Die Buch- und Lese-Tipps der CvO-Belegschaft

Als Buchhändlerin oder Buchhändler liest mensch in der Regel mehr als die meisten anderen. Und diese Lektüreerfahrungen geben wir gerne weiter.

Nur so sind wir der Frage "ich suche etwas zum Geburtstag, sie wird 30 Jahre alt" gewachsen, aber natürlich auch der Suche nach einer einschlägigen Abhandlung zur Aktualität von Karl Marx.

Ganz ungefragt stellen wir Ihnen hier schon einmal einige ausgewählte Juwelen unserer Lesereisen vor.

Romane und Erzählungen

Thorsten Nagelschmidt – Der Abfall des Herzens

Lesung – Buchvorstellung in Kooperation mit dem "Volksbad"

"Wann hast du eigentlich aufgehört, mich zu hassen?"
"Als du mir den Brief geschrieben hast."
"Was für einen Brief?"
Und er beginnt sich zu fragen, was er sonst noch vergessen hat von diesem Sommer 1999.

Nagel lebte damals in seiner ersten WG, hielt sich mit Nebenjobs über Wasser und verschwendete kaum einen Gedanken an die Zukunft. Damals, als ein Jahrhundert zu Ende ging, man im Regional-Express noch rauchen durfte und nur Angeber ein Handy hatten. Dann änderte sich alles, plötzlich und unvorhergesehen verwandelte sich seine Welt in einen Scherbenhaufen. Thorsten Nagelschmidt hat einen Roman über Liebe, Freundschaft und Verrat geschrieben. Über einen letzten großen Sommer und die Spurensuche 16 Jahre später.

Thorsten Nagelschmidt, geboren 1976 im Münsterland, ist Autor, Musiker und Künstler. Bis 2009 war er Sänger, Texter und Gitarrist der Band "Muff Potter". Unter dem Namen Nagel veröffentlichte er die Bücher "Wo die wilden Maden graben" (2007), "Was kostet die Welt“ (2010) und "Drive-By Shots" (2015). Thorsten Nagelschmidt lebt in Berlin (… soweit der treffliche Klappentext).

Thorsten Nagelschmidt taucht ein die Zeit seiner Jugend, besucht die alten, teilweise fast vergessenen Freundinnen und Freunde, lässt die Zeit der 90-er Jahre wieder aufleben - mit erzählerischem Geschick schafft er Spannung, Witz, Nähe und Tiefe, lässt uns die Leichtigkeit und Schwere des Erwachsen-Werdens spielerisch und nachdenklich neu erleben.
(hn)


Roman, 445 Seiten
S.-Fischer-Verlag,
Frankfurt 2018, geb., 22,- €
ISBN 978-3-10-397347-1


Christa Iversen – Sechs Wochen auf der Scholle

»Am Ende der Leitung war ein Herr Bendixen, Testamentsvollstrecker aus Flensburg, der mir mitteilte, dass vor einem Monat mein leiblicher, mir unbekannter, Vater gestorben und ich einzige Erbin seines landwirtschaftlichen Betriebes sei. Sein Name war Karl-Peter Brodersen aus Abderup nahe der dänischen Grenze. Mein Leben wurde schlagartig durcheinander geschüttelt.« 

So beginnt die Erzählung von Christa Iversen, die als Gewerkschafterin und über ihre Beratungsarbeit für Frauen in Flensburg bekannt ist. Die gebürtige Schwäbin hat "daneben" zusammen mit ihrem Mann 33 Jahre einen Bauernhof in der Nähe Flensburgs bewirtschaftet.

Die Geschichte „Sechs Wochen auf der Scholle“ führt eine junge süddeutsche Sozialpädagogin auf einen Bauernhof in Norddeutschland. Sie lernt das Dorf und seine liebenswerten, manchmal skurrilen Bewohner kennen, erfährt hautnah deren Probleme zwischen Neubürgern und Alteingesessenen, mit Verschuldung, Höfesterben, gesunkenem Milchpreis, Alkoholismus, Selbstmord. Sie erlebt 
Dorffeste, die nicht selten aus dem Ruder laufen, nimmt teil an Wettbewerben und fantasievollen Protestaktionen. Und sie muss eine Entscheidung treffen: Bleiben und den Hof übernehmen oder 
Rückkehr in den Süden? 

Christa Iversen kann erzählen – und sie hat etwas zu erzählen!


Taschenbuch 141 Seiten
ABL Bauernblatt Verlag, 9,80 €
ISBN 978-3-930413-62-1


Jesmyn Ward – Singt ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die am Mississippi 1977 geborene afroamerikanische Autorin Jesmyn Ward wurde bereits für ihren ersten Roman "Vor dem Sturm" (siehe unsere Besprechung) mit dem renommierten "National Book Award" ausgezeichnet. Für ihren jetzt auf Deutsch veröffentlichten zweiten Roman bekam sie ihn als erste Frau ein zweites Mal – das zeigt deutlich, dass mit Jesmyn Ward eine außergewöhnliche Schriftstellerin zu entdecken ist.

Was für eine bewegende Geschichte! Poetisches und Mystisches, brutales Elend und unbändige Hoffnung auf Glück, Geister und Magie, Archaisches und Gegenwärtiges, Leben und Tod – sie liegen in Jesmyn Wards Roman „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt!“ ganz nah beieinander. Mit seinen Bildern und Lebensgeschichten aus einer uns zutiefst fremden, dabei kulturell wie zeitlich eigentlich doch nicht fernen Welt ist dieser Gesang von Lebenden und Toten eine bleibende Leseerfahrung.

Spätestens seit der Kampagne "Black Lives matte",  ist der offene und der versteckte Rassismus in den USA zu einem Tagesthema geworden, nicht zuletzt die Nazi-Aufmärsche und Debatten rund um Charlottesville in den USA im vergangenen Jahr, die aktuelle Relevanz von Romanen über die Zeit des Sklavenhandels wie Colson Whiteheads "Underground Railroad". Oder über das gefürchtete Straflager Parchman Farm bei Ward, längst verewigt im klagenden Blues von Bukka White. Virulent war er schon immer und er gehört bis heute zum Alltag des Südens. Jesmyn Wards zweiter Roman zeigt das überdeutlich.

Bois Sauvage ist der Name des fiktiven Ortes, an dem die Figuren dieses Romans zu Hause sind. Er klingt nach Hitze und nach Feuchtigkeit, nach wilden Tieren auch. Es ist ein Ort, an dem ein schwarzer Junge, der eine Wette gewinnt, vom weißen Verlierer erschossen werden kann, und ein Gericht entscheidet, es war ein Jagdunfall. Ein Ort, an dem dieser Junge seiner Schwester, wenn sie high ist, was häufig vorkommt, nach seinem Tod als Geist erscheint. Es ist ein Ort, an dem Menschen verschiedener Hautfarben, wenn sie jung sind, miteinander schlafen und sich lieben, weiße Menschen aber, wenn sie älter sind, darauf mit großem Hass reagieren. Das erfundene Bois Sauvage liegt im echten Mississippi.

Im Mittelpunkt ihres Buches steht eine arme afroamerikanische Familie, die nahe der Golfküste von Mississippi in einem schäbigen Holzhaus mitten im Wald lebt: Die Großeltern, Mam und Pop, Tochter Leonie und deren zwei Kinder, der 13jährige Jojo und seine kleine Schwester Kayla. Großvater Pop hält den Haushalt zusammen, denn seine Frau liegt sterbenskrank im Bett und kann sich um nichts mehr kümmern. Tochter Leonie, Kellnerin in einer Bar, ist drogenabhängig und vernachlässigt ihre Kinder. Sie überlässt es Jojo, sich um seine kleine Schwester zu kümmern. Michael, der weiße Vater, sitzt in dem berüchtigten Gefängnis, Parchman Farm. Jetzt soll er entlassen werden und Leonie bricht mit einer Freundin und den beiden Kindern auf, um ihn abzuholen. 

Im Unterschied zu ihrem ersten Roman, der von einem jungen Mädchen erzählt wird, hat Jesmyn Ward ihre Geschichte diesmal auf mehrere Stimmen verteilt. Wir hören dem Jungen Jojo zu, der seinen Großvater liebt, an seiner kleinen Schwester hängt und von seiner Mutter enttäuscht ist. Er entlockt seinem Großvater im Laufe des Romans die Geschichte seines Gefängnisaufenthalts. Der wurde mit 15 unschuldig zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Dort trifft er auf den zwölfjährigen Richie, der hungrig Essen gestohlen hat und dafür zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wird. Er versucht, letztlich erfolglos, das Kind vor den brutalen weißen Aufseher zu schützen. Dieser Richie ist die zweite Stimme im Roman. Er erscheint Jojo als Geist und verlangt Aufklärung über seinen Tod.

Die dritte Stimme gehört der Mutter, Leonie. Sie kommt nicht darüber hinweg, dass ein weißer Junge ihren geliebten älteren Bruder kaltblütig und vorsätzlich ermordet hat und ungestraft davongekommen, weil der Sheriff, Michaels Vater, den Mord als Jagdunfall deklariert hat. Leonie betäubt ihre Erinnerungen mit Drogen.

Mit großer Zuneigung schildert Jesmyn Ward ihre Figuren. Sie beschreibt sie so lebensnah, dass man meint, sie vor sich zu sehen. Nüchtern, zurückhaltend erzählt Jesmyn Ward die Geschichten alltäglicher rassistischer Demütigungen - es sind erschreckende Bilder einer allgegenwärtigen weißen Arroganz und Gewalt, eines schwarzen Ohnmachtgefühls angesichts weißer Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit. Der Roman ist eine große poetische Hymne auf großväterliche Zuneigung und Abgeklärtheit und einen mutigen, wissbegierigen Jungen, der seine kleine Schwester zärtlich liebt und versucht, sie zu schützen. Ein Roman, der bewegt, ohne kitschig zu sein – und der allen Widrigkeiten zum Trotz das Leben feiert.
(hn)


Roman, aus dem Amerikanischen von Ulrike Becker
Kunstmann Verlag, München 2018
300 S., geb., 22,- €
ISBN 978-3-95614-224-6


>nach oben<

Matt Ruff – Lovecraft Country

Der Koreaveteran Atticus Turner sucht in den USA des Jahres 1954 nach seinem Vater. Das Verhältnis zu diesem ist zwar von jeher angespannt, doch als Atticus die Nachricht vom Verschwinden des Vaters erreicht, macht er sich unverzüglich auf die Suche. Er wird von seinem Onkel George, dem Verfasser des Reiseführers „Safe Negro Travel Guide“ und seiner Jugendfreundin Letitia begleitet. Die Reise führt von Chicago in den Bundesstaat Massachusetts, nach Lovecraft Country, einem Ort in Neuengland, mit den schärfsten Rassengesetzen in den USA. Ihren Spitznamen verdankt die Gegend dem Autor H. P. Lovecraft. Viele seiner Gruselgeschichten spielen hier, an fiktionalen Orten.

Doch die Gefahr lauert für den Schwarzen Atticus Turner und seine Begleiter eher am Strassenrand:  sie müssen sich vor dem Sheriff, einem Weißen, in Acht nehmen. Wie durch ein Wunder entkommen sie dessen Angriffen und gelangen bis zum Anwesen der Braithwhites. Hier tagt eine rassistische Geheimloge, mit deren Hilfe Braithwhite junior nichts weniger als die höchste Macht anstrebt. Die Ironie dabei: Die durchgehend weißen Kultisten brauchen ausgerechnet Atticus, um einen verstorbenen, äußerst mächtigen Großmeister ihrer Loge wieder zum Leben zu erwecken. Und so steht der junge Schwarze plötzlich im Mittelpunkt eines magischen Rituals.

Dieser erste Kontakt mit den "Söhnen Adams", wie sich die Loge nennt, ist nur der Auftakt zu einer Serie von Abenteuern, in denen Atticus und seine Familie mit diversen übernatürlichen Phänomenen konfrontiert werden. Vom Spukhaus über magische Folianten bis hin zum Körpertauschzauber: Der Autor bedient sich großzügig aus dem Repertoire des Horror-Genres. Alle fantastischen Elemente unterstreichen stets den sozialkritischen Grundton des Romans. Besonders augenfällig wird dies in einer Episode, in der Ruby, der Schwester von Letitia, ein Zaubertrank zugespielt wird. Dieser verwandelt sie für kurze Zeit in eine Weiße. Für Ruby tut sich plötzlich eine ganz andere Welt auf, sie kann sich frei bewegen, wird respektvoll behandelt und ernst genommen. Aber dann stößt sie an einer Straßenecke mit einem angetrunkenen Polizisten zusammen, und erst der Verlauf dieser Begegnung zeigt ihr das wahre Maß an Macht, die sie als Weiße im rassistischen Amerika über Schwarze hat.

Als Letitia in ein altes Anwesen in einer weißen Gegend zieht, hat sie, die Pionierin, nicht nur mit dem Widerstand der Nachbarinnen und Nachbarn zu kämpfen: Der ehemalige Besitzer, der als Geist durchs Haus spukt, ist ebenfalls Rassist. Mit allen Mitteln versucht er, die neue Bewohnerin zu vergraulen …

Mit subtilem Humor lockert der Autor seine Geschichten auf und leitet die Charaktere durch die Handlung, deren Stränge sich immer wieder treffen, ehe es zum Showdown kommt. Trotz des schwierigen Themas ist es Kultautor Matt Ruff gelungen, ein unterhaltsames Buch zu schreiben.
(av)


Roman, Übersetzung: Anna + Wolf Heinrich Leube
432 Seiten, Hanser Verlag
München 2018, 24,- €
ISBN 978-3-446-25820-40


Peter Nichols – Die Sommer mit Lulu

Der Roman beginnt mit dem Ende der Geschichte. Jahrelang ist Lulu Gerald aus dem Weg gegangen. Obwohl sie beide auf Mallorca leben, war es durch den unterschiedlichen Tagesablauf der beiden möglich, sich nicht zu begegnen. Als es dann doch passiert, versucht Gerald erneut, die Geschehnisse, die vor über fünfzig Jahren zum Bruch geführt haben, zu erklären. „Du hast den Film nie entwickeln lassen?“ fragt er sofort, als er die Gelegenheit hat. Doch Lulu bleibt abweisend, will fliehen, strauchelt und stürzt mit Gerald, der sie auffangen will, die Klippen hinunter.

Als Leser möchte man zu gerne wissen, was bloß passiert ist, was ist mit diesem Film? Zu diesen Ereignissen kommt Peter Nichols aber erst am Ende des Romans und bis dahin ist es fast schon nebensächlich geworden. In großen Schritten rückwärts durch die Zeit erzählt er vom Leben der beiden und ihrer Kinder. Die elegante, unabhängige Lulu betreibt eines der ersten Hotels auf Mallorca, Gerald bleibt auf seiner Segelreise dort hängen und lebt von einem alten Olivenhain.

Durch die besondere Erzählweise wirkt es um so mehr. Mallorca wird mit jedem Rückblick wieder ursprünglicher, unbebauter und frei. Wie bei den Hauptpersonen des Romans, alles ist offen, die Zukunft noch ungewiß …

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Eine unterhaltsamer Familienroman vor interessanter Kulisse mit einer leichten, unaufgeregten Spannung bis zum Schluß.
(bm)


Roman, Übersetzung Dorothee Merkel
Goldmann TB, München 2018, 12,- €
978-3-442-48585-73


Jessie Burton – Das Geheimnis der Muse

Ende der sechziger Jahre schlägt sich Odelle, die aus Trinidad nach London gekommen ist, mehr recht als schlecht als Schuhverkäuferin durch, bis sie einen Job in der renommierten Kunstgalerie Skelton bekommt. Sie leidet als farbige Frau unter der Zwei-Klassen-Gesellschaft und möchte gerne, dass ihre Geschichten veröffentlicht werden und sie als Schriftstellerin leben kann. Zwischen ihr und der selbstbewußten Chefin der Galerie, Marjorie Quick entwickelt sich eine Freundschaft, denn Quick erkennt Odelles Potential sehr schnell. Gleichzeitig lernt sie einen jungen Mann auf einer Party kennen, durch den sie und die Galerie in die Geschichte eines lang verschollenen Gemäldes verstrickt werden.

Ein zweiter Erzählstrang des Buches erzählt von Olive, die 1936, am Vorabend des spanischen Bürgerkriegs, mit ihren Eltern nach Andalusien kommt. Ihr Vater ist ein jüdischer Kunsthändler und wird auf einen jungen, spanischen Maler im Dorf aufmerksam. Durch die Begegnungen mit dem jungen Maler und Revolutionär Isaac fängt Olive an, sich mehr Gedanken um die politischen Geschehnisse um sich herum zu machen. Außerdem ist sie selbst eine begabte junge Malerin, die aber von ihrem Vater nicht anerkannt wird, weil sie eine Frau ist.

Jessie Burton schafft es, mit ihrem Schreibstil einen atmosphärisch dichten und spannenden Roman zu schreiben.

Ein wunderbarer Roman, der überall gelesen werden will: am Strand, in der Hängematte oder abends auf dem Balkon.
(av)


Roman, Übersetzung Peter Knecht
insel taschenbuch, Berlin 2018
461 Seiten, 14,95 €
ISBN: 978-3-458-36329-3


Nina Lykke – Aufruhr in mittleren Jahren

In Ingrid brodelt es gewaltig. 25 Jahre hat sie alles gegeben, für ihre Familie, als Lehrerin, immer erreichbar und bereit zu helfen. Aber nun, Anfang fünfzig reicht es ihr. Sie will nicht mehr für ihre erwachsenen Söhne waschen, die noch zuhause wohnen um ihr Geld in Aktien zu investieren. Und als ihr Mann auch noch eine Affäre mit seiner Kollegin Hanne beichtet, beschließt Ingrid, neu anzufangen.

Dieses Buch wird aus den verschiedenen Perspektiven von Ingrid, Jan und Hanne beschrieben. Keiner ist mit sich im Reinen. Die Zeit verrinnt und Lebenspläne wurden noch nicht verwirklicht, und so kämpfen sie verbissen um ihr Stück vom Glück. 

„Aufruhr in mittleren Jahren“ ist kein klassischer Beziehungsroman. Die Geschichte zeigt vielmehr auf, was geschieht, wenn die Kommunikation nicht mehr da ist und jeder in seine eigene Welt flüchtet. Die Autorin schildert ziemlich direkt und unverblümt wie sich die Leben der beteiligten Personen verändern und was der Bruch der langjährigen Beziehung aus Ingrid, Jan, den beiden Söhnen, aber auch aus Hanne macht.

Ein gut geschriebener pointierter Roman!
(bm)


Roman, aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, Sylvia Kall
Verlag Nagel & Kimche
2018, 269 S., geb., 20,- €
ISBN 978-3-312-01060-8


Verena Carl – Die Lichter unter uns

„Die Lichter unter uns“ erzählt die Geschichten zweier Familien, die sich in ihrem Urlaub in Taormina begegnen und sich näher kommen. Das Ehepaar Anna und Jo verbringt mit ihren beiden Kindern ihren Urlaub an dem Ort, der für die Eltern als Ziel ihrer damaligen Hochzeitsreise eine besondere Bedeutung hat. Von der großen Liebe und Leidenschaft der damaligen Zeit ist nicht mehr viel übrig geblieben, alles ist anders. So kommt es, dass sich eine zufällige Begegnung von Anna und Alexander, einem anderen Urlaubsgast, zu einem Wendepunkt für die Mutter entwickelt.

Verena Carl beschreibt in ihrem Roman "Die Lichter unter uns" das Leben eines Ehepaares, das sich selber aus den Augen verloren hat und in eine jeweils eigene Scheinwelt geflohen ist. Die Gemeinsamkeiten sind rar geworden. Die eigene Unzufriedenheit treibt Anna dazu, sich in die scheinbar perfekte Welt des reichen Alexanders zu wünschen, dessen Leben so erstrebenswert scheint. Sie erfährt den Unterschied zwischen Schein und Sein und beginnt ihr bisheriges Leben in Frage zu stellen. 

Ein gut zu lesender, nachdenklicher Roman.
(mn)


Roman, 320 Seiten
S.-Fischer-Verlag
Frankfurt 2018, geb., 20,- €
ISBN 978-3-10-397363-1


Lynne Sharon Schwartz – Alles bleibt in der Familie

„Alles bleibt in der Familie“, ein vergnüglicher, aber nie oberflächlicher New-York-Roman: Wir befinden uns in der Upper West Side in New York, in einem riesigen Haus, in dem die ganze Familie untergebracht ist. 
Dies ist auch nach zwanzig Jahren seit der Originalausgabe eine durchaus aktuell anmutende Patchwork-Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt die einen Cateringservice betreibende Bea steht, die die ganze Familie – inklusive der weiteren Ehefrauen ihres Ex-Mannes – in einem Haus zusammenhält. Weil sie es so will. 

Sie hat für jeden immer ein offenes Ohr. Besonders und vor allem immer noch für ihren Exmann Roy, den Psychiater, der immer wieder einen Rat von seiner ersten Ehefrau braucht. Bea hat nach Roy ebenfalls wieder eine Liebe gefunden, den Hauswart Dmitri aus Russland. Die zweite Ehefrau von Roy heisst Serena. Sie ist die Exfrau eines Patienten von Roy. Beas Schwester May hat sich aber ebenfalls in Serena verliebt, die Künstlerin spannt Roy also die Frau aus und die beiden sind glücklich verliebt. Sie sind das einzige gleichgeschlechtliche Paar in der Familie. Nach Serena findet Roy allerdings erneut eine Frau, die Lehrerin seiner Tochter Sara. Sara nennt sich aber nicht mehr Sara sondern Shimmer, das hört sich cooler an. Saras Lehrerin Lisa heiratet also Roy und rutscht etwas ungewollt ebenfalls in die grosse Familie hinein. Sara hat einen Bruder, der Danny heisst und eine kleine Identitätskrise hat. Sara und Danny haben noch zwei weitere Halbgeschwister, auch hier ist Roy der Vater, die Mutter war eine Prostituierte aus Vietnam. Die Zwillinge heissen Jane und Tony, die mitfühlende Bea hat sie nach dem Tod deren Mutter in die USA geholt und adoptiert, Tony und Jane gehören also längst dazu.

Ziemlich leicht fällt es Serena, Roy zu einem weiteren Beischlaf zu überreden, weil sie und May sich ein gemeinsames Kind wünschen. Am gleichen Tag, im gleichen Krankenhaus bringen schließlich Lisa und Serena ihre Kinder auf die Welt, Frau Nummer zwei und Frau Nummer drei; und beide Kinder sind von Roy (am Ende des Buches hat er sechs Kinder von vier Frauen). Und, ach ja, auch Tony, Roys erster, unehelicher Sohn, wird in diesen Stunden Vater.

Die tragischste Entwicklung darin ist noch, dass Beas Mutter Anna langsam vergesslich wird. Sie ist eigentlich die Hausherrin, die schon seit Ewigkeiten in diesem Haus lebt und nun zunehmend Gedächtnislücken aufweist. Sie ist mit einer unverschämten Direktheit ausgestattet und sorgt für so manche Pointe. Anna liebt Oscar, den Hausportier, der seine Arbeit sehr ernst nimmt. Das hindert sie allerdings nicht daran, mit einem Auftritt in einer Talkshow zu liebäugeln (Bea würde sagen: zu drohen), bei der es um One-Night-Stands gehen soll. 

„Eine Großstadtkomödie“ heißt Lynne Sharon Schwartz’ im Original 1999 erschienener Roman „Alles bleibt in der Familie“ („In the Family Way“) im Untertitel. Und genau das ist er. „Alles bleibt in der Familie“ ist eine Farce aus dem Leben wohlhabender New Yorker, ein ironischer, manchmal ein wenig sarkastischer, aber doch auch sommerleichter Roman. Nie wirkt er überkandidelt, ist gleichsam geerdet, nicht zuletzt durch Matriarchin Bea. 
Man sieht Bea vor sich, wie sie kocht, organisiert, sikch kümmert. Sich um ihre Mutter und ihre Kinder sorgt und trotz allem um ihren Ex-Mann. Man sieht Roy vor sich, den egoistischen Charmeur, der seinen Psychotherapeuten-Jargon auspackt, wenn es für ihn eng wird.


Mit einer Übersetzung des haargenau beobachteten, den Details einer langsamen Liebesabnutzung nachspürenden Eheromans „Für immer ist ganz schön lange“ hat der Verlag Kein & Aber die 1939 geborene New Yorkerin Lynne Sharon Schwartz dem deutschen Publikum vorgestellt (1991 machte rororo schon einen Versuch in der Reihe „neue frau“, „Feldstörungen“ist aber längst vergriffen).
(mn/hn)


Roman, 480 Seiten
Kein + Aber, Berlin - Zürich
2017, geb., 24,– €
ISBN 978-3-0369-5756-2


Der amerikanische Architekt

Amy Waldman

Die New York Times-Journalistin Amy Waldman hat hiermit ihren ersten Roman vorgelegt – auf hohem literarischen Niveau: Eine Jury ist berufen worden, um nach einem Architektenwettbewerb über den Bau einer Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags vom 11. September einen Entwurf auszuwählen: Die anonyme Ausschreibung für das Ground-Zero-Memorial gewinnt ein muslimischer Architekt. Die Jurymitglieder sind geschockt, es beginnt eine heftige Auseinandersetzung, die die Ansprüche der Toleranz, Freiheit und Gerechtigkeit, wie sie von vielen westlichen Industrienationen gerne hochgehalten werden, auf die Probe stellen. Ist der ausgewählte Garten ein Hort des Trostes oder der Paradiesgarten der Terroristen?

An der erhitzten Debatte, die Waldman sehr genau und spannend einfängt, hat mir besonders gefallen, wie differenziert Waldman die unzähligen Graustufen der Diskussion zwischen Gut und Böse ausmalt. Dieser Einblick in die Reflexe einer beschädigten demokratischen Kultur und einer erschütterten Weltmacht anhand einer Reihe von Einzelschicksalen ist schon fast genial beschrieben.
(hn)


Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
Schöffling & Co., geb., 2013;
seit 2014 Heyne TB,
506 S., 9,99 €
ISBN 978-3-453-41762-5


Das Päckchen

Franz Hohler

Nichtsahnend steht der Bibliothekar Ernst Stricker in der großen Unterführung des Berner Hauptbahnhofs, um an einem der wenigen öffentlichen Telefonapparate, die es noch gibt, seine Frau anzurufen. Er will ihr mitteilen, dass er mit einem späteren Zug kommen wird, als neben ihm der Apparat anfängt zu klingeln. 
Da es erkennbar keinen anderen Menschen in seinem Umfeld gibt, der auf diesen Anruf wartet und Ernst ein höflicher Mensch ist, nimmt er den Hörer ab.
Am anderen Ende der Leitung ist eine alte Frau, die ihn mit seinem Vornamen anredet und bittet, sofort zu ihr zu kommen, um ein eingewickeltes Päckchen abzuholen.
Vergeblich versucht Ernst den Irrtum aufzuklären und fährt kurzentschlossen zu der genannten Adresse.

Frau Schaefer ist eine fast erblindete alte Frau und weist alle Aufklärungsversuche von sich, denn sie möchte unbedingt ein kleines, in Packpapier eingeschlagenes, Päckchen loswerden. Zwei, ihr unheimliche Männer, waren innerhalb kurzer Zeit ein paar Mal bei ihr, um danach zu fragen. 
Sie gaben sich als Bergfreunde ihres, auf einer Bergwandertour verschollenen Mannes Philipp, aus.
Doch Frau Schaefer weiß, dass dies nicht stimmen kann.
Ernst nimmt das geheimnisvolle Päckchen entgegen. Er fühlt und ahnt sofort, daß es nur ein Buch sein kann. Und dass es sich um kein gewöhnliches Buch handelt, sagt ihm wenig später sein geschultes Auge.
„Der dunkelbraune lederne Einband, von dem die Ecken leicht geknickt waren, der Rücken, durch den ein feiner Riss von oben bis zur Mitte verlief, der Geruch, der von ihm ausging, als werde ein längst vergessenes Kellergewölbe geöffnet, machten ihm sofort klar, dass vor ihm nicht einfach ein altes Buch lag, sondern ein Bote aus einer anderen Zeit.“

Doch sollte es sich wirklich um den "Abrogans", das älteste Buch deutscher Sprache, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch, und für Mediävisten, bibliophile Bibliothekare und Antiquare eines der größten Schätze der Buchkunst aus dem 8. Jahrhundert handeln? Und ist es wiederum nur ein Zufall, dass ausgerechnet er, ein Bibliothekar, dieses Buch in den Händen hält?
Ernst bricht aus seinem routinierten Alltag aus und versucht erst allein, dann zusammen mit seiner Frau Jaqueline den Geheimnissen um diese alte Handschrift auf die Spur zu kommen.
Das diese Suche ihrer beider Leben von Grund auf verändert, versteht sich bei Franz Hohler, dem Meister der kleinen Begebenheiten, die sich dann in große Ereignisse verwandeln, von selbst.

Ein kleines, feines Buch für alle, die Freude an einer schönen Sprache und den Absurditäten des Lebens haben. (AV)


Roman, geb. Luchterhand 2017;
221 S., 20,00 €
ISBN 978-3-630-87559-0



Good Night Stories for Rebel Girls

Elena Favilli
Francesca Cavallo

100 aussergewöhnliche Frauen

Allein der Begrüßungstext auf der zweiten Seite dieses wunderschön gestalteten Buches verheißt schon eine inspirierende Lektüre:

An alle rebellischen Mädchen
dieser Welt:
träumt größer
zielt höher
kämpft entschlossener
und im Zweifelsfall merkt euch:
ihr habt recht.

Es werden uns bekannte und unbekannte Frauen jeweils auf einer Doppelseite vorgestellt, wobei sich diese in eine Text- und in eine Bildseite aufteilt. Die Porträts der Frauen sind von sechzig Illustratorinnen aus aller Welt gemalt worden.
Dies führt zu einer Vielfältigkeit, wie sie auch den vorgestellten Frauen entspricht und zu einer „Gaumenfreude“ für das Auge macht.
Ob es sich um Amna Al Haddad, eine Gewichtheberin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die deutsche Archäologin Marie Reiche oder die chinesische Dirigentin Xian Zhang handelt, alle Lebensgeschichten erzählen von Frauen, die sich aufgemacht haben, ihre Träume, Begabungen oder Überzeugungen zu vertreten. 
Manche hatten den Mut, mit den gängigen Konventionen zu brechen wie zum Beispiel die amerikanische Chirurgin Mary Edwards Walker, die im neunzehnten Jahrhundert geboren wurde und lieber (verbotenerweise) Männerkleidung trug, weil sie sich darin viel freier bewegen konnte und wohler fühlte. Während des amerikanischen Bürgerkrieges meldete sie sich freiwillig zur Unionsarmee und rettete zahlreichen Menschen das Leben.

Wer kennt sie nicht, die wunderbaren Geschichten von Astrid Lindgren, dem rebellischen Mädchen, das mit seiner großen Familie auf einem Bauernhof in Schweden aufwuchs. Sie war sehr stark und mutig, konnte Dinge reparieren und auf Dächern balancieren. Diese Kindheitserlebnisse inspirierten sie und sie wurde Schriftstellerin. Die Erwachsenen waren über ihre Pipi Langstrumpf Geschichten schockiert, aber die Kindern liebten sie, weil Astrid Lindgren sie zum selbständigen Denken anregte. Heute zählt Pippi Langstrumpf zu den beliebtesten Kinderbüchern überhaupt.
Oft hatten diese Frauen Menschen an ihrer Seite, die sie unterstützt haben und auch die beiden Autorinnen hätten nach eigenen Angaben nicht ohne den großen Beistand Vieler dieses lebensfrohe und interessante Buch zum Leben erwecken können.

Eine tolle Lektüre, die Lust auf neue Bekanntschaften macht und nicht nur Mädchen sondern auch Jungs und Erwachsene zum Schmökern einlädt.
(AV)


Hanser Verlag 2017;
223 Seiten, geb., 24,00 €
ISBN 978-3-44625690-3





Das Gedächtnis der Insel

Christian Buder

Dreissig Jahre nach dem Tod seiner Mutter kehrt der 38 jährige Jan auf die Insel seiner Kindheit zurück. Sein Vater wurde im Hafenbecken gefunden, alle gehen von Selbstmord aus und obwohl Jan seit zwanzig Jahren keinen Kontakt zu seinem Vater hatte, verlässt er sein sicheres, einsames Leben in Paris um zur Beerdigung auf die Insel  an der französischen Atlantik-Küste zurückzukehren.

"In Paris bewohnte Yann ein Zweizimmer-Appartement im Zweiten Arrondissement. Die Küste war weit genug entfernt. Er ging über keine Brücken, und er machte einen Bogen um jede Pfütze. Bei Regen verließ er das Haus nicht. Als Archäologe im Louvre konnte er arbeiten, wann er wollte. Doch das Wichtigste war: Er arbeitete alleine in seinem Büro. Niemand, der ihm Fragen stellte, und keine Frau, in die er sich hätte verlieben können. Nur fern von der Küste war er sicher."

Schon bald ergeben sich Hinweise, die einen Selbstmord unwahrscheinlich machen, der Vater hatte ein Zugticket gekauft, um Jan in Paris zu besuchen. Zwanzig Jahre haben die beiden keinen Kontakt gehabt, Jan hat es ihm immer übel genommen, daß nur Wochen nach dem Tod der Mutter deren beste Freundin Rykel ihren Platz übernommen hat.

Immer mehr Unstimmigkeiten fallen auf,  und auch Gwenn, seine ehemalige Freundin aus der Jugend, inzwischen Polizistin, ermittelt privat und die Verstrickungen reichen bis in ihre Familie.
Ein starker Sturm zieht auf, wie damals, als Jans Mutter starb und mit den Gewalten spitzt sich auch die Lage auf der bretonischen Insel zu...

Dieser Roman hat eine spannende Krimihandlung, die leider etwas kontruiert erscheint, dass macht Buder aber wett, der Stil ist flüssig und atmosphärisch. Meer, Sturm, Wind und Wellen, knorrige Leuten und ein Rätsel aus der Vergangenheit, ich habe ihn sehr gerne gelesen! (BM)


Roman, geb. Blessing 2017;
seit 2018 Heyne TB,
271 S., 9,99 €
ISBN 978-3-453-42246-9




Paul Auster – 4 3 2 1

Lesung – Buchvorstellung in Kooperation mit dem "Volksbad"

Wie der Titel "4 3 2 1" bereits andeutet, spaltet Auster Fergusons Geschichte auf. Genauer gesagt: Er erzählt in vier parallelen Strängen viermal das Leben des Archibald Isaac Ferguson. Wir haben es hier nicht mit einem Coming of Age- und Bildungsroman zu tun, sondern gleich mit vieren. Da ist es, das Auster’sche Urmotiv des Zufalls. Die Grundidee des Romans formuliert ironischerweise der sechsjährige Ferguson selbst, kurz nachdem er sich bei einem Sturz von einem Baum ein Bein gebrochen hat:

"Was für ein interessanter Gedanke, dachte Ferguson: sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. Derselbe Junge in einem anderen Haus mit einem anderen Baum. Derselbe Junge mit anderen Eltern. Derselbe Junge mit denselben Eltern, die aber nicht dieselben Dinge täten wie jetzt. Was, wenn er von demselben Baum gefallen wäre und sich nicht ein, sondern beide Beine gebrochen hätte? Was, wenn er dabei gestorben wäre? Ja, alles war möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auch auf eine andere Weise geschehen könnte." 

Doch andererseits zeichnet Auster in vielen Passagen in aller Breite das Bild einer aufbegehrenden Generation. Angefangen von der Ermordung Kennedys über den Vietnamkrieg bis hin zu den blutigen Rassenunruhen in Newark im Jahr 1967 lesen wir in "4 3 2 1" von jungen Menschen, die von den Ereignissen überrollt werden und denen nach und nach das Grundvertrauen in ihr Land entzogen wird.
"Sie waren anders als die Jahrgänge über ihnen – aggressiver, ungeduldiger, eher bereit, sich zu erheben und gegen Dummheit, Selbstgefälligkeit und Ungerechtigkeit zu kämpfen. Während die meisten älteren Studenten immer noch an das glaubten, was ihnen in den Fünfzigern eingetrichtert worden war, begriffen Ferguson und seine Freunde, dass sie in einer irrationalen Welt lebten, in einem Land, das seine Präsidenten ermordete, Gesetze gegen die eigenen Bürger erließ und seine jungen Männer in sinnlosen Kriegen sterben ließ." 
Die Politisierung durch Vietnam-Krieg und Bürgerrechtsbewegung ist der äußere Antrieb für die Fergusons: Wenn die Welt brennt, wird man selbst entflammt. 

In jeder der einzelnen Geschichten ist der Protagonist, Spross einer osteuropäischen, jüdischen Familie, derselbe und nicht derselbe. Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob Archie vaterlos aufwächst, ob die Familie in der Provinz oder in New York lebt, ob sie mit ihrem Unternehmen (Elektrowaren) zur Upperclass zählt oder schleichend verarmt. Das hört sich kompliziert an und ist es zunächst auch. Der Roman, der in den fünfziger und sechziger Jahren spielt, stößt einen anfangs gnadenlos in die Verwirrung. Man darf ihn nicht für längere Zeit weglegen, sonst weiß man nicht mehr, mit welchen der vier Archies man es zu tun hat, mit dem angehenden Journalisten, mit dem Schriftsteller oder Lyriker, mit dem Archie, der sich als Kind den Arm gebrochen hat, oder dem, der bei einem Autounfall zwei Finger verloren hat, mit dem Archie, der auch mit anderen Jungs schläft und sich ansonsten mit Prostituierten vergnügt, oder dem, der eine eher langweilige und glückliche Langzeitbeziehung hat. Die Konfusion ist natürlich Absicht, denn Auster führt ein Experiment vor: Wie sehr verändert sich der Charakter eines Menschen mit den Umständen, in denen er lebt? Die Antwort lautet: völlig und so gut wie gar nicht.

Völlig, denn schon kleine Veränderungen wie eine etwas stärkere Eigensinnigkeit, Unausgeglichenheit und Risikobereitschaft, die den vaterlosen Archie auszeichnen, ziehen andere Marotten, andere Freunde und Geliebte nach sich, andere Sexpraktiken und andere Abgründe. Alle Archies haben zwar etwas mit Amy Schneiderman, der Tochter von Freunden seiner Eltern – die aber jedes Mal anders auf ihn reagiert, denn mit dem einen passt sie besser zusammen als mit dem anderen. Der Charakter Archies ändert sich durch kleine Nuancierungen für andere völlig. Und gleichzeitig überhaupt nicht.

Die heranwachsenden Archies pubertieren mit der gut bekannten Quälerei, der Dauerunruhe und Sexbessenheit, der Sportbegeisterung, dem Baseball als Sex-Ersatz, der Selbsterniedrigung und Selbstüberschätzung. Und jede oder jeder neue Geliebte ist natürlich die größte Liebe des Universums, eine Liebe, wie es sie niemals gegeben hat und nie wieder geben wird, und nach ein paar Wochen ist sie auch wieder ganz vergessen und zur belanglosen Episode geschrumpft. Sie leben mit glühendem Hass auf die Eltern und mit weinerlicher Anhänglichkeit an sie. Mit störrischem Eifer, das Leben eigenständig zu führen, und der Einsamkeit von Langstreckenläufern. Mit dem Sehnen, in jedem Augenblick des Lebens "ununterbrochen geliebt zu werden", selbst wenn man etwas tut, das einen wenig liebenswert macht.

Paul Auster teilt mit seinen Protagonisten das Geburtsjahr 1947. Und man bewundert ihn dafür, wie er sich mit seinen fast siebzig Jahren ohne auch nur den Hauch von altväterlicher Distanz oder Umständlichkeit in die nervös schlagenden Herzen der Jungs hineinversetzt, und damit natürlich in sich selbst als Heranwachsenden. Wie nebenher entfaltet er dabei das Panorama eines untergegangenen Amerikas, das noch in der tristesten Vorstadt aufstiegsversessen ist, das sich an wachsendem Wohlstand, wachsender Mobilität und wachsender gesellschaftlicher Liberalität erfreut – trotz der Ermordung Kennedys und Martin Luther Kings, trotz Rassenunruhen und Vietnam. Der Westen ist mit seinem fiesen, seinem fantastischen Kapitalismus, dem Jazz, dem Rock und Pop, seiner klassischen Musik und dem guten alten Humanismus so vital wie die reizbaren Teenager selbst. Alle hadern mit ihrer Zeit und leben in der besten aller möglichen Welten. Das lässt sich im Rückblick leicht sagen …

Ein Buch mit einer lang anhaltenden Wirkung. (hn)


Roman, geb. Rowohlt 2017;
seit 2018 rororo-TB
1264 S., 18,00 €
ISBN 978-3-499-27113-7


Was alles war

Annette Mingels

Susa ist Adoptivkind – was sie seit frühester Jugend weiß. Sie wächst mit ihrer ebenfalls adoptierten Schwester bei liebevollen Pflegeeltern auf.
Als sie ihre leibliche Mutter kennenlernt, bleibt diese ihr seltsam fremd. Sie begegnet erstmals ihren Brüdern, beide erwecken grosses Interesse in ihr, zu dem einen fühlt sie sich sehr hingezogen.

Sie lernt schliesslich Henryk kennen und heiratet ihn. Ihre neue Liebe bringt allerdings zwei Töchter mit in die Ehe. Sie lässt sich darauf ein, erlebt mit ihnen Höhen und Tiefen.

Wie nun Annette Mingels in ihrem Roman diese verschiedenen Familienstränge miteinander verbindet, ist faszinierend und bestechend zugleich. Es überzeugt, wie Annette Mingels gekonnt starke Emotionen in Sprache einfängt, ohne je in Kitsch abzurutschen. Ein sehr schönes Buch, das über die verschiedenen Facetten von "Familie heute" erzählt - von Schwangerschaft und Geburt, von Pubertät, Krankheit, Verlust und Tod - lebensnah erzählt, manchmal sehr bewegend. Die einzelnen Personen, ihre Konflikte, ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihre schönen und weniger guten Erfahrungen und Erlebnisse werden der oder dem Leser*in sehr nahe gebracht. 

Eine Empfehlung! (MN)

Ergänzung: Ende November 2017 wurde Annette Mingels der mit 12.000 Euro dotierte Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag für ihren „Familienroman“ Was alles war übergeben. Die Jury begründet ihre Entscheidung wie folgt: 

Annette Mingels analysiert schnörkellos am Beispiel eines Familienalltags die vielbeschworene moderne Patchworkfamilie. Sie betrachtet die komplexe Beziehungsdynamik junger Eltern mit gegensätzlichen Karrierewünschen und die komplizierte Suche nach Identität anhand der eigenen Herkunft. Zugleich entlarvt sie – nicht ohne Komik – die wirtschaftliche Befindlichkeit des akademischen Prekariats am Beispiel eines Paares mit abseitigen Berufen ....  „Was alles war“ ist eine intensive psychologische Geschichte, als Familienroman ein vorbildlicher Spiegel der heutigen Zeit und zugleich ein optimistischer Entwurf, wie Familie sein kann.


Roman, geb. Knaus 2017;
seit 2018 Penguin TB,
286 S., 10,00 €
ISBN 978-3-328-10257-1


Die Gleichung des Lebens

Norman Ohler

Sommer 1747. König Friedrich II. will die Sumpfgebiete östlich von Berlin trockenlegen, um dort Flüchtlinge anzusiedeln und die gerade entdeckte Kartoffel für die wachsende Bevölkerung Berlins anzubauen. Mehr Land – mehr Menschen – mehr Wohlstand. Er ist begeistert von diesem Projekt und läßt sich nicht reinreden, wirbt außerhalb Preußens für einen Umzug ins Oderbruch. „Ich will Platz bieten all jenen, die nach einem frischen Anfang verlangt. Die dort, wo sie derzeit hausen, unglücklich sind, weil man sie wegen ihres Glaubens oder aus ähnlichen Gründen verfolgt. […] Ja, ich will, dass Preußen ein Land der Verheißung wird. 
Der Mathematiker Leonhard Euler erhält von ihm den Auftrag, Realisierbarkeit, Dauer und Kosten berechnen – aber nicht in der Akademie, sondern vor Ort. Die Dimension der Aufgabe lasse sich dort erst richtig begreifen. So recht überzeugt ist Euler nicht, mürrisch macht er sich auf den Weg. "jede Stunde des Nichtrechnens kostete eine nicht bekannte Anzahl an Erkenntnissen.“ 
Die Arbeiten am neuen Kanal sind schon angelaufen und kaum angekommen, erfährt Euler vom Tod des leitenden Ingenieurs. Er wurde mit einem traditionellen Speer der Eineimischen Fischer getötet und Euler beginnt diskret zu ermitteln.

Gleichzeitig betrachten die Bewohner des Gebietes, die von der Fischerei leben, die Entwicklungen mit Sorge. Bisher haben sie sehr gut gelebt im "preußischen Amazonas der Oder" und einige wollen das Ende Ihrer traditionellen Lebensweise nicht einfach hinnehmen, Streit und Zwietracht bricht aus. 

Der ruhige, immer etwas bedrückte Euler ist sehr symphatisch und beginnt bald, die negativen Seiten diesen Projekts zu sehen, Kosten und Aufwand aber auch die Folgen des Fortschritts und die unwiederbringbare Zerstörung der Natur, die Besonderheiten der Artenvielfalt und das Schützenswerte der alten Welt.

Am Ende wird der bis dahin nur locker verfolgte Kriminalfall spannend zur Auflösung gebracht, im Vordergrund stehen bei diesem Roman aber die historischen Beschreibungen, Lebensweisen und Alltag der Menschen im 18. Jahrhundert.

Auch Leonhard Euler gab es wirklich. Sein Empfehlung an Friedrich den Großen, das Projekt abzubrechen, führten dazu, daß dieser vor Wut das Genie Euler degradierte um "ihn aus den Geschichtsbüchern zu verbannen"

Ein atmosphärischer und schön erzählter historischer Roman. (BM)


Roman 2017,
416 S., geb., 22 €
Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04968-8-22


Q

Luther Blissett / Autorenkollektiv Wu Ming

Unser Beitrag zu 500 Jahren Reformation: Die Neuauflage des theologischen Thrillers, der international für Furore sorgte. Ein gewaltiges Epos der Reformationszeit, eine aufwühlende Geschichte von Rebellion und Verfolgung, Utopie und Verblendung.

Der Roman erzählt die Geschichte der Reformation aus der Sicht eines unter wechselnden Namen auftretenden radikalen Reformators, der sich in den theologischen Debatten in Wittenberg radikalisiert, in Opposition zu Luther tritt und an der Seite Thomas Müntzers in den Bauernkrieg zieht. Er erlebt die vernichtende Niederlage gegen das Fürstenheer in Frankenhausen, irrt anschließend quer durch Mitteleuropa, immer bereit, den Fehdehandschuh wieder aufzunehmen und für das radikale Gleichheitsversprechen des reformierten Glaubens zu kämpfen. Sein Widersacher ist der geheimnisvolle »Q«, ein Spion der Inquisition, der Briefe an Gian Pietro Carafa, den späteren Papst Paul IV., schreibt und immer bestrebt ist, den Funken der Revolte auszutreten und Macht und Lehre der katholischen Kirche gegen die Unterwanderung durch die freiheitsbewussten Abweichler zu behaupten.

Eine dramatische Zuspitzung erfährt diese Auseinandersetzung mit der Wiedertäuferkommune in Münster, die – zunächst siegreich – an der äußeren Belagerung und ihren inneren Zuspitzungen zugrunde geht. Wieder ist der Protagonist des Romans zur Flucht gezwungen, doch ein Coup gegen das Bankhaus der Fugger bringt ihm mittels gefälschter Wechsel unerwarteten Reichtum. Die Reise geht weiter und führt ihn nach Italien, wo es zum endgültigen Showdown mit seinem Widersacher im Kampf um die Nachfolge des Papstes kommt.

40 Jahre Geschichte, die den Weltenlauf entscheidend veränderten haben, werden in fesselnder Weise zum Leben erweckt. Zugleich lässt sich der Roman als eine Art Wiederspiegelung der Geschichte der Linken lesen, mit ihren Kämpfen und Niederlagen, ihrem utopischen Überschuss und ihren oftmals egoistischen Verirrungen.


Roman, Verlag Assoziation A
aus dem Italienischen von Ulrich Hartmann
699 Seiten, kartoniert, 19,80 €
ISBN 978-3-86241-450-5

Am 6. Dezember 2016 hatten wir den Übersetzer Klaus-Peter Arnold zu einer Lesung aus den Büchern des Wu-Ming-Kollektivs in unserer Buchhandlung zu Gast





Altai

Wu Ming

Das fünfköpfige, mittlerweile von Luther Blissett in Wu Ming umbenannte, aus Bologna stammende Schreibkollektiv hat mit Altai einen Roman veröffentlicht, der inhaltlich und personell an das Debüt Q anschließt und dem Erfolgstitel an Spannung und erzählerischer Raffinesse in nichts nachsteht.

Wieder geht es darum, Geschichte anders zu erzählen und einen Blick auf geschichtliche Abläufe zu eröffnen, die in den Ereignislinien der herkömmlichen Geschichtsschreibung häufig übersehen wird. Hintergrund des in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts angesiedelten Romans sind die imperialen Ansprüche der Republik Venedig und ihre militärischen Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich, die 1571 in der sagenhaften Seeschlacht von Lepanto gipfelten.

Dieses historische Ereignis wird von der italienischen Rechten und den Neofaschisten gern zur siegreichen Auseinandersetzung des abendländischen Westens mit dem islamischen Osten stilisiert. Angesichts des gespannten Verhältnisses des Westens zur Türkei hat dies derzeit noch einmal zusätzliche Aktualität. Wu Ming bricht diese klassisch-ideologische Lesart des Ost-West-Gegensatzes auf. Denn zwischen den großen historischen Blockfronten verbergen sich zahlreiche soziale, kulturelle und politische Nischen.

In Altai sind es die aus Venedig vertriebenen Juden, die in Istanbul – das im 16. Jahrhundert gegenüber allen Religionen weitaus freizügiger war als das christliche Abendland – eine neue Heimat gefunden haben. Nun versuchen sie, die historische Auseinandersetzung zu nutzen und mithilfe des militärischen Griffs des Osmanischen Reichs auf Zypern einen neuen Zufluchtsort im Mittelmeer für Juden und alle anderen Vertriebenen zu schaffen. Im Zentrum des Romans steht der schon in Q (unter dem Namen João Miquez) auftretende jüdische Bankier, Politiker und Intellektuelle Joseph Nasi, der wirklich existierte und nach seiner Vertreibung aus Venedig am Hof des osmanischen Sultans versuchte, für die jüdischen Gemeinden des Mittelmeers eine territoriale Heimat zu erkämpfen.

Neben höfischen Intrigen, Entführungen, der Belagerung von Städten und imperialer Machtpolitik bietet der ungemein dicht und rasant erzählte Roman faszinierende Beschreibungen der bunten und gigantischen Metropole Istanbul. Aber auch der Dogenpalast, die Kanäle und die Folterkeller Venedigs kommen vor, an einigen Stellen werden Gewalt, Repression und Krieg im frühneuzeitlichen Mittelmeerraum realistisch in Szene setzt. Das alles wird, wie bei Wu Ming üblich, in pointierten, kurzen Kapiteln in einem sich fortlaufend aufbauenden, faszinierenden Spannungsbogen erzählt.

Anmerkung: Im Frühjahr 2017 wird der Roman "54" wieder lieferbar sein – als kartonierte Ausgabe:
kart., Assoziation A 2017
2. A.; 524 S., 19,80 €
ISBN 978-3-86241-456-7


Roman, aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold
2016, 347 S., kartoniert, 24 €
Verlag Assoziation A
ISBN 978-3-86241-452-9




Silke Scheuermann – Wovon wir lebten

Viel gelobt wurde die Autorin Silke Scheuermann für ihre Gedichtbände und und ihre Romane, vor allem für die Beziehungs-Novelle Die Stunde zwischen Hund und Wolf – jetzt kommt sie mit einem umfänglichen Entwicklungsroman

Im Mittelpunkt der über 500 Seiten starken Geschichte steht Marten Wolf, der aus einem zerrissenen Elternhaus stammt und sich bereits in jungen Jahren um die alkoholkranke Mutter und die kleine Schwester kümmern muss.
Große Erwartungen an das Leben hat Marten nicht. Er wächst in einem Umfeld auf, das von illegalen Geschäften, Schlägereien und Sex beherrscht wird. Nach einer Lehre und Schichtarbeit in einem hessischen Großbetrieb nehmen Drogen seinen Alltag gefangen. In der Entzugsklinik lernt er Peter kennen, einen ehemaligen Restaurant- und Clubbesitzer. Dieser entdeckt Martens Talent zum Kochen. Als die beiden gemeinsam das Edellokal Happy Rabbit in Frankfurt eröffnen, kommt es zu einem Wiedersehen mit Martens Jugendliebe Stella, die ihre Bilder in der Galerie des Restaurants ausstellen soll. Von einer reichen Tante großgezogen, scheint sie ihm unerreichbar. Jetzt aber drehen sich die Vorzeichen um: Während Stella um Anerkennung für ihre Kunst kämpfen muss, avanciert Marten zum angesagten Fernsehkoch – bis das kriminelle Milieu ihn wieder einzuholen droht.

Beinhart lässt Silke Scheuermann ihren Protagonisten diese Tour de Force durchlaufen und durchleiden: Ohne Schnörkel und Beschönigungen, in einer authentischen und direkten Sprache nimmt der Leser teil an Martens Leben – sowohl mit seinen tragischen Wendungen als auch mit den glücklichen Fügungen. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – im Roman zeigt uns die Autorin, welche Wahrheit in dieser Redewendung steckt, aber auch, welche ungeheure Kraftanstrengung nötig ist, um sein Glück zu machen. Auffällig ist die Genauigkeit und Einfühlsamkeit der Autorin in ihren männlichen Helden, der über weite Strecken nicht gerade ein Sympathieträger ist.
Dass Scheuermann als weibliche Autorin einen proletarischen Hauptdarsteller nachzeichnet und ihm zwei sehr unterschiedliche Frauenfiguren gegenüberstellt, ergibt einen reizvollen Spannungsbogen, den die Autorin mühelos und gekonnt ausmalt.

„Wovon wir lebten“ ist ein Roman, der sehr zu loben ist - ein Lesevergnügen!


Roman, geb. Schöffling & Co. 2016;
seit 2018 FISCHER TB,
528 S., 14,00 €
ISBN 978-3-596-70142-1

Zur Lesung und Buchvorstellung war Silke Scheuermann am 6. März 2017 in unserer Buchhandlung zu Gast


Die Birken wissen's noch

Lars Mytting

Eine verschlungene Familiengeschichte: Die Spuren führen in die Kriegszeiten des 20. Jahrhunderts und zu den Spätfolgen des "Großen Kriegs" in Frankreich zurück. Ein Junge namens Edvard wächst von seinem dritten Lebensjahr an beim Großvater auf dessen Bergbauernhof im Gudbrandstal auf. Seine Eltern sind bei einem mysteriösen Unfall in Frankreich ums Leben gekommen. Zu den alten Schlachtfeldern der Weltkriege waren merkwürdigerweise Edvards Eltern gefahren, in einen Wald, wo ein Teil der Schlacht an der Somme getobt hatte. In diesem Wald standen ungewöhnlich wertvolle Walnussbäume, die der Familie von Edvards Mutter gehörten. Offenbar wollten seine Eltern das Erbe klären. Der damals dreijährige Edvard wird erst als Erwachsener erfahren, dass sie in eine der Phosphor-Granaten gerieten, deren Ummantelung im Laufe der Jahre von Rost zerfressen worden war.
Der norwegische Großvater war damals nach Frankreich gekommen, um ihn nach Hause zu holen. Er lehrt seinen Enkel alles, was ein Bauer wissen muss, aber er sagt ihm nichts über den Tod der Eltern und das fragliche Erbe. Als er stirbt, sieht Edvard sich gezwungen, endlich herauszufinden, was damals geschah, als seine Eltern im Teich an jenem Wäldchen starben und er für ein paar Tage verschwunden war.
Zwar ist da Hanne, eine schöne, selbstbewusste junge Frau, die ihn heiraten und eine Familie mit ihm gründen will. Aber Edvard reist der Spur eines Großonkels nach, der mit seinem Bruder zerstritten war und sich auf eine einsame Shetland-Insel zurückgezogen hatte. Einar, der Bruder seines Großvaters, war ein begnadeter Tischler und die schönsten Passagen des Buches beschreiben dessen Handwerk.

Bei der Spurensuche auf der britischen Insel begegnet Edvard einer Frau namens Gwen, in die er sich verliebt und die ebenfalls einen Großvater mit Geheimnissen hat. Manchmal wird einer durch ein fatales Versehen zum Mörder und hat sein Leben lang an der Schuld zu tragen. Auch das könnte die Lösung sein. Gwen und Edvard tun sich zusammen; heimlich suchen beide aber auch getrennt nach der Lösung der Familienrätsel. Zum Schluss fügt sich alles wie ein solide gebauter, kostbarer Familientisch, an dem Generationen gesessen und Spuren hinterlassen haben.
Ein ruhig fließender Roman mit einer komplexen Handlung, die von einer wachsenden intensiven, inneren Spannung vorangetrieben wird.
Ein absolut herausragendes Buch.


Roman, aus dem Norwegischen
von Hinrich Schmidt-Henkel
geb. Insel 2016;
seit 2017 Insel TB,
516 S., 12,00 €
ISBN 978-3-458-36283-8


Agnese geht in den Tod

Renata Viganò

Dieser Roman ist eine echte Wiederentdeckung – in Italien berühmt, auf Deutsch bisher nur 1951 in der DDR erschienen, ein bewegender Roman über den Zweiten Weltkrieg, ein Blick in den italienischen Untergrund beim Kampf gegen die nationalsozialistische Besatzung – ein spannender, in seinem Ernst und seiner Gradlinigkeit ergreifender Roman über die Entwicklung einer einfachen Frau zur selbstbewussten Partisanin!
Wer noch unsere Lesung mit Robert Cohen über das "Exil der frechen Frauen" erinnert (siehe hier), ist bereits bestens im Thema!
Italien wird nach dem Tode Mussolinis von den Nationalsozialisten besetzt. Als die alternde Wäscherin Agnese einen einheimi- schen Soldaten bei sich aufnimmt, verraten die Nachbarn sie an die Besatzer. Ihr Mann wird abgeholt und stirbt auf dem Weg ins KZ. Agnese schliesst sich dem Widerstand an und übermittelt Nachrichten, transportiert Lebensmittel und Sprengstoff als Botin auf dem Fahrrad . In einem Racheakt erschlägt Agnese einen Deutschen. Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf: Agnese muss fliehen und geht in den Untergrund. Der Winter 1945 bringt schließlich die Katastrophe: Die Partisanen sind vom Eis eingeschlossen, und Agnese gerät in eine deutsche Kontrolle ...
»La Responsabile« wird die fürsorgliche Wäscherin genannt: Agnese, die bislang in der Verantwortung für ihren kränkelnden Mann gelebt hat, übernimmt wie selbstverständlich Verantwortung bei den Partisanen der Resistenza und entwickelt eine ungeahnte Stärke ...
Die Italienerin Renata Viganò (1900 − 1976) schrieb Erzählungen und Romane. »Agnese geht in den Tod« ist ihr berühmtestes Werk. Ihr Haus in Bologna war ein bekannter Treffpunkt für Schriftsteller, Philosophen, ehemalige Partisanen.
Dieses Buch wurde auf einer Lesung in unserer Buchhandlung am 24.11.2014 vorgestellt. Für mich das Buch des Jahres! (hn)


Roman, Deutsch von Ina Jun-Broda,
neu bearbeitet Ulrike Schimming
gebunden Band 23 der edition fünf 2014;
312 Seiten, 21,90 €
ISBN 978-3-942374-46-0


Esperanza

Marina Caba Rall

Alle Wurzeln gekappt, kein Blick zurück, das geht so lange gut, bis eines Tages ein fremder Mann vor der Tür steht und Esperanza aus vertrauten Augen ansieht. Vor Jahrzehnten hatte sie Spanien verlassen, als Gastarbeiterin in Deutschland eine neue Heimat gefunden und eine Familie gegründet. Beinahe vergessen sind die Sprache ihrer Kindheit, die Gerüche und Farben der Landschaft, die Armut, alle Erinnerungen, aller Schmerz.
Ein raffiniert gebauter Familienroman über die Abgründe der spanischen Geschichte und den Umgang mit den blinden Flecken der eigenen Biographie. (Klappentext)
Es ist die erschütternde Geschichte einer Frau, die nach Berlin ausgewandert ist. Sie ist heute glücklich mit einem Deutschen verheiratet und Mutter von zwei fast erwachsenen Kindern. Sie hat aber zudem ein Leben und einen Sohn in ihrem Dorf in der Nähe von Caceres hinter sich gelassen - für sie eine fast vollständig verschwiegene und verdrängte, traumatische Vergangenheit.
„Unsere Erinnerungen bleiben bestehen […] wie eingerahmte Bilder, aber das Leben, das bleibt nicht stehen“, heisst es an einer Stelle. Denn jetzt steht dieser Sohn, Juan, vor ihrer Tür. Karla, ihre Tochter, ist zutiefst schockiert und will das Schweigen der Mutter nicht mehr hinnehmen. Jahrzehnte nach ihrem Weggang von Caceres, kehrt Esperanza nun mit ihrer Tochter an den Ort mit den drei Eichen zurück, wo der Körper ihres gegen die Franco-Diktatur kämpfenden Onkels verscharrt wurde.
Esperanza, ihre Tochter Karla und Juan, der verlassene Sohn, erzählen abwechselnd. Sie springen von der Vergangenheit in die Gegenwart und zurück. Wir erleben Esperanzas Kindheit, ihr Leben unter Franco und ihren Jugendfreund Alfonso - all das, worüber Esperanza in Berlin nie gesprochen hatte. Und wir erfahren die Gründe, warum sie diese Vergangenheit so hartnäckig vergessen wollte ...
Marina Caba Rall lässt den Roman in Berlin und Caceres, dem Geburtsort des Großvaters der Autorin, einem vom Franco-Regime verfolgten Republikaner, spielen. Man merkt dem Buch die Prägung von Marina Caba Rall als Drehbuchautorin und Regisseurin von Dokumentar- und Spielfilmen an, aufgebaut im szenischen Wechsel der drei Hauptpersonen Esperanza, Karla und Joan. Marina Caba Rall schreibt atmosphärisch dicht und bildhaft, verbunden mit eindrücklichen historischen Rückblenden in die Zeit der Franco-Diktatur nach dem Spanischen Bürgerkrieg.
Ein Buch für alle, die gute Geschichten mit einem realen historischen Hintergrund lieben.


geb. Wagenbach 2016;
seit 2018 btb TB,
224 S., 10,00 €
ISBN 978-3-442-71547-3

Am 2. Juni 2016 war Maria Caba Rall zu einer Lesung bei uns in der Buchhandlung – in Zusammenarbeit mit dem Romanischen Seminar der Europa-Universität Flensburg, Inst. f. Sprache, Literatur und Medien.






Meja Mwangi

Rafiki

Rafiki, der sympathische Mann mit der Gitarre lebt in den Tag hinein. Bei jedermann in seinem Ort Nanyuki ist er beliebt, außer bei seiner Frau Sweetthea, die von ihm erwartet, dass er das Geld für das Studium ihrer gemeinsamen Tochter beschafft. Er beschließt, das Elektrogeschäft der indischen Brüder Manu und Manish Patel zu überfallen. Doch deren Kassen sind leer. Die Kunden kaufen zwar ihre Geräte auf Abzahlung, begleichen jedoch ihre Raten nicht. Rafiki sieht Handlungsbedarf. Er wird dieses Geld eintreiben. Ein leicht skuriler Glücksritter-Roman: Meja Mwangi habe, so schreibt die Rezensentin von Deutschlandradio Kultur indem sie den Roman mit Ngugi wa Thiong'os (dem berühmten Kollegen und ehemaligen Mentor Mwangis) "Herr der Krähen" vergleicht, "mit Rafiki eine (weniger) scharfe, eher amüsante, gelungene Groteske verfasst. In einer direkten, dialogischen Sprache und mal handlungsreichen, mal alltagsphilosophischen Episoden schildert der Roman eine Männerwelt, die sich längst überlebt hat und sich krampfhaft an ihren letzten Besitz klammert: den Stolz". Nicht die Männer, so interpretiert die Rezensentin Meja Mwangis Botschaft, sondern nur die Frauen und die Kinder könnten "wohl" die korrupte kenianische Gesellschaft verändern.

Tanz der Kakerlaken

Dies ist der letzte der drei Nairobi-Romane. Schauplatz ist die unweit der River Road gelegene Grogan Road, die heute Kirinyaga Road heißt. Mwangi schreibt turbulent und hart vor dem Hintergrund der glitzernden, rasch wachsenden Metropole Nairobi, wo Wolkenkratzer und Wellblechhütten dicht beieinanderliegen, wo das eigene Glück im Überlebenskampf mitunter nicht länger anhält als ein Glas Bier.
Die Kakerlaken im heimischen Zimmer und ein ausbeuterischer schwarzer Hausbesitzer, verhindern, dass sich der einzelgängerische Dusman Gonzaga wenigstens in den eigenen vier Wänden in dieser heruntergekommenen Mietskaserne, dem Dacca House, ein wenig von seinem tristen Alltag in Nairobi erholen kann. Doch den skrupellosen Eigentümer interessieren die Kakerlaken sowenig wie verstopfte Toiletten oder kaputte Duschen, er kassiert die Bewohner ab, und geniesst, dass niemand aufbegehrt. Niemand? Dusman hat es satt, ist zu jedem Risiko bereit und rebelliert ...

> Meja Mwangi las für uns am 07. Oktober 2015 im Weinkontor Roberto Gavin in der alten Walzenmühle aus seinem Werk


Rafiki (Rafiki - Man Guitar)
geb. P Hammer 2014;
328 S., 22,00 €
ISBN 978 3 7795 0482 5

Tanz der Kakerlaken (The Cockroach Dance)
geb. P Hammer 2015;
283 S., 22,00 €
ISBN 978-3-7795-0528-0




Ein ganzes Leben

Robert Seethaler

"Ein ganzes Leben" hat der preisgekrönte österreichische Autor und Schauspieler Robert Seethaler sein neues Buch betitelt und er erzählt darin das ganze Leben des Seilbahnarbeiters Andreas Egger, von dessen Kindheit bei einem Bauern, der ihn widerwillig aufnimmt, seiner Jugend als Hilfsknecht, seiner Arbeit bei der Bergbahn und seiner Liebe zu Marie.

Ein einfach geschriebener Roman, der in seiner ruhigen und philosophisch anmutenden Erzählweise nichts von Alpenkitsch hat, vielmehr ein bewegendes Buch über den Fortgang der Zeit und die Veränderungen, die das Leben bringt. (hn)

Wir empfehlen auch den Erstling des Autors, der nunmehr neu als Taschenbuch aufgelegt worden ist:
Seethaler, Robert: Der Trafikant, Kein + Aber, TB 12.00 €
978-3-03-695909-2


geb. Hanser 2014;
seit 2016 Goldmann TB,
184 S., 11,00 €
ISBN 978-3-442-48291-7



Liebe unter Fischen

René Freund

Man ist sofort mitten drin in diesem Buch und auch in Berlin-Mitte, wo Susanne Beckmann ihren kleinen, aber feinen Verlag mit Schwerpunkt Lyrik betreibt. Und entgegen aller Regel hat sie sogar einen erfolgreichen Autor, der mit seinen Gedichten das Wohlergehen des Verlages sichert.
Der dritte Lyrikband ist bereits angekündigt und kann mit 60.000 Vorbestellungen dem Verlag aus seinen roten Zahlen holen, wenn Fred Firneis bloss schreiben würde. Doch dieser lebt ein Dichterleben, wie es im Buche steht, in einer verdreckten Kreuzberger Wohnung und gibt sich dem Selbstmitleid und dem Rotwein hin. Kein Wunder, das seine Verlegerin ihn mit allen Mitteln versucht, wieder zum Schreiben zu bewegen...

Ein Buch voller schrulliger, liebenswerter Charaktere, die einem sofort ans Herz wachsen und ein Lächeln auf die Lippen zaubern. (av)


geb. Deuticke 2013;
seit 2015 Goldmann TB,
220 S., 8,99 €
ISBN 978-3-442-47994-8



Gebete für die Vermissten

Jennifer Clement

Elf Jahre hat die US-amerikanische Autorin mit Wohnsitz in Mexiko Interviews mit Mädchen in ihren Verstecken geführt, mit Frauen von Drogendealern, mit deren Kindern und Müttern und auch mit Frauen im Gefängnis: "Mich überrascht immer, wie sehr die Leute ihre Geschichte erzählen wollen. Das ist geradezu ein menschliches Bedürfnis! Während sie mir ihre Geschichten erzählten, habe ich Ausschau nach poetischen Momenten gehalten: nach dem Geschmack der Worte und nach Metaphern. Zum Beispiel hat mir eine Mutter, deren Tochter entführt worden war, erzählt: 'Und ich habe ihr noch gesagt: Geh im Schatten! Halt dich im Schatten!"
Es sind solche Bilder, die Jennifer Clements Roman so stark machen. Denn die Sprache der Autorin ist schlicht und unspektakulär. Doch sie weiß um die Kraft der Bilder, die sie gekonnt und überraschend einsetzt. Die Stelle im Dorf, an der man einzig und allein Handyempfang hat, heißt zum Beispiel Delphi. Als stärkstes Bild bleibt aber das von den Erdlöchern im Gedächtnis haften, in die die Mädchen wie Kaninchen huschen, um sich vor ihren möglichen Entführern zu verstecken.
Ladydi wächst in den mexikanischen Bergen auf, inmitten von Mais- und Mohnfeldern, in einem Dorf ohne Männer, denn die sind auf der Suche nach Arbeit über die Grenze oder längst tot. Es ist eine karge und harte Welt, in der ein Mädchenleben wenig zählt. Eine Welt, in der verzweifelte Mütter ihre Töchter als Jungen verkleiden oder sie in Erdlöchern verstecken, sobald am Horizont die schwarzen Geländewagen der Drogenhändler auftauchen. Aber Ladydi träumt von einer richtigen, "normalen" Zukunft, sie träumt von Freundschaft und Liebe und Wohlstand. Ein Job als Hausmädchen in Acapulco verspricht die Rettung, doch dann verwickelt ihr Cousin sie in einen Drogendeal. Und plötzlich hält sie ein Paket Heroin in den Händen, und ein gnadenloser Überlebenskampf beginnt.
Angesichts der heutigen Auseiandersetzung um die Ermordung von 43 demonstrierenden Studenten, die staatliche mexikanische Behörden offensichtlich zur "Beseitigung" an kooperierende Mafia- oder andere Killerkommandos übergeben haben, hat dieser Roman eine atemberaubende, nahezu dokumentarische Nähe zur gesellschaftlichen Wirklichkeit in Mexico. Ein Buch, das einen lange nicht loslässt. (hn)


geb. Suhrkamp 2014;
seit 2015 Suhrkamp TB,
229 S., 8,99 €
ISBN 978-3-518-46640-7





Inés und die Freude

Almudena Grandes

Almudena Grandes ist eine der wichtigsten Stimmen der spanischen Gegenwartsliteratur. Seit einigen Jahren arbeitet sich die 54-jährige Autorin in ihren Romanen aus alternierenden Perspektiven an ihrem großen Lebensthema ab: dem spanischen Bürgerkrieg mit all seinen blutigen Facetten. Ihr ebenso ambitioniertes wie gewagtes Projekt ist ein sechsbändiges Opus magnum über dieses dunkle Kapitel der spanischen Geschichte. Zuletzt hatte sie einen neunjährigen Jungen namens Nino ins Zentrum ihres Romans „Der Feind meines Vaters“ (dt. 2013) gerückt. (siehe unsere Empfehlung hier)

Als Roman „über Spaniens Unglück“ hat Grandes ihr neues opulentes Erzählwerk „Inés und Freunde“ bezeichnet. Wir befinden uns im Oktober 1944. Mit der Landung der alliierten Truppen in der Normandie scheint sich ein Ende des Zweiten Weltkriegs und des Faschismus in Europa abzuzeichnen. 4.000 mutige Freiheitskämpfer - Kommunisten, Sozialisten und andere Republikaner - dringen durch die Pyrenäen nach Nordspanien vor und wollen von dort den Kampf gegen das Franco-Regime initiieren. So weit der historische Kontext, in den Almudena Grandes ihre „fiktive Geschichte vor realem Hintergrund“ einbettet.
Im Zentrum steht die aus gutbürgerlicher, dem Franco-Regime zugeneigten Madrider Familie stammende Inés, die sich ausgerechnet in Galán, den Rebellen-Anführer, verliebt. Das führt zu heftigen familiären Turbulenzen. Inés’ Bruder ist ein überzeugter Falangist, dem offensichtlich jedes Mittel recht ist, um seine mutige und selbstbewusste Schwester zur Umkehr zu bewegen. Er holt sie aus dem Gefängnis und sperrt sie zwischenzeitlich in einem Dorfhaus in den Bergen ein. Die politischen Wirren verursachen tiefe Risse, die die Familien und Dorfgemeinschaften vollends entzweien und Geschwister und Nachbarn zu gnadenlosen Feinden werden lassen.
Eines Morgens im Jahre 1944 hört sie im Radio, die Guerillakämpfer seien bis 50 km vor ihre Unterkunft erfolgreich vorgerückt. Es gelingt ihr, mit dem Pferd ihres Bruders zu flüchten und sich den Republikanern anzuschließen. Sie verliebt sich in den Kapitän Galán und erlebt das Scheitern der Guerilla, die in Spanien erstaunlicherweise bis heute in Vergessenheit geraten ist. Bis Francos Tod im Jahre 1975 und der damit verbundenen Transición wird ihr Exil in Frankreich und das gefährliche Leben ihres Mannes im Geheimdienst beschrieben.
Ein spannend zu lesender historischer Roman, der gekonnt Geschichte mit Fiktion vermischt, Abenteuer mit Romantik und Spannung. Stilistisch ansprechend, inhaltlich unterhaltsam und lehrreich. (hn)


geb. Suhrkamp 2014; seit 2016 dtv,
229 S., 14,90 €
ISBN 978-3-423-14506-0


Vor dem Sturm

Jesmyn Ward

Über dem Mississippi-Delta braut sich ein Orkan zusammen. Esch, ihre drei Brüder und der trunksüchtige Vater leben in ärmlichen Verhältnissen, die Mutter ist bei der Geburt des Jüngsten gestorben. "Schmerz ist da, um ertragen zu werden". Das ist die Lehre, die die 15-jährige Esch aus ihrer geliebten Lektüre der griechischen Mythen zieht. Und sie zieht sie auch aus ihrem eigenen Leben. Denn Esch ist schwanger, arm und schwer unglücklich. Manny, ihr Geliebter, schaut ihr beim Sex nicht in die Augen und küsst sie nicht. Wenn andere dabei sind, ignoriert er Esch und verleugnet sie. Die Liebe zu ihren Brüdern ist das Einzige, was Esch Halt gibt zwischen Autowracks und Hühnerstall. Es ist heiß, es riecht nach Staub, immer wieder fließt Blut. Die physische Abwesenheit der toten Mutter verhindert nicht, dass sie allgegenwärtig in den Gesprächen der Geschwister ist und als Erinnerung an eine glücklichere, wohlhabendere Zeit herhält.
Auch seine historische Dimension gibt dem Roman eine besondere Bedeutung. Denn der bevorstehende Sturm, von dem im Romantitel die Rede ist, nennt sich „Katrina“. 2005 richtete der Hurrikan das gesamte Gebiet um die Golfküste zugrunde.
Auch Autorin Jesmyn Ward hielt sich in jenem September dort auf und ihr Roman schildert, wie die Heimsuchung lange vor dem Hurrikan „Katrina“ kam. Die mangelnde Hilfeleistung für mittellose Katastrophenopfer, bei denen es sich größtenteils um Afroamerikaner handelte, entzündete eine neue Debatte über Rassen- und Klassentrennung in den damals von George W. Bush regierten Vereinigten Staaten.
Jesmyn Ward schafft es, all diese Umstände weitgehend ohne Pathos zu schildern, weil sie die Perspektive und den ganz selbstverständlichen Alltag von Esch nicht verlässt. Bei aller Grobheit und Brutalität in diesem Leben hält die Familie zusammen und versucht, sich für den Jahrhundertsturm zu rüsten.
Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund, ihre Schilderung ist manchmal durchaus erschreckend, ihre Sprache aber fast lyrisch und sie vermag es, dem Desaster eine Hoffnung entgegenzusetzen. (mn / hn)


geb. Kunstmann 2013,
seit 2015 Ullstein TB,
320 S., 9,99 €
ISBN 978-3-548-28618-1




Nick McDonell – Ein hoher Preis

Nick McDonell war und ist ein literarisches Wunderkind. Als Teenager schrieb der Amerikaner den Roman "12" über die gelangweilten, drogensüchtigen Upper Class Kids von New York – und landete einen Welterfolg. Aus meiner Sicht ein skandal-heischendes, vollkommen abstruses Buch!

In der Folgezeit studierte er an der Elite-Uni Harvard, ging als Reporter und Journalist in den Iran und in den Sudan und brachte ein weiteres Buch heraus.

In diesem neuen Roman "Ein hoher Preis" soll der junge CIA-Agent Teak in Ostafrika Kontakt mit Rebellen aufnehmen, die von den USA unterstützt werden. Nach einem Anschlag gerät seine bislang so klar schwarz-weiß gezeichnete Welt aus den Fugen - Teak weiß nicht mehr, wem er noch trauen kann und wer tatsächlich auf wessen Seite steht.
Ein anderer Ort der Handlung ist eine Eliteuni der USA, wo die Intellektuellengarde von Dozenten und Studenten ebenfalls in die Geschehnisse in Ostafrika eingebunden ist. In dieser studentischen Welt an der amerikanischen Ostküste versucht der junge Somalier David angestrengt  Anerkennung bei den Mitstudenten zu finden. Staunend bemerkt er schliesslich, dass sich die traditionellen honorigen Studentenverbindungen für ihn, den Exoten, interessieren - wer ist hier wessen Spielball?

Der Autor entspinnt einen kunstvollen Reigen zwischen den Extremen Harvard und Somalia, zwischen der akademischen Welt und der rauen Wirklichkeit der internationalen Politik. Das ist spannend, politisch und nicht ohne Humor, auch wenn die Fülle der auftretenden Personen nicht immer leicht zu zu überschauen ist. McDonell kann umso glaubwürdiger von diesen Welten berichten, da er Teil beider beschriebenen Welten war.

Nick McDonnel schreibt in einem kühlen, distanzierten Stil über die Hintergründe weltweiter Machtentscheidungen und führt eindrucksvoll in die Innenwelt amerikanischer Eliteuniversitäten ebenso ein wie in die Verwobenheit politischer Ränkespiele zwischen vermeintlicher Unterstützung, plötzlicher Feindschaft und hintergründiger Machtstrategien.

Spannend und anders in Duktus und Stil als übliche Formen heldenhafter Agententhriller – dieses Buch ist sehr empfehlenswert. Es gehört zu den wenigen, die man zweimal lesen sollte. Beim ersten Mal ist es ein sehr spannender Geheimdienstkrimi. Erst beim zweiten Lesen, wenn das hastige Umblättern wegfällt, rücken die kleinen intellektuellen Feinheiten des Textes in den Vordergrund. Und am Ende guckt man noch einmal ungläubig auf die Biographie im Klappentext und rechnet nach: Ja, der Autor ist tatsächlich erst 26 Jahre alt.


Roman, geb. Berlin-Verlag 2010;
seit 2011 TB,
304 S., 8,00 €
ISBN 978-3833307515


Die andere Seite des Himmels

Jeanette Walls

Liz und Bean Hollady, 15 und 12 Jahre alte Schwestern, leben allein mit ihrer schrägen Mutter in Kalifornien. Die Mutter ist Sängerin, lebt sehr unstet und hält es nie lange an einem Ort aus. Sobald Probleme auftauchen, bricht sie lieber ihre Zelte ab.
Als sie eines Tages für längere Zeit verschwindet und die Mädels ihrem Schicksal überlässt, sehen die beiden keine andere Möglichkeit, der verhassten Fürsorge zu entkommen, als nach Virginia zu reisen - denn dort kommt ihre Mutter her und dort leben noch Verwandte. Wie sie die lange Reise durchstehen, ihren verschrobenen aber liebenswerten Onkel erobern, beim mächtigsten aber unangenehmsten Mann im Ort Arbeit finden - das alles wird sehr lebendig, spannend und gekonnt erzählt.
Vor allem Bean nimmt einen mit ihrem erfrischenden, direkten Auftritt völlig für sich ein, sie nimmt kein Blatt vor den Mund und nennt die Dinge beim Namen und steht für ihre Meinung ein. Das ist notwendig, nicht jeder ist ihnen freundlich gesonnen. Als schliesslich der mächtige Maddox sich Liz gewaltsam nähert, spitzt sich die Auseinandersetzung zu. Zwar können die Mädchen im Prozess gegen den Peiniger nicht gewinnen, aber sie haben mit ihrem Mut und ihrer Unbeugsamkeit etwas losgetreten, was nicht mehr aufzuhalten ist …
Ein lesenswerter Roman, er übertrifft ihre Vorgänger "Schloss aus Glas" und "Ein ungezähmtes Leben" (beide Diana-TB)!
(mn)


geb. Hoffmann & Campe 2013;
seit 2015 Diana TB,
363 S., 9,99 €
ISBN 978-3-455-40465-4




Accabadora

Michaela Murgia

Maria kommt mit 6 Jahren ins Haus der Bonaria Urrai als Pflegetochter oder auch: als "Kind der Seele" - eine wohl in Sardinien durchaus übliche Praxis: Eine kinderreiche Familie überlässt eines ihrer Kinder einem kinderlosen gutbetuchtem Paar, der Kontakt zur Familie bleibt erhalten, das Kind wächst gesichert auf und wird sich aber später um ihre alt-gewordenen Pflegeeltern kümmern.
Maria wächst bei dieser wortkargen Frau auf und kommt nach und nach hinter ihr Geheimnis: Wir tauchen tief ein in eine archaische Welt voller Aberglauben, Klageweibern und das harte, einfache Leben - sogar die Sprache ist sehr eigen.
Maria entwickelt eine eigene Stärke, lässt sich nicht beirren, als sie das geheime Leben ihrer Pflegemutter enthüllt und verlässt sie voller Entsetzen. Sie geht auf das Festland und nach Turin in eine andere Pflegefamilie. Auch hier muss sie lernen sich zu behaupten.
Als ihre ehemalige sardische Pflegemutter einen Schlaganfall erleidet, kehrt sie in ihre alte Heimat zurück.
Michaela Murgia erzählt in einer schnörkelosen poetischen Sprache - sehr eindringlich, sehr gute Unterhaltung! (mn)


geb. Wagenbach 2010;
seit 2017 Wagenbach TB,
173 S., 10,90 €
ISBN 978-3-8031-2768-6


Absolution

Patrick Flanery

Dieses Buch ist eine Herausforderung - es steht fast in einer Reihe mit dem genialen "Schande" von J.M. Coetzee, dem zweimaligen Booker Prize-Gewinner und Träger des Nobelpreises für Literatur im Jahre 2003.
Sam Leroux erhält den Auftrag, die prominente Schriftstellerin, Clare Wald, über ihr Leben zu befragen und ihre Biografie zu schreiben. Die durchaus interessierte Dame führt ihn jedoch an der Nase herum, gewährt momentane Einblicke in ihr Leben und Wirken unter der Apartheid, doch einige Fragen scheinen für den jungen Autor tabu zu sein. Die Leserin stösst auf dunkle Geheimnisse und ahnt eine heimliche Verbindung zwischen den beiden. Gleichzeitig lesen wir Szenen aus dem Leben der unbotmässigen Tochter der Grande Dame der Literatur. Ein mitunter an den Nerven zerrendes Verwirrspiel entfaltet sich - wieso schildert die gleiche Person dieselbe Szene mündlich so viel anders als in ihrem schriftlichen Protokoll? Ist die betagte Dichterin vielleicht doch verwirrt? Und wo liegt die Wahrheit? Was ist in den Jahren der Apartheid tatsächlich Wahrheit, was ist Verstrickung, was Schuld, was Widerstand, was Humanität? Und wie gehen wir heute in einem immer noch zerrissenen, offenkundig belagertem Land damit um, wo die Bürgerinnen und Bürger nicht gelernt haben, einander zu vertrauen?

Der junge Autor schafft es die vielen verwirrenden Knoten im Leben der Autorin tatsächlich aufzudröseln - er schafft es, uns die tiefen, unsäglichen Risse, die die Apartheid beschert hat, sichtbar und erfahrbar zu machen - nur ein happy end wird das nicht. Aber es wirkt lange nach …
Ein wenig parteilicher hätte er gerne schreiben können. Ein großer Roman - mit so viel Zündstoff.
Unglaublich. Lesen! (hn)


geb. DVA 2013; 486 S.,
Ladenpreis aufgehoben, vergriffen,
Restexemplar - € 12,00





Die allgemeine Tauglichkeit

Akos Doma

Schon seit seinem ersten Roman huldigt der Autor dem süßen Nichtstun – Amir, Igor, Ludovik und Ferdinand, so heissen die Helden diesmal, schlagen sich durch, hausen in einem verfallenen Haus am Bahndamm und trinken viel, damit sie besser über den Sinn und den Unsinn der Arbeit philosophieren können. Da steckt ein bißchen Lebensweisheit, viel Humor, aber auch viel bittere Satire drin.
In dieses mit viel Liebe zu den handelnden Personen geschilderten Leben am Rande der Gesellschaft platzt Albert, ein notorischer Optimist und Lebenskünstler. Er will mit den Totalverweigerern aus dem heruntergekommenen Haus am Bahndamm eine Pension aufbauen.
Auch wenn er es schafft, die Verlierer zur Renovierung des Hauses zu ermuntern, so kippt kurz vor Eröffnung des Hauses die Stimmung - ein großer Ausreißversuch in die alte Freiheit droht alles umzukehren, endet zunächst in einem furchtbaren Fiasko.


geb Rotbuch 2011;
272 S., 18,95 €
ISBN 978-3-86789-124-0


Das war ich nicht

Kristof Magnusson

Ein junger deutscher Banker in Chicago, der nur für seinen Beruf lebt; Übersetzerin von Bestsellerautor LaMarque, unzufrieden mit ihrem Leben; und schliesslich Henry LaMarque selbst, gerade 60 geworden, auf der Flucht vor sich selbst, dem Alter und einer massiven Schreibblockade. Sie alle treffen in Chicago aufeinander und eine rasante Geschichte um Abhängigkeiten, Zufälle, Liebe und Spekulationen nimmt ihren Lauf.
Ein gut zu lesender Roman, mal komisch, mal amüsant und teilweise fesselnd dramatisch - sehr unterhaltsam und mit einer spannenden Pointe endend.
Der Durchbruch für einen jungen Autor, von dem bereits das lesenswerte Taschenbuch "Zuhause" vorliegt! (mn)


geb. Kunstmann 2010;
seit 2011 Goldmann TB,
285 S., 9,99 €
ISBN 978-3-442-47459-2




Ralf Rothmann – Feuer brennt nicht

Nach den Ruhrpott-Erzählungen "Stier", "Wäldernacht", "Milch und Kohle" und "Junges Licht" hat Ralf Rothmann u.a. neben "Hitze" mit seinem neuen Roman ein weiteres Berlin-Kapitel aufgeschlagen:
Unser Dichter Wolf grübelt über sein Schaffen, seine Beziehung zu seiner Frau und sein Wohnumfeld erscheinen ihm zunehmend problematisch. Kreuzberg wird zu geschäftig, zu anstrengend …

Alina und Wolf ziehen schliesslich an den grünen Rand der Stadt. Am Müggelsee, wo die Unterschiede zwischen Ost und West auch fast 20 Jahre nach Öffnung der Grenzen sehr lebendig sind. Zwar erleben sie Natur und Fremdheit aus völlig neuer Sicht, Wolf fühlt sich jetzt aber in dieser Zweisamkeit mit Alina überfordert. Sein zunächst heimlicher Ausbruch zur früheren Geliebten Charlotte wird allmählich zur erotischen Obsession, seine Offenbarung gegenüber seiner Frau Alina führt zu einigen Wirrnissen. Überraschend ermuntert Alina ihn zur Fortsetzung dieser Dreiecksbeziehung.

Vor dem Hintergrund des komplizierten Zusammenfindens von Ost und West entfaltet Ralf Rothmann eine hocherotische, verzehrende amour-fou – mit einem überraschenden Ende.
Der Autor erzählt spannend mit einer schönen, treffsicheren Sprache – die Geschichte wirkt lange nach.

Mittlerweile sind die Romane über das Leben seines Vaters erschienen:
Im Frühling sterben
2015; seit 2016 Suhrkamp TB, 233 S., 978-3-518-46680-3 - € 10,00
Der Gott jenes Sommers
geb. 2018 bei Suhrkamp - 978-3-518-42793-4 - € 22,00


geb. Suhrkamp 2009;
seit 2010 Suhrkamp TB,
303 S., 11,00 €
ISBN 978-3-518-46173-0


Alte Liebe

Bernd Schroeder,
Elke Heidenreich

Lore und Harry sind seit über 40 Jahren verheiratet, haben eine Tochter und eine Enkeltochter. Im Wechsel werden aus der jeweiligen Sicht des Einen oder der Anderen Szenen einer Ehe erzählt, mal traurig, ganz oft urkomisch, alles nicht ganz unbekannt.
Die Tochter will jetzt zum dritten Mal heiraten, diesmal einen reichen Industriellen. Harry will nicht hingehen, Lore weiß, was in ihm vorgeht und kriegt ihn doch überredet mitzukommen. Sie bereuen es nicht - aber es ist nicht einfach, nach 40 Jahren die Liebe immer wieder zu finden.
Ein niveauvoller Unterhaltungsroman mit hohen Wiedererkennungseffekten! Auch wer "die Heidenreich" nicht mag, wird darin sein Vergnügen finden! (mn)


geb. Hanser 2009; seit 2011 FISCHER TB,
192 S., 9,99 €
ISBN 978-3-596-18749-2




Empörung

Philip Roth

Ein furioses, stürmisches, leidenschaftliches, dichtes Buch: Marcus Messner ist jung, anständig und fleißig, er revoltiert ein einziges Mal, und er bezahlt dafür mit seinem Leben. 1951 beginnt  sein Studium am konservativen College von Winesburg in Ohio. Während der Koreakrieg ins zweite Jahr geht, durchlebt Marcus eine Geschichte, die von Unerfahrenheit handelt, von Widerstand, Sex, Mut und Irrtum. Kaum ist er im College, kommt es zu einem ersten, ihn völlig verstörenden Erlebnis mit einem fragilen jungen Mädchen, und er begegnet einer Form der Diskriminierung, die ihn empört. Wider Willen wird Marcus zum Rebellen, gegen seine Kommilitonen, aber auch gegen seinen Vater - und er bleibt hartnäckig bis zum bitteren Ende. Selten ist Philip Roth, dessen letzte Werke sich ausschliesslich um Alter und Tod drehten, so eindringlich, so mitreissend, wie in diesem Buch. (hn)


geb. Hanser 2009;
seit 2010 rororo,
208 S., 10,00 €
ISBN 978-3-499-25496-3


Winter im Süden

Norbert Gstrein

Die Geschichte zweier Leben – Marija ist die Tochter, in Wien aufgewachsen und kehrt auf dem Höhepunkt des jugoslawischen Bürgerkriegs nach Zagreb zurück. Sie hat ihren überheblichen Mann verlassen, lebt jetzt ziellos in dieser kroatischen Stadt, läßt sich mit einem dominanten, verwundeten Soldaten ein, suchend ... Er ist der nach Kriegsende geflohene, ehemalige Ustascha-Kämpfer und lebt heute in Wartestellung in Argentinien. Mittlerweile ist er Rentner mit einem ansehnlichen Vermögen. Als der Krieg im ehemaligen Jugoslawien beginnt, sammelt er seine Getreuen und deren Hilfsgelder und macht sich mit einem ehemaligen Wiener Polizisten als Leibwächter auf in die alte Heimat, um in das Kriegsgeschehen einzugreifen. Gstrein, für „Winter im Süden“, „Die englischen Jahre“ und „Das Handwerk des Tötens“ (alle Suhrkamp) hochgelobt, hat eine spannende Geschichte geschrieben – Identitätssuche und Realitätsverlust sind die thematischen Stichpunkte. Er schafft eine einnehmende, athmosphärisch-dichte Erzählung, die allerdings Fragen offen läßt, mir nicht immer glaubwürdig erscheint. (hn)


geb. Hanser 2008; seit 2010 dtv,
284 S., 9,90 €
ISBN 978-3-423-13921-2





Englischer Harem

Anthony McCarten

Eine junge Frau zu ihren Eltern, untere Mittelschicht im Londoner Vorort: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Ich heirate. Die schlechte: Er ist Perser und hat bereits zwei Frauen”. Das sagt sie so zwar nie, aber es trifft den Ausgangspunkt dieses provozierenden, gutgeschriebenen Unterhaltungsromans. McCarten, einer der Erfinder des Theaterstücks „Ladies Night”, verfilmt als „Ganz oder gar nicht” - in Flensburg (!!!) als „Barfoot bit ton Hals” der Erfolgstitel schlechthin – und Autor der bewegenden Tragikkomödie „Superhero”, legt mit diesem Buch einen elegant geschriebenen „Schmöker” vor: Heirat, Kochen, Fremdheit bis Rassismus in der Einwanderergesellschaft und Liebesgeschichte, eine pointierte Komödie mit tragischen Elementen – McCarten läßt nichts aus und es paßt alles! Genial, was für eine Entdeckung! (hn)


geb. Diogenes 2008;
seit 2009 detebe,
582 S., 13,00 €
ISBN 978-3-257-23940-9




Alle sieben Wellen

Daniel Glattauer

Virtuos komponiert ist dieser neue Roman von Daniel Glattauer, schnell vergisst man, daß man hier lauter einzelne e-mails liest - es wird ein Text aus einem Guss und trotzdem ein pointenreicher Schlagabtausch. Daniel Glattauer inszenierte bereits seinen Roman 'Gut gegen Nordwind' als raffinierte E-Mail-Variation des klassischen Briefromans. Eine minimalistische, quicklebendige Liebesgeschichte, die Frühromantiker hätten an diesem Liebesballett ihre Freude gehabt. Man greift sich ans Herz, wünscht den beiden alles Gute und träfe sie gerne einmal wieder. Einfach grandios! (hn)


geb. Deuticke 2009;
seit 2011 Goldmann TB,
9,99 €
ISBN 978-3-442-47244-4


Als wir träumten

Clemens Meyer

Clemens Meyer liest aus Als wir träumten. Mittlerweile vielfach ausgezeichnet, war das Erscheinen dieses Romans über eine „Saga von Freundschaft, Liebe und Verrat“ zu Recht die Sensation des Frühjahrs 2006: Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre – leidenschaftlich, wild und mutig verspielen sie ihr Leben in einer aussichtslosen Rebellion. Darum lassen einen die Bilder des nächtlichen Leipzig, die Boxkämpfe, die Hoffnungslosigkeit und die Hoffnung (!) dieses mitreißenden Romans nicht mehr los.


seit 2007 Fischer TB,
528 S., 12,00 €
ISBN 978-3-596-17305-1


Polarfeuer

Juri Rytchëu

Juri Rytchëu, der Schriftsteller der Tschuktschen präsentiert die Fortsetzung von Traum im Polarnebel*, überarbeitet in der ursprünglichen Version und erstmals vollständig auf Deutsch: Polarfeuer.

Der Kanadier John MacLennan hat seinen Platz bei den Tschuktschen im Nordosten Sibiriens gefunden. Er hat das naturverbundene Leben der Eingeborenen lieben gelernt. Aber die „Moderne“, die „Zivilisation“ in Form der Russischen Revolution erreicht auch diesen abgelegenen Winkel im ewigen Eis und bringt neue Gefahren für die althergebrachte Kultur der Tschuktschen mit sich.

Dieser Roman konnte in der alten Sowjetunion wegen seiner Kritik der Nationalitätenpolitik nur gekürzt erscheinen.


aus d. Russ. v. Leetz,
Antje, Unionsverlag,
TB, 9,90 €
ISBN 978-3-293-20452-2

* "Traum im Polarnebel"
Unionsverlag Taschenbuch, 14,95 €
ISBN 978-3-293-20351-8
Ausführliche Hintergrundinformationen siehe Unionsverlag





Erinnerung an einen schmutzigen Engel

Henning Mankell

Eine junge Schwedin landet nach einer abenteuerlichen Fahrt nach Australien Anfang des letzten Jahrhunderts in Afrika, in der portugiesischen Kolonie Mocambique. Sie gerät in ein Bordell, nicht als Hure, sondern als Geliebte des Besitzers. Als sie nach seinem Tod Erbin dieses Hauses wird, muss sie sich in dieser archaischen, von Rassismus und kolonialer Gewalt gepägten Umgebung behaupten. Sie gewinnt die Frauen für sich obwohl sie doch erkennt: „Wir sind die ungebetenen Gäste“.
Mankel erzählt eine spannende, märchenhaft ausgeschmückte, aber in ihren Grundzügen wahre Geschichte. (mn)


geb. Zsolnay 2012;
seit 2014 dtv,
349 S., 10,95 €
ISBN 978-3-423-21525-1


Hand aufs Herz

Anthony McCarten

Ein ziemlich heruntergekommener Autohändler ruft eine medienwirksame Werbeaktion aus, um sein marodes Geschäft zu beleben und ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen: Wer am längsten die Hand an einen schönen, imponierenden Geländewagen anlegen kann, der darf das Wertobjekt behalten. Unter dem Ansturm von Presse- und TV-Leuten versuchen 40 sehr unterschiedliche Menschen ihr Glück. McCarten erzählt diesen abstrusen Wettkampf in mal komischer, witziger, manchmal realistisch-trauriger und auch bitterer Weise, wie diese vom Leben vielfach gezeichneten, oft zu kurz gekommenen Menschen die Entbehrungen von Schlaf, Krankheiten und Erschöpfung zu überwinden trachten. Ein Buch, mal zum Lachen, mal ganz still und traurig zum Nachdenken anhaltend - ein Buch in dem nichts glatt läuft, das dennoch Hoffnung aufkeimen lässt. Gekonnt. (mn)


detebe 2011, 319 S., 10,90 €
ISBN 978-3-257-24058-0


Ganz normale Helden

Anthony McCarten

Dies ist eine ziemlich verrückte Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn mittels eines Internet-Spiels sucht und nun droht, sich in diesem Spiel zu verlieren.

Es ist die Fortsetzung von McCartens mittlerweile verfilmten "Superhero": Der krebskranke Bruder Donald ist verstorben, die Familie ist gezeichnet. Der 18-jährige Jeff hat die zerstrittenen Eltern gerade verlassen, der Vater findet im Internet seine Spur, die Mutter chattet mit einem Unbekannten, den sie für Gott hält. Jeff ist der große Star eines Online-Spiels. Auf der Suche nach ihm verbringt sein Vater Stunden in der virtuellen Welt und kommt ihm zwar immer näher - aber gleichzeitig spitzen sich in der wirklichen Welt dieser Familie die persönlichen und beruflichen Konflikte unaufhaltsam zu.

McCarten hat hiermit ein Buch zum Virus Spielsucht und gleichzeitig das Porträt einer trauernden, auseinandergebrochenen Familie geschrieben. Dabei spiegelt er die Einsamkeit der Einzelnen lange nur in ihren absurden Handlungen - das ist klug erzählt, mit trefflichen Dialogen und Selbstgesprächen, mit Witz, vielfach bitter und traurig, aber immer mit deutlichem Mitgefühl. Wieder einmal genial!
(mn / hn)

Siehe auch » Englischer Harem und
nebenan: » Hand aufs Herz


geb. Diogenes 2012;
seit 2014 detebe,
454 S., 10,90 €
ISBN 978-3-257-24271-3


Gegen die Welt

Jan Brandt

>Nicht nur für Exil-Ostfriesen (für die sowieso Pflichtlektüre) ein wunderbares Buch. Das Beste, was ich seit langem gelesen habe und alles danach war langweilig. Lakonisch, knochentrocken, ostfriesisch herber Humor. An etlichen Stellen habe ich laut gelacht. Passiert mir sonst nie. Nein, diese Typen. So genau beobachtet, so superb geschildert. Dabei kein Schenkelklopfer. Überhaupt nicht. Daniel Kuper (bei uns im Dorf gab´s mal einen Harm Kuper) ist ein tragisch trauriger Held, der tapfer den Kampf gegen sich und den Rest der Welt aufnimmt und scheitert. Dieser "Rest der Welt" hat es in sich. Ist immer von knapp bis völlig daneben und trifft doch ins Schwarze bzw. eben unseren Daniel.
Jan Brandt hat jahrelang an seinem Kosmos geschrieben. Alles, bis auf den kleinsten Satz, ist fein abgewogen und komponiert. Bei so einem dicken Buch ist keine einzige Zeile geschunden. Gut, die eingestreuten Experimente mit dem Druckbild muss man mögen und man kann sich fragen, ob die 80er Jahre tatsächlich so spiessig (Sie waren es!), ... doch was soll´s? Wer sich die Muße nimmt, dieses Buch zu lesen, wird bis zum überraschenden Schluß reich belohnt. Das muss einer erstmal hinbekommen, über hunderte von Seiten die Spannung halten und am Ende noch einen drauf zu setzen. Jan Brandt hat es geschafft. Alle Literaturpreise seien ihm gegönnt. Lesen! (Klaus Guhl)


geb. DuMont 2010;
seit 2012 Dumont-TB,
928 S., 12,99 €
ISBN 978-3-8321-6218-4


Mayas Tagebuch

Isabel Allende

Dies ist die Geschichte einer jungen Frau, Maya, die bei ihren Großeltern aufwächst und nach dem Tod des Großvaters auf die schiefe Bahn gerät. Sie komt in ein Internat, flieht wieder und strandet in Las Vefas, wo sie Kurierin für einen heroinabhängigen Drogenhändler wird. Sie nimmt alles an Drogen, was sie kriegen kann und stürzt furchtbar ab.
Ihr Weg aus der Sucht und zu sich selbst, die Suche nach den Wurzeln und Geheimnissen ihrer Familie wird glaubwürdig und realistisch erzählt. Sie kommt auf eine kleine chilenische Insel und mühselig beginnt sie, in einer einfachen dörflichen Welt ihr Leben neu zu organisieren . Manuel, ein Freund der Großmutter, spielt in dieser Phase ihrer Entwicklung eine wichtige, hilfreiche Rolle - er selbst ist traumatisiert seit er einige Zeit in den Folterkammern des Militärs gefangen gehalten wurde.
Allende erzählt sehr ausführlich aber doch sehr spannend und direkt von diesem Ausbruch aus einem elenden Leben - die Hypotheken aus der Vergangenheit stellen eine immer wiederkehrende, schwere Bürde dar. Die Autorin ist eine erfahrene Könnerin - man beginnt das Buch, wird durch die schöne, etwas blumige Sprache eingenommen und mag das Buch ob der interessanten und wirklichkeitsnah erzählten Geschichte kaum mehr aus der Hand legen. (mn)


geb. Suhrkamp 2011;
seit 2013 als Suhrkamp TB,
445 S., 9,99 €
ISBN 978-3-518-46444-1


Gute Bücher 2014

Aus der Fülle vieler schöner und anspruchsvollerer Romane des Jahres 2014 ragen sicher die Buchpreisträger hervor: Im Frühjahr Saša Stanišić auf der Leipziger Buchmesse mit dem Roman "Vor dem Fest", im Herbst Lutz Seiler mit "Kruso" für den Deutschen Buchpreis und schliesslich Patrick Modiano mit seinem vielfältigen Werk für den Literaturnobelpreis – allesamt gut lesbare Autoren (auch wenn es viele gute weitere KandidatInnen gab), die etwas mitzuteilen haben, die spannend und mit Tiefgang erzählen können.


Saša Stanišić: Vor dem Fest. Geb. Luchterhand 2014; seit 2015 btb TB, 320 S., 10,00 €, ISBN 978-3-442-74989-8
Seiler, Lutz: Kruso. Geb. Suhrkamp 2014; seit 2015 als Suhrkamp TB, 480 S., 12,00 €, ISBN 978-3-518-46630-8

Neben diesen deutschsprachigen Autoren möchten wir ihnen die neuen Romane von Dave Eggers, Ulla-Lena Lundberg und NoViolet Bulawayo ans Herz legen – allesamt spannende, auffällige Autoren, die viele Leserinnen und Leser verdienen.


Eggers, Dave: Der Circle. Geb. KiWi 2014;seit 2015 als KiWi-TB, 559 S., 10,99 €, ISBN 978-3-462-04854-4
Lundberg, Ulla-Lena: Eis. Geb. mareverlag 2014; seit 2016 als Goldmann TB, 562 S., 9,99 €, ISBN 978-3-442-48317-4
Bulawayo, NoViolet: Wir brauchen neue Namen. Geb. Suhrkamp 2015; seit 2016 Suhrkamp TB, 261 S., 9,99 €, ISBN 978-3-518-46651-3

Ein Versäumnis aus dem Jahre 2013 möchte ich noch korrigieren – ein Roman, der mich so in den Bann gezogen hat wie schon lange kein zweiter: Der wiederentdeckte und erstmalig auf deutsch erschienene Roman von John Williams, "Stoner" (gerade jetzt im November auch als Taschenbuch erhältlich)! Das ist der nüchterne, einfache aber faszinierende Roman vom Leben eines Literaturprofessors, dem Scheitern seiner Ehe, seines Familienlebens und den Querelen im Uni-Kollegium, der sein Glück in der Liebe zur Literatur findet – dabei in allen Einzelheiten treffend geschildert, da ist kein Wort zuviel, spannend trotz des vorhersehbaren Verlaufs.


Williams, John: Stoner. DTV 2014; 348 S., 9,90 €, ISBN 9783423143950