Neue Bücher

Wir stellen Ihnen hier eine Auswahl an neuen Büchern vor, die wir spannend, am Puls der Zeit gelegen oder einfach nur gut finden. Später bereichern diese dann unsere Lese-Tipps, in denen Sie unsere vergangenen Buchvorstellungen finden können.

Der Frühling kann kommen

Leonardo Padura – Die Durchlässigkeit der Zeit

Eine Schwarze Madonna, ursprünglich aus den Pyrenäen, jetzt in Kuba beheimatet, wurde gestohlen - und die Suche nach ihr führt in die Abgründe Kubas. Der neue Roman von Leonardo Padura hält jede Menge Einblicke in die kubanische Gesellschaft bereit und überrascht – wieder einmal (siehe "Ketzer" in unserem Archiv) – mit reizvollen Zeitsprüngen. Ermittler Mario Conde, der ja schon seit Jahren nicht mehr bei der Polizei arbeitet, sondern sich als Verkäufer antiquarischer Bücher durchschlägt, wird 60 – und das Alter setzt ihm zu: Mann wird nicht schöner, die Potenz lässt nach, der Rücken tut weh, weniger Chancen bei den Frauen tun sich auf – was bei ihm eigentlich egal ist, denn er liebt seine Jugendfreundin Tamara weiterhin heiß und innig.
Und dann ist da die Armut, der Hunger, die politische Verzweiflung und der Diebstahl, der sowohl in die finstersten und als auch die edelsten Viertel von Havanna führt. Hier vermischt sich der persönliche Abgrund mit dem Kubas, das aus der wirtschaftlichen Krise, die sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der fehlenden Unterstützung der Bruderländer zuspitzte und die bis heute andauert, kaum mehr heraus kommt. Leonardo Padura schreibt komplexe Gesellschaftsromane, schildert das Leben der kleinen Leute heute, er geht in die Slums, schreibt über illegales Bauen, über vertane Chancen, Benachteiligungen und Diskriminierungen. In dieser Geschichte um die Schwarze Madonna trifft es auch ihren Besitzer, Bobby, denn als Schwuler wurde er schikaniert und ausgegrenzt. Der Clou: Seine schwarze Madonna enthält ein Geheimnis, eine kleine Hommage an den Malteser Falken von Dashiell Hammett.
Wie schon in seinem Roman "Ketzer", als er die Geschichte der Juden Europas mit der Kubas verknüpfte, entwickelt Padura einen eigenständigen historischen Rückblick, der von der Geschichte der schwarzen Madonnen und der Männer, die sie retteten und nach Nordspanien brachten, erzählt: vom Tempelritter Antoni Barral im Jahre 1291, als die letzte christliche Bastion Akkon fiel, vom Knappen gleichen Namens, dessen Herr 1472 angeblich im Anblick der Madonna von der Pest geheilt wird, von seinem Nachfahren Antoni Barral, der die Statue vor der Revolution 1936 nach Kuba bringt. Ihre Geschichte ist für den meisterlichen Erzähler Padura Anlass, sich mit menschlichen Konstanten wie der Gier nach Macht in den endlosen Kriegen der Geschichte auseinanderzusetzen. Mit Paduras Bezug auf die Gegenwart Kubas wird das aktualisiert, dessen Werteverlust und moralisch-politische Krise er beharrlich anprangert. "Hast du eine Ahnung davon, wie sich der Glaube, die Suche nach dem Guten und Wahren, pervertieren kann, wenn er keine Abweichung duldet? Wenn er zugespitzt wird im Namen eines Gottes, eines Prinzips oder einer Idee? Dann verwandelt er sich in entfesselten Hass!"

Wieder einmal ein Lese-Erlebnis! (hn)


geb., Unionsverlag 2019
übersetzt aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein
441 S., 24,00 €
ISBN 978-3-293-00542-6


Preis der Leipziger Buchmesse – Volltreffer!

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

Resi ist wütend. In der Hand hält sie die Kündigung ihrer Wohnung. Altbau in der Berliner Innenstadt, ein 18 Jahre alter Mietvertrag. Jetzt müssen sie raus, Resi, ihr Mann Sven und ihre vier Kinder. Denn Resi war nur Untermieterin, der Vertrag gehörte ihrem alten Freund Frank. Der hat seine Kündigung lediglich mit einem grünen Stempel versehen. „Zur Kenntnis“ steht da. Wo hat Frank diesen Stempel bloß her? Hat er ihn extra anfertigen lassen, um nicht ein persönliches Wort an seine alte Freundin richten zu müssen, während er sie und ihre Familie auf die Straße setzt? Denn Resi hat das Hausprojekt ihrer Freunde porträtiert, erst in einer Zeitung und dann auch noch in einem Buch, durchaus freundlich, wie sie fand. Darüber waren die Freunde nicht amüsiert, aber sehr beleidigt. Zur Strafe muss Resi nun raus aus der Untermiete, raus nach Ahrensfelde, wo die Wohnungen billiger sind, aber weitab vom Schuss. Anke Stelling liefert eine Studie eines ganz bestimmten Milieus: Mittvierziger, die einst mit kritischen, aufgeklärten Idealen aus Süddeutschland nach Berlin kamen und jetzt im Prenzlauer Berg Baugruppenhäuser mit vanillefarbenen Fassaden für sich und ihre Familien errichten. Resi ist Mitte Vierzig und wütend. Nein, eigentlich ist sie beschämt, unsicher, überfordert - und mit der Gesamtsituation unzufrieden. Aber weil das schwer auszuhalten und überhaupt eine Zumutung ist, ist Resi dann doch lieber wütend. Das ist der Grundton, der in Anke Stellings Roman «Schäfchen im Trockenen» vorherrscht, für den sie nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik ausgezeichnet wurde. 260 Seiten lang hadert Stellings Ich-Erzählerin mit ihrem Schicksal und mit ihrem Umfeld. «'Wie man's macht, ist's falsch', Macht macht verantwortlich, und wenn ich gar nichts mehr mache, bin ich schuld, dass ich nichts gemacht habe.» Es ist ein Generalangriff. Er richtet sich gegen die 68er-Generation, die die gesellschaftliche Ungleichheit zwar überwinden wollte, aber, so Resis in ihrer erbarmungslosen Beschreibung der Lügen des Bionade-Bürgertums, indem sie die Unterschiede wegschwieg, statt sie tatsächlich zu überwinden. Er richtet sich gegen die Lebenslügen der Gesellschaft wie jedes Einzelnen. Damit meint die Ich-Erzählerin auch sich selbst, ihr Leben mit ungeregeltem und nicht gerade üppigem Einkommen, vier Kindern und dem wackelnden Glück. Und sie meint die täglichen Niederlagen des Alltags, dieses dauernde Gefühl zu scheitern, es «nicht im Griff zu haben», es «nicht hinzukriegen».
Deswegen diskutiert sie in einer Art Tagebuchtext mit sich selbst, adressiert manchmal an ihre Tochter im Teenageralter, Bea. Resi sucht universelle Gerechtigkeit - mal klingt es bitter, mal kämpferisch, mal verzweifelt, mal selbstgerecht. Mitunter klingt der Text so, als könne er in Auszügen auch gut auf einer Poetry-Slam-Bühne vorgetragen werden. Resi spielt mit Songzitaten, Erinnerungen und auch mal Satzzeichen. "My hungry heart hitchhikes, my ass is on Sitzstreik».

«Wir wollten einander davor bewahren, gescheit im Sinne von rücksichtslos, erwachsen im Sinne von überfordert, verheiratet im Sinne von eingesperrt und Eltern im Sinne von paternalistisch zu werden», schreibt Resi über ihren Freundeskreis, der seit Schulzeiten, also knapp drei Jahrzehnten, bestand. Nur: finanziell gehörte sie nie so richtig dazu: Ihre Clique, alle außer ihr selbst aus gehobenem Elternhaus und mit ebensolchem Einkommen, ziehen ohne sie in ein gemeinsames Hausprojekt.
Den Alltag als schreibende Familienfrau mit vier normal wundervoll-fürchterlichen Kindern zwischen Kita-Laufnase und Pubertätsverwahrlosung sowie dem Künstler-Ehemann verdichtet Stelling in Szenen voller Liebe und Ausweglosigkeit. Ebenso prägnant nimmt ihre Erzählerin die eigene Jugend in den Blick, das Aufwachsen in einer Zeit, als man noch ganz ernsthaft von Chancengleichheit sprach.

Dass aus „Schäfchen im Trockenen“ mehr geworden ist als eine bitterböse Satire mit treffenden Dialogen, liegt an Anke Stellings Fähigkeit, den Wörtern auf den Grund zu gehen und Situationen in eine unerwartete Richtung zu lenken. Am Ende zeigt sich sogar ein kleiner Silberstreif am Horizont, und Sven, der sich immer aus allem raushält und lieber auf dem Balkon ein bisschen was raucht, entpuppt sich überraschenderweise als Stütze. Trotzdem ist Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ eine desillusionierende Lektüre, die wehtut, und gerade deshalb ein großer Gegenwartsroman.

Mit «Schäfchen im Trockenen» umkreist Stelling ähnliche Themen und Fragen wie schon in «Bodentiefe Fenster». Damit stand die Autorin, geboren 1971 in Ulm, bereits auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. In „Bodentiefe Fenster“ betrachtete sie das Leben im Gemeinschaftshaus aus der Sicht einer, die dazugehört. Die Dialoge zwischen den beiden sind punktgenau beobachtet. Sie, fix und fertig nach dem Plenum, er schon fast schlafend: „Bitte, Hendrik, du musst mit mir reden.“ Er seufzt noch tiefer, rutscht ein Stück zur Seite und räuspert sich: „Was gibt’s?“ „Ich werd’ wahnsinnig!“ „Dann geh doch nicht mehr hin.“ „Aber das kann ich nicht.“ „Dann werd’ wahnsinnig.“
Während Stelling dort mit subtilem Witz und einem schleichend einsetzenden Unwohlsein spielte, ermöglicht die Außenseiterperspektive in „Schäfchen im Trockenen“ mehr unmittelbare Wut angesichts der ungerechten Verhältnisse.
(hn)


geb., Verbrecher Verlag 2018
272 Seiten, 22,00 €
ISBN 978-3-95732-338-5

„Bodentiefe Fenster“ ist ebenfalls im Verbrecher-Verlag erschienen, ist aber ebenfalls als Taschenbuch bei Ullstein lieferbar:
249 S., 10,00 €
ISBN 978-3-548-28851-2


Claudia Schreiber – Goldregenrausch

Eine Frau und ein Mädchen setzen sich durch - Marie Lenz, das jüngste Kind einer hart arbeitenden Bauernfamilie, wächst unter den widrigsten Umständen auf. Mütterliche Liebe umgibt sie nur kurz: Die Mutter verliert sich höchstens noch in Fantasien eines leidenschaftlichen Lebens, ihre Tochter vernachlässigt sie bald komplett. Bei Hitze und Kälte wird Marie in einem Laufgitter im Garten abgestellt. Die verstoßene Tante Greta soll sich um Marie kümmern. Diese ist erst nicht bereit, zu groß ist die Wut auf ihren Bruder, dem harten Patriarchen des Hofes. Greta hat das Wohnrecht in ihrem kleinen Nebenhaus von ihrer Mutter geerbt und ihr Bruder hasst sie dafür. Doch so hart wie die Eltern kann Greta nicht sein. Sie bewahrt Marie vor dem Schlimmsten. Sehr langsam und Maries unbedingtem Willen etwas Nähe zu bekommen geschuldet, nähern sich die beiden einander an. In ihrem Garten ist Greta glücklich, versinkt ganz in der Arbeit. Marie lernt von ihr und kann sich entwickeln. Sie teilen ihre Liebe zur Natur, den Blumen und allem Lebendigen.

Doch Maries Vater lässt die beiden nicht in Ruhe. Aus Neid und Rachsucht macht er ihnen das Leben schwer, und alle anderen sehen weg. Aber die beiden Frauen entwickeln gemeinsam eine Kraft, die sie triumphieren lässt, langsam aber unaufhaltsam. Mit ihrer Befreiung bricht eine neue Zeit an, und ein klein wenig Liebe weht ins Dorf.
Aufwühlend ist dieses Buch. Aber auch wunderschön und mitreissend. Claudia Schreiber hat mit „Goldregenrausch“ einen berührenden Roman über das existentielle menschliche Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung geschrieben. Und es ist auch eine Geschichte über die Liebe zur Natur und die Kraft des Natürlichen.

Einfach ein großartiges Buch!
(bm)


Gebunden, Kein + Aber Vlg. 2018
238 Seiten, 22,00 €
ISBN 978-3-0369-5783-8


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Kent Haruf – Abendrot

„Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg.“

Die Brüder McPheron, Viehzüchter in Colorado, müssen den Wegzug ihrer Ziehtochter verkraften. In „Lied der Weite“ Harufs vorherigen Roman haben die beiden die sechzehnjährige schwangere Victoria bei sich aufgenommen, zunächst ein widerwilliger Akt der Güte, krempelte das junge Mädchen das Leben der beiden Junggesellen zum besseren um und bereicherte ihr Leben. Nun geht sie aufs College und die beiden müssen sich ihrer Einsamkeit stellen. Ein Schicksalsschlag macht es nötig, noch einmal alles neu zu wagen. Kent Haruf hat alle seine Romane in der fiktiven Kleinstadt Holt angesiedelt. Auch sein Bestseller „Unsere Seelen bei Nacht“ spielt dort. Es sind Sprache und Erzählweise, die die Romane von Haruf so lesenswert machenm - keine großen Geschichten, das normale Leben. Ein Ehepaar kämpft in seinem verwahrlosten Trailer um ein Stückchen Würde und um seine Kinder. Ein elfjähriger Junge kümmert sich rührend um seinen kranken Großvater. So hart das Schicksal auch zuschlägt – die Menschen in Holt sind entschlossen, dem Leben einen Sinn abzutrotzen. Und begegnen einander dabei neu. Kent Haruf (1943-2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Sein letzter Roman "Unsere Seelen bei Nacht" wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Sein Werk wird auf deutsch bei Diogenes veröffentlicht - er ist eine Entdeckung!
(bm)


geb., Diogenes 2019
Übersetzung: Pociao
413 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-3-257-07045-3


Tatiana de Rosnay –
Fünf Tage in Paris

Paris wird von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht, als sich die Familie Malegarde dort anlässlich einer Feier trifft. Tochter Tilia kommt aus London angereist, wo sie als Künstlerin lebt. Sohn Linden, ein Fotograf, kommt aus Los Angeles dazu. Schon bei der Ankunft bemerken Tilia und Linden, daß Paul, der Vater, ein stets agiler Baumschützer kraftlos wirkt. Auch Lauren, die Mutter, ist angeschlagen. Die Seine droht über die Ufer zu treten, sodass die vier ihre Hotelzimmer fast nicht verlassen können. Die apokalyptischen Wetterverhältnisse spiegeln, was auf der Familie lastet, vieles wurde in den Jahren von einem Mantel des Schweigens unhüllt. Die Ereignisse spitzen sich zu, als Paul im Restaurant zusammenbricht und ins Koma fällt. Und für alle wird es Zeit, ein paar Geheimnisse offenzulegen … Ein aufwühlendes Familientreffen beginnt.

Tatiana de Rosnay lebt in Paris. Sie hat bisher elf Romane geschrieben, von denen fünf ins Deutsche übersetzt wurden. Ihr größter Bestseller war "Sarahs Schlüssel", eine authentische Geschichte aus der Zeit der deutschen Besatzung und des Holocaust, die auch eindrucksvoll verfilmt worden ist.
(bm)


geb., Bertelsmann 2019
Übersetzung: Nathalie Lemmens
301 S., 20,00 €
ISBN 978-3-570-10365-4


Cheek, Chip –
Tage in Cape May

September 1957: Henry und Effie fahren für die Flitterwochen nach Cape May, ein Ferienort an der Ostküste. Doch das Städtchen ist verlassen, die Saison ist zu Ende. Die beiden jungen Leute aus Georgia fühlen sich fremd, isoliert und in ihrer Schüchternheit gefangen. Gerade als sie beschließen, den Urlaub zu verkürzen, treffen sie zufällig auf Clara, eine Ferienbekanntschaft Effies aus Kindertagen, die eine glamouröse Gruppe von New Yorkern um sich versammelt. Darunter Max, ein reicher Playboy und ihr Liebhaber, und dessen unnahbare und rätselhafte Schwester Alma.

Der verlassene Ort wird zu ihrem Spielplatz, und während sie in leer stehende Ferienhäuser einsteigen, Segeln gehen, nackt unter dem Sternenhimmel herumwandern, sich lieben und sich betrinken, geraten Henry und Effie in eine Situation, die den Rest ihres Lebens prägen wird.
Ein hypnotisierender Roman, der im Spiegel von Sexualität und gesellschaftlicher Realität der Fünfzigerjahre aktuelle und zeitlose Fragen zu Ehe, Liebe und Loyalität beleuchtet. Chip Cheek hat einen sehr unterhaltsamen Roman geschrieben, zügig und mit klarer Sprache.
(bm)


geb., Blessing Verlag erscheint Mitte Mai 2019
Übersetzung: Bernhard Robben
336 S., 22,00 €,
ISBN 978-3-89667-637-5


Ernst Paul Dörfler – Nestwärme

Ein Leben mit der Sonne statt nach der Uhr, faire partnerschaftliche Beziehungen, Gewaltverzicht und klimaneutrale Mobilität – und was können wir von Vögeln lernen? "Nestwärme" ist ein überraschendes Buch über das Sozialverhalten unserer gefiederten Nachbarn, ein Plädoyer für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur – und eine augenzwinkernde Aufforderung, das eigene Leben hin und wieder aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

Der vielfach ausgezeichnete Naturschützer Ernst Paul Dörfler hat ein berührendes Buch über das geheime Leben der Vögel geschrieben, die oft friedvoller und achtsamer miteinander umgehen als wir Menschen: „Ausgesprochen friedfertig und fürsorglich gehen die Partner miteinander um. Fairness ist in aller Regel oberstes Gebot im Verhalten der Geschlechter zueinander. Arbeitsteilung und Gleichberechtigung sind bewährte Erfolgsrezepte. Verlässliche Beziehungen in Ehe und Familie stehen viel höher im Kurs als üblicherweise bei den Säugetieren. Voller Hingabe kümmern sich oft beide Vogeleltern um ihren Nachwuchs - bis hin zur Selbstaufopferung. Dennoch leben sie ihre Freiheit und Unabhängigkeit und nicht zuletzt auch ihre Muße - alles zu seiner Zeit.“

Ernst Paul Dörfler, geboren 1950 in Kemberg bei Wittenberg, ist promovierter Ökochemiker und leidenschaftlicher Vogelliebhaber. Sein Buch „Zurück zur Natur?“ (1986) wurde zum Kultbuch der ostdeutschen Umweltbewegung. (bm)


geb., Hanser Vlg. 2019
288 S., 20,00 €
ISBN 978-3-446-26185-3


Frank Goosen – Kein Wunder

Von Mai bis November 1989 spielt die Geschichte, in der die drei Hauptfiguren aus dem so trefflichen Roman „Förster, mein Förster“ wieder dabei sind. Besagter Förster und sein Freund Brocki besuchen den dritten im Bunde: Fränge ist nach Berlin gezogen. Dort will er dem Dienst bei der Bundeswehr entgehen. Er studiert. Und er hat zwei Freundinnen: eine im Osten, eine andere im Westen. Logisch, dass er wenig Interesse an der Wiedervereinigung hat. Denn dann wäre das, was er macht ja nur noch schlichtes Fremdgehen. Voller Humor, detailreich und meistens aus der personalen Perspektive von Roland Förster, dem er wohl das meiste von sich selbst mitgegeben hat, erzählt Frank Goosen von einer Zeit des Wandels und drei Männern, die mit Anfang 20 nicht mehr zu jung sind, um sich gänzlich unreflektiert in die Ereignisse zu stürzen, andererseits aber auch noch nicht zu alt, um Unordnung und frühem Leid gänzlich aus dem Weg gehen zu können. Der Roman pendelt zwischen dem Ruhrgebiet und der späteren Hauptstadt hin und her. Der Duktus ist ähnlich wie beim Vorgängerbuch: Drei Freunde spötteln sich durch ihre Erlebnisse. Auch wenn sich die historischen Ereignisse Ende der 1980er Jahre überschlagen – das Tempo des Romans ist gewohnt gelassen. Denn als Förster Fränges Ostberliner Freundin Rosa zum ersten Mal gegenübersteht, weiß er, dass er eine ganze Menge dafür geben würde, an der Stelle seines Freundes zu sein. Und als er später die Hausbesetzer- und Dissidentenszene auf der anderen Seite der Mauer näher kennenlernt, in der sich die Tochter aus systemtreuem Hause bewegt, wird ihm intuitiv selbst klar, was eine Bochumer Freundin, mit der gemeinsam er einen Film über den Niedergang des Ruhrgebiets geplant hat, nach dem Scheitern des gemeinsamen Projekts in die Worte fasst: „Hier kannst du nichts mehr erzählen, Förster. Die Geschichten werden jetzt woanders erzählt.“

Im dritten und letzten Teil des Romans erzählt Goosen schließlich vom Verschwinden der DDR. Die Mauer fällt und damit wird auch das schöne Leben, dass Fränge zwischen Marta in Westberlin und Rosa in Ostberlin in zu genießen verstand, hinfällig. Und was für Roland Förster ein halbes Jahr vorher noch Zukunftsmusik war – „Mit diesen fremden Menschen wie denen hier […] zusammenzuleben, das ist doch Science-Fiction, dachte Förster.“–, rückt nun langsam näher. Aber wie soll das funktionieren? Was kommt da auf die Deutschen und die Welt zu?

Für Rosa und ihren Freundeskreis hingegen scheint klar: Es geht darum, die Verhältnisse besser zu machen, nicht, sie in ihr Gegenteil zu verkehren. Der Blick auf eine Zukunft mit den Freiheiten, die man immer für sich ersehnte, birgt aber auch schon die Enttäuschungen, die kommen werden: „Man verspricht sich unheimlich was davon, ahnt aber, dass es wahrscheinlich gar nicht so toll ist.“
Dieses Buch lebt von Goosens Kunst, Dialoge wie aus dem Leben zu formulieren – aber besondere Pointen zu setzen. Überall schimmert trockener Humor durch, der zum spontanen Lachanfall reizt … (hn)


geb., Kiepenheuer & Witsch 2019
348 S., 20,00 €
ISBN 978-3-462-05254-1



Philip Birk – Operation Peruggia

Vincenzo Peruggia stahl 1911 die Mona Lisa aus dem Louvre, denn er war der Meinung, dass das Kunstwerk in sein italienische „Heimat“ gehöre und wollte es dorthin zurückbringen. Kopenhagen im Juni 2016: in einem aufsehenerregenden Coup wird das teuerste Gemälde Dänemarks „Interiør” von VilhelmHammershøi aus dem Dänischen Nationalmuseum gestohlen. Das Bild ist eine Leihgabe von Brian Frost, dem „König“ von Kopenhagens Unterwelt, der es für viel Geld zum Andenken an seinen toten Sohn Jonathan auf einer Versteigerung gekauft und dem Museum für vier Tage zur Ausstellung geliehen hat - unter massiven Sicherheitsbedingen. Unter anderem hat er das Bild mit schwarzen Tintenpatronen versehen lassen, die das Gemälde innerhalb von 48 Stunden zerstören, sollte es nach einem Diebstahl nicht an seinen Ursprungsort zurückgehängt werden.

Brian Frost beauftragt den international agierenden Kunstdieb Tom Grip, das Gemälde wiederzubeschaffen. Es beginnt ein atemloser Wettlauf gegen die Zeit, der Tom erst in das Milieu des serbischen Mafiabosses Nebojša Savić führt, aber auch in Konflikt mit der dänischen Polizei bringt …
Ein spannender Thriller, der zwischen elitärer Kunstszene und Mafiamileu spielt. (av)


kartoniert, Europa Verlag 2019
Übersetzung: Erik Gloßmann
370 S., 15,00 €
ISBN 978-3-95890-198-8

Lennardt Loß –
Und andere Formen menschlichen Versagens



Das Debüt von Lennardt Loß erzählt in sieben Short Stories, die sich wie Puzzleteile zu einem Ganzen zusammen fügen, von Menschen, die auf die eine oder andere Art und Weise miteinander verbunden sind.
Marina Palm und Hannes Sohr befinden sich im April 1992, ohne sich zu kennen und aus unterschiedlichen Gründen, auf einem gemeinsamen Flug von Frankfurt nach Buenos Aires. Als der Flug LH 510 die brasilianische Küste erreicht, bricht der Funkkontakt ab und der Airbus A340 verschwindet vom Radar. Beide finden sich im Pazifik wieder, festgeklammert an Sitz 9A und kämpfen ums Überleben. 1996: Victoria Palm, Marinas Mutter, versucht die Trauer um ihre verschollene Tochter damit zu kompensieren, dass sie in einer angemieteten Wohnung einen blutigen Splatterfilm drehen will. Ihr Exmann, ein bankrotter Parkhausmogul zeigt sie bei der Polizei an, kann sie aber nicht von ihrer Idee abbringen.

In Kanada auf einem Trailer Park findet der 17jährige Vincent Warren 2014 endlich seinen Vater wieder. Bis dahin musste er für die Mutter als High-Tech Handmodel arbeiten, um mit weißen, androgyn wirkenden Händen iPhones in die Kamera zu halten.
Cengiz und Artur bewegen sich im Boxermilieu und laufen sich immer wieder über den Weg. 2012 bucht Artur einen Flug LH 510 von Frankfurt nach Buenos Aires.
Die Art von Lennardt Loß zu schreiben hat mich sofort in den Bann gezogen und mir großes Vergnügen bereitet. Er jongliert mit vielen Bällen, sein Buch beinhaltet historisches aber auch politisch-aktuelles und macht neugierig auf seine Figuren.

Seine Geschichten deuten an, sind ironisch, skurril und abgründig – und lassen viele Möglichkeiten offen.
(av)


geb., weissbooks 2019
155 S., 20,00 €
ISBN 978-3-86337-175-3


Das Krimi-Comeback des Jahres:

Sara Paretsky – Kritische Masse

Lange haben wir nichts mehr gehört von Sara Paretsky. Dabei gab es Zeiten, in denen ihre Krimis in keinem Regal frauenbewegter Leserinnen fehlen durften. Jetzt kommt die mittlerweile 71-jährigen Amerikanerin umso beeindruckender mit einem über 500-Seiten-Wälzer zurück, in der profilierten Ariadne-Reihe des Argument-Verlages. In der Hauptrolle wie immer die Privatdetektivin V.I. (Vic) Warshawski.

Inspiriert von der wahren Geschichte der jüdischen Physikerin Marietta Blau, deren spektakuläre Entdeckungen wegen des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs kaum gewürdigt wurden, bewegt sich V.I. diesmal auf der Spur des verschollenen Urenkels der (fiktiven) Wissenschaftlerin Martina Saginor. Der Vermisste ist ganz Erbe ihrer wissenschaftlichen Begabung, genialer Mathematiker und leicht autistischer Computerspezialist. Durch Einschübe von Erzählungen der Urgroßmutter erfahren wir vom Schicksal dieser jüdischen Physikerin Martina Saginor im Wien der 1930er Jahre. Sie ist eine leidenschaftliche Forscherin auf dem Feld der Quantenmechanik, bis die Nazis sie ins Arbeitslager verschleppen und ihre Nazi-treue Assistentin sich ihre Forschungsergebnisse unter den Nagel reißt. Resultate, die später in den USA in die Entwicklung der Wasserstoffbombe einfließen. Martina Saginor überlebt allerdings Arbeitslager und Konzentrationslager, kann auch einem Lager in der amerikanischen Wüste entfliehen, aber als Forscherin kommt sie nie mehr auf die Füße. Es sind andere, vor allem Männer, die die Meriten ihrer Forschung einheimsen und den Nobelpreis dafür bekommen. Eine ganz bittere Geschichte. In der Gegenwart verknüpft die Autorin diese Geschichte mit dem verschwundenen Computercrack, einem Nobelpreisträger, mehreren ominösen Todesfällen und einem expandierenden IT-Unternehmen. Warshawski selbst ist mittlerweile auch schon in die Jahre gekommen, schreckt aber auch im gesetzten Alter vor Schlägereien, Einbrüchen, Verfolgungsfahrten und Entführungen nicht zurück. Ein vielfältiger Roman, weitaus mehr als ein Krimi, über Skrupellosigkeit, Ignoranz und Korruption. "… der eigentliche Reiz des Romans besteht nicht in der Action, sondern darin, zu beobachten, mit welcher erzählerischen Eleganz Paretsky ihre Geschichte ganz langsam, aber ungeheuer stringent auffaltet. Wie sie Hinweise einstreut, gelegentlich falsche Fährten legt, dabei den Leser immer ernst nimmt und nie mit faulen Tricks arbeitet. "Kritische Masse" ist auch ein klassischer Ermittlerkrimi, bei dem sich Leser und Leserin, Detektivin und Autorin jederzeit auf Augenhöhe befinden. Paretsky beherrscht das amerikanische Erzählprinzip des show, don't tell meisterlich ...." (Marcus Müntefering auf SPIEGEL ONLINE).

Über 500 Seiten hält Paretsky die Erzählstränge gut beieinander und bindet sie zusammen zu einem eindrucksvollen, grandioses Werk. Sara Paretsky bleibt die große Meisterin, die den feministischen Kriminalroman zu einem Leseerlebnis machte.

Was für ein Comeback!
(hn)


geb., Ariadne im Argument-Verlag 12.2018
aus dem Englischen von Laudan & Szelinski
540 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-3-86754-236-4




Kinder- und Jugendbücher

Mein Lieblingsbuch in diesem Frühjahr:

Christelle Dabos – Die Spiegelreisende, Band 1. Die Verlobten des Winters

Ophelia ist eine junge Frau und lebt auf der Arche Anima, einer von 21 Archen, die wie Inseln am Himmel schweben, nachdem die Welt vor langer Zeit zerschlagen wurde und nur diese 21 Archen übriggeblieben sind. Sie liebt ihre Arbeit im Museum für Ur- und Frühgeschichte über alles und hat eine besondere Fähigkeit: zieht sie ihre Handschuhe aus, kann sie die Geschichte von Dingen mit den Händen „lesen“. Ansonsten wirkt Ophelia eher tollpatschig mit ihrer Brille und Augen, die hinter dicken Brillengläsern hervorlugen und dem langen (übrigens lebendigen) Schal um den Hals. Um ihr Aussehen kümmert sie sich nur wenig und so kann es schon einmal vorkommen, dass sie zwei verschiedene Stiefeletten trägt.
Auf der Arche Anima ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass alle Frauen heiraten und eine Familie gründen müssen. Für Ophelia ist dies eine eher lästige Vorstellung und ohne größere Überlegungen hat sie bereits zwei Heiratsanträge abgelehnt.
Um so schlimmer kommt es für sie, als die Matriachinnen von Anima eines Tages beschliessen, dass Ophelia ihre Familie verlassen muss, um auf die eisige Arche Pol zu ziehen und den Adligen Thorn zu heiraten. Ophelia bleibt keine andere Wahl, als sich dem Beschluss zu beugen, will sie nicht die Familienehre beschmutzen und lebenslang von Anima verbannt werden. Und so begibt sich Ophelia zusammen mit ihrer missmutigen Tante Roseline auf eine abenteuerliche Reise nach Pol. Wie anders gestaltet sich das Leben dort: hatte Ophelia vor allem befürchtet, dass ihr die eisige Kälte besonders zu schaffen machen würde, sind es doch vor allem die Gefahren in Form von drei rivalisierenden Clans, die um die Macht über Anima kämpfen. Thorn prophezeit ihr, dass sie den Winter nicht überleben wird… Christelle Dabos wurde 1980 in Frankreich geboren und gewann mit ihren Entwürfen für die Spiegelreisenden-Saga, die auf vier Bände angelegt ist, den Jugendbuchwettbewerb von Gallimard Jeunesse, später den „Prix de l'imaginaire”, einen Preis für phantastische Literatur.
Es ist ihr gelungen, mit Ophelia eine wunderbare, mutige und symphatische Heldin zu schaffen, die mit ihrer Neugier und Klugheit sowohl Jugendliche als auch Erwachsende verzaubert und in eine spannende Welt entführt.

Ein wirklich toller Schmöker!
(av)


geb., Insel Verlag 2019
535 S., 18,00
ISBN 978-3-458-17792-0

ab 14 bis 80 Jahre


Nancy Springer – Der Fall des verschwundenen Lords

Ein Enola Holmes Krimi.

Enola führt bis zu ihrem vierzehnten Geburtstag ein abgeschiedenes Leben mit ihrer Mutter auf dem Land, auf einem etwas heruntergekommenen Landsitz. Die Mutter ist Malerin und lässt ihrer Tochter viele Freiheiten. Enola fühlt sich zwar manchmal etwas einsam, führt dies aber auf ihren Namen zurück: liest man diesen rückwärts bedeutet er „Alone“. Ausserdem war ihre Mutter schon im fortgeschrittenem Alter, als Enola zur Welt kam und allein diese Tatsache führt in ihrer Schule und im Dorf dazu, dass sie zur Außenseiterin wird. Im Großen und Ganzen ist sie aber mit ihrem Leben zufrieden - bis ihre Mutter an ihrem Geburtstag auf geheimnisvolle Weise verschwindet.
Es dauert eine Weile, bis ihr Verschwinden den beiden Dienstboten und Enola überhaupt auffällt, und auch dann glauben sie eher an einen kurzen Ausflug als einen endgültigen Weggang, denn die Mutter hat kaum etwas von ihren Sachen mitgenommen. Diese Tatsache beunruhigt Enola nach und nach immer mehr und irgendwann kommt sie nicht mehr darum herum, ihre beiden berühmten älteren Brüder Sherlock und Mycroft herbeizurufen. Als diese wenig später aus London eintreffen, haben sie erst einmal nichts besseres vor, als die kleine Schwester in ein Korsett und in ein Internat stecken zu wollen, um aus ihr eine richtige Lady zu machen. Natürlich unterschätzen die ansonsten sehr scharfsinnigen Brüder Enola und diese macht sich kurzerhand als Witwe verkleidet heimlich auf den Weg in das düstere viktorianische London, um ihre Mutter zu suchen. Auf ihrem Weg dorthin wird sie in die vermeintliche Entführung eines jungen Lords verwickelt und muss sie sich in der Hauptstadt in düsteren Gegenden vor mörderischen Gaunern verbergen. Aber sie wäre keine Holmes, wenn sie nicht durch ihren scharfen Verstand den Verbrechern und auch ihren Brüdern immer einen kleinen Schritt voraus wäre …
Nancy Springer erzählt neben dieser spannenden Geschichte über die sympathische kleine Schwester von Meisterdetektiv Sherlock Holmes auch die Lebenssituation der Frauen im viktorianischen Zeitalter, in dem es einer Revolution gleichkam, eine Frau Fahrrad fahren zu sehen.
(av)


geb., Knesebeck Verlag 2019
189 S., 15,00 €
ISBN 978-3-95728-260-6
ab 12 Jahre


Catherine Doyle – Sturmwächter. Das Geheimnis von Arranmore

Der elfjährige Fionn Boyle lebt mit seiner Mutter und Schwester Tara in Dublin. Als seine Mutter erkrankt, begibt er sich zusammen Tara auf eine Reise zu seinem bis dahin unbekannten Großvater auf die Insel Arranmore. Fionn hat große Angst vor dem Meer und bereits auf der Überfahrt zur Insel wird er schrecklich seekrank – sehr zur Belustigung von Tara. Diese hat bereits den Sommer davor auf Arranmore verbracht und freut sich darauf, ihre Freunde wiederzusehen. Als das Schiff endlich am Ziel ankommt und Fionn den Inselboden betritt, zittert und bebt dieser unter seinen Füßen. Erst führt er dies auf seine Seekrankheit zurück, doch dann wirbelt der Wind um ihn herum, bis er das absurde Gefühl hat, die Insel würde ihre Arme öffnen und ihn einhüllen. Auf dem Weg zum Großvater versucht Fionn nicht an Dublin zu denken, dass ihm mit dem Smog und dem Lärm einer Stadt, die immer in Bewegung ist, so vertraut und ein Zuhause war. Die Insel hingegen erscheint ihm überaus fremd – und weiß der Großvater eigentlich, dass sie kommen? Denn er steht nicht am Anleger, um sie abzuholen. Zum Glück kennt Tara den Weg.

Das Haus des Großvaters macht einen engen und trostlosen Eindruck und der Großvater selbst sieht aus, als sei er aus der Zeit gefallen: in seinem übergroßen Tweed-Anzug, der vor fünfzig Jahren bestimmt einmal ein guter Anzug für besondere Anlässe gewesen ist, jetzt aber an den Armen und Beinen zu kurz wirkt. Auf der Nasenspitze des Großvaters sitzt eine riesige runde Hornbrille und lässt seine Augen größer erscheinen, als sie eigentlich sind. Und als würde dies allein nicht schon reichen, sind die Wände des kleinen dunklen Hauses mit Regalen bedeckt, die alle mit Kerzen vollgestellt sind. Fionn findet dies und die ganze Insel sehr merkwürdig und zum Weinen, zumal er von Tara nicht zu den Treffen mit ihren Freunden mitgenommen wird, sondern sich alleine zurechtfinden muß. Nachts suchen ihn Albträume heim und nach und nach kommt er hinter das Geheimnis seiner Familie und von Arranmore.

Caherine Doyle ist ein fantastischer Abenteuerroman gelungen, in den sie geschickt irische Mythen und Legenden einwebt.
(av)


geb., Oetinger Verlag 2019
357 S., 15,00 €
ISBN 978-3-7891-0952-2

ab 10 Jahre



Unsere Tipps zum Jahresende 2018

Für die ruhigen Lesestunden

Eine breite Palette lesenswerter, erkenntnisreicher und unterhaltsamer Romane zieren den Rückblick auf das Jahr 2018 - eine Auswahl unserer Lieblinge haben wir hier zusammengestellt.

Darüberhinaus seien noch zwei besondere, wenn auch zu Recht schon sehr erfolgreiche Tipps zumindest auch hier kurz erwähnt:

Carsten Jensen – Der erste Stein

Einmal empfehlen wir Carsten Jensen, der verdientermaßen den Europa-Preis 2018 der hiesigen Europa-Universität Flensburg erhalten hat - insbesondere möchten wir Ihnen sein jüngstes, in diesem Jahr im Taschenbuch erschienenes Werk "Der erste Stein" [Penguin TB - ISBN 978-3-328-10295-3, 13,00 €] nahelegen, eine fulminante Auseinandersetzung mit der "westlichen" Intervention in Afghanistan.

Dörte Hansen – Mittagsstunde

Zum anderen ist das neue Buch von Dörte Hansen "Mittagsstunde" (Penguin Verlag, gebunden - 978-3-328-60003-9 - € 22,00) eine nochmalige Entdeckung nach ihrem schon überzeugenden Debüt "Altes Land" (Penguin TB 2017, 978-3-328-10012-6 - € 10,00)!



Francesca Melandri – Alle, außer mir

Francesca Melandri schickt in "Alle, außer mir" ihre Hauptfigur auf die Suche nach der Vergangenheit ihres Vaters, in ein bis heute überwiegend verdrängtes Kapitel der italienischen Geschichte, den unglaublich brutalen Abessienienkrieg …
Die 45-jährige Lehrerin Ilaria Profeti findet im Sommer 2010 einen jungen Schwarzafrikaner vor ihrer Haustür, der behauptet, der Enkel ihres Vaters Attilio zu sein – ihr Neffe also. Er hat in Äthiopien und auf seiner Flucht durch Libyen Gefangenschaft, Schikanen, Hunger und Verwahrlosung erlebt - und hofft nun auf Hilfe durch seine italienische Verwandtschaft. Ilaria ist mit der Situation zunächst überfordert. Doch die Neugier und der Wunsch zu helfen überwiegen, sodass sie beginnt, Nachforschungen anzustellen. Attilio Profeti, der Vater, ist hochbetagt und von Demenz gezeichnet und hatte immer so getan, als sei er im Widerstand gewesen …
All diese Geschichten, diese verschiedenen Erzählstränge verwebt Melandri kunstvoll miteinander.
"Alle, außer mir" ist ein eindrucksvolles Stück Literatur. Für mich das Buch des Jahres.
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Janet Lewis – Die Frau die liebte

Dieses schmale Buch ist ganz und gar perfekt. Ein wunderschöner Einband und eine Geschichte so intensiv, dicht erzählt. Auf knapp 120 Seiten beschreibt Janet Lewis ein Frauenleben im frühen 16. Jahrhundert in den französischen Pyrenäen. Von Bertrandes Zwangsheirat als elfjährige mit dem gleichaltigen Martin, die dennoch behutsame Annäherung sehr viel später als Ehepaar, das Leben auf dem Hof seiner Familie unter dem strengen Patriarchat des Vaters. Trotz allem ein schönes Leben mit liebevollen Verbindungen unter den Familienmitgliedern. Doch als der Sohn es eines Tages mit der Aussaat anders machen will als der Vater es befiehlt, verschwindet er vorsorglich, um dessen Zorn zu entgehen, für wenige Tage, wie er sagt. Doch es vergehen Jahre.
Als Martin endlich zu seiner Frau zurückkehrt, ist Bertrande, inzwischen 30 Jahre, von Sinnen vor Glück. Der inzwischen zehnjährige Sohn weicht dem Vater nicht mehr von der Seite, das Gut blüht auf, die große Familie ist wieder vereint. Acht Jahre lang hatte Bertrande sich gesehnt, hatte gebangt und gezürnt - doch welcher Dämon treibt ihr plötzlich Zweifel ins Herz? Ist der Mann, den sie liebt, wirklich Martin? Hin- und hergerissen zwischen ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit und einer düsteren Ahnung, entfesselt sie eine richterliche Untersuchung – und eine Tragödie.
Eine Entdeckung.
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Donatella Di Pietrantonio - Arminuta

Eine 13-jährige wird plötzlich aus ihrer bisherigen familiären Umgebung gerissen und muss zu ihrer wirklichen, für sie völlig fremden Familie zurück - ohne dass sie den wahren Grund dafür erfährt. Jenseits der bisherigen Geborgenheit kommt sie in vollkommen andere Verhältnisse: Die Eltern sind sehr arm und ohne jede Bildung, sie hat plötzlich mehrere Geschwister, der Umgang miteinander ist ohne jede erkennbare Zuneigung, eher geprägt von Unverständnis und Gewalt. Sie wird eher verächtlich in den neuen Familienkreis aufgenommen, als verwöhnt und arrogant wahrgenommen, wobei sie gerade dies nicht ist. Sie sucht die Nähe, ein zähes Unterfangen in einer archaischen Umwelt …
Ihre Kraft gewinnt die Erzählung daraus, wie sie ihre Themen durchdringt – ein schönes kleines Juwel!
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Max Annas - Finsterwalde

Eine beklemmende Zukunftsvision für unser Land - die EU gibt es nicht mehr. Überall in Europa haben Nationalisten das Sagen. Leute ohne deutschen Pass werden aus ihren Wohnungen abgeholt, Staatsbürgerschaften aufgekündigt. Die meisten Deutschen mit fremden Wurzeln befinden sich in Übergangslagern, sie hoffen auf eine internationale Lösung, ein Abkommen mit einem Land, das sie aufnehmen wird. In Finsterwalde, einer geräumten Provinzstadt, hat man tausende Schwarze kaserniert. Unter ihnen Marie mit ihren beiden Kindern. Die Versorgung ist spärlich, die Grenzzäune sind streng bewacht, die Devise heißt Überleben. Da geht das Gerücht, in Berlin seien drei schwarze Kinder zurückgeblieben, vergessen von allen. Marie beschließt, einen Weg aus dem Lager zu finden, um die drei vor dem sicheren Tod zu retten.
Parallel dazu wird die Geschichte von Theo, seiner Frau Eleni und ihren Kindern erzählt. Sie kommen aus Griechenland und sind angeworbene Facharbeiter. Theo, früher Journalist darf nicht arbeiten und so streift er unruhig durch die Stadt und beobachtet die Zustände. In der Wohnung findet er Hinweise auf verschleppte Menschen. Gegen den Wunsch seiner Frau macht Theo sich zu Fuß auf den Weg nach Finsterwalde, um herauszufinden, was mit ihnen geschehen ist.
Max Annas verbindet Spannung mit politisch-gesellschaftlichen aktuellen Problemen. Der Roman ist beklemmend realistisch und spannend geschrieben.
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Anne Tyler - Launen der Zeit

Es sind die kleinen Dinge der scheinbar unbedeutenden Menschen, von denen Anne Tyler in „Launen der Zeit“ einmal mehr erzählt. Wie es gelingen kann, seine eigene Identität zu finden, neben der Rolle, die man innerhalb der Familie spielt (oder spielen soll), ist eine Art Grundmotiv bei Anne Tyler.
Willa Drake ist die Protagonistin in Tylers neuem Roman. In kurzen Episoden wird ihre Vergangenheit erzählt, Willa begehrt kaum auf, sie fügt sich. Jahre später wird Willa von einer Nachbarin um Hilfe gebeten, hier, in dieser Extremsitiuation bekommt sie wohl erstmals im Leben vermittelt, dass sie als Person zählt. Dass das, was sie hier tut, für alle Betroffenen wichtig ist und geschätzt wird. Und erstmals im Leben entscheidet Willa für sich selbst …
„Launen der Zeit“ ist ein tiefgründiges, sehr amüsantes und mit großer Leichtigkeit erzähltes Frauen- und Familienporträt, das zeigt, wie schwer es ist, sich und seinen Umständen zu entkommen und wie leicht es dann doch ist, wenn der richtige Moment gekommen ist. Ann Tyler ist immer eine Entdeckung … > zur Besprechung

... und eine neue
Krimi-Entdeckung:

Susanne Saygin - Feinde



Es fängt alles mit einem Doppelmord im Sinti und-Roma-Milieu in einer deutschen Großstadt an, doch dieses Verbrechen zieht schnell weite Kreise: "Arbeiterstrich", Korruption, Menschenhandel und das Schicksal derjenigen, die von der Gesellschaft nichts mehr zu erwarten haben. Der Polizist Can Arat tut alles, um die Wahrheit zu finden und gleichzeitig seine Menschlichkeit nicht zu vergessen.

Saygin erzählt mit kompromissloser Härte, sie hat sich das alles in Bulgarien angesehen und rechnet gleich mit dem ganzen EU-Förderwirtschaftssystem ab. Einen Ausweg aus dem Elend, eine Lösung? Wir werden sehen bzw. lesen …

Ein absolut beeindruckendes Krimi-Debut, das reichlich Anlass zum Grübeln, zum Nachdenken gibt ...

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Und einige Tipps für unsere jungen Leserinnen und Leser

Jutta Richter -
Frau Wolle und der Duft von Schokolade

Dies ist der erste Band einer Trilogie um die Geschwister Merle und Moritz, die mit ihrer Mutter, einer Ärztin, zusammenleben. Sie kriegen eine neue Kinderfrau, da die Mutter zur Nachtschicht muss - ausgerechnet die unheimliche Gesine Wolkenstein, deren Augen die Farbe wechseln können und bewirken, dass Merle eine Gänsehaut bekommt. So beginnt eine nächtliche Abenteuerreise in ein Land der Fantasie …
„...für alle Kinder, die wissen wollen, wie die Welt hinter der Welt aussieht. Für die Angsthasen und die Löwenherzen. Für die Schmetterlingsschützer und die Glücksbringer. Für die Kopfschüttler und die Neinsager...”
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Karin Foxlee -
Annabelle und die unglaubliche Reise nach Unter-London

Die zwölfjährige Annabelle lebt mit ihrer Mutter glücklich und zufrieden in London. Es ist die Zeit um 1860 und sie möchte nichts weiter, als mit smaragdgrünen Schlittschuhen über die gefrorene Themse zu gleiten oder aus zierlichen Tässchen Tee zu trinken. Manchmal allerdings, wenn sie in Regenpfützen schaut, sieht sie dort Dinge, die sie nicht sehen soll …
Als sie für eine Zeit zu ihren schrulligen Großtanten kommt, halten diese sie für ein prophezeites zaubermächtiges Mädchen und schicken sie kurzerhand auf einem Besen und mit dem kratzbürstigen Straßenmädchen Kitty als Unterstützung in die Unterwelt! Annabelle muss sich ihren tiefsten Ängsten stellen, um noch rechtzeitig den ewigbesten Zauberstab zu finden und damit ein aufziehendes Unheil von der Welt abzuwenden.
Karen Foxlee ist eine wunderbar britische, überaus spannende Geschichte voller Magie gelungen!
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Rebecca Westcott –
Fünf Dinge, die dir niemand verrät

Erin ist zwölf, als ihre Eltern sich trennen und eine Welt für sie zusammenbricht. Zum Glück gibt es noch ihren Dackel Picasso und ihre Liebe zur Kunst, denn von den Eltern fühlt sie sich absolut missverstanden.
Als ihre Mutter zu ihrem neuen Freund zieht, beschließt sie, bei ihrem Vater zu bleiben. Dieser arbeitet als Gärtner in dem noblen Seniorenheim „Oak Hill“ und ist ein schweigsamer Mensch. Dort muss sie auf Grund einiger Verfehlungen ihre Sommerferien verbringen und trifft auf Lucas, der seinen Opa im Seniorenheim besucht. Auch Martha, der widerspenstigen alten Dame in Oak Hill, der sie mittags immer Gesellschaft leisten soll, kommt sie durch die Freundschaft mit Lucas näher. Es beginnt für Erin eine Zeit mit neuen Erlebnissen und Erfahrungen …
Ein sensibler Roman zum Thema Erwachsen- und Altwerden!
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Antje Wagner – Hyde

Katrina ist unterwegs. Es ist Winter und es schneit, so daß ein Vorankommen zu Fuß sehr mühsam ist. Endlich hält ein Wagen und Katrina lernt Josefine kennen. Josefine, die ein goldenes Kleid trägt und wunderschöne Armreifen hat - also der komplette Gegensatz zu Katrina mit ihrer Zimmermannskluft ist. Was für ein Geheimnis trägt Katrina mit sich herum und mit welchem Ziel ist sie unterwegs? Warum hat sie ein Tuch vor dem Mund und eine Kriegskasse im Gepäck?
Und was hat es mit Hyde auf sich, dem geheimnisvollen Ort, an dem sie aufgewachsen ist? Brillant und mit großem Gespür für ihre Figuren, lässt Antje Wagner aus dem Alltäglichen das Unheimliche erwachsen, dessen Faszination sich niemand entziehen kann.
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Für alle, die gerne das Buch „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green gelesen haben:

Adam Silvera – Am Ende sterben wir sowieso

Am 05.09.2017 um 00:22 Uhr ruft der Todesbote den 18 jährigen Matteo an, um ihm mitzuteilen, dass er innerhalb der nächsten 24 Stunden sterben wird.
Matteo ist eher der ängstliche Typ, der sich lieber in der Wohnung zwischen seinen Büchern und Videospielen vergräbt, anstatt sich der Wirklichkeit zu stellen.
Am Anfang hofft er noch, dass sich der Anruf als ein Irrtum erweist, aber eigentlich weiß er, dass die Todesboten sich niemals irren… Matteo fragt sich, was soll er mit der Mitteilung anfangen? Soll er die Wohnung verlassen, um noch etwas zu unternehmen? Er beginnt zu verstehen, daß er am meisten die verpassten Gelegenheiten und ungenutzten Möglichkeiten in seinem Leben vermissen wird. Er nimmt er seinen ganzen Mut zusammen und logt sich auf der App „Last Friends“ ein. Hier lernt er den 17 jährigen Rufus kennen …
Ein schweres Thema, aber Adam Silvera macht ein tiefgründiges und warmherziges Buch daraus, das man nur schwer aus der Hand legen kann. > zur Besprechung