist Jochen Hörisch von Klaus Modicks neuem Roman. Begeistert von der Leichtigkeit, mit welcher der Autor Zeitgeschichte, Philosophisches und Philologisches transportiert und vermittelt. Modick werde regelrecht von Erzähllust "vorangetrieben", schreibt Hörisch wohlmeinend, wie man sie sonst nur aus lateinamerikanischer Prosa kenne. Dabei scheue er auch nicht vor kolportagehaften Elementen, genau kalkulierten Sentimentalitäten und massenhaft literarischen Anspielungen zurück. Da werden spätere Doktoranden viel Dechiffrierarbeit leisten müssen, unkt Hörisch und nennt schon mal für diesen auf Kreta spielenden Roman Platons Gastmahl, Arkadien-Mythos und Orpheus-Klänge, Virilios Medientheorie und "psychoanalytische Quellen thalassaler Regressionslust" als mögliche Ansatzpunkte. Daneben sei "Der kretische Gast" auch ein gelungener Liebesroman, meint Hörisch, gegen den er überhaupt nichts einzuwenden finde, außer dass er fast zu perfekt erscheine.

Einfach Erzählen:

Klaus Modick und der kretische Gast – Hajo Steinert

Anders als Ulla Hahn, deren Roman eher mit erhobenem Zeigefinger geschrieben ist, gelingt Modick ein Balanceakt zwischen historischer Recherche und Abenteuerroman, Liebesromanze und Hommage an eine Insel, die sich vor allem in den siebziger Jahren großer Beliebtheit unter Rucksacktouristen erfreute. Die Erzählebenenen bei Modick changieren Kapitel für Kapitel zwischen den vierziger und siebziger Jahren. Aber welcher Möchtegernhippie wusste schon, dass dieses "Paradies" Kreta 1941 von den Nazis besetzt wurde? Dass die Nazis im Zuge ihrer Tyrannei Dörfer verbrannten und tausende Kreter, darunter vor allem Partisanen, hinrichteten? Und wer von uns hatte eine Ahnung davon, dass sich nach der deutschen Kapitulation englische Siegertruppen besiegte deutsche Einheiten zur Hilfe holten, um die kretische Unabhängigkeitsbewegung "Andartiko", die im Krieg noch Seit an Seit mit den Engländern stand, zu zerschlagen? - Das sind Fragen, die Klaus Modick bewegten. Er stöberte in zahlreichen historischen Quellen. Stimmig und unspektakulär arbeitete er sie in sein Buch ein.
Die Romanhandlung. Auf der Basis der historischen Fakten läßt Modick 1943 einen fiktiven Archäologen die Insel betreten, um reinrassige Kunstgegenstände für Hitlers geplantes germanisches Museum zu sammeln. Ein Dr. Martens gerät immer mehr in den Bann der Schönheit und Vitalität der Insel, verliebt sich in eine Kreterin, hier beginnt und endet die Romantik. Als Martens Zeuge eines blutigen Massakers seiner Landsleute wird, die Partisanen vor weiteren Aktionen der deutschen Besatzer warnt und dabei auffliegt, wird er wegen Sabotage verhaftet. Die Schilderung des inneren Konflikts zwischen deutschem Gehorsam und mediterraner Lebenslust gehört zu den stärksten Seiten des Romans. Schwächer kommen jene Siebziger-Jahre-Seiten daher, in denen Modick sämtliche Klischees abruft, die man mit der Generation verbindet: außer Pop und Kiffen nichts gewesen.

Dennoch bietet Klaus Modick ein aufregendes Leserlebnis. Nicht nur, weil er ein weitgehend unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte spannend für alle Lesergenerationen aufgearbeitet hat, sondern weil hier einer - selten genug in der deutschen Literatur - ohne großes Federlesen erzählt, einfach erzählt. Modick setzt das deutsche Schimpfwort "Schmöker" außer Kraft.

http://www.dradio.de



SPANIEN GELESEN …


Grandes, Almudena – Das gefrorene Herz

Almudena Grandes ist eine vielfach ausgezeichnete spanische Autorin – hier legt sie ihr "Opus Magnum" vor: Über drei Generationen spannt sie den Bogen der so unterschiedlichen Familien, die heute durch die Liebe von Alvaro und Raquel gezwungen werden, sich mit den Hypotheken der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Auf der Beerdigung seines Vaters entdeckt Alvaro eine ganz am Rande stehende Besucherin, Raquel ist es, die sein Leben und das seiner großen Familie vollkommen verändern wird. Schliesslich hat sein Vater seine machtvolle Stellung dem Verrat und Betrug an Raquels Vorfahren zu verdanken. Ein fürwahr turbulentes leidenschaftliches Werk über die bis heute tief gespaltene spanische Gesellschaft der Nach-Franco-Zeit, in der es noch viele weisse Flecken gibt, erzählt in vielen verschachtelten Episoden, Rückblenden, aber schliesslich zu einem grossen Roman "durchkomponiert".
Ein spannender Liebesroman, ein vielschichtiges Gesellschaftsportrait und ein bewegender Historienroman – all das findet sich in diesen 960 Seiten.

Wer von all dem noch nicht genug kriegen kann oder – umgekehrt – wer die Autorin erst einmal im etwas "risikoloseren" Taschenbuch kennenlernen möchte, dem sei das frühere Hauptwerk von Almudena Grandes ans Herz gelegt "Die wechselnden Winde".
Hier wird der historische Hintergrund, der Spanische Bürgerkrieg, nur ganz am Rande gestreift, im Vordergrund stehen die Schicksale von Sara Gomez und Juan Olmedo, die kunstvoll miteinander verflochten erzählt werden. Beide haben unterschiedliche Lasten zu schultern, sie aus ärmlichen Verhältnissen mit einer betrogenen Kindheit, er aus wohlhabenen Haus mit belastenden Familienkonflikten. Wie die tükischen wechselnden Winde des südlichen Spaniens um die Bucht von Cadiz so entfaltet sich die Geschichte, mal gezeichnte von Leidenschaft und Hass, mal geprägt von Liebe und Zutrauen.



Das gefrorene Herz
geb. Rowohlt 2009;
seit 2010 rororo TB,
ISBN 978-3-499-24767-5
960 S., € 12,99


Die wechselnden Winde
rororo TB, 2004,
ISBN 978-3499234200,
640 S., € 12,99


Raffael Chirbes

Vieles im Werk von Almudena Grandes erinnert an die eigenwilligen Romane von Raffael Chirbes – beide verwenden gekonnt die Technik einer verschränkten, verflochtenen Erzählweise, bei Chribes etwas gewöhnungsbedürftig nahezu ohne Punkt und Komma, kaum Absätze. Beide haben die historische und gesellschaftliche Wirklichkeit Spaniens im Fokus, die vielfach mit Deutschland vergleichbare, langjährig "unbewältigte", verdrängte Vergangenheit. Almudena Grandes schreibt vielleicht eine Idee unterhaltsamer.

Chirbes, Raffael – Krematorium
Ein grandioses Gesellschaftspanorama: die Familie als Ort des Besitzdenkens, die Zerstörung der Umwelt, Bauspekulation, schmutzige Geschäfte, Korruption, Drogen. Sexualität als Ware und gleichzeitig letzter Halt gegen die Auflösung jeglicher Verbindungen. Rafael Chirbes erzählt in »Krematorium« von einer aus den Fugen geratenen, von den Göttern verlassenen Welt, in der keine Gewissheit mehr gilt, in der Werte, Wörter und Utopien leere Hülsen sind. Und doch ist dieser Roman ein Rettungsversuch: Aus der Erzählung der Widersprüche einer Gesellschaft, die sich ganz dem Konsum und dem Mammon verschrieben hat, wird schmerzhaft deutlich, was wir verloren haben.

»›Krematorium‹ ist einer der besten spanischen Romane der letzten zehn Jahre. Eine brillante Analyse des wilden Kapitalismus unserer

Zeit.« La Vanguardia
»Rafael Chirbes vertraut der sozialen Funktion von Literatur, ihrer Fähigkeit zur Verständigung. Solange er schreibt, ist die Welt nicht verloren.« Erich Hackl.

Alle Bücher sind ursprünglich im Kunstmann-Verlag, München erschienen. Mittlerweile sind sie auch als Taschenbücher bei Fischer und Diana erhältlich.



Krematorium; geb. Kunstmann 2008; seit 2012 FISCHER TB
ISBN 978-3-596-18663-1, 432 S., € 10,99

Die sehr empfehlenswerten Bücher von Raffael Chirbes sind:

Die schöne Schrift
Die Ode an die Mutter, ein sehr schönes Buch!
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Der lange Marsch
Die Zeit nach dem Bürgerkrieg bis in Jahre der 60-er Jugendrevolte, eingefangen über eine Vielzahl von Einzelschicksale, sehr anschaulich.
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Der Fall von Madrid
Ein Tag des Umbruch, ein Tag der Geschichte, der Hoffnungen, der Wünsche – erzählt von vielen so unterschiedlichen Mensch am Todestag des Generalissimus Franco. Ein komplexes Spanienbild am Anfang der 80er Jahre.
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Alte Freunde
Der letzte Teil dieser Triologie - das Porträt einer Generation, die vor dreißig Jahren die Welt verändern wollte und in den Niederungen der Wirklichkeit angekommen ist.


Jaume Cabré – Das Schweigen des Sammlers

Wie schon in seinem vorherigen Roman "Die Stimmen des Flusses" zelebriert Cabrè auch in seinem neuen Buch die filmschnitt-artige Erzählungsweise über einen Zeitraum von mehreren Jahrhundeten hinweg: Wir erleben die beklemmende Zeit der Naziherrschaft in Italien, das Erwachsenwerden des jungen Adrià, das entbehrungsreiche Leben des Geigenholzfachmannes Jachiam Mureda und die intrigante Welt des Antiquitätenhändlers, Felix Ardèvol. Die Szenen wechseln, wir springen in den Jahrhunderten - allmählich entfaltet sich ein scheinbar logisches Mosaik von politischer und familiärer Geschichte, die Spannung scheint auf den Höhepunkt zu treiben, doch der Autor hat immer noch neue Wendungen zu erzählen - was für eine Spannung, was für eine Welt!

Jaume Cabrés Bücher erfordern Muße, sie schenken uns aber eine unglaubliche Vielfalt von Erlebnissen und historischen Enthüllungen, die tatsächlich jedes Mal lange, lange Nachwirken. (hn)

Der ebenso sehr empfehlenswerte Roman "Die Stimmen des Flusses" liegt bereits als Suhrkamp-Taschenbuch vor: Suhrkamp 2009, 666 S., ISBN 978-3-518-46049-8, 10,99 €


Das Schweigen des Sammlers
geb. Insel 2011;
seit 2013 Insel TB,
ISBN 978-3-458-35926-5
845 S., € 12,00