Neue Bücher

Wir stellen Ihnen hier eine Auswahl an neuen Büchern vor, die wir spannend, am Puls der Zeit gelegen oder einfach nur gut finden. Später bereichern diese dann unsere Lese-Tipps, in denen Sie unsere vergangenen Buchvorstellungen finden können.

Das Buch des Jahres

Francesca Melandri – Alle, außer mir

Francesca Melandri schickt in "Alle, außer mir" ihre Hauptfigur auf die Suche nach der tabuisierten Vergangenheit ihres Vaters. Die 45-jährige Lehrerin Ilaria Profeti, engagiert, linksliberal, findet im Sommer 2010 einen jungen Schwarzafrikaner vor ihrer Haustür, der behauptet, der Enkel ihres Vaters Attilio zu sein – ihr Neffe also. Er hat in Äthiopien und auf seiner Flucht durch Libyen Gefangenschaft, Schikanen, Hunger und Verwahrlosung erlebt - und hofft nun auf Hilfe durch seine italienische Verwandtschaft.
Ilaria ist mit der Situation zunächst überfordert. Doch die Neugier und der Wunsch zu helfen überwiegen, sodass sie beginnt, Nachforschungen anzustellen. Attilio Profeti, der vorgab Partisan zu sein, entpuppt sich als überzeugter Faschist, der in Äthiopien einen Sohn gezeugt und nie anerkannt hat.
Eine wichtige Rolle spielt das Jahr 1935. Zu dieser Zeit streben die Italiener unter Mussolini nach einer großen Kolonie in Ostafrika. Unter Einsatz von Senfgas und durch Bombardements aus der Luft übernehmen die Italiener die Vorherrschaft in Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Bis heute ist dies ein überwiegend verdrängtes Kapitel der italienischen Geschichte. Ilaria stößt auf eine rassenideologische Schrift ihres Vaters: "Ilaria schnappt hektisch nach Luft, als würde sie ertrinken. Sie hat das Gefühl, als hätte sie beim Lesen - in den letzten zwei, drei Minuten - das Atmen vergessen. Sie blättert und sucht nach dem Erscheinungsjahr: 'Anno XVII der Faschistischen Ära - 1939.' Sie schaut auf und lässt ihren Blick wie einen Pinsel über die gebeugten Rücken der anderen Nutzer der Nationalbibliothek streifen, niemand liest einen Aufsatz des Vaters, in der er die Vorherrschaft der Weißen propagiert." (Leseprobe) Attilio Profeti, hochbetagt und von Demenz gezeichnet, hatte immer so getan, als sei er im Widerstand gewesen. Als Teilnehmer des äthiopischen Krieges und Wissenschaftler der Rassenkunde hatte er aus seinen Verstrickungen später Kapital für eine glänzende Karriere geschlagen.

All diese Geschichten, diese verschiedenen Erzählstränge verwebt Melandri kunstvoll miteinander. Der eine spielt 2010, genau an den vier Tagen, an denen Berlusconi den Diktator Muammar al-Gaddafi in Rom empfing. Die zweite siedelt Melandri im Faschismus ab 1935 an, als Italien - unter anderem - Äthiopien kolonialisierte und den Abessinienkrieg führte. In einem dritten erleben wir die Flucht des jungen Migranten - Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti steht in seinem Ausweis.
Der Roman lebt davon, dass Melandri zwischen den Jahrzehnten und vielen Figuren hin und her springt, dabei aber nie den roten Faden verliert und immer ganz nah am Erleben der Charaktere bleibt. Sie kleidet die „Reise in die italienische Seele”, wie die italienische Zeitung „La Repubblica“ Melandris Roman bezeichnet hat, in einen Familienroman und entblösst die offene Flanke ihrer nie aufgearbeiteten Kolonialgeschichte - sie mutet ihren Leser*innen einige Schrecknisse dieses unglaublich brutalen Abessinienkrieges zu. Dafür geizt die vordergründige Familiengeschichte nicht mit Humor und sorgt mit filmreifen Szenen für zwischenzeitliche Entspannung: Das Schlitzohr Attilio Profeti, als seine sechzehnjährige Tochter Ilaria ihn fragt, ob er eine Geliebte habe: „Eigentlich seid ihr zu viert.“ Neben den beiden Brüdern Emilio und Federico gebe es da noch den kleinen Attilio, und ob sie nicht der Mutter alles sagen könne. In Italien wird gerade das Scheidungsgesetz eingeführt, danach funktioniert die Patchworkfamilie bestens, die erste Runde endet mit einem Happy End. Und dann das: Rund fünfundzwanzig Jahre später sitzt ein junger Äthiopier vor Ilarias Tür und behauptet, eigentlich seien sie zu fünft gewesen, nur sei Profetis ältester Sohn, eben sein Vater, bereits gestorben. Ilarias erster Gedanke: mal eine neue Masche. Der zweite: O nein, nicht „das Ganze noch einmal”.
Melandri verwendet eine Sprache, die in ihrer trockenen Poesie schmerzt. Eine Kriegssituation beschreibt sie so: "Die italienischen Maschinengewehre nahmen sie freudig ins Visier, endlich hatten sie ein Ziel. Die Frau schlug keuchend einen Bergpfad ein, und die Projektile tanzten fröhlich auf den Steinen zwischen ihren Füßen." "Alle, außer mir" ist ein eindrucksvolles Stück Literatur. Es ist inhaltlich anspruchsvoll, kunstvoll komponiert und kritisch - dennoch hat die/der LeserIn nicht den Eindruck, belehrt zu werden.
(hn)

Ein weiterer Hinweis:
Francesca Melandri, die auch Drehbücher fürs Kino und Fernsehen schreibt, hatte sich schon mit ihrem ersten Roman einem heiklen Kapitel der italienischen Vergangenheit gewidmet: „Eva schläft”: Auch hier verknüpft sie geschickt eine Familiengescheichte mit der konfliktträchtigen Auseinandersetzung um die Angliederung Südtirols an Italien nach dem 1., Weltkrieg.
Melandri, Francesca - Eva schläft
WAT Wagenbachs andere Taschenbücher 2018,
434 S., 15,90 €, ISBN 978-3-8031-2805-8


geb., Wagenbach Verlag 2018,
aus dem Italienischen
von Esther Hansen,
608 S., 26,00 €
ISBN 978-3-8031-3296-3


Janet Lewis – Die Frau die liebte

Dieses schmale Buch ist ganz und gar perfekt. Ein wunderschöner Einband und eine Geschichte so intensiv, dicht erzählt. Auf knapp 120 Seiten beschreibt Janet Lewis ein Frauenleben im frühen 16. Jahrhundert in den französischen Pyrenäen. Von Bertrandes Zwangsheirat als elfjährige mit dem gleichaltigen Martin, die dennoch behutsame Annäherung sehr viel später als Ehepaar, das Leben auf dem Hof seiner Familie unter dem strengen Patriarchat des Vaters. Trotz allem ein schönes Leben mit liebevollen Verbindungen unter den Familienmitgliedern. Doch als der Sohn es eines Tages mit der Aussaat anders machen will als der Vater es befiehlt, verschwindet er vorsorglich, um seinem Zorn zu entgehen, für wenige Tage, wie er sagt. Doch es vergehen Jahre.
Als Martin endlich zu seiner Frau zurückkehrt, ist Bertrande, inzwischen 30 Jahre, von Sinnen vor Glück. Der inzwischen zehnjährige Sohn weicht dem Vater nicht mehr von der Seite, das Gut blüht auf, die große Familie ist wieder vereint. Acht Jahre lang hatte Bertrande sich gesehnt, hatte gebangt und gezürnt, war weder Witwe noch frei gewesen, und jetzt – endlich – kann sie sich hingeben. Der Liebe, ihrer Sinnlichkeit, seinem Begehren. Welcher Dämon treibt ihr plötzlich Zweifel ins Herz? Ist der Mann, den sie liebt, wirklich Martin? Hin- und hergerissen zwischen ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit und einer düsteren Ahnung, entfesselt sie eine richterliche Untersuchung – und eine Tragödie.

„Im hinteren Teil des Zimmers war es dämmrig, Bertrande stand im Sonnenlicht und erlebte mit stockendem Atem und wild klopfendem Herzen den lang ersehnten Moment wie in einem Traum. Die Gestalt in Leder und Stahl trat mit festen Schritten näher, eine gesetztere Gestalt als die des Mannes, der vor acht Jahren fortgegangen war, breiter in den Schultern, entwickelt, gereift. Der Bart war merkwürdig, so struppig und dicht, aber die Augen darüber waren wie die von Martin, und die Stirn sowie das Gesicht als Ganzes erkannte Bertrande überrascht als ähnlich und unähnlich, und als der Mann aus dem Schatten trat, wirkte er auf Bertrande wie ein Fremder, wie der Fremde, den sie beim Wald gesehen hatte, dann wie ihr geliebter Mann, dann wie ein Mann, der Martins Vorfahre hätte sein können, nicht aber der junge Martin Guerre.”

Ein wenig spielt „Die Frau, die liebte“ schon mit den Themen Paranoia und Realitätsverlust. Bertrande lässt sich zeitweise verunsichern, beinahe verliert sie ihren inneren Kompass. Doch in Janet Lewis‘ Roman geht es nicht um vordergründige Spannung, sondern um Moral. Bertrande kann sich entscheiden, sich entweder freiwillig täuschen zu lassen, schließlich würden sie und viele andere davon profitieren. Oder sie bleibt der Wahrheit um der Wahrheit willen verpflichtet. Sie hat Recht – doch ist es auch richtig, deshalb alles zu zerstören?

Janet Lewis ist eine Entdeckung. Die 1998 verstorbene Amerikanerin war eigentlich Dichterin, aber sie schrieb auch Romane. „The Wife of Martin Guerre“, wie das Buch im Original heißt, ist übrigens nur einer von drei historischen Justizfällen, die Janet Lewis in den 1940er- und 50er-Jahren in literarische Form goss. Hoffentlich werden die beiden anderen Romane ebenfalls bald übersetzt!
(bm)


geb., dtv 2018,
134 S., 18,00 €
ISBN 978-3-423-28155-3


Arminuta

Donatella Di Pietrantonion

Eine 13-jährige wird plötzlich aus ihrer bisherigen familiären Umgebung gerissen und muss zu ihrer wirklichen, für sie völlig fremden Familie zurück - ohne dass sie den wahren Grund dafür erfährt. Jenseits der bisherigen Geborgenheit kommt sie in vollkommen andere Verhältnisse: Die Eltern sind sehr arm und ohne jede Bildung, sie hat plötzlich mehrere Geschwister, der Umgang miteinander ist ohne jede erkennbare Zuneigung, eher geprägt von Unverständnis und Gewalt. Sie wird eher verächtlich in den neuen Familienkreis aufgenommen, als verwöhnt und arrogant wahrgenommen, wobei sie gerade dies nicht ist. Sie sucht die Nähe, auch wenn ihre jüngere Schwester, mit der sie das Bett teilen muss, dieses einnässt. Zu dieser Schwester kann sie die erste freundschaftliche Beziehung aufbauen. Die sehr körperlichen, pubertären Jungs erzeugen eine große Distanz, bis sich doch auch hier eine zaghafte Verbindung herauskristallisiert.

Letztendlich wird es die Bildung sein, die sie aus der archaischen Welt erlöst. Wie sich das Mädchen, "Arminuta", die „Zurückgekommene“, genannt, zurecht finden lernt, die Suche nach der eigenen Identität bewältigt, wie sie sich behauptet und wehrt - all das wird sehr einfühlsam erzählt. Ihre Kraft gewinnt die Erzählung daraus, wie sie ihre Themen durchdringt - ein stiller ergreifender Roman, der in seiner schmucklosen, klaren Alltagssprache um so überzeugender wirkt, ganz ohne abgegriffene Klischees. Ein Juwel.
(mn)


geb., Verlag Antje Kunstmann 2018,
222 S., 20,00 €
ISBN 978-3-95614-253-6


Finsterwalde

Max Annas

Eine beklemmende Zukunftsvision für unser Land - die EU gibt es nicht mehr. Überall in Europa haben Nationalisten das Sagen. Leute ohne deutschen Pass werden aus ihren Wohnungen abgeholt, Staatsbürgerschaften aufgekündigt. Die meisten Deutschen mit fremden Wurzeln befinden sich in Übergangslagern, sie hoffen auf eine internationale Lösung, ein Abkommen mit einem Land, das sie aufnehmen wird. In Finsterwalde, einer geräumten Provinzstadt, hat man tausende Schwarze kaserniert. Unter ihnen Marie mit ihren beiden Kindern. Die Versorgung ist spärlich, die Grenzzäune sind streng bewacht, Strukturen müssen erst noch geschaffen werden. Die Devise heißt Überleben. Da geht das Gerücht, in Berlin seien drei schwarze Kinder zurückgeblieben, vergessen von allen. Marie beschließt, einen Weg aus dem Lager zu finden, um die drei vor dem sicheren Tod zu retten.
Parallel dazu wird die Geschichte von Theo, seiner Frau Eleni und ihren Kindern erzählt. Sie kommen aus Griechenland und sind angeworbene Facharbeiter. Eleni ist Ärztin und bekommt eine Praxis in Kreuzberg gestellt. Vorher hat hier eine andere Ärztin praktiziert. Von ihr fehlt jede Spur.
Theo, früher Journalist darf nicht arbeiten und so streift er unruhig durch die Stadt und beobachtet die Zustände. In der Wohnung findet er versteckte Fotos der verschwundenen Ärztin, es ist Marie, und ihm wird klar, daß diese Menschen enteignet und verschleppt wurden. Gegen den Wunsch seiner Frau, die Angst hat diese Stelle zu verlieren, macht Theo sich zu Fuß auf den Weg nach Finsterwalde, um herauszufinden, was mit ihr geschehen ist.

Max Annas verbindet Spannung mit politisch-gesellschaftlichen aktuellen Problemen. Der Roman ist kurzweilig und spannend geschrieben.
(bm)


geb., Rowohlt-Bln. 2018,
395 S., 22,00 €
ISBN 978-3-498-07401-2


… darüberhinaus empfehlen wir diese Krimis (Krimis? weit mehr als …):

Annas, Max - Illegal
rororo 2018,
235 S., 10,00 €
ISBN 978-3-499-29138-8

Annas, Max - Die Mauer
rororo 2017,
220 S., 12,00 €
ISBN 978-3-499-27163-2


Launen der Zeit

Anne Tyler

Es sind die kleinen Dinge der scheinbar unbedeutenden Menschen, von denen Anne Tyler in „Launen der Zeit“ einmal mehr erzählt. Wie es gelingen kann, seine eigene Identität zu finden, neben der Rolle, die man innerhalb der Familie spielt, ist eine Art Grundmotiv bei Anne Tyler.
Willa Drake ist die Protagonistin in Tylers neuem Roman. In kurzen Episoden wird ihre Vergangenheit erzählt. In amerikanischer sechzigerJahre Idylle wächst sie auf, behütet nach außen und eben doch nicht perfekt, die Mutter verschwindet manchmal tagelang, Willa und ihre Schwester sind allein mit dem Vater, Fragen werden nicht gestellt, darüber nicht geredet, wenn die Mutter zurückkehrt und ihre Rolle weiterspielt. Jahre später, Willa ist verlobt und studiert. Sie freut sich auf ihre Zukunft, doch ihr zukünftiger Mann möchte nicht, daß sie arbeitet, er wird die Familie versorgen. Willa begehrt kaum auf, sie fügt sich. Wenige Jahre später stirbt er durch einen selbstverschuldeten Autounfall und Willa ist allein mit den Kindern. Im letzten und längsten Teil ist sie mit ihrem zweiten Mann Peter auf seinen Wunsch in eine Golfsiedlung in Tuscon Arizona gezogen. Ihre Söhne sind längst erwachsen und sie langweiligt sich in der neuen Umgebung. Wieder lebt sie das Leben ihres Mannes. Freundschaften hat sie keine geschlossen.
Eines Tages erhält sie einen überraschenden Anruf. Die Ex-Freundin von Willas Sohn ist angeschossen worden. Die Nachbarin glaubt, die Tochter der Freundin sei Willas Enkelin und ruft die vermeintliche Grossmutter zu Hilfe. Willa folgt dem Ruf - ihren eigentlich unwilligen Ehemann im Schlepptau. Und damit setzt eine Änderung in Willas Leben bzw. in ihr selbst ein. Aus der Nachbarschaft der Ex-Freundin, von deren Tochter und auch von dieser selbst bekommt Willa wohl erstmals im Leben vermittelt, dass sie als Person zählt. Dass das, was sie hier tut, für alle Betroffenen wichtig ist und geschätzt wird. Und erstmals im Leben entscheidet Willa für sich selbst …
„Launen der Zeit“ ist ein tiefgründiges, sehr amüsantes und mit großer Leichtigkeit erzähltes Frauen- und Familienporträt, das zeigt, wie schwer es ist, sich und seinen Umständen zu entkommen und wie leicht es dann doch ist, wenn der richtige Moment gekommen ist.
Mir gefallen die Romane von Anne Tyler sehr, die Personen wachsen einem ans Herz und man wünscht sich, dass die Hauptperson endlich ihr Leben in die eigenen Hände nimmt. Auf deutsch erschienen bislang ihre Romane im Verlag Kein + Aber "Verlorene Stunden", "Abschied für Anfänger", "Dinner im Restaurant Heimweh", "Die Reisen des Mr. Leary", "Im Krieg und in der Liebe", "Kleine Abschiede", "Atemübungen" und zuletzt "Der leuchtend blaue Faden", sowie bei Penguin "Der leuchtend blaue Faden". (bm)


Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
Schöffling & Co., geb., 2013;
seit 2014 Heyne TB,
506 S., 9,99 €
ISBN 978-3-453-41762-5


Eine neue Krimi-Entdeckung

Feinde

Susanne Saygin

Es fängt alles mit einem Doppelmord im Sinti und-Roma-Milieu in einer deutschen Großstadt an, doch dieses Verbrechen zieht schnell weite Kreise: "Arbeiterstrich", Korruption, Menschenhandel und das Schicksal derjenigen, die von der Gesellschaft nichts mehr zu erwarten haben. Der Polizist Can Arat tut alles, um die Wahrheit zu finden und gleichzeitig seine Menschlichkeit nicht zu vergessen.

Es könnte so einfach sein: Er könnte sich mit den Kollegen der Toten verständigen - wenn sie denn den Mund aufmachten. Aber die haben Angst um ihren Hungerlohn, eingeschüchtert von einer paramilitärischen "Stadionwacht". Arat gelingt es, einen jugendlichen Zeugen aufzutreiben, der die Bauunternehmen und die Leute kennt, die den Arbeitsstrich organisieren. Bevor der Analphabet aussagen kann, landet er jedoch unter einer U-Bahn. Arats Chefin Simone wird erpresst, der Kölsche Klüngel wehrt sich gegen die Bedrohung seiner Geschäfte. Jeder Erkenntnisfortschritt erhöht das Risiko für die Ermittler. Arat lässt sich krankschreiben, stützt sich auf alternative Netzwerke, reist nach Stolipinovo, erfährt die krasse Not der Arbeitssklaven und Zwangsprostituierten, gerät am Ende in Lebensgefahr.

Saygin erzählt mit kompromissloser Härte, sie hat sich das alles in Bulgarien angesehen und rechnet gleich mit dem ganzen EU-Förderwirtschaftssystem ab. Einen Ausweg aus dem Elend, eine Lösung? Gibt es nicht. Stattdessen erfindet Saygin eine märchenhafte Rettung für zwei. Das macht die Realität umso bitterer.

Ein absolut beeindruckendes Krimi-Debut, das reichlich Anlass zum Grübeln, zum Nachdenken gibt …
(hn)


kartoniert,
Heyne Verlag 2018,
352 S., 12,99 €
ISBN 978-3-453-43889-7



>nach oben<


Für die jüngeren Lerserinnen und Leser

Jutta Richter – Frau Wolle und der Duft von Schokolade

Dies ist der erste Band einer Trilogie um die Geschwister Merle und Moritz, die mit ihrer Mutter, einer Ärztin, zusammenleben.
Der Vater ist in der Welt unterwegs und hat den Kindern einen Weltempfänger dagelassen, mit dem sie abends im Bett seiner Stimme und seinen Reiseberichten im Radio lauschen können. Merle und Moritz wohnen im Hasenweg. Jeden Morgen müßen sie auf ihrem Schulweg durch die Sperbergasse und an dem schwarzen Laden von Gesine Wolkenstein vorbeilaufen. Dann halten sie sich an den Händen und rennen so schnell sie können an dem Geschäft vorbei, denn es gibt das Gerücht, dass Gesine Wolkensteins Laden Kinder verschluckt. Erst wenn sie den Rathausplatz erreicht haben, atmen sie wieder aus und gehen ihres Weges.

Eines Tages muss die Mutter zur Nachtschicht ins Krankenhaus und da sie ihre Kinder nicht alleine lassen möchte, sucht sie per Zettel im Supermarkt eine Nachtfrau. Merle und Moritz sind sauer und hoffen, dass sich niemand auf die Anzeige melden wird- in ihren Augen ist eine Nachtfrau überflüssig, denn sie sind schon elf und acht Jahre alt, zu groß also für einen Babysitter. Moritz findest sowieso, dass ein Hund die bessere Lösung wäre- am liebsten hätte er einen Hütehund, der kann doch gut auf sie aufpassen! Doch es gibt keinen Hund und dafür ein großes Unglück, denn eines Abends steht als Nachtfrau niemand anderes als Gesine Wolkenstein vor der Tür! Gesine Wolkenstein, deren Augen die Farbe wechseln können und bewirken, dass Merle eine Gänsehaut bekommt.

Natürlich verhallen die Proteste der Kinder und die Schokolade, die Frau Wolkenstein ihnen mitbringt, ist die beste Schokolade, die sie je gegessen haben. Moritz ist durch die Schokolade und den leckeren Kakao, den es abends von Frau Wolkenstein gibt, besänftigt, aber Merle bleibt mißtrauisch.
Als es Schlafenszeit ist und beide Kinder im Bett liegen, überkommt sie sofort eine bleiernde Müdigkeit und sie schlafen schnell ein.
Merle wird bald wieder wach und sieht eine Tür in ihrem Zimmer, die vorher noch nicht dagewesen ist. Auf der Tür steht „Murkelei“ und hinter der Tür beginnt ein langer Gang mit einem moosgrünem wolkenweichen Teppich und flackernden Kerzen an den Wänden… und so beginnt eine nächtliche Abenteuerreise in ein Land der Fantasie… Jutta Richter schreibt in einer zauberhaften Sprache (ergänzt durch die wunderbaren Zeichnungen von Günter Mattei) „… für alle Kinder, die wissen wollen, wie die Welt hinter der Welt aussieht. Für die Angsthasen und die Löwenherzen. Für die Schmetterlingsschützer und die Glücksbringer. Für die Kopfschüttler und die Neinsager …”

Ausgedacht hat sie sich diese Geschichte für ihre Enkelin Lili. Inspiriert wurde sie durch das Buch „Geschichten aus der Murkelei“ von Hans Fallada, aus dem ihr Vater ihr jeden Sonntag eine Geschichte vorgelesen hat, als sie selber noch ein kleines Mädchen war.
(av)


geb., Hanser Verlag 2018,
140 S., 13,00 €
ISBN 978-3-446-26052-8

ab 10 Jahren


Annabelle und die unglaubliche Reise nach Unter-London

Karin Foxlee

Die zwölfjährige Annabelle lebt mit ihrer Mutter glücklich und zufrieden in London. Es ist die Zeit um 1860 und sie möchte nichts weiter, als mit smaragdgrünen Schlittschuhen über die gefrorene Themse zu gleiten oder aus zierlichen Tässchen Tee zu trinken. Manchmal allerdings, wenn sie in Regenpfützen schaut, sieht sie dort Dinge, die sie nicht sehen soll und ihre Mutter verbietet ihr dieses „Sehen“ vehement. Doch Annabelle kann es nicht lassen, auch wenn sie manchmal vom Pfützenschauen ohnmächtig wird. Sie findet es spannend, macht sich aber keine besonders großen Gedanken über die Bedeutung ihrer Fähigkeiten.
Bis ihre Mutter eines Tages verreisen muß und Annabelle bei den, ihr bis dahin unbekannten, schrulligen Großtanten unterbringt. So einen Laden, wie den, den ihre Großtanten betreiben, hat sie noch nie gesehen! Und Tante Henrietta mag sie gar nicht leiden, denn diese überhäuft sie mit schrecklichen Arbeiten wie Wäschewaschen in einem kalten Holzverschlag mit einer stinkenden lila Seife. Alles macht Annabelle in Tante Henriettas Augen falsch (alle Kleider haben nach dem Waschen einen lila Farbton) und Annabell vermisst ihre Mutter schrecklich und fühlt sich von ihr verlassen. Bald lernt sie in dem Zauberladen der Tanten das wilde Mädchen Kitty kennen, die die Sprache der Pflanzen versteht und von der sie erst einmal durch deren ganz und gar nicht damenhaftem Auftreten verstört wird. Weder Kitty noch Annabelle möchten diejenigen sein, die London vor der alles zerfressenden Maschine von Mr. Angel retten sollen!

Mr. Angel, der irgendwann auf die dunkle Seite gewechselt ist und nun mit der Maschine und den Schattenwesen die weiße Magie vernichten und die Welt ins Unglück stürzen will. Doch ihre schrulligen Großtanten halten sie für das prophezeite zaubermächtige Mädchen und schicken sie kurzerhand auf einem Besen und mit dem kratzbürstigen Straßenmädchen Kitty als Unterstützung in die Unterwelt! Annabelle muss sich ihren tiefsten Ängsten stellen, um noch rechtzeitig den ewigbesten Zauberstab, das einzige Gegenmittel für Mr. Angels schwarze Taten, zu finden und damit das Unheil von der Welt abzuwenden.
Karen Foxlee ist eine wunderbar britische, überaus spannende Geschichte voller Magie - und mit viktorianischen Erziehungstipps für junge Damen aus dem blauen Buch von Miss Finch gewürzt - gelungen!
(av)


geb., Beltz Verlag 2018,
345 S., 14,95 €
ISBN 978-3-407-75428-8

ab 10 Jahre


Hyde

Antje Wagner

Katrina ist unterwegs. Es ist Winter und es schneit, so daß ein Vorankommen zu Fuß sehr mühsam ist. Endlich hält ein Wagen und Katrina lernt Josefine kennen. Josefine, die ein goldenes Kleid trägt und wunderschöne Armreifen hat - also der komplette Gegensatz zu Katrina mit ihrer Zimmermannskluft ist. Was für ein Geheimnis trägt Katrina mit sich herum und mit welchem Ziel ist sie unterwegs? Warum hat sie ein Tuch vor dem Mund und eine Kriegskasse im Gepäck?

Und was hat es mit Hyde auf sich, dem geheimnisvollen Ort, an dem sie aufgewachsen ist? Die goldene Josefine verkörpert das Helle und Katrina das Dunkle und die Begegnung der beiden Frauen könnte doch so etwas wie Schicksal für Katrina bedeuten, je nachdem, wofür sie sich letztendlich entscheidet. Nach einem kurzen Abstecher im Motel „Kartoffelparadies“ landet Katrine auf der Suche nach Arbeit in einem verlassenen Gasthof, der der naheliegenden Gemeinde gehört und für den sie die Verwaltungsstelle annimmt, auch wenn alle ihr abraten, da es dort bereits zu mehreren Todesfällen gekommen ist. Doch Katrina fühlt sich in dem alten zugigen Haus wohl und beginnt nach und nach die alten Möbel und Fußböden zu restaurieren. Als Tischlerin hat sie ein Gespür für Holz und als Mädchen, das in Hyde aufgewachsen ist, auch für die Katzen, die in dem Haus herumstreunen.

Es gibt eine geheimnisvolle verschlossene Dachkammer, die nicht betreten werden darf und unter deren Türritzen eiskalte Luftzüge hervortreten.
Als Katrina eines Abends aus diesem Zimmer Schritte hört, beschließt sie gegen jegliche Vernunft das Geheimnis des Hauses zu lüften …

Brillant und mit großem Gespür für ihre Figuren, lässt Antje Wagner aus dem Alltäglichen das Unheimliche erwachsen, dessen Faszination sich niemand entziehen kann.
(av)


geb., Beltz und Gelberg 2018,
408 S., 17,95 €
ISBN 978-3-407-75435-6

ab 15 Jahre


Fünf Dinge, die dir niemand verrät

Rebecca Westcott

Erin ist zwölf, als ihre Eltern sich trennen und eine Welt für sie zusammenbricht. Zum Glück gibt es noch ihren Dackel Picasso und ihre Liebe zur Kunst, denn von den Eltern fühlt sie sich absolut missverstanden.

Als ihre Mutter zu ihrem neuen Freund zieht und mit ihm und dessen Kindern eine neue Familie gründet, beschließt sie, bei ihrem Vater zu bleiben.
Dieser arbeitet als Gärtner in dem noblen Seniorenheim „Oak Hill“ und ist ein schweigsamer Mensch. Erin und er sprechen wenig miteinander und versuchen irgendwie mit der neuen Situation klarzukommen. Und als Erin wieder einmal sauer auf ihre Eltern ist, klaut sie ihrem Vater die Geldbörse aus der Tasche und fährt zum Shoppen in die Stadt. Dort erfüllt sie sich ihren großen Traum und kauft das neueste I Pad. Und zur Sicherheit lässt sie gleich noch ihren Namen hinein gravieren, damit eine Rückgabe ausgeschlossen ist.
Als Strafe für diesen Diebstahl bekommt sie Hausarrest und muss in den anstehenden Sommerferien ihren Vater nach Oak Hill begleiten, anstatt mit ihren Freundinnen zusammen die freien Tage zu verbringen. Mit der Natur hat sie nicht soviel am Hut, aber der Park von Oak Hill ist groß und sie entdeckt einen geheimen Ort, an den sie sich zurückziehen, Musik hören und an ihrem Sommer-Kunst-Projekt für die Schule arbeiten kann.

Sie langweilt sich trotz allem sehr, bis sie auf Lucas trifft, der seinen Opa im Seniorenheim besucht. Auch Martha, der widerspenstigen alten Dame in Oak Hill, der sie mittags immer Gesellschaft leisten soll, kommt sie durch die Freundschaft mit Lucas näher. Es beginnt für Erin eine Zeit mit neuen Erlebnissen und Erfahrungen, die mit ihrem dreizehnten Geburtstag endet - der Erkenntnis, daß dies wohl der letzte Sommer ihrer Kindheit war.

Das Buch wird in einzelnen Kapiteln aus Erins und Marthas Sicht beschrieben. Erins Kapitel tragen die Titel von bekannten Kunstwerken, die dann in Fußnoten beschrieben und von ihr interpretiert werden, genau so wie es die Aufgabe ihrer Lehrerin für das Sommer-Kunst-Projekt vorsieht.

Rebecca Westcott ist ein sensibler Roman zum Thema Erwachsen- und Altwerden gelungen, der genug Freiräume für eigene Gedanken läßt und authentisch und witzig geschrieben ist.
(av)


geb., dtv 2018,
239 S., 14,05 €
ISBN 978-3-423-76216-8

ab 11 Jahre


Für alle, die gerne das Buch „Das Schicksal ist ein mieser Verräter” von John Green gelesen haben:

Am Ende sterben wir sowieso

Adam Silvera

Am 05.09.2017 um 00:22 Uhr ruft der Todesbote den 18 jährigen Matteo an, um ihm mitzuteilen, dass er innerhalb der nächsten 24 Stunden sterben wird.
Matteo ist eher der ängstliche Typ, der sich lieber in der Wohnung zwischen seinen Büchern und Videospielen vergräbt, anstatt sich der Wirklichkeit zu stellen.
Am Anfang hofft er noch, dass sich der Anruf als ein Irrtum erweist, aber eigentlich weiß er, dass die Todesboten sich niemals irren… Matteo fragt sich, was soll er mit der Mitteilung anfangen? Soll er die Wohnung verlassen, um noch etwas zu unternehmen? Die Liste der Menschen, die ihn nach seinem Tod vermissen werden, ist kurz: sein Dad und seine beste Freundin Lidia. Und er beginnt zu verstehen, daß er am meisten die verpassten Gelegenheiten und ungenutzten Möglichkeiten in seinem Leben vermissen wird. Er nimmt er seinen ganzen Mut zusammen und logt sich auf der App „Last Friends“ ein. Hier lernt er den 17 jährigen Rufus kennen, der nach dem Tod seiner Eltern bei einer Pflegefamilie lebt und mit zwei anderen Jungs sein Zimmer teilt: gemeinsam sind sie die „Plutos“ und halten zusammen wie Pech und Schwefel. Rufus ist gerade dabei, den neuen Freund seiner Exfreundin zu verprügeln, als der Todesbote bei ihm anruft. Zunächst geht er davon aus, dass der Anruf seinem Widersacher galt. Nach dem ersten Schock möchte er aber unbedingt noch einmal Aimee sehen, die natürlich sauer auf ihn ist, weil er ihren neuen Freund vermöbelt hat.
Gerade als er mit seinen Freunden und seinen Pflegeeltern seine Trauerfeier gestalten möchte, klopft die Polizei bei ihnen an die Tür. Rufus flieht auf seinem Rennrad hinaus in die Nacht, seine Freunde werden in Polizeigewahrsam genommen und so ist er ganz auf sich gestellt und logt sich auf „Last Friends“ ein, um seinen letzten Tag nicht alleine verbringen zu müßen. Matteo und Rufus treffen sich. Die beiden Jungen verstehen sich. Sie unterstützen sich gegenseitig dabei, die ihnen wichtigen Dinge in Angriff zu nehmen, sich zu verabschieden und über sich hinaus zu wachsen.
Adam Silvera teilt sein Buch in kurze Zeitsequenzen ein: wir begleiten beim Lesen noch andere Menschen, totgeweihte und noch nicht dem Tod geweihte und er läßt die Frage im Raum stehen: Ist es überhaupt gut zu wissen, dass man in Kürze sterben wird? Und wie gehen die einzelnen Menschen, denen man im Buch begegnet, damit um? Natürlich ein schweres Thema, aber Adam Silvera macht ein tiefgründiges und warmherziges Buch daraus, das man nur schwer aus der Hand legen kann. (av)


geb., Arctis Verlag 2018,
336 S., 18,00 €
ISBN 978-3-03-880019-4

14-17 Jahre