Die Buch- und Lese-Tipps der CvO-Belegschaft

Als Buchhändlerin oder Buchhändler liest mensch in der Regel mehr als die meisten anderen. Und diese Lektüreerfahrungen geben wir gerne weiter.

Nur so sind wir der Frage "ich suche etwas zum Geburtstag, sie wird 30 Jahre alt" gewachsen, aber natürlich auch der Suche nach einer einschlägigen Abhandlung zur Aktualität von Karl Marx.

Ganz ungefragt stellen wir Ihnen hier schon einmal einige ausgewählte Juwelen unserer Lesereisen vor.

Romane und Erzählungen ab 2018


geb., Verlag Matthes & Seitz, 
2020, 208 S., 22,00 €
ISBN 978-3-95757-845-7


Anne Weber – Annette, ein Heldinnen-Epos

Die vielfach ausgezeichnete Übersetzerin und Autorin Anne Weber wird für ihr Werk "Annette, ein Heldinnenepos" mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet - zu Recht. Das Buch erzählt in Versform (!) die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir. Der bald Einhundertjährigen begegnet Anne Weber vor wenigen Jahren zum ersten Mal und hier erzählt sie von ihrem unglaublichen Leben.

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Mit 16 Jahren tritt Anne Beaumanoir in die Résistance ein, rettet jüdische Kinder und wird Kommunistin. Später wird sie Medizinerin und geht im Kampf für ein unabhängiges Algerien in den Maghreb und dafür ins Gefängnis.

Dann kommen Flucht und die Trennung von Familie und Kindern. Heute lebt sie im Süden Frankreichs.

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https://literaturkritik.de/weber-annette-ein-heldinnenepos-fragiles-heldentum,26982.html

(hn)


Gebunden, Insel Verlag 2020
aus dem Schwedischen von Regine Elsässer
371 Seiten, 22,00 €, ISBN 978-3-458-17846-0


Marie Hermanson – Der Sommer, in dem Einstein verschwand

April 1923: Göteborg rüstet sich für die große 300jährige Jubiläumsausstellung: überall in der Stadt werden Straßen gepflastert, und wo sich vorher Kuhweiden befanden, werden Häuser und Plätze gebaut. Die Elektrizität hält Einzug und die Gaslaternen werden ausgetauscht. Innerhalb kürzester Zeit mausert sich Göteborg zu einer Großstadt. 

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Die Autorin lässt Ellen, eine junge Reporterin, und Nils, einen Polizisten, einer Verschwörung auf die Schliche kommen. Albert Einstein soll in Göteborg seine Nobelpreisrede halten - und ist das Ziel dieses Angriffs.

Marie Hermanson gelingt es, lebendig und unterhaltend, die Aufbruchstimmung und den Optimismus der zwanziger Jahre, sowie die dunklen Untertöne und Entwicklungen des Nationalismus in ihrem Roman einzufangen, ein teilweise humorvolles Buch, das dazu noch eine sehr menschliche Seite des Physikgenies zeigt.

(A.)


geb., Assoziation A 2020
aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold
704 S., 28,00 € 
ISBN978 3 86241 474 1


Wu Ming – Die Armee der Schlafwandler

Mit diesem neuen Wu Ming - Roman (siehe hier) setzt der Verlag Assoziation A diese Reihe fort. In bewährter Weise greift das Kollektiv auf einen historischen Stoff zurück:

Paris, im Januar 1793: Die Hinrichtung Ludwig XVI. unter der Guillotine steht kurz bevor, ein letzter Versuch zu seiner Befreiung scheitert. Es beginnt die dramatische Phase der Jakobinerherrschaft, der entflammten politischen Leidenschaften, der gegenrevolutionären Verschwörungen und Aufstände. Der Roman erzählt das epochale Ereignis der französischen Revolution voller Phantasie und in farbenprächtigen Bildern fast durchgängig aus Sicht des gemeinen Volkes, der rebellierenden Frauen und der Sektionen der aufständischen Kommune von Paris.

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Die Autoren experimentieren dabei mit Stilmitteln des historischen Romans in der Tradition Victor Hugos, Figuren der Commedia dell'arte, der derben Sprache des gemeinen Volkes in der zeitgenössischen Publizistik sowie einer bühnenreifen Komposition in der Art des Théâtre du Soleil von Ariane Mnouchkine. Es geht hier um eine Theateraufführung mit den Irren in den Rollen der Großen ihrer Zeit. "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" von Peter Weiss lässt grüßen. "Die Armee der Schlafwandler" ist ein raffiniertes Spiel mit allerlei Anspielungen mit Fakten und Fiktion, es ist eine temporeiche Geschichte, die viel Stoff zum Nachdenken bietet.

(hn)


geb., Edition Nautilus 2020
304 S., 22,00 €
ISBN 978-3-96054-220-9


Koschmieder, Christine – Trümmerfrauen. Ein Heimatroman

Christine Koschmieder erzählt wunderbar wütend darüber, wie das politische ins private dringt. Anke ist wütend, daß die ersehnte Freiheit und das Glück nach der Wende sich nicht einstellen wollte. Abgehängt fühlt sie sich, betrogen. Zusammen mit Gleichdenkenden gründen sie den Heimatverein und übernehmen das Clubhaus und immer mehr Parzellen in Ottilies Schrebergarten. Agressiv führen sie neue, deutsche Regeln ein, nehmen das ausländische Zeug von der Speisekarte und ersetzen es durch gute, deutsche Speisen. Völkisch wollen sie sein. Und vorbereitet. Auf den Zusammenbruch der BRD. Sie horten Unmengen an Dosen und Büchsenfleisch und planen die Übernahme.

Ottilie hat den Nationalsozialismus erlebt. Wohl behütet zunächst, dann erlebt sie Gräueltaten – und die Themen Schuld und Moral prägen ihr Leben. Die Rosenstöcke in ihrem Schrebergarten sind nach Wehrmachtsangehörigen benannt, die erschossen wurden, weil sie dem militärischen Wahnsinn am Ende des Krieges widersprachen. „Jeder entscheidet sich immer wieder aufs Neue: für das Gute oder eben für das Böse”.

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Auf einer zweitägigen Bustour zum Kyffhäuser Denkmal wird sie sich ihrer Vergangenheit stellen und Entscheidungen für ihre Zukunft treffen. Begleitet wird sie von Lou, vierzig Jahre alt und auf der Suche nach einem Platz im Leben.
Ottlilie ist durchaus lebensfroh, versäumt keine Gelegenheit, einen Schnaps zu sich zu nehmen, und ist bemüht, die schüchterne Lou mit dem Busfahter zu verkuppeln. Doch Lou kommt sich immer selbst in die Quere. Bzw. ihre Dämonen, die sie triezen und klein machen.

Nach der Wende ist Lou den umgekehrten Weg gegangen, in den Osten. Solidarität statt Konsum hat sie gesucht, doch ist sie nie angenommen worden. Immer ist sie die Wessi geblieben. Karola war so etwas wie eine Freundin. Doch die hat sich nun dem Heimatverein angeschlossen und lacht Lou aus für ihre Träume und ihren angeblichen Realitätsverlust. Währendessen sitzt Anatol, Lous Sohn im Flugzeug. Angetrunken und verbittert erzählt er zwei Nilpferdfiguren aus dem Überraschungsei von dem Ende seiner Träume, mit der perfekten Frau eine ebenso perfekte Familie mit Hilfe einer App zu gründen. Aber ein Ausraster führt dazu, daß er des Landes verwiesen wird. Die Beziehung zerbricht und er flieht in Ottilies Schrebergarten, die Hütte, an die er so friedliche Erinnerungen an seine Mutter und seine Kindheit hat. Doch als er dort, immer noch betrunken, ankommt, entdeckt er die Preppervorräte und Vorbereitungen für das Erntedankfest unter dem Motto "Unsere Wurzeln. Unsere Heimat. Unsere Ernte" des Heimatvereins und ihm ist klar, was hier passiert. In einem Anfall von Raserei reißt er die Rosen raus und sprengt Kohlköpfe in die Luft. und als Lou und Karola dazu kommen, kommt es zum Showdown …

Nur ganz langsam erschließt sich der rote Faden in diesem Buch. Aber die einzelnen Sequenzen treiben einen beim Lesen immer weiter, humorvolle Szenen wechseln zu dramatischen Rückblicken und sogar Anatols mitleidiges Gejammer hat einen gewissen Unterhaltungswert. Und auf einmal trifft einen die ganze Wucht der Geschichte.
C. Koschmieder erzählt von der schleichenden Infiltrierung rechten Gedankenguts in unsere Gesellschaft und der Verharmlosung völkischen Denkens. Sie erzählt von der Hilflosigkeit wenn die Lauten in der Mehrheit sind und das politische ins private dringt. "Und während wir noch ironisch verharmlosen, tanzt das ›Neue Denken‹ wie Rumpelstilzchen ums Feuer. Heute hol ich mir den Heimatbegriff, morgen das Volk, und übermorgen setze ich in die Praxis um, was hinter der Rhetorik steckt."
Trotz der düsteren Thematik ist der Roman unterhaltsam, rasant und in klarer Sprache geschrieben, genaus so wie das knallige Cover mit dem farbigen Schnitt vermuten läßt. Ich kann ihn sehr empfehlen.

Zitat aus dem Netz: Wie eine literarischen Kreissäge fräst sich "Trümmerfrauen" durch deutsche Geschichte und lässt Lebenswirklichkeiten aus Ost und West, Gegenwart und Vergangenheit aufeinanderprallen.

(B.)


geb., Hanser-Verlag 2020, 318 S., 23,00 €
ISBN 978-3-446-26565-3


Abbas Khider – Palast der Miserablen

Südirak in den neunzigern. Shams Hussein lebt abgeschieden und einfach in einen Dorf, in dem alte Stammesstrukturen und die Geschichten der Alten präsenter sind, als die Politik im fernen Bagdad. Doch die Bomben während der Angriffe gegen Kuweit schlagen auch im Dorf ein und Milizen stürmen die Häuser. Niemand ist sicher, es werden öffentliche Bestrafungen vorgenommen und Männer gedemütigt. Das Embargo sorgt für bittere Armut und Wilkür und Gewalt bedroht die Menschen. Eines Tages beschließt der Vater, daß es genug ist. „Gegen Rache gib es kein Heilmittel und das halbe Land will sich nun rächen”.
Keine einfache Entscheidung, die Familie wird alles verlieren, ihre soziale Stellung, ihr Haus und Land. Doch Shams Familie hält zusammen und sie sind optimistisch und bereit, ihr Schicksal erneut in die eigenen Hände zu nehmen. 

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Sie gehen nach Bagdad und kommen bei Verwandten unter. Sie werden herzlich aufgenommen, doch die Zeiten sind hart und es ist eng. Die Familie muß sich bald etwas anderes suchen … Sie bauen aus den Funstücken auf dem Müllberg eine Unterkunft. Trotz der trostlosen Umgebung erhalten sie die Strukturen aufrecht und nehmen jede Arbeit an, die sich bietet. Stück für Stück wird die Hütte verbessert und sie verdienen sich einen Platz in der Gemeinschaft.
Der jugendliche Shams macht sein Abitur und versucht, herauszufinden, wer er ist und sein möchte. Auf dem Markt der Einäugigen ist er bekannt, dort arbeitet er mal als Wasserverkäufer, Lastenträger oder Verkäufer. Hier entdeckt die Literatur, die Kraft der Worte und Schönheit der Poesie. Er bekommt die Möglichkeit, einen Buchstand in der Gasse der Antiquariate zu betreiben.Über einen Bekannten lernt er schliesslich den Palast der Miserablen kennen, einen geheimen Club in einer Altbauwohnunge in Bagdads Innenstadt. In der Wohnung eines erblindeten Musikers und Langzeitstudenten treffen sich Musiker, Malerinnen, Buchhändler und Autorinnen. Allesamt Kritiker des herrschenden Systems. Und in ständiger Gefahr aufzufliegen. Doch Shams ist faszieniert von diesen Menschen, die so gebildet, informiert und besonders waren. Er saugt alles auf und nimmt regelmäßig an den Treffen teil.
Eine ganz neue Welt öffnet sich für ihn und endlich kann er auch die Erlebnisse und Gräueltaten seiner Kindheit einordnen und verstehen.

Ich fand den Roman von Abbas Khider sehr lesenswert. Durch den lockeren Ton und den Optimismus der Familie ist die Erzählung trotz der schrecklichen Schilderungen von Gewalt und Armut immer vorwärtstreibend, es ist spannend und interessant erzählt, wie sie vorgehen und sich entwickeln. Durch diesen Roman ist mir ein neuer Blickwinkel auf Saddams Terrorherrschaft eröffnet worden, eindringlich und mitreißend.

(B.)


geb., dtv Verlag 2019
Übersetzung: Spatz, Sylvia
720 S., 25,00 €
ISBN 978-3-423-28198-0


Claire Lombardo – Der größte Spaß, den wir je hatten

Die 30-jährige Claire Lombardo erzählt in ihrem 700-seitigen (!) Debütroman von einer Familie, die zwar nicht heil ist, aber erstaunlich haltbar. David und Marilyn lernen sich in den 70er-Jahren als Studenten kennen. Kurz hintereinander kommen die ersten zwei Töchter zur Welt. David macht Karriere als Arzt. Marilyn verzichtet auf einen Beruf.

Sie findet ihr nicht immer einfaches, aber konsequent verfolgtes Glück in der Verwaltung und emotionalen Bewirtschaftung der mittlerweile sechsköpfigen Familie. Am Vorbild einer solchen Traumehe droht die emanzipierte, zwischen diversen Lebenskonzepten voller Irrungen und Wirrungen, voller geplatzer Träume und schnöder Lügen hin und her schliddernde Nachfolgegeneration zwangsläufig zu scheitern. 

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Was die vier ungleichen Schwestern vereint, ist die Angst, niemals so glücklich zu werden wie die eigenen Eltern. Dann platzt Jonah in ihre Mitte, vor fünfzehn Jahren von Violet zur Adoption freigegeben – dieser ungewollte Sohn wirbelt das Familienchaos noch einmal kräftig durcheinander …

Es ist ein Buch, das das echte Leben zeigt – das spannend und auch witzig ist, und vor allem niemals trivial – eine Einladung, im Lektüresessel zu versinken, Unterhaltung pur. Es fesselt mit raffinierten Zeitsprüngen und spannungsreichen Perspektivwechseln der Figuren und einem ungemein plastisch gezeichneten Charakterensemble.

(ma)

 

Eine große Zusammenstellung zu Emmy Ball Hennings,
»Bühnenglanz und Prekarität – eine große Tochter Flensburgs«, 
finden sie bei unseren Spezials.

 


geb., Diogenes 09.2019,
aus d. Englischen von Stefanie Schäfer,
656 S., 26,00 €
ISBN: 978-3-257-07056-9


Kenneth Bonert – Der Anfang einer Zukunft

Südafrika Ende der 80er-Jahre, das politische und soziale Erwachen eines ganzen Landes: Martin Helger, 16, mogelt sich durch eine jüdische Eliteschule in Johannesburg, die sein im Schrotthandel reich gewordener Vater Isaac finanziert, während sein Bruder Marcus gegen Isaacs Willen zur Armee geht. Da bekommt die Familie Besuch aus den USA. Annie ist die ungewöhnlichste junge Frau, der Martin je begegnet ist. Offiziell ist sie Lehrerin in den Townships, undercover aber Anhängerin Mandelas, und sie reißt Martin mitten hinein in den gärenden Konflikt. (Klappentext)

Kenneth Bonert hat schon mit seinem ersten Roman “Der Löwensucher” sehr beeindruckt. Nun, 60 Jahre später, ist Isaac Helger, der Held des mehrfach preisgekröntem Debütromans, alt geworden und längst fühlt er sich in seiner Wahlheimat nur noch bedingt willkommen.

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Als Annie, Austauschstudentin aus den USA, bei ihnen einzieht, ändert sich für den jugendlichen Martin Vieles. Es sind nicht nur ihre weiblichen Reize die ihn teenagertypisch komplett verwirren.
Sie öffnet Martin die Augen, er nimmt zum ersten Mal die Gesellschaft der Apartheid richtig wahr: Die junge Frau nimmt ihn mit nach Julius Cäsar, einem Township am Rande von Johannisburg, wo sie an der einzigen Schule vor Ort als Lehrerin auf Zeit arbeitet. Martin sieht, unter welchen Bedingungen große Teile der Nicht-weißen-Bevölkerung leben, er ist beeindruckt und erschreckt zugleich. Als Jude hat Martin selbst auch schon Schmähungen erfahren, Antisemitismus kennt man in Südafrika leider auch. Wie allerdings mit den Schwarzen umgegangen wird, hat er sich nicht vorstellen können, er lernt das andere Südafrika jenseits der "gated communities" kennen. Hier erzählt ihm ein schwarzer Widerständler im Untergrund, was es heißt, schwarz zu sein. Und dort erläutert ein weißer Polizist seine Sicht auf die Dinge und wieso diese gesellschaftliche Ordnung für ihn Sinn macht. Spürbar ist auch der Einfluss von außen durch die politischen und wirtschaftlichen Sanktionen anderer Länder – das Land gerät unter enormem Druck.
Martin muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht. Diese Spannung überträgt Kenneth Bonert sehr treffend und glaubwürdig in seinen Roman.
Schon bald gerät er ins Visier von Captain Wilhelm François Oberholzer, einem überzeugten Nationalisten und Judenhasser. Dessen verstorbener Vater wurde vor Jahren von dem alten Isaac Helger in den Ruin und letztendlich in den Tod getrieben, behauptet er. Nun will sich der junge Oberholzer an der jüdischen Familie rächen. Doch mehr und mehr begehrt die schwarze Bevölkerung auf gegen die Vorherrschaft der Weißen, die wiederum um ihre Privilegien, wenn nicht um ihr Leben fürchten. Selbst Isaac Helger würde „ihnen”, den Schwarzen, in absehbarer Zeit „nicht einfach ein modernes Land anvertrauen. Sie brauchen Anleitung und vernünftige Bildung, ehe sie dazu bereit sind, in der Politik mitzumischen.“ Captain Oberholzer formuliert seine Position wesentlich drastischer: „Wir Afrikaaner sind der weiße Stamm Afrikas. Es ist unser Land, unser Schweiß, unser Blut, unsere Geschichte. Und niemand – niemand – sonst verdient es zu regieren.”

Bonert schildert ein Land am Rande des Abgrunds. Er ist ein genauer Beobachter, er kennt aus eigenem Erleben die Zustände in Südafrika vor der Abschaffung der Apartheid, gnadenlos schildert er den Verfall seines Geburtslandes. Und genau das macht seinen Roman so interessant und lesenswert - seine Fähigkeit, diese Kenntnisse zu einem vielschichtigen literarischen Stoff zu verarbeiten.

(hn)


geb., Dumont 2019, 256 S., 20,00 €, ISBN: 978-3-8321-8448-3
> Jetzt im TB: ISBN 9783832165307, 10,00 €


Ewald Arenz – Alte Sorten

Sally, siebzehn, ist abgehauen. Aus der Klinik, ihr ist alles zuviel. Die Ratschläge, die flehenden Blicke der Eltern, die Ärzte, sie hat keinen Bock mehr, auf niemanden. Wütend trifft sie auf Liss, die allein einen Hof bewirtschaftet und auf dem Feld mit dem Traktor Hilfe braucht.

"'Kannst du eben mit anfassen?' Die Frage war so unvermittelt gekommen, dass Sally zusammenschrak. Dabei war sie völlig ruhig gestellt worden, wie eine echte Frage, ohne Aufforderung. Keine Frage, in der - so wie eigentlich immer - schon ein Befehl steckte. 'Magst du mir nicht ein bisschen helfen?' 'Magst du nicht ein bisschen essen?' 'Magst du mir mal das Wasser reichen?' Das waren die Scheißfragen, auf die man jedes Mal antworten musste: Nein. Mag ich nicht. Ich tu es, weil ihr stärker seid als ich. Weil ihr bestimmen könnt. Weil ihr aus irgendeinem Grund machen könnt, dass ich für euch etwas tun muss. Aber: Nein! Ich mag nicht! Fragt mich doch gar nicht erst! Tut doch nicht so, als könnte ich entscheiden! Befehlt mir einfach. Sagt: Sally, du Scheißmädchen, hilf mir."

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Sally ist reserviert, hilft ihr aber. Nach kurzer Zeit schon bemerkt sie, daß Liss anders wirkt, nicht typisch besorgt nachfragt. Eher beiläufig, scheinbar ohne weiteres Interesse, wo Sally herkommt, bietet sie ihr an, die Nacht im Haus zu verbringen. Als sie am nächsten Morgen in die Küche kommt, ist Liss schon unterwegs, doch etwas geschnittenes Obst liegt für Sie bereit. Verstohlen probiert Sally etwas davon und legt es ebenso schnell zurück. Doch niemand zwingt sie hier. Liss scheint es egal zu sein, ob Sally ißt oder nicht, bleibt oder geht. Die Tage vergehen. Ihr ist, als ob sie besser atmen kann, bei dieser Frau, bei diesem Landhofleben welches beileibe keine Idylle ist, Die harten Seiten des bäuerlichen Landlebens werden nicht verschwiegen. Doch je länger sie bleibt, ihr zusieht und auch hilft, wenn Liss sie fragt, fragt sie sich nach den Gründen für Liss Einsamkeit, nach den Menschen, die hier mal gewohnt haben müssen - aber Liss schweigt. Doch sie erinnert sich. An ihre Kindheit auf dem Hof, der strenge Vater. Die geplante Flucht, weg vom Hof und in die Welt, dann der Verrat, der sie alles gekostet hat. Sie fragt sich, wie es weitergehen soll, gefangen in der Pflicht und Einsamkeit. Zeitgleich erlebt Sally auf dem Hof, der Art, wie Liss die Dinge handhabt, wie sie wieder auftaucht aus ihrer Wut. Die Arbeit mit der Erde und den Früchten hilft ihr immer mehr, bei sich anzukommen und sie fängt sogar wieder an zu essen.
Gerade als die beiden Frauen sich etwas öffnen und anfangen sich kennenzulernen, bricht die Außenwelt herein. Sallys Eltern und die Polizei haben sie gefunden, und sie holen sie fort. Beide sind wieder alleine, doch Sally kämpft, diesmal für sie beide. Die Geschichte ist nicht neu, doch der Ton und die leise Art und schöne Sprache sind besonders. In wechselnden Perspektiven erzählt Ewald Arenz von zwei Einzelgängerinnen, die sich gemeinsam wieder dem Leben stellen werden.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen, die Rückblicke haben Spannung in die Geschichte gebracht. Die stille Übereinkunft der Frauen erinnerte mich manchmal an „Altes Land“ von Dörte Hansen.

(bm)


kt., dtv 2019,
587 Seiten, 17,90 €,
(Übersetzung Gabriele Haefs und Hannes Langendörfer)
ISBN 97834232662224


Sissel-Jo Gazan – Was du von mir wissen sollst

Rosa wächst in den achtziger Jahren in Aarhus auf. Sie lebt mit ihrer Hippie-Mutter Helle und dem schwulen Künstler Krudt, der ihr Ersatzvater ist, zusammen und hat keine Ahnung, wer ihr leiblicher Vater sein könnte. Irgendwann entdeckt sie eine Photographie mit drei Männern, von denen einer Rudi Dutschke ist und sowohl ihre Mutter als auch Krudt lassen sie im Glauben, dass jeder dieser drei Männer auf dem Photo ihr Vater sein könnte.
Doch da sie ja Krudt hat und ein abwechslungsreiches Leben führt zwischen Schule, Besuchen bei der poesieliebenden, ihr Pablo Neruda zitierenden Großmutter und den politischen Aktivitäten ihrer Mutter, quält die Frage sie auch nicht allzu sehr. Sie geht in der benachbarten Kommune ein und aus und entdeckt schon früh ihre Leidenschaft für die in Aarhus gerade beginnende Street-Art Bewegung.

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Bald ist sie selber mit ihrer türkischen Freundin Sevim unterwegs, um die Kunstwerke zu registrieren und selber welche zu hinterlassen. Durch ihre erste große Liebe Tom kommt sie mit der Hausbesetzer-Szene in Kontakt, lernt aber auch gleichzeitig durch ihren Freund Jacob eine junge, konservative Clique kennen, mit der sie viel Zeit verbringt. Sie hält sich selber für unpolitisch, ihre Leidenschaft gehört den Sprayern und ihren Kunstwerken. Zwanzig Jahre später arbeitet sie an der Kunsthochschule von Aarhus und hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Um ihre Doktorarbeit zu schreiben, reist sie auf den Spuren des Street-Art-Künstlers INKAP nach Berlin und hofft dabei, auch dem Geheimnis um ihren leiblichen Vater näher zu kommen …

Sissel-Jo Gazan ist ein bewegender Roman über Familiengeheimnisse, Freundschaft, Liebe und Street-Art gelungen. Der Roman hat mir neue Einblicke in die Graffiti-Szene verschafft und ein anderes Verständnis dieser Kunst vermittelt. Der Roman ist politisch interessant, gibt gute Einblicke in die achtziger Jahre und die Hochzeit der Friedensbewegung, spart auch die aktuellen politischen Entwicklungen nicht aus. Kurzum: ein spannender, vielschichtiger Roman.

(av)


geb., suhrkamp nova 2019,
219 S., 18,00 €
ISBN 9783518469958


Kristin Höller–- Schöner als überall

Es fängt an wie eine kleine Geschichte und plustert sich auch nie zum großen Drama auf. Martin und vor allem Noah klauen in sommerlicher Partylaune den Speer der Athene vom Münchner Königsplatz, und weil sie nicht wissen, wohin mit ihrer Trophäe, fahren sie spontan nach Hause, sechshundert Kilometer in das Kaff im Rheinland, von wo sie vor zwei Jahren auszogen.
Noah ist seit Kindertagen der beste Freund von Martin, auch weil der ihn an seinem privilegierten upper-class-Leben teilhaben liess, aber jetzt steht der Speer zwischen ihnen. Bei Martin ist immer alles komplizierter. Er kommt aus einer eher kleinbürgerlichen Familie, für deren Spießigkeit er sich schämt, und ist so durchschnittlich, dass es ihm selbst wehtut. Als Noah das blöde Ding in der örtlichen Kiesgrube entsorgt und nun um sein bisschen Film-Karriere zittert, weil die Sache ja auffliegen könnte, ist der sonst so stille und demütige Martin außer sich: Wollten sie nicht immer anders als ihre Eltern sein, mutiger, freier, wahrhaftiger?

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Und jetzt denkt dieser Egoist nur an seinen lächerlichen Ruf als C-Promi.
Den Hass auf die selbstzufriedenen "Bonzen" hat Martin von seiner großen Liebe, die direkte, umwerfende Maria alias Mugo (wie "Mutter Gottes"). Auch sie ist überraschend zurück, wohnt wieder im Plattenbau und jobbt in der Tankstelle, Mugo, das unversöhnliche wütende Energiebündel. Sie konnte Noah noch nie ausstehen. Und Martins Zuneigung flammt wieder auf, wenn er mit ihr wie früher auf dem Dach des Regionalbahnhofs sitzt, wo sogar das Hässliche schön wird.
Sie sind alle wieder da, als ob sie sich kurz ausruhen wollen, festhalten an den alten Ichs, "weil es hier wieder leicht ist, hier gibt es die Bösen, und ich bin bei den Guten, und es ist niemand da, der es kompliziert macht".
Allerdings, in der Luft hängt Verzweiflung und der Anisduft, der von den Fenchelfeldern herüberweht. Verzweiflung, weil da draußen, jenseits des Kaffs, das Sich-Finden gar nicht so einfach war, wie es die Jugendträume versprachen.
So weit wäre "Schöner als überall" nur eine klassische Spießerfarce, das Coming-of-Age eines altklug schwadronierenden Holden Caulfield. Seit "Tschick" werden auch ältere Herren und A-Promis aus dem Fernsehmilieu auf der literarischen Suche nach ihrer verlorenen Jugendzeit sentimental, so zuletzt Axel Milberg in "Düsternbrook" und Matthias Brandt in "Blackbird". Aber so einfach macht es sich Kristin Höller nicht. "Alles hier sieht aus wie eine Kulisse, wie die Attrappe einer Provinz, hergerichtet für einen Kinofilm über wütende Jugendliche", aber es gibt weder eine Explosion noch ein versöhnliches Happy End. "Es wird alles immer komplizierter, je länger man darüber nachdenkt". Mugo ist keine Heilige, nur ein "bockiger Teenager", hängengeblieben in der Provinz, gescheitert mit ihren Ambitionen und vorbestraft. Noah ist kein narzisstisches Arschloch, seine Mutter nicht die verzweifelte, frustrierte Vorstadttussi, für die Martin sie hielt, und auch dessen eigene Eltern sind keine peinlichen Gartenzwerge.

"Schöner als überall" ist nicht nur eine kleine Erzählung über Weggehen, Heimkehren und den Abschied von der Kindheit. In diesem beeindruckenden Romandebüt steckt so viel Zartheit, Wahrheit und gar poetische Originalität, ein eigenwilliger, kunstvoller Stil - es ist viel mehr als nur ein charmantes Jugendbuch. Martin kehrt allein nach München zurück. Er hat nun keine Übermenschen mehr, aber ein paar Freunde fürs Leben, und er weiß jetzt, was er will - ungefähr. Man muss keine Speere in den Baggersee werfen, um Kreise zu ziehen.
Auch wenn man diesen Roman sofort jungen Menschen in die Hand drücken möchte: Die Autorin, Jahrgang 1996, hat eine dieser raren Geschichten aufgeschrieben, in denen es für alle wurscht ist, wie jung (oder alt) die Figuren sind. Wie bei Wolfgang Herrndorfs "Tschick" oder Salingers "Fänger im Roggen": Wie sich Höllers Mitte-20-Jährige mit sich und der Welt auseinandersetzen, ist vor allem nie banal. Hier trockener Witz, dort treffliche, nachdenkliche Erkenntnis. Das verlangt nach sofortigem Durch-Lesen - diese Stunden sollten wir uns nehmen, gleich! Dem Sog sollten wir uns hingeben …

(mn & hn)


geb., Diogenes 2019, 528 S., 24,00 €
ISBN 9783257070620


Raffaella Romagnolo – Bella Ciao

Die Handlung des Romans beginnt Ende des Jahres 1900: Unter ärmlichsten Verhältnissen leben die Kleinpächter und Fabrikarbeiter in Borgo di Dentro, einem fiktiven Ort im Hinterland nordwestlich von Genua, Ende des 19. Jahrhunderts. Schon als kleine Mädchen mussten Giulia und ihre Freundin Anita in den Seidenspinnereien hart arbeiten. Der Lebensweg scheint für beide vorgezeichnet zu sein, denn Giulia ist mittlerweile schwanger und wird den Vater ihres Kindes, Pietro Ferro, bald heiraten. Doch dann muss sie erfahren, dass Anita sie mit Pietro betrügt. Tief enttäuscht und voller Wut verlässt die Hintergangene bei Nacht und Nebel das Dorf und flieht mit wenigen Habseligkeiten über Genua nach New York.
Nach nun fast 50 Jahren kehrt Giulia, jetzt eine wohlhabende Amerikanerin mit ihrem Sohn Michael nach Borgo zurück. Will sie abrechnen, gar Rache? Nein, tatsächlich möchte sie keinen großen Auftritt, sondern unerkannt durch die Gassen flanieren, in Ruhe die Orte ihrer Vergangenheit aufsuchen, alte Erinnerungen zum Leben erwecken, Veränderungen wahrnehmen. Allerdings: Sollten Anita, Pietro und andere noch leben, so möchte sie erfahren, wie es ihnen ergangen ist, und sie möchte Antworten hören, warum man sie hintergangen hat. 

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In den 5 Tagen ihres Aufenthaltes erzählen ihr die Zurückgebliebenen von den schweren Zeiten, die sie in zwei Weltkriegen, dem Aufstieg des italienischen Faschismus und dem Partisanenkampf gegen den Diktator Benito Mussolini erleben mussten. So erfährt Giulia von tiefen Wunden und großem Leid, die diese Geschehnisse hinterlassen haben, aber auch von Liebe, Mut und Tapferkeit.

Bei allen diesen Geschichten der „kleinen und grösseren Leute“ aus der Provinz verwebt Romagnolo gekonnt deren persönliches Schicksal mit den Ereignissen aus Politik und Weltgeschichte, sodass ihr eine atmosphärisch dichte und spannende Darstellung der italienischen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelungen ist.
Darüberhinaus: Neben dieser Handlungsebene rund um die Geschehnisse in Borgo di Dentro, die vor allem Anita Leone und deren weit verzweigte Familie betreffen, gibt es noch eine zweite, die dem Leben Giulias in New York gewidmet ist - hier schildert sie den steinigen Weg italienischer Migranten in den USA hin zum mühsam erarbeiteten Wohlstand - sowie eine dritte, die die Tage des Besuches im Jahr 1946 umfasst.
Auf einem sprachlich eleganten Niveau verquickt die Autorin diese verschiedenen Ebenen kunstvoll miteineinander und lässt uns überzeugende, ausgesprochen starke Frauenfiguren kennenlernen in einem hochinteressanten Abschnitt der italienischer Geschichte.

(hn)

 

Zwei besondere, wenn auch zu Recht schon sehr erfolgreiche Tipps seien kurz erwähnt:

Carsten Jensen – Der erste Stein

Einmal empfehlen wir Carsten Jensen, der verdientermaßen den Europa-Preis 2018 der hiesigen Europa-Universität Flensburg erhalten hat - insbesondere möchten wir Ihnen sein jüngstes, in diesem Jahr im Taschenbuch erschienenes Werk "Der erste Stein" [Penguin TB - ISBN 978-3-328-10295-3, 13,00 €] nahelegen, eine fulminante Auseinandersetzung mit der "westlichen" Intervention in Afghanistan.

Dörte Hansen – Mittagsstunde

Zum anderen ist das neue Buch von Dörte Hansen"Mittagsstunde" (Penguin Verlag, gebunden - 978-3-328-60003-9 - € 22,00) eine nochmalige Entdeckung nach ihrem schon überzeugenden Debüt "Altes Land" (Penguin TB 2017, 978-3-328-10012-6 - € 10,00)!

 


geb., Unionsverlag 2019
übersetzt aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein
441 S., 24,00 €
ISBN 978-3-293-00542-6

> Jetzt im TB: ISBN 9783293208872, 16,95 €


Leonardo Padura – Die Durchlässigkeit der Zeit

Eine Schwarze Madonna, ursprünglich aus den Pyrenäen, jetzt in Kuba beheimatet, wurde gestohlen - und die Suche nach ihr führt in die Abgründe Kubas. Der neue Roman von Leonardo Padura hält jede Menge Einblicke in die kubanische Gesellschaft bereit und überrascht – wieder einmal (siehe "Ketzer" in unserem Archiv) – mit reizvollen Zeitsprüngen. Ermittler Mario Conde, der ja schon seit Jahren nicht mehr bei der Polizei arbeitet, sondern sich als Verkäufer antiquarischer Bücher durchschlägt, wird 60 – und das Alter setzt ihm zu: Mann wird nicht schöner, die Potenz lässt nach, der Rücken tut weh, weniger Chancen bei den Frauen tun sich auf – was bei ihm eigentlich egal ist, denn er liebt seine Jugendfreundin Tamara weiterhin heiß und innig.
Und dann ist da die Armut, der Hunger, die politische Verzweiflung und der Diebstahl, der sowohl in die finstersten und als auch die edelsten Viertel von Havanna führt. Hier vermischt sich der persönliche Abgrund mit dem Kubas, das aus der wirtschaftlichen Krise, die sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der fehlenden Unterstützung der Bruderländer zuspitzte und die bis heute andauert, kaum mehr heraus kommt. Leonardo Padura schreibt komplexe Gesellschaftsromane, schildert das Leben der kleinen Leute heute, er geht in die Slums, schreibt über illegales Bauen, über vertane Chancen, Benachteiligungen und Diskriminierungen.

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In dieser Geschichte um die Schwarze Madonna trifft es auch ihren Besitzer, Bobby, denn als Schwuler wurde er schikaniert und ausgegrenzt. Der Clou: Seine schwarze Madonna enthält ein Geheimnis, eine kleine Hommage an den Malteser Falken von Dashiell Hammett.
Wie schon in seinem Roman "Ketzer", als er die Geschichte der Juden Europas mit der Kubas verknüpfte, entwickelt Padura einen eigenständigen historischen Rückblick, der von der Geschichte der schwarzen Madonnen und der Männer, die sie retteten und nach Nordspanien brachten, erzählt: vom Tempelritter Antoni Barral im Jahre 1291, als die letzte christliche Bastion Akkon fiel, vom Knappen gleichen Namens, dessen Herr 1472 angeblich im Anblick der Madonna von der Pest geheilt wird, von seinem Nachfahren Antoni Barral, der die Statue vor der Revolution 1936 nach Kuba bringt. Ihre Geschichte ist für den meisterlichen Erzähler Padura Anlass, sich mit menschlichen Konstanten wie der Gier nach Macht in den endlosen Kriegen der Geschichte auseinanderzusetzen. Mit Paduras Bezug auf die Gegenwart Kubas wird das aktualisiert, dessen Werteverlust und moralisch-politische Krise er beharrlich anprangert. "Hast du eine Ahnung davon, wie sich der Glaube, die Suche nach dem Guten und Wahren, pervertieren kann, wenn er keine Abweichung duldet? Wenn er zugespitzt wird im Namen eines Gottes, eines Prinzips oder einer Idee? Dann verwandelt er sich in entfesselten Hass!"

Wieder einmal ein Lese-Erlebnis!

(hn)

geb., Verbrecher Verlag 2018
272 Seiten, 22,00 €
ISBN 978-3-95732-338-5

„Bodentiefe Fenster” ist ebenfalls im Verbrecher-Verlag erschienen, ist aber ebenfalls als Taschenbuch bei Ullstein lieferbar:
249 S., 10,00 €
ISBN 978-3-548-28851-2


> Jetzt im TB: btb, ISBN 9783442719716, 10,00 €


Preis der Leipziger Buchmesse 2018 – Volltreffer!

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

Resi ist wütend. In der Hand hält sie die Kündigung ihrer Wohnung. Altbau in der Berliner Innenstadt, ein 18 Jahre alter Mietvertrag. Jetzt müssen sie raus, Resi, ihr Mann Sven und ihre vier Kinder. Denn Resi war nur Untermieterin, der Vertrag gehörte ihrem alten Freund Frank. Der hat seine Kündigung lediglich mit einem grünen Stempel versehen. „Zur Kenntnis“ steht da. Wo hat Frank diesen Stempel bloß her? Hat er ihn extra anfertigen lassen, um nicht ein persönliches Wort an seine alte Freundin richten zu müssen, während er sie und ihre Familie auf die Straße setzt? Denn Resi hat das Hausprojekt ihrer Freunde porträtiert, erst in einer Zeitung und dann auch noch in einem Buch, durchaus freundlich, wie sie fand. Darüber waren die Freunde nicht amüsiert, aber sehr beleidigt. Zur Strafe muss Resi nun raus aus der Untermiete, raus nach Ahrensfelde, wo die Wohnungen billiger sind, aber weitab vom Schuss. Anke Stelling liefert eine Studie eines ganz bestimmten Milieus: Mittvierziger, die einst mit kritischen, aufgeklärten Idealen aus Süddeutschland nach Berlin kamen und jetzt im Prenzlauer Berg Baugruppenhäuser mit vanillefarbenen Fassaden für sich und ihre Familien errichten. Resi ist Mitte Vierzig und wütend. Nein, eigentlich ist sie beschämt, unsicher, überfordert - und mit der Gesamtsituation unzufrieden. Aber weil das schwer auszuhalten und überhaupt eine Zumutung ist, ist Resi dann doch lieber wütend.

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Das ist der Grundton, der in Anke Stellings Roman «Schäfchen im Trockenen» vorherrscht, für den sie nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik ausgezeichnet wurde. 260 Seiten lang hadert Stellings Ich-Erzählerin mit ihrem Schicksal und mit ihrem Umfeld. «'Wie man's macht, ist's falsch', Macht macht verantwortlich, und wenn ich gar nichts mehr mache, bin ich schuld, dass ich nichts gemacht habe.» Es ist ein Generalangriff. Er richtet sich gegen die 68er-Generation, die die gesellschaftliche Ungleichheit zwar überwinden wollte, aber, so Resis in ihrer erbarmungslosen Beschreibung der Lügen des Bionade-Bürgertums, indem sie die Unterschiede wegschwieg, statt sie tatsächlich zu überwinden. Er richtet sich gegen die Lebenslügen der Gesellschaft wie jedes Einzelnen. Damit meint die Ich-Erzählerin auch sich selbst, ihr Leben mit ungeregeltem und nicht gerade üppigem Einkommen, vier Kindern und dem wackelnden Glück. Und sie meint die täglichen Niederlagen des Alltags, dieses dauernde Gefühl zu scheitern, es «nicht im Griff zu haben», es «nicht hinzukriegen».
Deswegen diskutiert sie in einer Art Tagebuchtext mit sich selbst, adressiert manchmal an ihre Tochter im Teenageralter, Bea. Resi sucht universelle Gerechtigkeit - mal klingt es bitter, mal kämpferisch, mal verzweifelt, mal selbstgerecht. Mitunter klingt der Text so, als könne er in Auszügen auch gut auf einer Poetry-Slam-Bühne vorgetragen werden. Resi spielt mit Songzitaten, Erinnerungen und auch mal Satzzeichen. "My hungry heart hitchhikes, my ass is on Sitzstreik».

«Wir wollten einander davor bewahren, gescheit im Sinne von rücksichtslos, erwachsen im Sinne von überfordert, verheiratet im Sinne von eingesperrt und Eltern im Sinne von paternalistisch zu werden», schreibt Resi über ihren Freundeskreis, der seit Schulzeiten, also knapp drei Jahrzehnten, bestand. Nur: finanziell gehörte sie nie so richtig dazu: Ihre Clique, alle außer ihr selbst aus gehobenem Elternhaus und mit ebensolchem Einkommen, ziehen ohne sie in ein gemeinsames Hausprojekt.
Den Alltag als schreibende Familienfrau mit vier normal wundervoll-fürchterlichen Kindern zwischen Kita-Laufnase und Pubertätsverwahrlosung sowie dem Künstler-Ehemann verdichtet Stelling in Szenen voller Liebe und Ausweglosigkeit. Ebenso prägnant nimmt ihre Erzählerin die eigene Jugend in den Blick, das Aufwachsen in einer Zeit, als man noch ganz ernsthaft von Chancengleichheit sprach.

Dass aus „Schäfchen im Trockenen“ mehr geworden ist als eine bitterböse Satire mit treffenden Dialogen, liegt an Anke Stellings Fähigkeit, den Wörtern auf den Grund zu gehen und Situationen in eine unerwartete Richtung zu lenken. Am Ende zeigt sich sogar ein kleiner Silberstreif am Horizont, und Sven, der sich immer aus allem raushält und lieber auf dem Balkon ein bisschen was raucht, entpuppt sich überraschenderweise als Stütze. Trotzdem ist Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ eine desillusionierende Lektüre, die wehtut, und gerade deshalb ein großer Gegenwartsroman.

Mit «Schäfchen im Trockenen» umkreist Stelling ähnliche Themen und Fragen wie schon in «Bodentiefe Fenster». Damit stand die Autorin, geboren 1971 in Ulm, bereits auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. In „Bodentiefe Fenster“ betrachtete sie das Leben im Gemeinschaftshaus aus der Sicht einer, die dazugehört. Die Dialoge zwischen den beiden sind punktgenau beobachtet. Sie, fix und fertig nach dem Plenum, er schon fast schlafend: „Bitte, Hendrik, du musst mit mir reden.“ Er seufzt noch tiefer, rutscht ein Stück zur Seite und räuspert sich: „Was gibt’s?“ „Ich werd’ wahnsinnig!“ „Dann geh doch nicht mehr hin.“ „Aber das kann ich nicht.“ „Dann werd’ wahnsinnig.“
Während Stelling dort mit subtilem Witz und einem schleichend einsetzenden Unwohlsein spielte, ermöglicht die Außenseiterperspektive in „Schäfchen im Trockenen“ mehr unmittelbare Wut angesichts der ungerechten Verhältnisse.

(hn)


Gebunden, Kein + Aber Vlg. 2018
238 Seiten, 22,00 €
ISBN 978-3-0369-5783-8


Claudia Schreiber – Goldregenrausch

Eine Frau und ein Mädchen setzen sich durch - Marie Lenz, das jüngste Kind einer hart arbeitenden Bauernfamilie, wächst unter den widrigsten Umständen auf. Mütterliche Liebe umgibt sie nur kurz: Die Mutter verliert sich höchstens noch in Fantasien eines leidenschaftlichen Lebens, ihre Tochter vernachlässigt sie bald komplett. Bei Hitze und Kälte wird Marie in einem Laufgitter im Garten abgestellt. Die verstoßene Tante Greta soll sich um Marie kümmern. Diese ist erst nicht bereit, zu groß ist die Wut auf ihren Bruder, dem harten Patriarchen des Hofes. Greta hat das Wohnrecht in ihrem kleinen Nebenhaus von ihrer Mutter geerbt und ihr Bruder hasst sie dafür. Doch so hart wie die Eltern kann Greta nicht sein. Sie bewahrt Marie vor dem Schlimmsten. Sehr langsam und Maries unbedingtem Willen etwas Nähe zu bekommen geschuldet, nähern sich die beiden einander an. In ihrem Garten ist Greta glücklich, versinkt ganz in der Arbeit. Marie lernt von ihr und kann sich entwickeln. Sie teilen ihre Liebe zur Natur, den Blumen und allem Lebendigen.

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Doch Maries Vater lässt die beiden nicht in Ruhe. Aus Neid und Rachsucht macht er ihnen das Leben schwer, und alle anderen sehen weg. Aber die beiden Frauen entwickeln gemeinsam eine Kraft, die sie triumphieren lässt, langsam aber unaufhaltsam. Mit ihrer Befreiung bricht eine neue Zeit an, und ein klein wenig Liebe weht ins Dorf.
Aufwühlend ist dieses Buch. Aber auch wunderschön und mitreissend. Claudia Schreiber hat mit „Goldregenrausch“ einen berührenden Roman über das existentielle menschliche Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung geschrieben. Und es ist auch eine Geschichte über die Liebe zur Natur und die Kraft des Natürlichen.

Einfach ein großartiges Buch!

(bm)


geb., Diogenes 2019
Übersetzung: Pociao
413 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-3-257-07045-3


Kent Haruf – Abendrot

„Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg.“

Die Brüder McPheron, Viehzüchter in Colorado, müssen den Wegzug ihrer Ziehtochter verkraften. In „Lied der Weite“ Harufs vorherigen Roman haben die beiden die sechzehnjährige schwangere Victoria bei sich aufgenommen, zunächst ein widerwilliger Akt der Güte, krempelte das junge Mädchen das Leben der beiden Junggesellen zum besseren um und bereicherte ihr Leben. Nun geht sie aufs College und die beiden müssen sich ihrer Einsamkeit stellen. Ein Schicksalsschlag macht es nötig, noch einmal alles neu zu wagen. Kent Haruf hat alle seine Romane in der fiktiven Kleinstadt Holt angesiedelt.

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Auch sein Bestseller „Unsere Seelen bei Nacht“ spielt dort. Es sind Sprache und Erzählweise, die die Romane von Haruf so lesenswert machenm - keine großen Geschichten, das normale Leben. Ein Ehepaar kämpft in seinem verwahrlosten Trailer um ein Stückchen Würde und um seine Kinder. Ein elfjähriger Junge kümmert sich rührend um seinen kranken Großvater. So hart das Schicksal auch zuschlägt – die Menschen in Holt sind entschlossen, dem Leben einen Sinn abzutrotzen. Und begegnen einander dabei neu. Kent Haruf (1943-2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Sein letzter Roman "Unsere Seelen bei Nacht" wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Sein Werk wird auf deutsch bei Diogenes veröffentlicht - er ist eine Entdeckung!

(bm)


geb., Bertelsmann 2019
Übersetzung: Nathalie Lemmens
301 S., 20,00 €
ISBN 978-3-570-10365-4


Tatiana de Rosnay – Fünf Tage in Paris

Paris wird von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht, als sich die Familie Malegarde dort anlässlich einer Feier trifft. Tochter Tilia kommt aus London angereist, wo sie als Künstlerin lebt. Sohn Linden, ein Fotograf, kommt aus Los Angeles dazu. Schon bei der Ankunft bemerken Tilia und Linden, daß Paul, der Vater, ein stets agiler Baumschützer kraftlos wirkt. Auch Lauren, die Mutter, ist angeschlagen. Die Seine droht über die Ufer zu treten, sodass die vier ihre Hotelzimmer fast nicht verlassen können. Die apokalyptischen Wetterverhältnisse spiegeln, was auf der Familie lastet, vieles wurde in den Jahren von einem Mantel des Schweigens unhüllt. Die Ereignisse spitzen sich zu, als Paul im Restaurant zusammenbricht und ins Koma fällt. Und für alle wird es Zeit, ein paar Geheimnisse offenzulegen … Ein aufwühlendes Familientreffen beginnt.

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Tatiana de Rosnay lebt in Paris. Sie hat bisher elf Romane geschrieben, von denen fünf ins Deutsche übersetzt wurden. Ihr größter Bestseller war "Sarahs Schlüssel", eine authentische Geschichte aus der Zeit der deutschen Besatzung und des Holocaust, die auch eindrucksvoll verfilmt worden ist. 

(bm)


geb., Blessing Verlag erscheint Mitte Mai 2019
Übersetzung: Bernhard Robben
336 S., 22,00 €,
ISBN 978-3-89667-637-5


Cheek, Chip – Tage in Cape May

September 1957: Henry und Effie fahren für die Flitterwochen nach Cape May, ein Ferienort an der Ostküste. Doch das Städtchen ist verlassen, die Saison ist zu Ende. Die beiden jungen Leute aus Georgia fühlen sich fremd, isoliert und in ihrer Schüchternheit gefangen. Gerade als sie beschließen, den Urlaub zu verkürzen, treffen sie zufällig auf Clara, eine Ferienbekanntschaft Effies aus Kindertagen, die eine glamouröse Gruppe von New Yorkern um sich versammelt. Darunter Max, ein reicher Playboy und ihr Liebhaber, und dessen unnahbare und rätselhafte Schwester Alma.

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Der verlassene Ort wird zu ihrem Spielplatz, und während sie in leer stehende Ferienhäuser einsteigen, Segeln gehen, nackt unter dem Sternenhimmel herumwandern, sich lieben und sich betrinken, geraten Henry und Effie in eine Situation, die den Rest ihres Lebens prägen wird.
Ein hypnotisierender Roman, der im Spiegel von Sexualität und gesellschaftlicher Realität der Fünfzigerjahre aktuelle und zeitlose Fragen zu Ehe, Liebe und Loyalität beleuchtet. Chip Cheek hat einen sehr unterhaltsamen Roman geschrieben, zügig und mit klarer Sprache. 

(bm)


geb., Hanser Vlg. 2019
288 S., 20,00 €
ISBN 978-3-446-26185-3


Ernst Paul Dörfler – Nestwärme

Ein Leben mit der Sonne statt nach der Uhr, faire partnerschaftliche Beziehungen, Gewaltverzicht und klimaneutrale Mobilität – und was können wir von Vögeln lernen? "Nestwärme" ist ein überraschendes Buch über das Sozialverhalten unserer gefiederten Nachbarn, ein Plädoyer für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur – und eine augenzwinkernde Aufforderung, das eigene Leben hin und wieder aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

Der vielfach ausgezeichnete Naturschützer Ernst Paul Dörfler hat ein berührendes Buch über das geheime Leben der Vögel geschrieben, die oft friedvoller und achtsamer miteinander umgehen als wir Menschen: „Ausgesprochen friedfertig und fürsorglich gehen die Partner miteinander um. Fairness ist in aller Regel oberstes Gebot im Verhalten der Geschlechter zueinander. Arbeitsteilung und Gleichberechtigung sind bewährte Erfolgsrezepte.

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Verlässliche Beziehungen in Ehe und Familie stehen viel höher im Kurs als üblicherweise bei den Säugetieren. Voller Hingabe kümmern sich oft beide Vogeleltern um ihren Nachwuchs - bis hin zur Selbstaufopferung. Dennoch leben sie ihre Freiheit und Unabhängigkeit und nicht zuletzt auch ihre Muße - alles zu seiner Zeit.“

Ernst Paul Dörfler, geboren 1950 in Kemberg bei Wittenberg, ist promovierter Ökochemiker und leidenschaftlicher Vogelliebhaber. Sein Buch „Zurück zur Natur?“ (1986) wurde zum Kultbuch der ostdeutschen Umweltbewegung.

(bm)


geb., weissbooks 2019
155 S., 20,00 €
ISBN 978-3-86337-175-3


Lennardt Loß – Und andere Formen menschlichen Versagens

Das Debüt von Lennardt Loß erzählt in sieben Short Stories, die sich wie Puzzleteile zu einem Ganzen zusammen fügen, von Menschen, die auf die eine oder andere Art und Weise miteinander verbunden sind.


Marina Palm und Hannes Sohr befinden sich im April 1992, ohne sich zu kennen und aus unterschiedlichen Gründen, auf einem gemeinsamen Flug von Frankfurt nach Buenos Aires. Als der Flug LH 510 die brasilianische Küste erreicht, bricht der Funkkontakt ab und der Airbus A340 verschwindet vom Radar. Beide finden sich im Pazifik wieder, festgeklammert an Sitz 9A und kämpfen ums Überleben. 1996: Victoria Palm, Marinas Mutter, versucht die Trauer um ihre verschollene Tochter damit zu kompensieren, dass sie in einer angemieteten Wohnung einen blutigen Splatterfilm drehen will. Ihr Exmann, ein bankrotter Parkhausmogul zeigt sie bei der Polizei an, kann sie aber nicht von ihrer Idee abbringen.

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In Kanada auf einem Trailer Park findet der 17jährige Vincent Warren 2014 endlich seinen Vater wieder. Bis dahin musste er für die Mutter als High-Tech Handmodel arbeiten, um mit weißen, androgyn wirkenden Händen iPhones in die Kamera zu halten.
Cengiz und Artur bewegen sich im Boxermilieu und laufen sich immer wieder über den Weg. 2012 bucht Artur einen Flug LH 510 von Frankfurt nach Buenos Aires.
Die Art von Lennardt Loß zu schreiben hat mich sofort in den Bann gezogen und mir großes Vergnügen bereitet. Er jongliert mit vielen Bällen, sein Buch beinhaltet historisches aber auch politisch-aktuelles und macht neugierig auf seine Figuren.

Seine Geschichten deuten an, sind ironisch, skurril und abgründig – und lassen viele Möglichkeiten offen.

(av)


geb., Kiepenheuer & Witsch 2019
348 S., 20,00 €
ISBN 978-3-462-05254-1


Frank Goosen – Kein Wunder

Von Mai bis November 1989 spielt die Geschichte, in der die drei Hauptfiguren aus dem so trefflichen Roman „Förster, mein Förster“ wieder dabei sind. Besagter Förster und sein Freund Brocki besuchen den dritten im Bunde: Fränge ist nach Berlin gezogen. Dort will er dem Dienst bei der Bundeswehr entgehen. Er studiert. Und er hat zwei Freundinnen: eine im Osten, eine andere im Westen. Logisch, dass er wenig Interesse an der Wiedervereinigung hat. Denn dann wäre das, was er macht ja nur noch schlichtes Fremdgehen. Voller Humor, detailreich und meistens aus der personalen Perspektive von Roland Förster, dem er wohl das meiste von sich selbst mitgegeben hat, erzählt Frank Goosen von einer Zeit des Wandels und drei Männern, die mit Anfang 20 nicht mehr zu jung sind, um sich gänzlich unreflektiert in die Ereignisse zu stürzen, andererseits aber auch noch nicht zu alt, um Unordnung und frühem Leid gänzlich aus dem Weg gehen zu können. Der Roman pendelt zwischen dem Ruhrgebiet und der späteren Hauptstadt hin und her. 

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Der Duktus ist ähnlich wie beim Vorgängerbuch: Drei Freunde spötteln sich durch ihre Erlebnisse. Auch wenn sich die historischen Ereignisse Ende der 1980er Jahre überschlagen – das Tempo des Romans ist gewohnt gelassen. Denn als Förster Fränges Ostberliner Freundin Rosa zum ersten Mal gegenübersteht, weiß er, dass er eine ganze Menge dafür geben würde, an der Stelle seines Freundes zu sein. Und als er später die Hausbesetzer- und Dissidentenszene auf der anderen Seite der Mauer näher kennenlernt, in der sich die Tochter aus systemtreuem Hause bewegt, wird ihm intuitiv selbst klar, was eine Bochumer Freundin, mit der gemeinsam er einen Film über den Niedergang des Ruhrgebiets geplant hat, nach dem Scheitern des gemeinsamen Projekts in die Worte fasst: „Hier kannst du nichts mehr erzählen, Förster. Die Geschichten werden jetzt woanders erzählt.“

Im dritten und letzten Teil des Romans erzählt Goosen schließlich vom Verschwinden der DDR. Die Mauer fällt und damit wird auch das schöne Leben, dass Fränge zwischen Marta in Westberlin und Rosa in Ostberlin in zu genießen verstand, hinfällig. Und was für Roland Förster ein halbes Jahr vorher noch Zukunftsmusik war – „Mit diesen fremden Menschen wie denen hier […] zusammenzuleben, das ist doch Science-Fiction, dachte Förster.“–, rückt nun langsam näher. Aber wie soll das funktionieren? Was kommt da auf die Deutschen und die Welt zu?

Für Rosa und ihren Freundeskreis hingegen scheint klar: Es geht darum, die Verhältnisse besser zu machen, nicht, sie in ihr Gegenteil zu verkehren. Der Blick auf eine Zukunft mit den Freiheiten, die man immer für sich ersehnte, birgt aber auch schon die Enttäuschungen, die kommen werden: „Man verspricht sich unheimlich was davon, ahnt aber, dass es wahrscheinlich gar nicht so toll ist.“
Dieses Buch lebt von Goosens Kunst, Dialoge wie aus dem Leben zu formulieren – aber besondere Pointen zu setzen. Überall schimmert trockener Humor durch, der zum spontanen Lachanfall reizt …

(hn)


geb., Wagenbach Verlag 2018,
aus dem Italienischen
von Esther Hansen,
608 S., 26,00 €
ISBN 978-3-8031-3296-3

> Jetzt im TB: btb, ISBN 9783442716869, 12,00 €

… und wieder lieferbar
(als TB):

Melandri, Francesca:
Über Meereshöhe
Wagenbach-Pocket
ISBN 9783803128126, 13.90 €


Francesca Melandri – Alle, außer mir

Francesca Melandri schickt in "Alle, außer mir" ihre Hauptfigur auf die Suche nach der tabuisierten Vergangenheit ihres Vaters. Die 45-jährige Lehrerin Ilaria Profeti, engagiert, linksliberal, findet im Sommer 2010 einen jungen Schwarzafrikaner vor ihrer Haustür, der behauptet, der Enkel ihres Vaters Attilio zu sein – ihr Neffe also. Er hat in Äthiopien und auf seiner Flucht durch Libyen Gefangenschaft, Schikanen, Hunger und Verwahrlosung erlebt - und hofft nun auf Hilfe durch seine italienische Verwandtschaft.
Ilaria ist mit der Situation zunächst überfordert. Doch die Neugier und der Wunsch zu helfen überwiegen, sodass sie beginnt, Nachforschungen anzustellen. Attilio Profeti, der vorgab Partisan zu sein, entpuppt sich als überzeugter Faschist, der in Äthiopien einen Sohn gezeugt und nie anerkannt hat.
Eine wichtige Rolle spielt das Jahr 1935. Zu dieser Zeit streben die Italiener unter Mussolini nach einer großen Kolonie in Ostafrika. Unter Einsatz von Senfgas und durch Bombardements aus der Luft übernehmen die Italiener die Vorherrschaft in Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Bis heute ist dies ein überwiegend verdrängtes Kapitel der italienischen Geschichte. Ilaria stößt auf eine rassenideologische Schrift ihres Vaters: "Ilaria schnappt hektisch nach Luft, als würde sie ertrinken. Sie hat das Gefühl, als hätte sie beim Lesen - in den letzten zwei, drei Minuten - das Atmen vergessen. Sie blättert und sucht nach dem Erscheinungsjahr: 'Anno XVII der Faschistischen Ära - 1939.' Sie schaut auf und lässt ihren Blick wie einen Pinsel über die gebeugten Rücken der anderen Nutzer der Nationalbibliothek streifen, niemand liest einen Aufsatz des Vaters, in der er die Vorherrschaft der Weißen propagiert." (Leseprobe) Attilio Profeti, hochbetagt und von Demenz gezeichnet, hatte immer so getan, als sei er im Widerstand gewesen. Als Teilnehmer des äthiopischen Krieges und Wissenschaftler der Rassenkunde hatte er aus seinen Verstrickungen später Kapital für eine glänzende Karriere geschlagen.

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All diese Geschichten, diese verschiedenen Erzählstränge verwebt Melandri kunstvoll miteinander. Der eine spielt 2010, genau an den vier Tagen, an denen Berlusconi den Diktator Muammar al-Gaddafi in Rom empfing. Die zweite siedelt Melandri im Faschismus ab 1935 an, als Italien - unter anderem - Äthiopien kolonialisierte und den Abessinienkrieg führte. In einem dritten erleben wir die Flucht des jungen Migranten - Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti steht in seinem Ausweis.
Der Roman lebt davon, dass Melandri zwischen den Jahrzehnten und vielen Figuren hin und her springt, dabei aber nie den roten Faden verliert und immer ganz nah am Erleben der Charaktere bleibt. Sie kleidet die „Reise in die italienische Seele”, wie die italienische Zeitung „La Repubblica“ Melandris Roman bezeichnet hat, in einen Familienroman und entblösst die offene Flanke ihrer nie aufgearbeiteten Kolonialgeschichte - sie mutet ihren Leser*innen einige Schrecknisse dieses unglaublich brutalen Abessinienkrieges zu. Dafür geizt die vordergründige Familiengeschichte nicht mit Humor und sorgt mit filmreifen Szenen für zwischenzeitliche Entspannung: Das Schlitzohr Attilio Profeti, als seine sechzehnjährige Tochter Ilaria ihn fragt, ob er eine Geliebte habe: „Eigentlich seid ihr zu viert.“ Neben den beiden Brüdern Emilio und Federico gebe es da noch den kleinen Attilio, und ob sie nicht der Mutter alles sagen könne. In Italien wird gerade das Scheidungsgesetz eingeführt, danach funktioniert die Patchworkfamilie bestens, die erste Runde endet mit einem Happy End. Und dann das: Rund fünfundzwanzig Jahre später sitzt ein junger Äthiopier vor Ilarias Tür und behauptet, eigentlich seien sie zu fünft gewesen, nur sei Profetis ältester Sohn, eben sein Vater, bereits gestorben. Ilarias erster Gedanke: mal eine neue Masche. Der zweite: O nein, nicht „das Ganze noch einmal”.
Melandri verwendet eine Sprache, die in ihrer trockenen Poesie schmerzt. Eine Kriegssituation beschreibt sie so: "Die italienischen Maschinengewehre nahmen sie freudig ins Visier, endlich hatten sie ein Ziel. Die Frau schlug keuchend einen Bergpfad ein, und die Projektile tanzten fröhlich auf den Steinen zwischen ihren Füßen." "Alle, außer mir" ist ein eindrucksvolles Stück Literatur. Es ist inhaltlich anspruchsvoll, kunstvoll komponiert und kritisch - dennoch hat die/der LeserIn nicht den Eindruck, belehrt zu werden.

Ein weiterer Hinweis:
Francesca Melandri, die auch Drehbücher fürs Kino und Fernsehen schreibt, hatte sich schon mit ihrem ersten Roman einem heiklen Kapitel der italienischen Vergangenheit gewidmet: „Eva schläft”: Auch hier verknüpft sie geschickt eine Familiengescheichte mit der konfliktträchtigen Auseinandersetzung um die Angliederung Südtirols an Italien nach dem 1., Weltkrieg.
Melandri, Francesca - Eva schläft
WAT Wagenbachs andere Taschenbücher 2018,
434 S., 15,90 €, ISBN 978-3-8031-2805-8

(hn)


geb., dtv 2018,
134 S., 18,00 €
ISBN 978-3-423-28155-3

> Jetzt im TB: dtv,
ISBN 9783423147248, 10,90 €


Janet Lewis – Die Frau die liebte

Dieses schmale Buch ist ganz und gar perfekt. Ein wunderschöner Einband und eine Geschichte so intensiv, dicht erzählt. Auf knapp 120 Seiten beschreibt Janet Lewis ein Frauenleben im frühen 16. Jahrhundert in den französischen Pyrenäen. Von Bertrandes Zwangsheirat als elfjährige mit dem gleichaltigen Martin, die dennoch behutsame Annäherung sehr viel später als Ehepaar, das Leben auf dem Hof seiner Familie unter dem strengen Patriarchat des Vaters. Trotz allem ein schönes Leben mit liebevollen Verbindungen unter den Familienmitgliedern. Doch als der Sohn es eines Tages mit der Aussaat anders machen will als der Vater es befiehlt, verschwindet er vorsorglich, um seinem Zorn zu entgehen, für wenige Tage, wie er sagt. Doch es vergehen Jahre.
Als Martin endlich zu seiner Frau zurückkehrt, ist Bertrande, inzwischen 30 Jahre, von Sinnen vor Glück. Der inzwischen zehnjährige Sohn weicht dem Vater nicht mehr von der Seite, das Gut blüht auf, die große Familie ist wieder vereint. Acht Jahre lang hatte Bertrande sich gesehnt, hatte gebangt und gezürnt, war weder Witwe noch frei gewesen, und jetzt – endlich – kann sie sich hingeben. Der Liebe, ihrer Sinnlichkeit, seinem Begehren. Welcher Dämon treibt ihr plötzlich Zweifel ins Herz? Ist der Mann, den sie liebt, wirklich Martin? Hin- und hergerissen zwischen ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit und einer düsteren Ahnung, entfesselt sie eine richterliche Untersuchung – und eine Tragödie.

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„Im hinteren Teil des Zimmers war es dämmrig, Bertrande stand im Sonnenlicht und erlebte mit stockendem Atem und wild klopfendem Herzen den lang ersehnten Moment wie in einem Traum. Die Gestalt in Leder und Stahl trat mit festen Schritten näher, eine gesetztere Gestalt als die des Mannes, der vor acht Jahren fortgegangen war, breiter in den Schultern, entwickelt, gereift. Der Bart war merkwürdig, so struppig und dicht, aber die Augen darüber waren wie die von Martin, und die Stirn sowie das Gesicht als Ganzes erkannte Bertrande überrascht als ähnlich und unähnlich, und als der Mann aus dem Schatten trat, wirkte er auf Bertrande wie ein Fremder, wie der Fremde, den sie beim Wald gesehen hatte, dann wie ihr geliebter Mann, dann wie ein Mann, der Martins Vorfahre hätte sein können, nicht aber der junge Martin Guerre.”

Ein wenig spielt „Die Frau, die liebte“ schon mit den Themen Paranoia und Realitätsverlust. Bertrande lässt sich zeitweise verunsichern, beinahe verliert sie ihren inneren Kompass. Doch in Janet Lewis‘ Roman geht es nicht um vordergründige Spannung, sondern um Moral. Bertrande kann sich entscheiden, sich entweder freiwillig täuschen zu lassen, schließlich würden sie und viele andere davon profitieren. Oder sie bleibt der Wahrheit um der Wahrheit willen verpflichtet. Sie hat Recht – doch ist es auch richtig, deshalb alles zu zerstören?

Janet Lewis ist eine Entdeckung. Die 1998 verstorbene Amerikanerin war eigentlich Dichterin, aber sie schrieb auch Romane. „The Wife of Martin Guerre“, wie das Buch im Original heißt, ist übrigens nur einer von drei historischen Justizfällen, die Janet Lewis in den 1940er- und 50er-Jahren in literarische Form goss. Hoffentlich werden die beiden anderen Romane ebenfalls bald übersetzt!

(bm)


geb., Verlag Antje Kunstmann 2018,
222 S., 20,00 €
ISBN 978-3-95614-253-6

> Jetzt im TB: dtv,
ISBN 9783423147569, 10,90 €


Donatella Di Pietrantonion – Arminuta

Eine 13-jährige wird plötzlich aus ihrer bisherigen familiären Umgebung gerissen und muss zu ihrer wirklichen, für sie völlig fremden Familie zurück - ohne dass sie den wahren Grund dafür erfährt. Jenseits der bisherigen Geborgenheit kommt sie in vollkommen andere Verhältnisse: Die Eltern sind sehr arm und ohne jede Bildung, sie hat plötzlich mehrere Geschwister, der Umgang miteinander ist ohne jede erkennbare Zuneigung, eher geprägt von Unverständnis und Gewalt. Sie wird eher verächtlich in den neuen Familienkreis aufgenommen, als verwöhnt und arrogant wahrgenommen, wobei sie gerade dies nicht ist. Sie sucht die Nähe, auch wenn ihre jüngere Schwester, mit der sie das Bett teilen muss, dieses einnässt. Zu dieser Schwester kann sie die erste freundschaftliche Beziehung aufbauen. Die sehr körperlichen, pubertären Jungs erzeugen eine große Distanz, bis sich doch auch hier eine zaghafte Verbindung herauskristallisiert.

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Letztendlich wird es die Bildung sein, die sie aus der archaischen Welt erlöst. Wie sich das Mädchen, "Arminuta", die „Zurückgekommene“, genannt, zurecht finden lernt, die Suche nach der eigenen Identität bewältigt, wie sie sich behauptet und wehrt - all das wird sehr einfühlsam erzählt. Ihre Kraft gewinnt die Erzählung daraus, wie sie ihre Themen durchdringt - ein stiller ergreifender Roman, der in seiner schmucklosen, klaren Alltagssprache um so überzeugender wirkt, ganz ohne abgegriffene Klischees. Ein Juwel.

(mn)

geb., Rowohlt-Bln. 2018,
395 S., 22,00 €
ISBN 978-3-498-07401-2

> Jetzt im TB: rororo, ISBN 9783499291685, 10,00 €


Max Annas – Finsterwalde

Eine beklemmende Zukunftsvision für unser Land - die EU gibt es nicht mehr. Überall in Europa haben Nationalisten das Sagen. Leute ohne deutschen Pass werden aus ihren Wohnungen abgeholt, Staatsbürgerschaften aufgekündigt. Die meisten Deutschen mit fremden Wurzeln befinden sich in Übergangslagern, sie hoffen auf eine internationale Lösung, ein Abkommen mit einem Land, das sie aufnehmen wird. In Finsterwalde, einer geräumten Provinzstadt, hat man tausende Schwarze kaserniert. Unter ihnen Marie mit ihren beiden Kindern. Die Versorgung ist spärlich, die Grenzzäune sind streng bewacht, Strukturen müssen erst noch geschaffen werden. Die Devise heißt Überleben. Da geht das Gerücht, in Berlin seien drei schwarze Kinder zurückgeblieben, vergessen von allen. Marie beschließt, einen Weg aus dem Lager zu finden, um die drei vor dem sicheren Tod zu retten.

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Parallel dazu wird die Geschichte von Theo, seiner Frau Eleni und ihren Kindern erzählt. Sie kommen aus Griechenland und sind angeworbene Facharbeiter. Eleni ist Ärztin und bekommt eine Praxis in Kreuzberg gestellt. Vorher hat hier eine andere Ärztin praktiziert. Von ihr fehlt jede Spur.
Theo, früher Journalist darf nicht arbeiten und so streift er unruhig durch die Stadt und beobachtet die Zustände. In der Wohnung findet er versteckte Fotos der verschwundenen Ärztin, es ist Marie, und ihm wird klar, daß diese Menschen enteignet und verschleppt wurden. Gegen den Wunsch seiner Frau, die Angst hat diese Stelle zu verlieren, macht Theo sich zu Fuß auf den Weg nach Finsterwalde, um herauszufinden, was mit ihr geschehen ist.

Max Annas verbindet Spannung mit politisch-gesellschaftlichen aktuellen Problemen. Der Roman ist kurzweilig und spannend geschrieben.

… darüberhinaus empfehlen wir diese Krimis (Krimis? weit mehr als …):

Annas, Max - Illegal
rororo 2018,
235 S., 10,00 €
ISBN 978-3-499-29138-8

Annas, Max - Die Mauer
rororo 2017,
220 S., 12,00 €
ISBN 978-3-499-27163-2

(bm)


geb., Kein + Aber 07.2018
Übers. Michaela Grabinger
304 S., 22,00 €
ISBN 978-3-0369-5775-3

> Jetzt im TB: ISBN 9783036959962, 13,00 €


Anne Tyler – Launen der Zeit

Es sind die kleinen Dinge der scheinbar unbedeutenden Menschen, von denen Anne Tyler in „Launen der Zeit“ einmal mehr erzählt. Wie es gelingen kann, seine eigene Identität zu finden, neben der Rolle, die man innerhalb der Familie spielt, ist eine Art Grundmotiv bei Anne Tyler.
Willa Drake ist die Protagonistin in Tylers neuem Roman. In kurzen Episoden wird ihre Vergangenheit erzählt. In amerikanischer sechzigerJahre Idylle wächst sie auf, behütet nach außen und eben doch nicht perfekt, die Mutter verschwindet manchmal tagelang, Willa und ihre Schwester sind allein mit dem Vater, Fragen werden nicht gestellt, darüber nicht geredet, wenn die Mutter zurückkehrt und ihre Rolle weiterspielt. Jahre später, Willa ist verlobt und studiert. Sie freut sich auf ihre Zukunft, doch ihr zukünftiger Mann möchte nicht, daß sie arbeitet, er wird die Familie versorgen. Willa begehrt kaum auf, sie fügt sich. Wenige Jahre später stirbt er durch einen selbstverschuldeten Autounfall und Willa ist allein mit den Kindern. Im letzten und längsten Teil ist sie mit ihrem zweiten Mann Peter auf seinen Wunsch in eine Golfsiedlung in Tuscon Arizona gezogen. Ihre Söhne sind längst erwachsen und sie langweiligt sich in der neuen Umgebung. Wieder lebt sie das Leben ihres Mannes. Freundschaften hat sie keine geschlossen.

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Eines Tages erhält sie einen überraschenden Anruf. Die Ex-Freundin von Willas Sohn ist angeschossen worden. Die Nachbarin glaubt, die Tochter der Freundin sei Willas Enkelin und ruft die vermeintliche Grossmutter zu Hilfe. Willa folgt dem Ruf - ihren eigentlich unwilligen Ehemann im Schlepptau. Und damit setzt eine Änderung in Willas Leben bzw. in ihr selbst ein. Aus der Nachbarschaft der Ex-Freundin, von deren Tochter und auch von dieser selbst bekommt Willa wohl erstmals im Leben vermittelt, dass sie als Person zählt. Dass das, was sie hier tut, für alle Betroffenen wichtig ist und geschätzt wird. Und erstmals im Leben entscheidet Willa für sich selbst …
„Launen der Zeit“ ist ein tiefgründiges, sehr amüsantes und mit großer Leichtigkeit erzähltes Frauen- und Familienporträt, das zeigt, wie schwer es ist, sich und seinen Umständen zu entkommen und wie leicht es dann doch ist, wenn der richtige Moment gekommen ist.
Mir gefallen die Romane von Anne Tyler sehr, die Personen wachsen einem ans Herz und man wünscht sich, dass die Hauptperson endlich ihr Leben in die eigenen Hände nimmt. Auf deutsch erschienen bislang ihre Romane im Verlag Kein + Aber "Verlorene Stunden", "Abschied für Anfänger", "Dinner im Restaurant Heimweh", "Die Reisen des Mr. Leary", "Im Krieg und in der Liebe", "Kleine Abschiede", "Atemübungen" und zuletzt "Der leuchtend blaue Faden", sowie bei Penguin "Der leuchtend blaue Faden". 

(bm)


Roman, 445 Seiten
S.-Fischer-Verlag,
Frankfurt 2018, geb., 22,- €
ISBN 978-3-10-397347-1


Thorsten Nagelschmidt – Der Abfall des Herzens

Lesung – Buchvorstellung in Kooperation mit dem "Volksbad"

"Wann hast du eigentlich aufgehört, mich zu hassen?"
"Als du mir den Brief geschrieben hast."
"Was für einen Brief?"
Und er beginnt sich zu fragen, was er sonst noch vergessen hat von diesem Sommer 1999.

Nagel lebte damals in seiner ersten WG, hielt sich mit Nebenjobs über Wasser und verschwendete kaum einen Gedanken an die Zukunft. Damals, als ein Jahrhundert zu Ende ging, man im Regional-Express noch rauchen durfte und nur Angeber ein Handy hatten. Dann änderte sich alles, plötzlich und unvorhergesehen verwandelte sich seine Welt in einen Scherbenhaufen. Thorsten Nagelschmidt hat einen Roman über Liebe, Freundschaft und Verrat geschrieben. Über einen letzten großen Sommer und die Spurensuche 16 Jahre später.

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Thorsten Nagelschmidt, geboren 1976 im Münsterland, ist Autor, Musiker und Künstler. Bis 2009 war er Sänger, Texter und Gitarrist der Band "Muff Potter". Unter dem Namen Nagel veröffentlichte er die Bücher "Wo die wilden Maden graben" (2007), "Was kostet die Welt“ (2010) und "Drive-By Shots" (2015). Thorsten Nagelschmidt lebt in Berlin (… soweit der treffliche Klappentext).

Thorsten Nagelschmidt taucht ein die Zeit seiner Jugend, besucht die alten, teilweise fast vergessenen Freundinnen und Freunde, lässt die Zeit der 90-er Jahre wieder aufleben - mit erzählerischem Geschick schafft er Spannung, Witz, Nähe und Tiefe, lässt uns die Leichtigkeit und Schwere des Erwachsen-Werdens spielerisch und nachdenklich neu erleben.

(hn)


Taschenbuch 141 Seiten
ABL Bauernblatt Verlag, 9,80 €
ISBN 978-3-930413-62-1


Christa Iversen – Sechs Wochen auf der Scholle

»Am Ende der Leitung war ein Herr Bendixen, Testamentsvollstrecker aus Flensburg, der mir mitteilte, dass vor einem Monat mein leiblicher, mir unbekannter, Vater gestorben und ich einzige Erbin seines landwirtschaftlichen Betriebes sei. Sein Name war Karl-Peter Brodersen aus Abderup nahe der dänischen Grenze. Mein Leben wurde schlagartig durcheinander geschüttelt.« 

So beginnt die Erzählung von Christa Iversen, die als Gewerkschafterin und über ihre Beratungsarbeit für Frauen in Flensburg bekannt ist. Die gebürtige Schwäbin hat "daneben" zusammen mit ihrem Mann 33 Jahre einen Bauernhof in der Nähe Flensburgs bewirtschaftet.

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Die Geschichte „Sechs Wochen auf der Scholle“ führt eine junge süddeutsche Sozialpädagogin auf einen Bauernhof in Norddeutschland. Sie lernt das Dorf und seine liebenswerten, manchmal skurrilen Bewohner kennen, erfährt hautnah deren Probleme zwischen Neubürgern und Alteingesessenen, mit Verschuldung, Höfesterben, gesunkenem Milchpreis, Alkoholismus, Selbstmord. Sie erlebt 
Dorffeste, die nicht selten aus dem Ruder laufen, nimmt teil an Wettbewerben und fantasievollen Protestaktionen. Und sie muss eine Entscheidung treffen: Bleiben und den Hof übernehmen oder 
Rückkehr in den Süden? 

Christa Iversen kann erzählen – und sie hat etwas zu erzählen!

 


Roman, aus dem Amerikanischen von Ulrike Becker
Kunstmann Verlag, München 2018
300 S., geb., 22,- €
ISBN 978-3-95614-224-6

> Jetzt im TB: Ullstein TB,
ISBN 9783548290287, 10,00 €


Jesmyn Ward – Singt ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die am Mississippi 1977 geborene afroamerikanische Autorin Jesmyn Ward wurde bereits für ihren ersten Roman "Vor dem Sturm" (siehe unsere Besprechung) mit dem renommierten "National Book Award" ausgezeichnet. Für ihren jetzt auf Deutsch veröffentlichten zweiten Roman bekam sie ihn als erste Frau ein zweites Mal – das zeigt deutlich, dass mit Jesmyn Ward eine außergewöhnliche Schriftstellerin zu entdecken ist.

Was für eine bewegende Geschichte! Poetisches und Mystisches, brutales Elend und unbändige Hoffnung auf Glück, Geister und Magie, Archaisches und Gegenwärtiges, Leben und Tod – sie liegen in Jesmyn Wards Roman „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt!“ ganz nah beieinander. Mit seinen Bildern und Lebensgeschichten aus einer uns zutiefst fremden, dabei kulturell wie zeitlich eigentlich doch nicht fernen Welt ist dieser Gesang von Lebenden und Toten eine bleibende Leseerfahrung.

Spätestens seit der Kampagne "Black Lives matte",  ist der offene und der versteckte Rassismus in den USA zu einem Tagesthema geworden, nicht zuletzt die Nazi-Aufmärsche und Debatten rund um Charlottesville in den USA im vergangenen Jahr, die aktuelle Relevanz von Romanen über die Zeit des Sklavenhandels wie Colson Whiteheads "Underground Railroad". Oder über das gefürchtete Straflager Parchman Farm bei Ward, längst verewigt im klagenden Blues von Bukka White. Virulent war er schon immer und er gehört bis heute zum Alltag des Südens. Jesmyn Wards zweiter Roman zeigt das überdeutlich.

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Bois Sauvage ist der Name des fiktiven Ortes, an dem die Figuren dieses Romans zu Hause sind. Er klingt nach Hitze und nach Feuchtigkeit, nach wilden Tieren auch. Es ist ein Ort, an dem ein schwarzer Junge, der eine Wette gewinnt, vom weißen Verlierer erschossen werden kann, und ein Gericht entscheidet, es war ein Jagdunfall. Ein Ort, an dem dieser Junge seiner Schwester, wenn sie high ist, was häufig vorkommt, nach seinem Tod als Geist erscheint. Es ist ein Ort, an dem Menschen verschiedener Hautfarben, wenn sie jung sind, miteinander schlafen und sich lieben, weiße Menschen aber, wenn sie älter sind, darauf mit großem Hass reagieren. Das erfundene Bois Sauvage liegt im echten Mississippi.

Im Mittelpunkt ihres Buches steht eine arme afroamerikanische Familie, die nahe der Golfküste von Mississippi in einem schäbigen Holzhaus mitten im Wald lebt: Die Großeltern, Mam und Pop, Tochter Leonie und deren zwei Kinder, der 13jährige Jojo und seine kleine Schwester Kayla. Großvater Pop hält den Haushalt zusammen, denn seine Frau liegt sterbenskrank im Bett und kann sich um nichts mehr kümmern. Tochter Leonie, Kellnerin in einer Bar, ist drogenabhängig und vernachlässigt ihre Kinder. Sie überlässt es Jojo, sich um seine kleine Schwester zu kümmern. Michael, der weiße Vater, sitzt in dem berüchtigten Gefängnis, Parchman Farm. Jetzt soll er entlassen werden und Leonie bricht mit einer Freundin und den beiden Kindern auf, um ihn abzuholen. 

Im Unterschied zu ihrem ersten Roman, der von einem jungen Mädchen erzählt wird, hat Jesmyn Ward ihre Geschichte diesmal auf mehrere Stimmen verteilt. Wir hören dem Jungen Jojo zu, der seinen Großvater liebt, an seiner kleinen Schwester hängt und von seiner Mutter enttäuscht ist. Er entlockt seinem Großvater im Laufe des Romans die Geschichte seines Gefängnisaufenthalts. Der wurde mit 15 unschuldig zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Dort trifft er auf den zwölfjährigen Richie, der hungrig Essen gestohlen hat und dafür zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wird. Er versucht, letztlich erfolglos, das Kind vor den brutalen weißen Aufseher zu schützen. Dieser Richie ist die zweite Stimme im Roman. Er erscheint Jojo als Geist und verlangt Aufklärung über seinen Tod.

Die dritte Stimme gehört der Mutter, Leonie. Sie kommt nicht darüber hinweg, dass ein weißer Junge ihren geliebten älteren Bruder kaltblütig und vorsätzlich ermordet hat und ungestraft davongekommen, weil der Sheriff, Michaels Vater, den Mord als Jagdunfall deklariert hat. Leonie betäubt ihre Erinnerungen mit Drogen.

Mit großer Zuneigung schildert Jesmyn Ward ihre Figuren. Sie beschreibt sie so lebensnah, dass man meint, sie vor sich zu sehen. Nüchtern, zurückhaltend erzählt Jesmyn Ward die Geschichten alltäglicher rassistischer Demütigungen - es sind erschreckende Bilder einer allgegenwärtigen weißen Arroganz und Gewalt, eines schwarzen Ohnmachtgefühls angesichts weißer Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit. Der Roman ist eine große poetische Hymne auf großväterliche Zuneigung und Abgeklärtheit und einen mutigen, wissbegierigen Jungen, der seine kleine Schwester zärtlich liebt und versucht, sie zu schützen. Ein Roman, der bewegt, ohne kitschig zu sein – und der allen Widrigkeiten zum Trotz das Leben feiert.

(hn)


Roman, Übersetzung: Anna + Wolf Heinrich Leube
432 Seiten, Hanser Verlag
München 2018, 24,- €
ISBN 978-3-446-25820-40


Matt Ruff – Lovecraft Country

Der Koreaveteran Atticus Turner sucht in den USA des Jahres 1954 nach seinem Vater. Das Verhältnis zu diesem ist zwar von jeher angespannt, doch als Atticus die Nachricht vom Verschwinden des Vaters erreicht, macht er sich unverzüglich auf die Suche. Er wird von seinem Onkel George, dem Verfasser des Reiseführers „Safe Negro Travel Guide“ und seiner Jugendfreundin Letitia begleitet. Die Reise führt von Chicago in den Bundesstaat Massachusetts, nach Lovecraft Country, einem Ort in Neuengland, mit den schärfsten Rassengesetzen in den USA. Ihren Spitznamen verdankt die Gegend dem Autor H. P. Lovecraft. Viele seiner Gruselgeschichten spielen hier, an fiktionalen Orten.

Doch die Gefahr lauert für den Schwarzen Atticus Turner und seine Begleiter eher am Strassenrand:  sie müssen sich vor dem Sheriff, einem Weißen, in Acht nehmen. Wie durch ein Wunder entkommen sie dessen Angriffen und gelangen bis zum Anwesen der Braithwhites. Hier tagt eine rassistische Geheimloge, mit deren Hilfe Braithwhite junior nichts weniger als die höchste Macht anstrebt. Die Ironie dabei: Die durchgehend weißen Kultisten brauchen ausgerechnet Atticus, um einen verstorbenen, äußerst mächtigen Großmeister ihrer Loge wieder zum Leben zu erwecken. Und so steht der junge Schwarze plötzlich im Mittelpunkt eines magischen Rituals.

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Dieser erste Kontakt mit den "Söhnen Adams", wie sich die Loge nennt, ist nur der Auftakt zu einer Serie von Abenteuern, in denen Atticus und seine Familie mit diversen übernatürlichen Phänomenen konfrontiert werden. Vom Spukhaus über magische Folianten bis hin zum Körpertauschzauber: Der Autor bedient sich großzügig aus dem Repertoire des Horror-Genres. Alle fantastischen Elemente unterstreichen stets den sozialkritischen Grundton des Romans. Besonders augenfällig wird dies in einer Episode, in der Ruby, der Schwester von Letitia, ein Zaubertrank zugespielt wird. Dieser verwandelt sie für kurze Zeit in eine Weiße. Für Ruby tut sich plötzlich eine ganz andere Welt auf, sie kann sich frei bewegen, wird respektvoll behandelt und ernst genommen. Aber dann stößt sie an einer Straßenecke mit einem angetrunkenen Polizisten zusammen, und erst der Verlauf dieser Begegnung zeigt ihr das wahre Maß an Macht, die sie als Weiße im rassistischen Amerika über Schwarze hat.

Als Letitia in ein altes Anwesen in einer weißen Gegend zieht, hat sie, die Pionierin, nicht nur mit dem Widerstand der Nachbarinnen und Nachbarn zu kämpfen: Der ehemalige Besitzer, der als Geist durchs Haus spukt, ist ebenfalls Rassist. Mit allen Mitteln versucht er, die neue Bewohnerin zu vergraulen …

Mit subtilem Humor lockert der Autor seine Geschichten auf und leitet die Charaktere durch die Handlung, deren Stränge sich immer wieder treffen, ehe es zum Showdown kommt. Trotz des schwierigen Themas ist es Kultautor Matt Ruff gelungen, ein unterhaltsames Buch zu schreiben.

(av)


Roman, Übersetzung Dorothee Merkel
Goldmann TB, München 2018, 12,- €
978-3-442-48585-73


Peter Nichols – Die Sommer mit Lulu

Der Roman beginnt mit dem Ende der Geschichte. Jahrelang ist Lulu Gerald aus dem Weg gegangen. Obwohl sie beide auf Mallorca leben, war es durch den unterschiedlichen Tagesablauf der beiden möglich, sich nicht zu begegnen. Als es dann doch passiert, versucht Gerald erneut, die Geschehnisse, die vor über fünfzig Jahren zum Bruch geführt haben, zu erklären. „Du hast den Film nie entwickeln lassen?“ fragt er sofort, als er die Gelegenheit hat. Doch Lulu bleibt abweisend, will fliehen, strauchelt und stürzt mit Gerald, der sie auffangen will, die Klippen hinunter.

Als Leser möchte man zu gerne wissen, was bloß passiert ist, was ist mit diesem Film? Zu diesen Ereignissen kommt Peter Nichols aber erst am Ende des Romans und bis dahin ist es fast schon nebensächlich geworden. In großen Schritten rückwärts durch die Zeit erzählt er vom Leben der beiden und ihrer Kinder. Die elegante, unabhängige Lulu betreibt eines der ersten Hotels auf Mallorca, Gerald bleibt auf seiner Segelreise dort hängen und lebt von einem alten Olivenhain.

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Durch die besondere Erzählweise wirkt es um so mehr. Mallorca wird mit jedem Rückblick wieder ursprünglicher, unbebauter und frei. Wie bei den Hauptpersonen des Romans, alles ist offen, die Zukunft noch ungewiß …

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Eine unterhaltsamer Familienroman vor interessanter Kulisse mit einer leichten, unaufgeregten Spannung bis zum Schluß.

(bm)


Roman, Übersetzung Peter Knecht
insel taschenbuch, Berlin 2018
461 Seiten, 14,95 €
ISBN: 978-3-458-36329-3


Jessie Burton – Das Geheimnis der Muse

Ende der sechziger Jahre schlägt sich Odelle, die aus Trinidad nach London gekommen ist, mehr recht als schlecht als Schuhverkäuferin durch, bis sie einen Job in der renommierten Kunstgalerie Skelton bekommt. Sie leidet als farbige Frau unter der Zwei-Klassen-Gesellschaft und möchte gerne, dass ihre Geschichten veröffentlicht werden und sie als Schriftstellerin leben kann. Zwischen ihr und der selbstbewußten Chefin der Galerie, Marjorie Quick entwickelt sich eine Freundschaft, denn Quick erkennt Odelles Potential sehr schnell. Gleichzeitig lernt sie einen jungen Mann auf einer Party kennen, durch den sie und die Galerie in die Geschichte eines lang verschollenen Gemäldes verstrickt werden.

Ein zweiter Erzählstrang des Buches erzählt von Olive, die 1936, am Vorabend des spanischen Bürgerkriegs, mit ihren Eltern nach Andalusien kommt.

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Ihr Vater ist ein jüdischer Kunsthändler und wird auf einen jungen, spanischen Maler im Dorf aufmerksam. Durch die Begegnungen mit dem jungen Maler und Revolutionär Isaac fängt Olive an, sich mehr Gedanken um die politischen Geschehnisse um sich herum zu machen. Außerdem ist sie selbst eine begabte junge Malerin, die aber von ihrem Vater nicht anerkannt wird, weil sie eine Frau ist.

Jessie Burton schafft es, mit ihrem Schreibstil einen atmosphärisch dichten und spannenden Roman zu schreiben.

Ein wunderbarer Roman, der überall gelesen werden will: am Strand, in der Hängematte oder abends auf dem Balkon.

(av)


Roman, aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, Sylvia Kall
Verlag Nagel & Kimche
2018, 269 S., geb., 20,- €
ISBN 978-3-312-01060-8

> Jetzt im TB: btb,
ISBN 9783442718788, 11,00 €


Nina Lykke – Aufruhr in mittleren Jahren

In Ingrid brodelt es gewaltig. 25 Jahre hat sie alles gegeben, für ihre Familie, als Lehrerin, immer erreichbar und bereit zu helfen. Aber nun, Anfang fünfzig reicht es ihr. Sie will nicht mehr für ihre erwachsenen Söhne waschen, die noch zuhause wohnen um ihr Geld in Aktien zu investieren. Und als ihr Mann auch noch eine Affäre mit seiner Kollegin Hanne beichtet, beschließt Ingrid, neu anzufangen.

Dieses Buch wird aus den verschiedenen Perspektiven von Ingrid, Jan und Hanne beschrieben. Keiner ist mit sich im Reinen. Die Zeit verrinnt und Lebenspläne wurden noch nicht verwirklicht, und so kämpfen sie verbissen um ihr Stück vom Glück. 

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„Aufruhr in mittleren Jahren“ ist kein klassischer Beziehungsroman. Die Geschichte zeigt vielmehr auf, was geschieht, wenn die Kommunikation nicht mehr da ist und jeder in seine eigene Welt flüchtet. Die Autorin schildert ziemlich direkt und unverblümt wie sich die Leben der beteiligten Personen verändern und was der Bruch der langjährigen Beziehung aus Ingrid, Jan, den beiden Söhnen, aber auch aus Hanne macht.

Ein gut geschriebener pointierter Roman!

(bm)


Roman, 320 Seiten
S.-Fischer-Verlag
Frankfurt 2018, geb., 20,- €
ISBN 978-3-10-397363-1


Verena Carl – Die Lichter unter uns

„Die Lichter unter uns“ erzählt die Geschichten zweier Familien, die sich in ihrem Urlaub in Taormina begegnen und sich näher kommen. Das Ehepaar Anna und Jo verbringt mit ihren beiden Kindern ihren Urlaub an dem Ort, der für die Eltern als Ziel ihrer damaligen Hochzeitsreise eine besondere Bedeutung hat. Von der großen Liebe und Leidenschaft der damaligen Zeit ist nicht mehr viel übrig geblieben, alles ist anders. So kommt es, dass sich eine zufällige Begegnung von Anna und Alexander, einem anderen Urlaubsgast, zu einem Wendepunkt für die Mutter entwickelt.

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Verena Carl beschreibt in ihrem Roman "Die Lichter unter uns" das Leben eines Ehepaares, das sich selber aus den Augen verloren hat und in eine jeweils eigene Scheinwelt geflohen ist. Die Gemeinsamkeiten sind rar geworden. Die eigene Unzufriedenheit treibt Anna dazu, sich in die scheinbar perfekte Welt des reichen Alexanders zu wünschen, dessen Leben so erstrebenswert scheint. Sie erfährt den Unterschied zwischen Schein und Sein und beginnt ihr bisheriges Leben in Frage zu stellen. 

Ein gut zu lesender, nachdenklicher Roman.

(mn)