Große Straße 34, 24937 Flensburg  |  Tel. 0461-2 96 01  |  Fax 0461-1 34 62

 

»

 

 

 

Aktuell

CvO-Tipps

    Romane

    Mord&Totschlag

    Politik

    Kinder&Jugend

Bestellung

Veranstaltungen

Links

Über uns

Impressum/AGB

Die Buch- und Lese-Tipps der CvO-Belegschaft

Als Buchhändlerin oder Buchhändler liest mensch in der Regel mehr als die meisten anderen. Und diese Lektüreerfahrungen geben wir gerne weiter.

 

Nur so sind wir der Frage "ich suche etwas zum Geburtstag, sie wird 30 Jahre alt" gewachsen, aber natürlich auch der Suche nach einer einschlägigen Abhandlung zur Aktualität von Karl Marx.

Ganz ungefragt stellen wir Ihnen hier schon einmal einige ausgewählte Juwelen unserer Lesereisen vor.

 

 


Wählen Sie direkt eine unserer Rubriken:

 

Hintergründiges/
Klaus Modick

Romane und Erzählungen

Mord & Totschlag

Politik

Kinder & Jugend

Rückblicke 2012-2014

 

Hintergründiges

 
 



 

 

 

 

 




Eine Empfehlung:

In einer von vielfältigen Krisen geprägten Welt sei auf ein Buch hingewiesen, welches diese Zerrissenheit unserer westlich orientierten Gesellschaften einfängt wie kein zweites:


Der amerikanische Architekt von Amy Waldman

Die New York Times-Journalistin Amy Waldman hat hiermit ihren ersten Roman vorgelegt – auf hohem literarischen Niveau: Eine Jury ist berufen worden, um nach einem Architektenwettbewerb über den Bau einer Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags vom 11. September einen Entwurf auszuwählen: Die anonyme Ausschreibung für das Ground-Zero-Memorial gewinnt ein muslimischer Architekt. Die Jurymitglieder sind geschockt, es beginnt eine heftige Auseinandersetzung, die die Ansprüche der Toleranz, Freiheit und Gerechtigkeit, wie sie von vielen westlichen Industrienationen gerne hochgehalten werden, auf die Probe stellen. Ist der ausgewählte Garten ein Hort des Trostes oder der Paradiesgarten der Terroristen?
An der erhitzten Debatte, die Waldman sehr genau und spannend einfängt, hat mir besonders gefallen, wie differenziert Waldman die unzähligen Graustufen der Diskussion zwischen Gut und Böse ausmalt. Dieser Einblick in die Reflexe einer beschädigten demokratischen Kultur und einer erschütterten Weltmacht anhand einer Reihe von Einzelschicksalen ist schon fast genial beschrieben.

Für mich das Buch des Jahres. (hn)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek

Schöffling & Co.
geb., 512 S.
978-3-89561-491-0
24,95 €

       
   

 

Der Schriftsteller Klaus Modick

Klaus Modicks Werk kreist auf herausfordernde Weise um die Bedingungen schriftstellerischer Produktion. Offener als andere thematisiert Modick dabei das Spannungsverhältnis zwischen einem qualitativ hohen Anspruch und der Notwendigkeit, von seinem Beruf auch leben zu können. Insbesondere in seiner Literaturbetriebssatire „Bestseller“ (2006) hat Modick dieses Thema zugespitzt.

Modicks Büchern, unter denen sich auch direkt Autobiographisches wie das „Vatertagebuch“ (2005) oder die „Krummen Touren“ (2010) findet, vermeiden dabei Anbiederei an den Kritiker- oder Publikumsgeschmack und stellen vielfach eine kunstvolle Herausforderung dar.
So im „September Song“ an, wo er überwunden geglaubte erotische Verwicklungen eines echten Fünfzigers selbstironisch aufs Korn nimmt. Schon der an Kurt Weill angelehnte Titel dieses mit großer Leichtigkeit geschriebenen Romans signalisiert seine Nähe zur modernen amerikanischen Literatur.
In seinem bisher wohl besten Buch „Die Schatten der Ideen“ (2008), einer mit zeitgeschichtlicher Tiefenschärfe und intimer Landeskenntnis operierenden Mischung aus Politthriller, Campus- und Erotikroman, der die hysterische McCarthy-Ära der Verfolgung und Unterdrückung gesellschaftskritischer Intellektueller, Schriftsteller und Hochschullehrer, aufarbeitet.
Nach Amerika kehrt Modick zurück mit „Sunset“, ein kurzer, überwiegend auf reales Material zurückgreifender und nur zu kleineren Teilen frei verfahrender Lion-Feuchtwanger-Roman, der auf doppelte Weise triftig erscheint: als akademischer Stoff, denn über diesen Autor hat Modick vor gut dreißig Jahren (bei Karl Robert Mandelkow) seine Doktorarbeit geschrieben; und erneut in Hinsicht auf das Verhältnis zwischen Kunst und Kommerzialität.

„Klaus Modick entspricht in seinen Romanen jenen Wünschen an die neue deutsche Literatur, die seit Jahr und Tag die Debatten beherrscht, als das bedeutende Beispiel eines zugleich realitätshaltigen und spielerischen, hintergründigen und unterhaltsamen Erzählens. Seine Romane sind vielschichtig, geprägt von komplexen Motivverarbeitungen und literarischen Anspielungen, aber an der Oberfläche immer süffig und, wie man sagt, gut zu lesen.“ (Hubert Winkels: Deutschlandfunk)
„Intelligent und literarisch beschlagen hat Klaus Modick fest ein Publikum im Blick, das nicht gewillt ist, sich langweilen zu lassen.“ (Walter Hinck: Frankfurter Allgemeine Zeitung) Er schreibt mit „jener spezifischen Leichtigkeit, die in Deutschland einen schweren Stand hat. Sie ist gut komponiert, sie wird suggestiv erzählt; und sie leistet unangestrengt alles, was angestrengtere Literatur auch von sich verlangt. Literatur in Sicht!“

(Jochen Hörisch: Neue Zürcher Zeitung)

 

 

 

Bitte beachten Sie unsere Lesung am 4.12.2013

 

 

 

 

 

 

 

 

Und:

Modick umstritten - einige Beispiele:

 

Klaus Modicks Roman "Der kretische Gast"

KLAUDIA PREVEZANOS © Die Berliner Literaturkritik, 07.01.04

Das ist typisch - auf Buchbesprechungen kann man sich eben nicht verlassen. „Der kretische Gast“ von Klaus Modick will rezensiert werden. Ein Überblick bisheriger Abhandlungen in der Presse zeigt - völlig gegensätzliche Einschätzungen. Während zwei Journalisten mit ihrem Spott über das Epos nicht hinter dem kretischen Berg halten und von Karl-May-artigem Kitsch schreiben, ist ein weiterer Rezensent begeistert. Was also bleibt zutun? Selber lesen.

Zwei Geschichten erzählt der Oldenburger Autor Klaus Modick, die des Literaturstudenten Lukas Hollbach und die des Archäologen Johann Martens: Hamburg, im Winter 1975. Hollbach findet auf einem Flohmarkt zwei alte Fotos, die er kauft. Zum einen faszinieren sie ihn. Zum anderen glaubt er, den Mann auf dem einen Bild schon einmal gesehen zu haben. Er findet heraus, dass sie auf Kreta während des Zweiten Weltkrieges entstanden sind, und macht sich auf den Weg. Auf der griechischen Insel beginnt die Spurensuche, Hollbach lernt das Leben Martens’ kennen.

Zwei Orte, zwei Zeiten

Kreta, im Winter 1943: Martens soll auf der von Deutschen besetzen Insel Kulturgüter registrieren, die nach Nazideutschland gebracht werden sollen. Kulturdiebstahl. Doch die scheinbar gefahrlose Aufgabe wird das Leben des Mannes für immer verändern. Auf Kreta begegnet Martens auch Friedrich Hollbach, dem Vater des zweiten Protagonisten des Romans. Er ist Wehrmachtsoffizier in Griechenland und an Gräueltaten der Soldaten gegen die Bevölkerung beteiligt. Die Verknüpfungen der Schicksale von Martens 1943 und von Hollbach 30 Jahre später werden von nun an immer enger. Und natürlich kommt die Liebe ins Spiel.

Achtung, Kitsch-Alarm! Dass Hollbach die schicksalhaften Fotos zufällig auf irgendeinem Flohmarkt findet, erscheint manchem als zu konstruierter Einstieg. Dass sich der junge Hollbach auf Kreta dann ausgerechnet in Sophia verliebt, die Tochter der großen Liebe Martens’, mag auch zuviel des Guten sein. Es ist Modick außerdem anzumerken, wie sehr er selbst die griechische Insel liebt und sich davon mitreißen läßt. So sehr, dass er mitunter die Namen seiner Hauptfiguren verwechselt.

Die Anleihen bei Homer und dem klassischen Aufbau des griechischen Dramas - Krise, Steigerung zum Klimax, Höhepunkt der Verwicklungen, Katharsis und Läuterung der Seele - können darüber nicht ganz hinweg trösten. Zudem drängt sich der Vergleich mit dem Roman „Corellis Mandoline“ von Louis de Bernières auf. Darin gerät der italienische Besatzungsoffizier Corelli auf der griechischen Insel Kephallonia in ähnliche Nöte wie Modicks Held Martens. Doch bei allem Wohlwollen schneidet „Der kretische Gast“ dabei schlechter ab. Wie gesagt: Kitsch-Alarm. Der Vorwurf an Autor Modick kommt auch deshalb auf, weil seine bisherigen Romane davon weitgehend frei waren und - trotzdem oder gerade darum - intelligente Unterhaltung boten. Manch einem mag es nun zu schmalzig sein.

Helden, Pathos, Schmalz

Aber, ach, die Kitsch-Klippe umschifft Modick zwar nicht immer. Aber er hat trotzdem ein gutes Buch abgeliefert, das mehr als einige gute Seiten hat. Der Karl-May-Vergleich ist nicht ganz unpassend, weil „Der kretische Gast“ auch ein Abenteuerroman ist. Darin werden - darin sollen sogar - Heldentaten begangen werden. Er ist auch ein Reise- und Entwicklungsroman. Gleich zwei Menschen machen sich auf den Weg und sind am Ende nicht mehr die Gleichen. Sie müssen sich entscheiden, auf wessen Seite sie stehen. Martens gerät zwischen die Fronten der griechischen Partisanen und der deutschen Besatzungssoldaten. Hollbach muss erkennen, dass sein Vater nicht der Mann ist, für den er ihn gehalten hat. Und dass er doch sein Vater bleibt. Etwas Pathos (vom griechischen Wort „Leiden“) gehört dann auch dazu.

An die üppige Erzählung mit den großen Themen Liebe, Leidenschaft, Gewissen, Schuld und Sühne hat sich Modick im Großen und Ganzen mit Erfolg herangewagt. Dass er ab und an auf der Schmalzspur ausgleitet, sei ihm verziehen. Ist ja auch Geschmackssache. Was also bleibt zu empfehlen? Selber lesen.

 

Klaudia Prevezanos ist Journalistin und lebt in Köln

http://www.berlinerliteraturkritik.de

 

 

 

 

 

 

Modick, Kaus

"Der kretische Gast"

Eichborn

Frankfurt 2003

457 S., € 24,90

   

Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2003

Friedmar Apel kann diesem Roman, der während der deutschen Besatzungszeit auf Kreta spielt, wo sich ein mit Beutekunst befasster deutscher Archäologe in eine Griechin verliebt, nicht viel abgewinnen. Eigentlich schätzt er den Autor als "versierten Produzenten intelligenter Unterhaltungsliteratur", betont Apel. In diesem Buch allerdings sei Klaus Modick von seiner allenthalben spürbaren Liebe zu Griechenland davongetragen worden und ergehe sich allzu schwelgerisch der Beschwörung der Schönheit der Insel, bedauert der Rezensent. Auch die Schilderung insbesondere der griechischen Protagonisten überzeugt ihn nicht recht, denn sie wirken auf ihn zu "pittoresk" um Anspruch auf Echtheit behaupten zu können. Die Dialoge schließlich moniert er als ziemlich "hölzern". Zu Apels Enttäuschung geht das Romangeschehen in "Kitsch und Klischee" unter, wobei sich der Autor, wie er kritisiert, durch seine Griechenland-Begeisterung zu allzu "emphatischen Stilmitteln" hinreißen lässt. Zur Kunst des Erzählens gehört eben auch das "Weglassen", mahnt Apel weise und er bedauert, dass der Autor dies in diesem Roman nicht beachtet hat.

Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.09.2003

Begeistert ist Jochen Hörisch von Klaus Modicks neuem Roman. Begeistert von der Leichtigkeit, mit welcher der Autor Zeitgeschichte, Philosophisches und Philologisches transportiert und vermittelt. Modick werde regelrecht von Erzähllust "vorangetrieben", schreibt Hörisch wohlmeinend, wie man sie sonst nur aus lateinamerikanischer Prosa kenne. Dabei scheue er auch nicht vor kolportagehaften Elementen, genau kalkulierten Sentimentalitäten und massenhaft literarischen Anspielungen zurück. Da werden spätere Doktoranden viel Dechiffrierarbeit leisten müssen, unkt Hörisch und nennt schon mal für diesen auf Kreta spielenden Roman Platons Gastmahl, Arkadien-Mythos und Orpheus-Klänge, Virilios Medientheorie und "psychoanalytische Quellen thalassaler Regressionslust" als mögliche Ansatzpunkte. Daneben sei "Der kretische Gast" auch ein gelungener Liebesroman, meint Hörisch, gegen den er überhaupt nichts einzuwenden finde, außer dass er fast zu perfekt erscheine.

 

 
   

Einfach Erzählen:

Klaus Modick und der kretische Gast – Hajo Steinert

Anders als Ulla Hahn, deren Roman eher mit erhobenem Zeigefinger geschrieben ist, gelingt Modick ein Balanceakt zwischen historischer Recherche und Abenteuerroman, Liebesromanze und Hommage an eine Insel, die sich vor allem in den siebziger Jahren großer Beliebtheit unter Rucksacktouristen erfreute. Die Erzählebenenen bei Modick changieren Kapitel für Kapitel zwischen den vierziger und siebziger Jahren. Aber welcher Möchtegernhippie wusste schon, dass dieses "Paradies" Kreta 1941 von den Nazis besetzt wurde? Dass die Nazis im Zuge ihrer Tyrannei Dörfer verbrannten und tausende Kreter, darunter vor allem Partisanen, hinrichteten? Und wer von uns hatte eine Ahnung davon, dass sich nach der deutschen Kapitulation englische Siegertruppen besiegte deutsche Einheiten zur Hilfe holten, um die kretische Unabhängigkeitsbewegung "Andartiko", die im Krieg noch Seit an Seit mit den Engländern stand, zu zerschlagen? - Das sind Fragen, die Klaus Modick bewegten. Er stöberte in zahlreichen historischen Quellen. Stimmig und unspektakulär arbeitete er sie in sein Buch ein.
Die Romanhandlung. Auf der Basis der historischen Fakten läßt Modick 1943 einen fiktiven Archäologen die Insel betreten, um reinrassige Kunstgegenstände für Hitlers geplantes germanisches Museum zu sammeln. Ein Dr. Martens gerät immer mehr in den Bann der Schönheit und Vitalität der Insel, verliebt sich in eine Kreterin, hier beginnt und endet die Romantik. Als Martens Zeuge eines blutigen Massakers seiner Landsleute wird, die Partisanen vor weiteren Aktionen der deutschen Besatzer warnt und dabei auffliegt, wird er wegen Sabotage verhaftet. Die Schilderung des inneren Konflikts zwischen deutschem Gehorsam und mediterraner Lebenslust gehört zu den stärksten Seiten des Romans. Schwächer kommen jene Siebziger-Jahre-Seiten daher, in denen Modick sämtliche Klischees abruft, die man mit der Generation verbindet: außer Pop und Kiffen nichts gewesen.

Dennoch bietet Klaus Modick ein aufregendes Leserlebnis. Nicht nur, weil er ein weitgehend unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte spannend für alle Lesergenerationen aufgearbeitet hat, sondern weil hier einer - selten genug in der deutschen Literatur - ohne großes Federlesen erzählt, einfach erzählt. Modick setzt das deutsche Schimpfwort "Schmöker" außer Kraft.

http://www.dradio.de

 

 
   

 

nach oben

 

 
 

 

 

Romane und Erzählungen

 
 

 

 

 

 

Autorenkollektiv Wu Ming

Blissett, Luther: "Q"

Unser Beitrag zu 500 Jahren Reformation: Die Neuauflage des theologischen Thrillers, der international für Furore sorgte. Ein gewaltiges Epos der Reformationszeit, eine aufwühlende Geschichte von Rebellion und Verfolgung, Utopie und Verblendung.

Der Roman erzählt die Geschichte der Reformation aus der Sicht eines unter wechselnden Namen auftretenden radikalen Reformators, der sich in den theologischen Debatten in Wittenberg radikalisiert, in Opposition zu Luther tritt und an der Seite Thomas Müntzers in den Bauernkrieg zieht. Er erlebt die vernichtende Niederlage gegen das Fürstenheer in Frankenhausen, irrt anschließend quer durch Mitteleuropa, immer bereit, den Fehdehandschuh wieder aufzunehmen und für das radikale Gleichheitsversprechen des reformierten Glaubens zu kämpfen. Sein Widersacher ist der geheimnisvolle »Q«, ein Spion der Inquisition, der Briefe an Gian Pietro Carafa, den späteren Papst Paul IV., schreibt und immer bestrebt ist, den Funken der Revolte auszutreten und Macht und Lehre der katholischen Kirche gegen die Unterwanderung durch die freiheitsbewussten Abweichler zu behaupten.

Eine dramatische Zuspitzung erfährt diese Auseinandersetzung mit der Wiedertäuferkommune in Münster, die – zunächst siegreich – an der äußeren Belagerung und ihren inneren Zuspitzungen zugrunde geht. Wieder ist der Protagonist des Romans zur Flucht gezwungen, doch ein Coup gegen das Bankhaus der Fugger bringt ihm mittels gefälschter Wechsel unerwarteten Reichtum. Die Reise geht weiter und führt ihn nach Italien, wo es zum endgültigen Showdown mit seinem Widersacher im Kampf um die Nachfolge des Papstes kommt.

40 Jahre Geschichte, die den Weltenlauf entscheidend veränderten haben, werden in fesselnder Weise zum Leben erweckt. Zugleich lässt sich der Roman als eine Art Wiederspiegelung der Geschichte der Linken lesen, mit ihren Kämpfen und Niederlagen, ihrem utopischen Überschuss und ihren oftmals egoistischen Verirrungen.

 

 

 

Roman,

aus dem Italienischen von Ulrich Hartmann

704 Seiten - Paperback - 19,80 €

Verlag Assoziation A

ISBN 978-3-86241-450-5

 

 

 

 

 

 

 

Autorenkollektiv Wu Ming

Wu Ming – "Altai"

Das fünfköpfige, mittlerweile von Luther Blissett in Wu Ming umbenannte, aus Bologna stammende Schreibkollektiv hat mit Altai einen Roman veröffentlicht, der inhaltlich und personell an das Debüt Q anschließt und dem Erfolgstitel an Spannung und erzählerischer Raffinesse in nichts nachsteht.

Wieder geht es darum, Geschichte anders zu erzählen und einen Blick auf geschichtliche Abläufe zu eröffnen, die in den Ereignislinien der herkömmlichen Geschichtsschreibung häufig übersehen wird. Hintergrund des in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts angesiedelten Romans sind die imperialen Ansprüche der Republik Venedig und ihre militärischen Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich, die 1571 in der sagenhaften Seeschlacht von Lepanto gipfelten.

Dieses historische Ereignis wird von der italienischen Rechten und den Neofaschisten gern zur siegreichen Auseinandersetzung des abendländischen Westens mit dem islamischen Osten stilisiert. Angesichts des gespannten Verhältnisses des Westens zur Türkei hat dies derzeit noch einmal zusätzliche Aktualität. Wu Ming bricht diese klassisch-ideologische Lesart des Ost-West-Gegensatzes auf. Denn zwischen den großen historischen Blockfronten verbergen sich zahlreiche soziale, kulturelle und politische Nischen.

In Altai sind es die aus Venedig vertriebenen Juden, die in Istanbul – das im 16. Jahrhundert gegenüber allen Religionen weitaus freizügiger war als das christliche Abendland – eine neue Heimat gefunden haben. Nun versuchen sie, die historische Auseinandersetzung zu nutzen und mithilfe des militärischen Griffs des Osmanischen Reichs auf Zypern einen neuen Zufluchtsort im Mittelmeer für Juden und alle anderen Vertriebenen zu schaffen. Im Zentrum des Romans steht der schon in Q (unter dem Namen João Miquez) auftretende jüdische Bankier, Politiker und Intellektuelle Joseph Nasi, der wirklich existierte und nach seiner Vertreibung aus Venedig am Hof des osmanischen Sultans versuchte, für die jüdischen Gemeinden des Mittelmeers eine territoriale Heimat zu erkämpfen.

Neben höfischen Intrigen, Entführungen, der Belagerung von Städten und imperialer Machtpolitik bietet der ungemein dicht und rasant erzählte Roman faszinierende Beschreibungen der bunten und gigantischen Metropole Istanbul. Aber auch der Dogenpalast, die Kanäle und die Folterkeller Venedigs kommen vor, an einigen Stellen werden Gewalt, Repression und Krieg im frühneuzeitlichen Mittelmeerraum realistisch in Szene setzt. Das alles wird, wie bei Wu Ming üblich, in pointierten, kurzen Kapiteln in einem sich fortlaufend aufbauenden, faszinierenden Spannungsbogen erzählt.

 

Anmerkung: Im Frühjahr 2017 wird der Roman "54" wieder lieferbar sein – als kartonierte Ausgabe.

 

 

 

Roman, aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold

2016, 352 S., geb., 24 €

Verlag Assoziation A

ISBN 978-3-86241-452-9

 

 


 


Silke Scheuermann: Wovon wir lebten

Viel gelobt wurde die Autorin Silke Scheuermann für ihre Gedichtbände und und ihre Romane, vor allem für die Beziehungs-Novelle Die Stunde zwischen Hund und Wolf – jetzt kommt sie mit einem umfänglichen Entwicklungsroman

Im Mittelpunkt der über 500 Seiten starken Geschichte steht Marten Wolf, der aus einem zerrissenen Elternhaus stammt und sich bereits in jungen Jahren um die alkoholkranke Mutter und die kleine Schwester kümmern muss.
Große Erwartungen an das Leben hat Marten nicht. Er wächst in einem Umfeld auf, das von illegalen Geschäften, Schlägereien und Sex beherrscht wird. Nach einer Lehre und Schichtarbeit in einem hessischen Großbetrieb nehmen Drogen seinen Alltag gefangen. In der Entzugsklinik lernt er Peter kennen, einen ehemaligen Restaurant- und Clubbesitzer. Dieser entdeckt Martens Talent zum Kochen. Als die beiden gemeinsam das Edellokal Happy Rabbit in Frankfurt eröffnen, kommt es zu einem Wiedersehen mit Martens Jugendliebe Stella, die ihre Bilder in der Galerie des Restaurants ausstellen soll. Von einer reichen Tante großgezogen, scheint sie ihm unerreichbar. Jetzt aber drehen sich die Vorzeichen um: Während Stella um Anerkennung für ihre Kunst kämpfen muss, avanciert Marten zum angesagten Fernsehkoch – bis das kriminelle Milieu ihn wieder einzuholen droht.

Beinhart lässt Silke Scheuermann ihren Protagonisten diese Tour de Force durchlaufen und durchleiden: Ohne Schnörkel und Beschönigungen, in einer authentischen und direkten Sprache nimmt der Leser teil an Martens Leben – sowohl mit seinen tragischen Wendungen als auch mit den glücklichen Fügungen. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – im Roman zeigt uns die Autorin, welche Wahrheit in dieser Redewendung steckt, aber auch, welche ungeheure Kraftanstrengung nötig ist, um sein Glück zu machen. Auffällig ist die Genauigkeit und Einfühlsamkeit der Autorin in ihren männlichen Helden, der über weite Strecken nicht gerade ein Sympathieträger ist.
Dass Scheuermann als weibliche Autorin einen proletarischen Hauptdarsteller nachzeichnet und ihm zwei sehr unterschiedliche Frauenfiguren gegenüberstellt, ergibt einen reizvollen Spannungsbogen, den die Autorin mühelos und gekonnt ausmalt.

„Wovon wir lebten“ ist ein Roman, der sehr zu loben ist - ein Lesevergnügen!


 

 

Roman

528 Seiten, 24 €

Verlag Schöffling & Co.

ISBN 978-3-895-61378-4

 

 

 

 

 

Lars Mytting: Die Birken wissen's noch

Eine verschlungene Familiengeschichte: Die Spuren führen in die Kriegszeiten des 20. Jahrhunderts und zu den Spätfolgen des "Großen Kriegs" in Frankreich zurück. Ein Junge namens Edvard wächst von seinem dritten Lebensjahr an beim Großvater auf dessen Bergbauernhof im Gudbrandstal auf. Seine Eltern sind bei einem mysteriösen Unfall in Frankreich ums Leben gekommen. Zu den alten Schlachtfeldern der Weltkriege waren merkwürdigerweise Edvards Eltern gefahren, in einen Wald, wo ein Teil der Schlacht an der Somme getobt hatte. In diesem Wald standen ungewöhnlich wertvolle Walnussbäume, die der Familie von Edvards Mutter gehörten. Offenbar wollten seine Eltern das Erbe klären. Der damals dreijährige Edvard wird erst als Erwachsener erfahren, dass sie in eine der Phosphor-Granaten gerieten, deren Ummantelung im Laufe der Jahre von Rost zerfressen worden war.
Der norwegische Großvater war damals nach Frankreich gekommen, um ihn nach Hause zu holen. Er lehrt seinen Enkel alles, was ein Bauer wissen muss, aber er sagt ihm nichts über den Tod der Eltern und das fragliche Erbe. Als er stirbt, sieht Edvard sich gezwungen, endlich herauszufinden, was damals geschah, als seine Eltern im Teich an jenem Wäldchen starben und er für ein paar Tage verschwunden war.
Zwar ist da Hanne, eine schöne, selbstbewusste junge Frau, die ihn heiraten und eine Familie mit ihm gründen will. Aber Edvard reist der Spur eines Großonkels nach, der mit seinem Bruder zerstritten war und sich auf eine einsame Shetland-Insel zurückgezogen hatte. Einar, der Bruder seines Großvaters, war ein begnadeter Tischler und die schönsten Passagen des Buches beschreiben dessen Handwerk.

Bei der Spurensuche auf der britischen Insel begegnet Edvard einer Frau namens Gwen, in die er sich verliebt und die ebenfalls einen Großvater mit Geheimnissen hat. Manchmal wird einer durch ein fatales Versehen zum Mörder und hat sein Leben lang an der Schuld zu tragen. Auch das könnte die Lösung sein. Gwen und Edvard tun sich zusammen; heimlich suchen beide aber auch getrennt nach der Lösung der Familienrätsel. Zum Schluss fügt sich alles wie ein solide gebauter, kostbarer Familientisch, an dem Generationen gesessen und Spuren hinterlassen haben.
Ein ruhig fließender Roman mit einer komplexen Handlung, die von einer wachsenden intensiven, inneren Spannung vorangetrieben wird.
Ein absolut herausragendes Buch.

 

 

Roman, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel

516 Seiten, 24,95 €

Verlag Suhrkamp / Insel

ISBN 978-3-458-17673-2

 

 

 

 

 

Marina Caba Rall: Esperanza

 

Alle Wurzeln gekappt, kein Blick zurück, das geht so lange gut, bis eines Tages ein fremder Mann vor der Tür steht und Esperanza aus vertrauten Augen ansieht. Vor Jahrzehnten hatte sie Spanien verlassen, als Gastarbeiterin in Deutschland eine neue Heimat gefunden und eine Familie gegründet. Beinahe vergessen sind die Sprache ihrer Kindheit, die Gerüche und Farben der Landschaft, die Armut, alle Erinnerungen, aller Schmerz.

Ein raffiniert gebauter Familienroman über die Abgründe der spanischen Geschichte und den Umgang mit den blinden Flecken der eigenen Biographie. (Klappentext)

Es ist die erschütternde Geschichte einer Frau, die nach Berlin ausgewandert ist. Sie ist heute glücklich mit einem Deutschen verheiratet und Mutter von zwei fast erwachsenen Kindern. Sie hat aber zudem ein Leben und einen Sohn in ihrem Dorf in der Nähe von Caceres hinter sich gelassen - für sie eine fast vollständig verschwiegene und verdrängte, traumatische Vergangenheit.

„Unsere Erinnerungen bleiben bestehen […] wie eingerahmte Bilder, aber das Leben, das bleibt nicht stehen“, heisst es an einer Stelle. Denn jetzt steht dieser Sohn, Juan, vor ihrer Tür. Karla, ihre Tochter, ist zutiefst schockiert und will das Schweigen der Mutter nicht mehr hinnehmen. Jahrzehnte nach ihrem Weggang von Caceres, kehrt Esperanza nun mit ihrer Tochter an den Ort mit den drei Eichen zurück, wo der Körper ihres gegen die Franco-Diktatur kämpfenden Onkels verscharrt wurde.

Esperanza, ihre Tochter Karla und Juan, der verlassene Sohn, erzählen abwechselnd. Sie springen von der Vergangenheit in die Gegenwart und zurück. Wir erleben Esperanzas Kindheit, ihr Leben unter Franco und ihren Jugendfreund Alfonso - all das, worüber Esperanza in Berlin nie gesprochen hatte. Und wir erfahren die Gründe, warum sie diese Vergangenheit so hartnäckig vergessen wollte ...

Marina Caba Rall lässt den Roman in Berlin und Caceres, dem Geburtsort des Großvaters der Autorin, einem vom Franco-Regime verfolgten Republikaner, spielen. Man merkt dem Buch die Prägung von Marina Caba Rall als Drehbuchautorin und Regisseurin von Dokumentar- und Spielfilmen an, aufgebaut im szenischen Wechsel der drei Hauptpersonen Esperanza, Karla und Joan. Marina Caba Rall schreibt atmosphärisch dicht und bildhaft, verbunden mit eindrücklichen historischen Rückblenden in die Zeit der Franco-Diktatur nach dem Spanischen Bürgerkrieg.

Ein Buch für alle, die gute Geschichten mit einem realen historischen Hintergrund lieben.

 

 

224 Seiten, geb., Verlag Klaus Wagenbach (2016), 17,99 €

ISBN 978-3803132758

 

 


Renata Viganò – Agnese geht in den Tod

Dieser Roman ist eine echte Wiederentdeckung – in Italien berühmt, auf Deutsch bisher nur 1951 in der DDR erschienen, ein bewegender Roman über den Zweiten Weltkrieg, ein Blick in den italienischen Untergrund beim Kampf gegen die nationalsozialistische Besatzung – ein spannender, in seinem Ernst und seiner Gradlinigkeit ergreifender Roman über die Entwicklung einer einfachen Frau zur selbstbewussten Partisanin!

Wer noch unsere Lesung mit Robert Cohen über das "Exil der frechen Frauen" erinnert (siehe hier), ist bereits bestens im Thema!

Italien wird nach dem Tode Mussolinis von den Nationalsozialisten besetzt. Als die alternde Wäscherin Agnese einen einheimi-
schen Soldaten bei sich aufnimmt, verraten die Nachbarn sie an die Besatzer. Ihr Mann wird abgeholt und stirbt auf dem Weg ins KZ. Agnese schliesst sich dem Widerstand an und übermittelt Nachrichten, transportiert Lebensmittel und Sprengstoff als Botin auf dem Fahrrad . In einem Racheakt erschlägt Agnese einen Deutschen. Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf: Agnese muss fliehen und geht in den Untergrund. Der Winter 1945 bringt schließlich die Katastrophe: Die Partisanen sind vom Eis eingeschlossen, und Agnese gerät in eine deutsche Kontrolle ...
»La Responsabile« wird die fürsorgliche Wäscherin genannt: Agnese, die bislang in der Verantwortung für ihren kränkelnden Mann gelebt hat, übernimmt wie selbstverständlich Verantwortung bei den Partisanen der Resistenza und entwickelt eine ungeahnte Stärke ...

Die Italienerin Renata Viganò (1900 − 1976) schrieb Erzählungen und Romane. »Agnese geht in den Tod« ist ihr berühmtestes Werk. Ihr Haus in Bologna war ein bekannter Treffpunkt für Schriftsteller, Philosophen, ehemalige Partisanen.

Dieses Buch wurde auf einer Lesung in unserer Buchhandlung am 24.11.2014 vorgestellt. Für mich das Buch des Jahres! (hn)

 

 


Roman, Band 23 der

edition fünf
Deutsch von Ina Jun-Broda, neu bearbeitet und mit einem Nachwort von Ulrike Schimming
gebunden, 312 Seiten

€ 21,90

ISBN 978-3-942374-46-0

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meja Mwangi:

 

Rafiki

Rafiki, der sympathische Mann mit der Gitarre lebt in den Tag hinein. Bei jedermann in seinem Ort Nanyuki ist er beliebt, außer bei seiner Frau Sweetthea, die von ihm erwartet, dass er das Geld für das Studium ihrer gemeinsamen Tochter beschafft. Er beschließt, das Elektrogeschäft der indischen Brüder Manu und Manish Patel zu überfallen. Doch deren Kassen sind leer. Die Kunden kaufen zwar ihre Geräte auf Abzahlung, begleichen jedoch ihre Raten nicht. Rafiki sieht Handlungsbedarf. Er wird dieses Geld eintreiben.
Ein leicht skuriler Glücksritter-Roman: Meja Mwangi habe, so schreibt die Rezensentin von Deutschlandradio Kultur indem sie den Roman mit Ngugi wa Thiong'os (dem berühmten Kollegen und ehemaligen Mentor Mwangis) "Herr der Krähen" vergleicht, "mit Rafiki eine (weniger) scharfe, eher amüsante, gelungene Groteske verfasst. In einer direkten, dialogischen Sprache und mal handlungsreichen, mal alltagsphilosophischen Episoden schildert der Roman eine Männerwelt, die sich längst überlebt hat und sich krampfhaft an ihren letzten Besitz klammert: den Stolz". Nicht die Männer, so interpretiert die Rezensentin Meja Mwangis Botschaft, sondern nur die Frauen und die Kinder könnten "wohl" die korrupte kenianische Gesellschaft verändern.

 

Tanz der Kakerlaken

Dies ist der letzte der drei Nairobi-Romane. Schauplatz ist die unweit der River Road gelegene Grogan Road, die heute Kirinyaga Road heißt. Mwangi schreibt turbulent und hart vor dem Hintergrund der glitzernden, rasch wachsenden Metropole Nairobi, wo Wolkenkratzer und Wellblechhütten dicht beieinanderliegen, wo das eigene Glück im Überlebenskampf mitunter nicht länger anhält als ein Glas Bier.
Die Kakerlaken im heimischen Zimmer und ein ausbeuterischer schwarzer Hausbesitzer, verhindern, dass sich der einzelgängerische Dusman Gonzaga wenigstens in den eigenen vier Wänden in dieser heruntergekommenen Mietskaserne, dem Dacca House, ein wenig von seinem tristen Alltag in Nairobi erholen kann. Doch den skrupellosen Eigentümer interessieren die Kakerlaken sowenig wie verstopfte Toiletten oder kaputte Duschen, er kassiert die Bewohner ab, und geniesst, dass niemand aufbegehrt.
Niemand? Dusman hat es satt, ist zu jedem Risiko bereit und rebelliert ...

 

 

 

Meja Mwangi

 

Rafiki - Man Guitar,

Roman

 

Übersetzung:

Thomas Brückner. Wuppertal 2014, Roman.

 

328 Seiten, gebunden,

Peter Hammer Verlag

978 3 7795 0482 5

22,00 €

 

 

 

 

 

 

 

The Cockroach Dance – Tanz der Kakerlaken,

Roman

 

Übersetzung:

Jutta Himmelreich, Wuppertal August 2015

 

284 Seiten, gebunden,

Peter Hammer Verlag

978 3 7795 0528 0

22,00 €

 

Meja Mwangi las für uns am 07. Oktober 2015 im Weinkontor Roberto Gavin in der alten Walzenmühle aus seinem Werk

 

 

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

"Ein ganzes Leben" hat der preisgekrönte österreichische Autor und Schauspieler Robert Seethaler sein neues Buch betitelt und er erzählt darin das ganze Leben des Seilbahnarbeiters Andreas Egger, von dessen Kindheit bei einem Bauern, der ihn widerwillig aufnimmt, seiner Jugend als Hilfsknecht, seiner Arbeit bei der Bergbahn und seiner Liebe zu Marie.

Ein einfach geschriebener Roman, der in seiner ruhigen und philosophisch anmutenden Erzählweise nichts von Alpenkitsch hat, vielmehr ein bewegendes Buch über den Fortgang der Zeit und die Veränderungen, die das Leben bringt. (hn)

Wir empfehlen auch den Erstling des Autors, der nunmehr neu als Taschenbuch aufgelegt worden ist:
Seethaler, Robert: Der Trafikant, Kein + Aber, TB 9.90 €
978-3-03-695909-2

 

 


Hanser-Verlag, gebunden, 17,90 Euro ISBN: 978-3-446-24645-4

 

Grandes, Almudena: Inés und die Freude

Almudena Grandes ist eine der wichtigsten Stimmen der spanischen Gegenwartsliteratur. Seit einigen Jahren arbeitet sich die 54-jährige Autorin in ihren Romanen aus alternierenden Perspektiven an ihrem großen Lebensthema ab: dem spanischen Bürgerkrieg mit all seinen blutigen Facetten. Ihr ebenso ambitioniertes wie gewagtes Projekt ist ein sechsbändiges Opus magnum über dieses dunkle Kapitel der spanischen Geschichte. Zuletzt hatte sie einen neunjährigen Jungen namens Nino ins Zentrum ihres Romans „Der Feind meines Vaters“ (dt. 2013) gerückt. (siehe unsere Empfehlung hier)

Als Roman „über Spaniens Unglück“ hat Grandes ihr neues opulentes Erzählwerk „Inés und Freunde“ bezeichnet. Wir befinden uns im Oktober 1944. Mit der Landung der alliierten Truppen in der Normandie scheint sich ein Ende des Zweiten Weltkriegs und des Faschismus in Europa abzuzeichnen. 4.000 mutige Freiheitskämpfer - Kommunisten, Sozialisten und andere Republikaner - dringen durch die Pyrenäen nach Nordspanien vor und wollen von dort den Kampf gegen das Franco-Regime initiieren. So weit der historische Kontext, in den Almudena Grandes ihre „fiktive Geschichte vor realem Hintergrund“ einbettet.
Im Zentrum steht die aus gutbürgerlicher, dem Franco-Regime zugeneigten Madrider Familie stammende Inés, die sich ausgerechnet in Galán, den Rebellen-Anführer, verliebt. Das führt zu heftigen familiären Turbulenzen. Inés’ Bruder ist ein überzeugter Falangist, dem offensichtlich jedes Mittel recht ist, um seine mutige und selbstbewusste Schwester zur Umkehr zu bewegen. Er holt sie aus dem Gefängnis und sperrt sie zwischenzeitlich in einem Dorfhaus in den Bergen ein. Die politischen Wirren verursachen tiefe Risse, die die Familien und Dorfgemeinschaften vollends entzweien und Geschwister und Nachbarn zu gnadenlosen Feinden werden lassen.
Eines Morgens im Jahre 1944 hört sie im Radio, die Guerillakämpfer seien bis 50 km vor ihre Unterkunft erfolgreich vorgerückt. Es gelingt ihr, mit dem Pferd ihres Bruders zu flüchten und sich den Republikanern anzuschließen. Sie verliebt sich in den Kapitän Galán und erlebt das Scheitern der Guerilla, die in Spanien erstaunlicherweise bis heute in Vergessenheit geraten ist. Bis Francos Tod im Jahre 1975 und der damit verbundenen Transición wird ihr Exil in Frankreich und das gefährliche Leben ihres Mannes im Geheimdienst beschrieben.
Ein spannend zu lesender historischer Roman, der gekonnt Geschichte mit Fiktion vermischt, Abenteuer mit Romantik und Spannung. Stilistisch ansprechend, inhaltlich unterhaltsam und lehrreich. (hn)

 

 


Suhrkamp-Verlag, geb.,
229 Seiten 19.95 €
9783518424520

 

Clement, Jennifer: Gebete für die Vermissten

Elf Jahre hat die US-amerikanische Autorin mit Wohnsitz in Mexiko Interviews mit Mädchen in ihren Verstecken geführt, mit Frauen von Drogendealern, mit deren Kindern und Müttern und auch mit Frauen im Gefängnis: "Mich überrascht immer, wie sehr die Leute ihre Geschichte erzählen wollen. Das ist geradezu ein menschliches Bedürfnis! Während sie mir ihre Geschichten erzählten, habe ich Ausschau nach poetischen Momenten gehalten: nach dem Geschmack der Worte und nach Metaphern. Zum Beispiel hat mir eine Mutter, deren Tochter entführt worden war, erzählt: 'Und ich habe ihr noch gesagt: Geh im Schatten! Halt dich im Schatten!"
Es sind solche Bilder, die Jennifer Clements Roman so stark machen. Denn die Sprache der Autorin ist schlicht und unspektakulär. Doch sie weiß um die Kraft der Bilder, die sie gekonnt und überraschend einsetzt. Die Stelle im Dorf, an der man einzig und allein Handyempfang hat, heißt zum Beispiel Delphi. Als stärkstes Bild bleibt aber das von den Erdlöchern im Gedächtnis haften, in die die Mädchen wie Kaninchen huschen, um sich vor ihren möglichen Entführern zu verstecken.
Ladydi wächst in den mexikanischen Bergen auf, inmitten von Mais- und Mohnfeldern, in einem Dorf ohne Männer, denn die sind auf der Suche nach Arbeit über die Grenze oder längst tot. Es ist eine karge und harte Welt, in der ein Mädchenleben wenig zählt. Eine Welt, in der verzweifelte Mütter ihre Töchter als Jungen verkleiden oder sie in Erdlöchern verstecken, sobald am Horizont die schwarzen Geländewagen der Drogenhändler auftauchen. Aber Ladydi träumt von einer richtigen, "normalen" Zukunft, sie träumt von Freundschaft und Liebe und Wohlstand. Ein Job als Hausmädchen in Acapulco verspricht die Rettung, doch dann verwickelt ihr Cousin sie in einen Drogendeal. Und plötzlich hält sie ein Paket Heroin in den Händen, und ein gnadenloser Überlebenskampf beginnt.
Angesichts der heutigen Auseiandersetzung um die Ermordung von 43 demonstrierenden Studenten, die staatliche mexikanische Behörden offensichtlich zur "Beseitigung" an kooperierende Mafia- oder andere Killerkommandos übergeben haben, hat dieser Roman eine atemberaubende, nahezu dokumentarische Nähe zur gesellschaftlichen Wirklichkeit in Mexico. Ein Buch, das einen lange nicht loslässt. (hn)

 

 


Suhrkamp-Verlag, geb.,
229 Seiten 19.95 €
9783518424520

 

Vor dem Sturm –
Jesmyn Ward

Über dem Mississippi-Delta braut sich ein Orkan zusammen. Esch, ihre drei Brüder und der trunksüchtige Vater leben in ärmlichen Verhältnissen, die Mutter ist bei der Geburt des Jüngsten gestorben. "Schmerz ist da, um ertragen zu werden". Das ist die Lehre, die die 15-jährige Esch aus ihrer geliebten Lektüre der griechischen Mythen zieht. Und sie zieht sie auch aus ihrem eigenen Leben. Denn Esch ist schwanger, arm und schwer unglücklich. Manny, ihr Geliebter, schaut ihr beim Sex nicht in die Augen und küsst sie nicht. Wenn andere dabei sind, ignoriert er Esch und verleugnet sie. Die Liebe zu ihren Brüdern ist das Einzige, was Esch Halt gibt zwischen Autowracks und Hühnerstall. Es ist heiß, es riecht nach Staub, immer wieder fließt Blut. Die physische Abwesenheit der toten Mutter verhindert nicht, dass sie allgegenwärtig in den Gesprächen der Geschwister ist und als Erinnerung an eine glücklichere, wohlhabendere Zeit herhält.
Auch seine historische Dimension gibt dem Roman eine besondere Bedeutung. Denn der bevorstehende Sturm, von dem im Romantitel die Rede ist, nennt sich „Katrina“. 2005 richtete der Hurrikan das gesamte Gebiet um die Golfküste zugrunde.
Auch Autorin Jesmyn Ward hielt sich in jenem September dort auf und ihr Roman schildert, wie die Heimsuchung lange vor dem Hurrikan „Katrina“ kam. Die mangelnde Hilfeleistung für mittellose Katastrophenopfer, bei denen es sich größtenteils um Afroamerikaner handelte, entzündete eine neue Debatte über Rassen- und Klassentrennung in den damals von George W. Bush regierten Vereinigten Staaten.
Jesmyn Ward schafft es, all diese Umstände weitgehend ohne Pathos zu schildern, weil sie die Perspektive und den ganz selbstverständlichen Alltag von Esch nicht verlässt. Bei aller Grobheit und Brutalität in diesem Leben hält die Familie zusammen und versucht, sich für den Jahrhundertsturm zu rüsten.
Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund, ihre Schilderung ist manchmal durchaus erschreckend, ihre Sprache aber fast lyrisch und sie vermag es, dem Desaster eine Hoffnung entgegenzusetzen. (mn / hn)

 


Antje Kunstmann Verlag, geb., 320 S.
978-3-888-97861-6
21,95 €

 

 

 
 


Die andere Seite des Himmels – Jeanette Walls

Liz und Bean Hollady, 15 und 12 Jahre alte Schwestern, leben allein mit ihrer schrägen Mutter in Kalifornien. Die Mutter ist Sängerin, lebt sehr unstet und hält es nie lange an einem Ort aus. Sobald Probleme auftauchen, bricht sie lieber ihre Zelte ab.
Als sie eines Tages für längere Zeit verschwindet und die Mädels ihrem Schicksal überlässt, sehen die beiden keine andere Möglichkeit, der verhassten Fürsorge zu entkommen, als nach Virginia zu reisen - denn dort kommt ihre Mutter her und dort leben noch Verwandte. Wie sie die lange Reise durchstehen, ihren verschrobenen aber liebenswerten Onkel erobern, beim mächtigsten aber unangenehmsten Mann im Ort Arbeit finden - das alles wird sehr lebendig, spannend und gekonnt erzählt.
Vor allem Bean nimmt einen mit ihrem erfrischenden, direkten Auftritt völlig für sich ein, sie nimmt kein Blatt vor den Mund und nennt die Dinge beim Namen und steht für ihre Meinung ein. Das ist notwendig, nicht jeder ist ihnen freundlich gesonnen. Als schliesslich der mächtige Maddox sich Liz gewaltsam nähert, spitzt sich die Auseinandersetzung zu. Zwar können die Mädchen im Prozess gegen den Peiniger nicht gewinnen, aber sie haben mit ihrem Mut und ihrer Unbeugsamkeit etwas losgetreten, was nicht mehr aufzuhalten ist …
Ein lesenswerter Roman, er übertrifft ihre Vorgänger "Schloss aus Glas" und "Ein ungezähmtes Leben" (beide Diana-TB)!
(mn)

 


Hoffmann & Campe,

geb., 363 S.
978-3-455-40465-4
19,99 €

 

 

 
 

Absolution – Patrick Flanery

Dieses Buch ist eine Herausforderung - es steht fast in einer Reihe mit dem genialen "Schande" von J.M. Coetzee, dem zweimaligen Booker Prize-Gewinner und Träger des Nobelpreises für Literatur im Jahre 2003.
Sam Leroux erhält den Auftrag, die prominente Schriftstellerin, Clare Wald, über ihr Leben zu befragen und ihre Biografie zu schreiben. Die durchaus interessierte Dame führt ihn jedoch an der Nase herum, gewährt momentane Einblicke in ihr Leben und Wirken unter der Apartheid, doch einige Fragen scheinen für den jungen Autor tabu zu sein. Die Leserin stösst auf dunkle Geheimnisse und ahnt eine heimliche Verbindung zwischen den beiden. Gleichzeitig lesen wir Szenen aus dem Leben der unbotmässigen Tochter der Grande Dame der Literatur. Ein mitunter an den Nerven zerrendes Verwirrspiel entfaltet sich - wieso schildert die gleiche Person dieselbe Szene mündlich so viel anders als in ihrem schriftlichen Protokoll? Ist die betagte Dichterin vielleicht doch verwirrt? Und wo liegt die Wahrheit? Was ist in den Jahren der Apartheid tatsächlich Wahrheit, was ist Verstrickung, was Schuld, was Widerstand, was Humanität? Und wie gehen wir heute in einem immer noch zerrissenen, offenkundig belagertem Land damit um, wo die Bürgerinnen und Bürger nicht gelernt haben, einander zu vertrauen?

Der junge Autor schafft es die vielen verwirrenden Knoten im Leben der Autorin tatsächlich aufzudröseln - er schafft es, uns die tiefen, unsäglichen Risse, die die Apartheid beschert hat, sichtbar und erfahrbar zu machen - nur ein happy end wird das nicht. Aber es wirkt lange nach …
Ein wenig parteilicher hätte er gerne schreiben können. Ein großer Roman - mit so viel Zündstoff.
Unglaublich. Lesen! (hn)

 


DVA, geb., 486 S.

2013
978-3-421-04554-6
€ 22,99

     
 

Liebe unter Fischen – René Freund

Man ist sofort mitten drin in diesem Buch und auch in Berlin-Mitte, wo Susanne Beckmann ihren kleinen, aber feinen Verlag mit Schwerpunkt Lyrik betreibt. Und entgegen aller Regel hat sie sogar einen erfolgreichen Autor, der mit seinen Gedichten das Wohlergehen des Verlages sichert.
Der dritte Lyrikband ist bereits angekündigt und kann mit 60.000 Vorbestellungen dem Verlag aus seinen roten Zahlen holen, wenn Fred Firneis bloss schreiben würde. Doch dieser lebt ein Dichterleben, wie es im Buche steht, in einer verdreckten Kreuzberger Wohnung und gibt sich dem Selbstmitleid und dem Rotwein hin. Kein Wunder, das seine Verlegerin ihn mit allen Mitteln versucht, wieder zum Schreiben zu bewegen...

Ein Buch voller schrulliger, liebenswerter Charaktere, die einem sofort ans Herz wachsen und ein Lächeln auf die Lippen zaubern. (av)

 


Deuticke Verlag,2013,

geb., 205 S.
978-3-552-06209-2
€ 17,90

   

 

nach oben

 

 
 

 

 

 

Akos Doma – Die allgemeine Tauglichkeit

Schon seit seinem ersten Roman huldigt der Autor dem süßen Nichtstun – Amir, Igor, Ludovik und Ferdinand, so heissen die Helden diesmal, schlagen sich durch, hausen in einem verfallenen Haus am Bahndamm und trinken viel, damit sie besser über den Sinn und den Unsinn der Arbeit philosophieren können. Da steckt ein bißchen Lebensweisheit, viel Humor, aber auch viel bittere Satire drin.
In dieses mit viel Liebe zu den handelnden Personen geschilderten Leben am Rande der Gesellschaft platzt Albert, ein notorischer Optimist und Lebenskünstler. Er will mit den Totalverweigerern aus dem heruntergekommenen Haus am Bahndamm eine Pension aufbauen.
Auch wenn er es schafft, die Verlierer zur Renovierung des Hauses zu ermuntern, so kippt kurz vor Eröffnung des Hauses die Stimmung - ein großer Ausreißversuch in die alte Freiheit droht alles umzukehren, endet zunächst in einem furchtbaren Fiasko.

 

Rotbuch 2011, 272 S.,

18,95 €

 

 

 

 

Ein hoher Preis – Nick McDonell

Nick McDonell war und ist ein literarisches Wunderkind. Als Teenager schrieb der Amerikaner den Roman "12" über die gelangweilten, drogensüchtigen Upper Class Kids von New York – und landete einen Welterfolg. Aus meiner Sicht ein skandal-heischendes, vollkommen abstruses Buch!

In der Folgezeit studierte er an der Elite-Uni Harvard, ging als Reporter und Journalist in den Iran und in den Sudan und brachte ein weiteres Buch heraus.

In diesem neuen Roman "Ein hoher Preis" soll der junge CIA-Agent Teak in Ostafrika Kontakt mit Rebellen aufnehmen, die von den USA unterstützt werden. Nach einem Anschlag gerät seine bislang so klar schwarz-weiß gezeichnete Welt aus den Fugen - Teak weiß nicht mehr, wem er noch trauen kann und wer tatsächlich auf wessen Seite steht.
Ein anderer Ort der Handlung ist eine Eliteuni der USA, wo die Intellektuellengarde von Dozenten und Studenten ebenfalls in die Geschehnisse in Ostafrika eingebunden ist. In dieser studentischen Welt an der amerikanischen Ostküste versucht der junge Somalier David angestrengt  Anerkennung bei den Mitstudenten zu finden. Staunend bemerkt er schliesslich, dass sich die traditionellen honorigen Studentenverbindungen für ihn, den Exoten, interessieren - wer ist hier wessen Spielball?

Der Autor entspinnt einen kunstvollen Reigen zwischen den Extremen Harvard und Somalia, zwischen der akademischen Welt und der rauen Wirklichkeit der internationalen Politik. Das ist spannend, politisch und nicht ohne Humor, auch wenn die Fülle der auftretenden Personen nicht immer leicht zu zu überschauen ist. McDonell kann umso glaubwürdiger von diesen Welten berichten, da er Teil beider beschriebenen Welten war.

Nick McDonnel schreibt in einem kühlen, distanzierten Stil über die Hintergründe weltweiter Machtentscheidungen und führt eindrucksvoll in die Innenwelt amerikanischer Eliteuniversitäten ebenso ein wie in die Verwobenheit politischer Ränkespiele zwischen vermeintlicher Unterstützung, plötzlicher Feindschaft und hintergründiger Machtstrategien.

Spannend und anders in Duktus und Stil als übliche Formen heldenhafter Agententhriller – dieses Buch ist sehr empfehlenswert. Es gehört zu den wenigen, die man zweimal lesen sollte. Beim ersten Mal ist es ein sehr spannender Geheimdienstkrimi. Erst beim zweiten Lesen, wenn das hastige Umblättern wegfällt, rücken die kleinen intellektuellen Feinheiten des Textes in den Vordergrund. Und am Ende guckt man noch einmal ungläubig auf die Biographie im Klappentext und rechnet nach: Ja, der Autor ist tatsächlich erst 26 Jahre alt.


 


Berlin Verlag, 302 S., 2010, gebunden,
ISBN 978-3827009449,
22,00 €

 

 

 

Kristof Magnusson – Das war ich nicht

Ein junger deutscher Banker in Chicago, der nur für seinen Beruf lebt; Übersetzerin von Bestsellerautor LaMarque, unzufrieden mit ihrem Leben; und schliesslich Henry LaMarque selbst, gerade 60 geworden, auf der Flucht vor sich selbst, dem Alter und einer massiven Schreibblockade. Sie alle treffen in Chicago aufeinander und eine rasante Geschichte um Abhängigkeiten, Zufälle, Liebe und Spekulationen nimmt ihren Lauf.
Ein gut zu lesender Roman, mal komisch, mal amüsant und teilweise fesselnd dramatisch - sehr unterhaltsam und mit einer spannenden Pointe endend.
Der Durchbruch für einen jungen Autor, von dem bereits das lesenswerte Taschenbuch "Zuhause" vorliegt! (mn)

 


Verlag Antje Kunstmann, gebunden, 285 S., 2010,

ISBN 978-3888975820

19,90 €

 

 

 

Michaela Murgia – Accabadora

Maria kommt mit 6 Jahren ins Haus der Bonaria Urrai als Pflegetochter oder auch: als "Kind der Seele" - eine wohl in Sardinien durchaus übliche Praxis: Eine kinderreiche Familie überlässt eines ihrer Kinder einem kinderlosen gutbetuchtem Paar, der Kontakt zur Familie bleibt erhalten, das Kind wächst gesichert auf und wird sich aber später um ihre alt-gewordenen Pflegeeltern kümmern.
Maria wächst bei dieser wortkargen Frau auf und kommt nach und nach hinter ihr Geheimnis: Wir tauchen tief ein in eine archaische Welt voller Aberglauben, Klageweibern und das harte, einfache Leben - sogar die Sprache ist sehr eigen.
Maria entwickelt eine eigene Stärke, lässt sich nicht beirren, als sie das geheime Leben ihrer Pflegemutter enthüllt und verlässt sie voller Entsetzen. Sie geht auf das Festland und nach Turin in eine andere Pflegefamilie. Auch hier muss sie lernen sich zu behaupten.
Als ihre ehemalige sardische Pflegemutter einen Schlaganfall erleidet, kehrt sie in ihre alte Heimat zurück.
Michaela Murgia erzählt in einer schnörkelosen poetischen Sprache - sehr eindringlich, sehr gute Unterhaltung! (mn)

 


Wagenbach, 173 S., gebunde3803132260, 17,90 €n, März 2010,
ISBN 978-

   

 

nach oben

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Spanien, gelesen …

 

Grandes, Almudena – Das gefrorene Herz

Almudena Grandes ist eine vielfach ausgezeichnete spanische Autorin – hier legt sie ihr "Opus Magnum" vor: Über drei Generationen spannt sie den Bogen der so unterschiedlichen Familien, die heute durch die Liebe von Alvaro und Raquel gezwungen werden, sich mit den Hypotheken der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Auf der Beerdigung seines Vaters entdeckt Alvaro eine ganz am Rande stehende Besucherin, Raquel ist es, die sein Leben und das seiner großen Familie vollkommen verändern wird. Schliesslich hat sein Vater seine machtvolle Stellung dem Verrat und Betrug an Raquels Vorfahren zu verdanken. Ein fürwahr turbulentes leidenschaftliches Werk über die bis heute tief gespaltene spanische Gesellschaft der Nach-Franco-Zeit, in der es noch viele weisse Flecken gibt, erzählt in vielen verschachtelten Episoden, Rückblenden, aber schliesslich zu einem grossen Roman "durchkomponiert".
Ein spannender Liebesroman, ein vielschichtiges Gesellschaftsportrait und ein bewegender Historienroman – all das findet sich in diesen 960 Seiten.

Wer von all dem noch nicht genug kriegen kann oder – umgekehrt – wer die Autorin erst einmal im etwas "risikoloseren" Taschenbuch kennenlernen möchte, dem sei das frühere Hauptwerk von Almudena Grandes ans Herz gelegt "Die wechselnden Winde".
Hier wird der historische Hintergrund, der Spanische Bürgerkrieg, nur ganz am Rande gestreift, im Vordergrund stehen die Schicksale von Sara Gomez und Juan Olmedo, die kunstvoll miteinander verflochten erzählt werden. Beide haben unterschiedliche Lasten zu schultern, sie aus ärmlichen Verhältnissen mit einer betrogenen Kindheit, er aus wohlhabenen Haus mit belastenden Familienkonflikten. Wie die tükischen wechselnden Winde des südlichen Spaniens um die Bucht von Cadiz so entfaltet sich die Geschichte, mal gezeichnte von Leidenschaft und Hass, mal geprägt von Liebe und Zutrauen.

 

 

 


Rowohlt, Leinen, 960 S., 2009,
ISBN 978-3498025144, 24,90 €

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


rororo, TB, 640 S., 2004,
ISBN 978-3499234200, 11,00 €

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vieles im Werk von Almudena Grandes erinnert an die eigenwilligen Romane von Raffael Chirbes – beide verwenden gekonnt die Technik einer verschränkten, verflochtenen Erzählweise, bei Chribes etwas gewöhnungsbedürftig nahezu ohne Punkt und Komma, kaum Absätze. Beide haben die historische und gesellschaftliche Wirklichkeit Spaniens im Fokus, die vielfach mit Deutschland vergleichbare, langjährig "unbewältigte", verdrängte Vergangenheit. Almudena Grandes schreibt vielleicht eine Idee unterhaltsamer.

 

Chirbes, Rafael – Krematorium

Ein grandioses Gesellschaftspanorama: die Familie als Ort des Besitzdenkens, die Zerstörung der Umwelt, Bauspekulation, schmutzige Geschäfte, Korruption, Drogen. Sexualität als Ware und gleichzeitig letzter Halt gegen die Auflösung jeglicher Verbindungen. Rafael Chirbes erzählt in »Krematorium« von einer aus den Fugen geratenen, von den Göttern verlassenen Welt, in der keine Gewissheit mehr gilt, in der Werte, Wörter und Utopien leere Hülsen sind. Und doch ist dieser Roman ein Rettungsversuch: Aus der Erzählung der Widersprüche einer Gesellschaft, die sich ganz dem Konsum und dem Mammon verschrieben hat, wird schmerzhaft deutlich, was wir verloren haben.

»›Krematorium‹ ist einer der besten spanischen Romane der letzten zehn Jahre. Eine brillante Analyse des wilden Kapitalismus unserer

Zeit.« La Vanguardia
»Rafael Chirbes vertraut der sozialen Funktion von Literatur, ihrer Fähigkeit zur Verständigung. Solange er schreibt, ist die Welt nicht verloren.« Erich Hackl.

 

Alle Bücher sind ursprünglich im Kunstmann-Verlag, München erschienen. Mittlerweile sind sie auch als Taschenbücher bei Fischer und Diana erhältlich.

 

 

Die sehr empfehlenswerten Bücher von Raffael Chirbes sind:

 

Die schöne Schrift
Die Ode an die Mutter, ein sehr schönes Buch!
----------------
Der lange Marsch
Die Zeit nach dem Bürgerkrieg bis in Jahre der 60-er Jugendrevolte, eingefangen über eine Vielzahl von Einzelschicksale, sehr anschaulich.
----------------
Der Fall von Madrid
Ein Tag des Umbruch, ein Tag der Geschichte, der Hoffnungen, der Wünsche – erzählt von vielen so unterschiedlichen Mensch am Todestag des Generalissimus Franco. Ein komplexes Spanienbild am Anfang der 80er Jahre.
----------------
Alte Freunde
Der letzte Teil dieser Triologie - das Porträt einer Generation, die vor dreißig Jahren die Welt verändern wollte und in den Niederungen der Wirklichkeit angekommen ist.

 

 


Antje Kunstmann, Gebunden, 432 S., 2008,
ISBN 978-3888975219, 22,00 €

 

 

 

 

Palomas, Alejandro – So viel Leben

Eine Insel, ein Leuchtturm. Das Meer, das Haus auf Menorca – voller Geheimnisse. Fünf, sechs Frauen, ein Mann und viele Offenbarungen, erzählt von den Beteiligten selbst:
Sie sind zusammengekommen, um den Tod der eigenwilligen Helena zu betrauern – Beatriz auf dem Weg zur Mutterschaft, Ines mit dem an Leukänie erkrankten Sohn, die verschlagene Großmutter Mencia mit ihrer Offenheit, ihrem ungezügelten Elan sowie die Schwestern Lia und Flavia mit ihren unterschiedlichen, gebrochenen Lebensentwürfen und zuletzt die scheinbar undurchschaubare Irene mit ihrem Jorge. Sie alle, aus drei Generationen stammend, markieren diesen sinnlichen, kraftvollen, bewegenden Unterhaltungsroman. Gut!

 

 


Bloomsbury, 09-2007

 

btv, 05-2009, 352 S.

ISBN 978-3833305849
9,90 €

   

nach oben

 
 

 

 

Rothmann, Ralf – Feuer brennt nicht

Nach den Ruhrpott-Erzählungen "Stier", "Wäldernacht", "Milch und Kohle" und "Junges Licht" hat Ralf Rothmann u.a. neben "Hitze" mit seinem neuen Roman ein weiteres Berlin-Kapitel aufgeschlagen:
Unser Dichter Wolf grübelt über sein Schaffen, seine Beziehung zu seiner Frau und sein Wohnumfeld erscheinen ihm zunehmend problematisch. Kreuzberg wird zu geschäftig, zu anstrengend …
Alina und Wolf ziehen schliesslich an den grünen Rand der Stadt. Am Müggelsee, wo die Unterschiede zwischen Ost und West auch fast 20 Jahre nach Öffnung der Grenzen sehr lebendig sind. Zwar erleben sie Natur und Fremdheit aus völlig neuer Sicht, Wolf fühlt sich jetzt aber in dieser Zweisamkeit mit Alina überfordert. Sein zunächst heimlicher Ausbruch zur früheren Geliebten Charlotte wird allmählich zur erotischen Obsession, seine Offenbarung gegenüber seiner Frau Alina führt zu einigen Wirrnissen. Überraschend ermuntert Alina ihn zur Fortsetzung dieser Dreiecksbeziehung.
Vor dem Hintergrund des komplizierten Zusammenfindens von Ost und West entfaltet Ralf Rothmann eine hocherotische, verzehrende amour-fou – mit einem überraschenden Ende.
Der Autor erzählt spannend mit einer schönen, treffsicheren Sprache – die Geschichte wirkt lange nach.

 


Suhrkamp, 03-2009, Leinen, 303 S.,

ISBN 978-3518420638
19,80 €

 

 

 

Bernd Schroeder, Elke Heidenreich –
Alte Liebe

Lore und Harry sind seit über 40 Jahren verheiratet, haben eine Tochter und eine Enkeltochter. Im Wechsel werden aus der jeweiligen Sicht des Einen oder der Anderen Szenen einer Ehe erzählt, mal traurig, ganz oft urkomisch, alles nicht ganz unbekannt.
Die Tochter will jetzt zum dritten Mal heiraten, diesmal einen reichen Industriellen. Harry will nicht hingehen, Lore weiß, was in ihm vorgeht und kriegt ihn doch überredet mitzukommen. Sie bereuen es nicht - aber es ist nicht einfach, nach 40 Jahren die Liebe immer wieder zu finden.
Ein niveauvoller Unterhaltungsroman mit hohen Wiedererkennungseffekten! Auch wer "die Heidenreich" nicht mag, wird darin sein Vergnügen finden! (mn)


Roman - Hanser Verlag, 09.2009
geb., 192 Seiten

ISBN 978-3-446-23393-5, 17.90 €

 

 

 

Philip Roth – Empörung

Ein furioses, stürmisches, leidenschaftliches, dichtes Buch: Marcus Messner ist jung, anständig und fleißig, er revoltiert ein einziges Mal, und er bezahlt dafür mit seinem Leben. 1951 beginnt  sein Studium am konservativen College von Winesburg in Ohio. Während der Koreakrieg ins zweite Jahr geht, durchlebt Marcus eine Geschichte, die von Unerfahrenheit handelt, von Widerstand, Sex, Mut und Irrtum. Kaum ist er im College, kommt es zu einem ersten, ihn völlig verstörenden Erlebnis mit einem fragilen jungen Mädchen, und er begegnet einer Form der Diskriminierung, die ihn empört. Wider Willen wird Marcus zum Rebellen, gegen seine Kommilitonen, aber auch gegen seinen Vater - und er bleibt hartnäckig bis zum bitteren Ende. Selten ist Philip Roth, dessen letzte Werke sich ausschliesslich um Alter und Tod drehten, so eindringlich, so mitreissend, wie in diesem Buch. (hn)

 


Hanser, HC, 208 S., 01-2009, 17,90 €

 

Roman – Übersetzt aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

 



 

 

Helen Garner – Das Zimmer

Als sie ihre Freundin Nicola einlädt, für eine dreiwöchige Krebstherapie bei ihr zu wohnen, ist Helen nicht bewusst, was es bedeutet einen sterbenden Menschen zu begleiten. In einer glasklaren, nüchternen Sprache erzählt Helen Garner vom Ringen um das Leben, um eine Freundschaft und einen würdevollen Tod. Ein Buch über Fürsorge, Freundschaft und gesunden Menschenverstand in Zeiten von Einsamkeit und Selbstbetrug, ohne Schmus und Sentimentalität.
Helen Garner setzt der hoffnungslosen Überforderung, die das Leben oftmals für den Menschen bereit hält, ein so großes Maß an kluger Menschlichkeit und beherztem Witz entgegen, die Das Zimmer zu einer bewegenden,tröstlichen und auf  wunderbare Weise auch heiteren Lektüre machen:
Wir lesen eine tieftraurige Geschichte und fühlen uns bewegt, gestärkt, amüsiert und auf wundersame Weise versöhnt mit der gebrechlichen Einrichtung unserer Welt.

(hn)

 

Roman a. d. Engl. von N. Natocza und G. Falkner. Berlin Verlag, 01-2009,  16,80 €

   

 

nach oben

 
 

 

 

Daniel Glattauer – Alle sieben Wellen

Virtuos komponiert ist dieser neue Roman von Daniel Glattauer, schnell vergisst man, daß man hier lauter einzelne e-mails liest - es wird ein Text aus einem Guss und trotzdem ein pointenreicher Schlagabtausch.
Daniel Glattauer inszenierte bereits seinen Roman 'Gut gegen Nordwind' als raffinierte E-Mail-Variation des klassischen Briefromans. Eine minimalistische, quicklebendige Liebesgeschichte, die Frühromantiker hätten an diesem Liebesballett ihre Freude gehabt. Man greift sich ans Herz, wünscht den beiden alles Gute und träfe sie gerne einmal wieder.
Einfach grandios!

(hn)

 

Roman, Deuticke, 02-2009, 17,90 €

 

 

McCarten, Anthony – Englischer Harem

Eine junge Frau zu ihren Eltern, untere Mittelschicht im Londoner Vorort: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Ich heirate. Die schlechte: Er ist Perser und hat bereits zwei Frauen“. Das sagt sie so zwar nie, aber es trifft den Ausgangspunkt dieses provozierenden, gutgeschriebenen Unterhaltungsromans. McCarten, einer der Erfinder des Theaterstücks „Ladies Night“, verfilmt als „Ganz oder gar nicht“ - in Flensburg (!!!) als „Barfoot bit ton Hals“ der Erfolgstitel schlechthin – und Autor der bewegenden Tragikkomödie „Superhero“, legt mit diesem Buch einen elegant geschriebenen „Schmöker“ vor: Heirat, Kochen, Fremdheit bis Rassismus in der Einwanderergesellschaft und Liebesgeschichte, eine pointierte Komödie mit tragischen Elementen – McCarten läßt nichts aus und es paßt alles! Genial, was für eine Entdeckung! (hn)

 

Diogenes, 582 S.,

jetzt als Taschenbuch: detebe, 582 S., 11,90 €

 

 

 

Gstrein, Norbert – Die Winter im Süden

Die Geschichte zweier Leben – Marija ist die Tochter, in Wien aufgewachsen und kehrt auf dem Höhepunkt des jugoslawischen Bürgerkriegs nach Zagreb zurück. Sie hat ihren überheblichen Mann verlassen, lebt jetzt ziellos in dieser kroatischen Stadt, läßt sich mit einem dominanten, verwundeten Soldaten ein, suchend ... Er ist der nach Kriegsende geflohene, ehemalige Ustascha-Kämpfer und lebt heute in Wartestellung in Argentinien. Mittlerweile ist er Rentner mit einem ansehnlichen Vermögen. Als der Krieg im ehemaligen Jugoslawien beginnt, sammelt er seine Getreuen und deren Hilfsgelder und macht sich mit einem ehemaligen Wiener Polizisten als Leibwächter auf in die alte Heimat, um in das Kriegsgeschehen einzugreifen. Gstrein, für „Winter im Süden“, „Die englischen Jahre“ und „Das Handwerk des Tötens“ (alle Suhrkamp) hochgelobt, hat eine spannende Geschichte geschrieben – Identitätssuche und Realitätsverlust sind die thematischen Stichpunkte. Er schafft eine einnehmende, athmosphärisch-dichte Erzählung, die allerdings Fragen offen läßt, mir nicht immer glaubwürdig erscheint. (hn)

 

Hanser, HC, 284 S., 08-2008, 22,90 €

 

 

 

Cotroneo, Roberto – Diese Liebe

Eine kunstsinnige Liebesgeschichte, wunderbar und anspielungsreich erzählt, tiefgründig mit einer überraschenden Wendung endend – das ist der neue Cotroneo. Er erzählt die glückliche Liebesgeschichte von Anna und Edo, beide Besitzer einer kleinen Buchhandlung im Süden des Landes, mit ihren beiden Töchtern Laura und Margherita erscheint die Zukunft in rosigsten Farben. Doch Edo leidet urplötzlich an einer unerklärlichen Amnesie, vor einer gründlicheren Untersuchung verschwindet er. Anna wartet, hingebungsvoll und zuversichtlich richtet sie ihr Leben auf die Rückkehr des geliebten Mannes ein, sie läßt sich Hoffnung auf Edos Heimkehr über Jahre nicht ausreden. Eine verlorene, aber eine trotz allem glückliche Liebe – wie es scheint …(hn)

 

Insel, HC, 158 S., 09-2008, 17,80 €

   

 

nach oben

 
 

 

 

Hermann, Iselin C. - Sommer war es (Trær sår sig selv)

Ein fünfjähriges Mädchen verbringt drei Wochen bei den Großeltern auf dem Gutshof, weil die Eltern in Griechenland Urlaub machen – ohne Kinder. Aus der Sicht des Mädchens wird die Geschichte erzählt, mal todtraurig, mal komisch oder witzig – auf jeden Fall so authentisch und bis in die kleinste Gefühlsregung oder den kindlichen Gedankengang glaubwürdig (warum macht die Ladenglocke immer noch "ding-dong" auch wenn man hinausgeht ...). Man fühlt sich zurückversetzt in die eigene Kindheit. Ein wunderschönes, lebendiges Buch. (MN)

 

Roman, suhrkamp taschenbuch, 04/2008 - € 7,50

 

 

 

Huston, Nancy – Ein winziger Makel (Lignes de faille)

Vier Generationen: Sol, sechs Jahre alt, lebt 2004 in Amerika, sein Vater, der mit seinen Eltern von den USA nach Israel geht, Randalls Mutter Sadie und deren Mutter Erra – sie sind alle sechs Jahre alt und erzählen aus ihrer Sicht die Erlebnisse ihrer Generationen. Es bleibt den aufmerksamen Kindern überlassen, die Geschichten ihrer Eltern zu deuten. Und so, mit Hilfe ihrer klaren, nur scheinbar naiven Stimmen führt uns Nancy Huston über vier Generationen und durch mehrere Kontinente durch ein spannendes, raffiniert und originell konstruiertes Buch, zeitkritisch, politisch, aber auch sehr intim und berührend. Sehr gut geschrieben, unterhaltsam, mal traurig, mal schelmisch-witzig. (MN)

 

Roman, Rowohlt, geb., 01/2008 – € 19,90

 

 

 

Vida, Vendela – Weil ich zu spät kam
(Let the northern lights erase your name)

Clarissa, eine junge New Yorkerin, entdeckt mit dem Tod ihres Vaters, daß dieser nicht ihr leiblicher Vater ist. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer Herkunft, kommt nach Finnland und Lappland in eine ungeheure Kälte. Sie ist sehr zäh, gibt nie auf und findet immer wieder Menschen, die ihr helfen. Sie trifft auf ihre Mutter, die die Familie vor Jahren stillschweigend verlassen hatte. Hier erfährt sie auch die tragische Wahrheit über ihre Herkunft. Inzwischen selbst schwanger beschließt sie, ihr Leben völlig neu zu gestalten. Die Geschichte ist lebhaft erzählt, oft in Rückblenden, bewegend , traurig – aber letztlich doch hoffnungsvoll, weil Clarissa nicht aufgibt. (MN)

 

Roman, btb, geb., 03/2008 - € 19,95

   

 

nach oben

 

 



 

 

 

 

Juri Rytchëu: Polarfeuer

Juri Rytchëu, der Schriftsteller der Tschuktschen präsentiert die Fortsetzung von Traum im Polarnebel, überarbeitet in der ursprünglichen Version und erstmals vollständig auf Deutsch: Polarfeuer.

Der Kanadier John MacLennan hat seinen Platz bei den Tschuktschen im Nordosten Sibiriens gefunden. Er hat das naturverbundene Leben der Eingeborenen lieben gelernt. Aber die „Moderne“, die „Zivilisation“ in Form der Russischen Revolution erreicht auch diesen abgelegenen Winkel im ewigen Eis und bringt neue Gefahren für die althergebrachte Kultur der Tschuktschen mit sich.

Dieser Roman konnte in der alten Sowjetunion wegen seiner Kritik der Nationalitätenpolitik nur gekürzt erscheinen.

 

 

Unionsverlag, aus d. Russ. v. Leetz, Antje,
TB - Preis: 9,90 €

 

 

 

Clemens Meyer: Als wir träumten

Clemens Meyer liest aus Als wir träumten. Mittlerweile vielfach ausgezeichnet, war das Erscheinen dieses Romans über eine „Saga von Freundschaft, Liebe und Verrat“ zu Recht die Sensation des Frühjahrs 2006: Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre – leidenschaftlich, wild und mutig verspielen sie ihr Leben in einer aussichtslosen Rebellion. Darum lassen einen die Bilder des nächtlichen Leipzig, die Boxkämpfe, die Hoffnungslosigkeit und die Hoffnung (!) dieses mitreißenden Romans nicht mehr los.

 

Meyer, Clemens - Als wir träumten Fischer Taschenbuch, 10/2007 - 9,95 €

   

 

nach oben

 
 

 

Mord und Totschlag

 
 

 

 

Dominique Manotti – Schwarzes Gold

Die französische Schriftstellerin Dominique Manotti knöpft sich in ihren Kriminalromanen am liebsten die ganz großen Spieler vor: Die Konzernchefs, die Fußballvereinspräsidenten, die Politikergrößen, die Supersponsoren (die mit Eigennutz!), die Unterweltbosse. Manotti, Jahrgang 1942 und gelernte Historikerin, schreibt immer politische Geschichten. Die Strippenzieher und Täuscher dieser Welt sind ihr Thema. Die Polizei hat ihnen nicht furchtbar viel entgegenzusetzen – wenn sie ihnen denn überhaupt etwas entgegensetzen möchte. Und nicht lieber den bequemeren Weg der Korruption wählt.

Vielfach preisgekrönt sind ihre Werke, lakonisch und illusionslos ist ihr Stil. Ihr jüngster Krimi führt zurück in die 70er Jahre. Ölkrise, Drogenhandel, das Ende der legendären "French Connection" – und mittendrin, in der runtergekommenen Hafenstadt Marseille, ein junger Kommissar. Er wühlt sich durch die Machenschaften der großen Ölkonzerne. Im Roman entfaltet sich das Panorama einer finsteren Welt, die schon alle Schatten der heutigen Globalisierung vorwegnimmt. Die Steuerparadiese im Roman sind Malta und Zypern. Aber auch die Schweiz mit ihren Banken und Rechtsanwaltskanzleien spielt eine gewichtige Rolle. Neben den Global Playern der Erdölbranche und den Ölländern ist reichlich Platz für Hasardeure, denn Milliarden-Gewinne locken. Erdöl wird zu Recht als Schwarzes Gold bezeichnet.

Man kann Manotti lesen wie im Flug: Kühl, knapp, schnörkellos sind ihre Sätze. Doch äußerst treffsicher. Scheinbar pfeift sie auf Dekor, aber die Atmosphäre schlüpft dennoch durch die Hintertür hinein. Und Théo Daquin, der robuste, Rückschläge wegsteckende, sein Sexleben (mit Männern) ungeniert genießende Ermittler, er ist doch ziemlich vielschichtig und plausibel, obwohl er keine der gängigen Kommissarsmarotten hat. Oder gerade weil er sie nicht hat?
Commissaire Theo Daquin, den wir hier am Anfang seiner Laufbahn erleben, hat sich ja schon als erfolgreicher Serienheld etabliert. Schwarzes Gold ist ein weiterer Meilenstein auf dem Erfolgsweg der französischen Ausnahmeschriftstellerin. Unbedingt lesen!

 

 

 

 

Aus dem Französischen von Iris Konopik

380 S., 19 Euro

 

Argument Verlag, 2016, Hamburg

 

Padura, Leonardo: Ketzer

Leonardo Padura ist ein kubanischer Autor, der uns mit seinen ungewöhnlichen Krimis um den Teniente Mario Conde sehr offen und realistisch den heutigen Alltag seines Landes nahe bringt. Es sind die lebendig beschriebenen Figuren, die seine Bücher so aufregend machen. Dabei wertet Padura nicht - er erzählt einfach, die Beurteilung überlässt er dem Leser.
In seinem neuen großen Werk ist die heutige Krimihandlung nur ein wichtiger, spannend und gut erzählter Teil, genau genommen erzählt er drei Romane in einem: Da ist die Geschichte aus der Blütezeit des mittelalterlichen Amsterdam um Rembrandts verschollenes Christus-Bild, die Beschuldigung der Ketzerei gegen den Maler und sein Modell, einen jüdischen Jüngling. Wir erleben die gescheiterte Flucht ins kubanische Exil der Familie Kaminsky, mit einem Bild von Rembrandt, seit Generationen im Besitz der Familie, hoffen sie, sich freizukaufen. Doch die Einreise wird allen verweigert. Das Schiff fährt zurück nach Europa. Daniel Kaminsky wird seine Familie nie wiedersehen.
Mario Conde macht sich auf die Suche nach den Geheimnissen des Christusbildes und der Familie Kaminsky. Der Fall führt ihn durch die Jahrhunderte. Die Spur zieht sich um die halbe Welt. Ein aussergewöhnlicher Roman! (hn)

 

 


Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein
Unionsverlag, Zürich 2014, gebunden, 652 Seiten
€ 24,95
ISBN 3-293-00469-5

   

 

Viele bunte neue Krimis –

auch von alten Bekannten …

Für alle LeserInnen etwas anspruchsvollerer Kriminalromane, eine komplexere und vielschichtige, dabei sprachlich gekonnt ausgefeilte Geschichten lieben, gibt es in diesem Herbst ein ganzes Füllhorn, das zum Überwintern reichen dürfte!


Da ist zunächst "Der Sohn" – abseits von den Spuren, die der große Harry Hole hinterlassen hat, aber dennoch unverkennbar ein echter Nesbø! Spannend, mit immer neuen überraschenden Wendungen - super!


Gewohnt gut wie immer das Gespann Hjorth/Rosenfeldt um den nicht gerade sympathischen Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann über "Das Mädchen, das verstummte" sowie der neue Deon Meyer über die "Cobra"!


Da ist aber auch die Rückkehr eines langjährig vermissten Südafrikaners, Andrew Brown, mit "Trost" zu vermelden - wer ihn noch nicht kennt, sollte unbedingt auch die beiden älteren, gut geschriebenen und windungsreichen Taschenbücher lesen!

 

Endlich – auch Robert Wilson (siehe hier) ist mit einem neuen Serienhelden zurück - jetzt hat er die iberische Halbinsel verlassen und seine neuen Krimis in London angesiedelt, auch wenn es den Kosmopoliten natürlich auch zeitweilig in andere Weltgegenden führt. Diesmal – natürlich hochspannend wie immer — überschätzt sich der Protagonist gewaltig …

 

Es gilt aber auch, neue schwedische Krimi-Autoren anzupreisen: Carl-Johan Vallgren ist bislang durch zwei fundierte historische Romane sehr erfolgreich in Erscheinung getreten und legt nun seinen ersten Krimi vor: Eine komplexe, schier unerklärliche Entführungsgeschichte, in die unser Held hineingezogen wird …


Joakim Zander ist wirklich ein neuer Autor, der hier einen höchst mysteriösen Spannungsroman in den Gefilden der EU-Institutionen in Brüssel ansiedelt – da bleibt so vieles so unerklärlich … und die NSA lässt grüssen!

 

(hn)

 
 

 

 



 

 

Einen neuen Krimi-Autor gilt es zu entdecken:

Jørn Lier Horst aus Norwegen

Winterfest / Jagdhunde

Nach all den hyperdramatischen, weltzerstörerischen Krimi- und Thriller-Bänden, in denen gemetzelt wird, was das Zeug hält - endlich, ein ziemlich unspektakulärer, normaler aber dennoch gut erzählter Kriminalroman, es ist kaum zu glauben, dass es so etwas noch gibt! Doch Jørn Lier Horst aus Norwegen versteht sein Handwerk, dabei bleibt er auf dem Boden, ist geerdet - er fesselt, wir Leser_innen sind sofort "drin", es gibt kaum länger andauernde Atempausen, wir lesen …, nein wir müssen lesen, so spannend sind diese doch so normalen Geschichten.

"Winterfest" ist 2012 zuerst erschienen und jetzt im Taschenbuch lieferbar: Unser Kommissar Wisting ahnt, dass seinem aktuellen Fall etwas Unheilvolles anhaftet. Der Mord in einer idyllischen Feriensiedlung, eine brutale Einbruchserie und dann scheint auch noch seine Tochter Line in die Geschehnisse verwickelt zu sein - viele schwer zu entwirrende Fäden müssen bearbeitet werden ....

Wegen dem soeben erschienen Roman "Jagdhunde" erhielt Lier Horst den Norwegischen Krimipreis 2012 - völlig zurecht! Wisting steht mit dem Rücken zur Wand - der anerkannte Anwalt eines langjährigen Gefängnisinsassen kann ihm die Manipulation von Beweismitteln nachweisen! Wisting hatte den Täter damals überführen können, doch nun stellt sich heraus, dass die Beweise gefälscht waren - ein gefundenes Fressen für die Medien. Der Kommissar wird suspendiert, ist gezwungen, sich selbst um die Aufklärung der verworrenen Geschichte zu kümmern. Trotz hilfreicher Unterstützung seiner Tochter, der Journalistin Line, rennt ihm die Zeit davon, denn wieder verschwindet eine junge Frau und die Parallelen zum damaligen Fall sind offensichtlich … (av)

 


Grafit Verlag, 2013


Winterfest

TB, 346 S.
978-3-89425-570-1
10,99 €

 

Jagdhunde

geb., 381 S.

978-3-89425-670-8

22,99 €

 

 

 

 

Blutsonntag
von Robert Brack

Die deutsche Geschichte der Weimarer Republik ist voller politischer Skandale, einige von ihnen mit blutigen Konsequenzen: Die Weddinger-Maiunruhen gehören dazu und auch der Altonaer Blutsonntag. In beide Skandale ist die Polizei der Städte Berlin und Hamburg verwickelt.

Der Altonaer Blutsonntag 1932 in Stichworten: Nationalistische Polizisten, die einen von der Polizeiführung tolerierten NS-Aufmarsch durch das Rote Altona dazu nutzen, unter den vaterlandslosen Gesellen richtig aufzuräumen. 18 Tote waren nach der Aktion zu beklagen. Die Linke war von vornherein klar die Schuldige, 4 ihrer Anführer wurden nach der Machtergreifung der Nazis hingerichtet. Bis heute sind diese Skandalurteile nicht aufgehoben worden.

Robert Brack macht nun aus dem historischen Ereignis ein bemerkenswertes Dramal: Die Journalistin Klara Schindler, die für die kommunistische Parteizeitung arbeitet, macht sich an die Aufarbeitung des Altonaer Blutsonntags. Die Erklärungen und Behauptungen auch ihrer eigenen Parteifreunde reichen ihr nicht. Der Verweis auf die Vorbereitung eines Generalstreiks hält sie nicht davon ab, weiter zu fragen, zu recherchieren. Sie ist eine eigensinnige Aufklärerin, die sich ihrer journalistischen Arbeit mehr politische Wirkung zuschreibt als einer kurzsichtigen Parteiagitation.

Schindler macht sich auf, das, was geschehen ist, zu rekonstruieren: Sie benutzt dazu eine brandneue Erfindung der sowjetischen Genossen: Ein Tonbandgerät, das es ihr erlaubt, die Zeugen der Ereignisse nicht nur zu befragen, sondern ihre Antworten auch in der direkten, unverfälschten Form zu dokumentieren. Brack nutzt diesen technischen Trick (das erste Tonbandgerät wurde erst 1935 auf der Berliner Funkausstellung vorgestellt), um die Zeitzeugen sprechen zu lassen.

Die Zeugenaussagen folgen dabei unverbunden aufeinander und erst in der Gesamtschau ergeben die teils widersprüchlichen, teils sich ergänzenden, teils in die Irre führenden Aussagen ein Gesamtbild. Klara Schindlers eigene konfliktreiche Geschichte bildet die tragende Struktur, hebt sich dabei aber von den Tonbandaufnahmen doch deutlich ab.

Herausgekommen ist ein überaus spannender Roman, der die zugespitzte Situation am Vorabend der Machtübernahme der Nazis treffend und glaubwürdig einfängt.

 

 


Edition Nautilus, 253 S., 2010, broschiert,
ISBN 978-3894017286,
13,90 €

 

 

 

 

Tage der Toten – Don Winslow

Originaltitel: The Power Of The Dog,  aus dem Amerikanischen von Chris Hirte

Vorweg: Mit "Tage der Toten", der deutschen Übersetzung von "Power of the Dog", legt der Suhrkamp Verlag bereits den vierten Roman von Don Winslow in nur knapp 17 Monaten vor. Viel Lesestoff in kurzer Zeit, aber ausnahmsweise hat hier ein Verlag so ziemlich alles richtig gemacht.

Startend mit "Pacific Private" einen Roman um den Surfer Boone Daniels, dann den eigenständigen (und famosen) Mafia-Roman "Frankie Machine", nachfolgend das zweite Werk um Boone Daniels nämlich "Pacific Paradise". Und zum bisher krönenden Abschluss nun "Tage der Toten".

Ein Roman, von dem namhafte amerikanische Autoren des Genres behaupten, dass er zu den wichtigsten amerikanischen Romanen der letzten zehn Jahre gehöre.

Und das ist die Geschichte:  Mit großem Tatendrang hat sich der US Drogenfahnder Art Keller daran gemacht, in die Strukturen der mexikanischen Drogenmafia einzudringen mit Erfolg. So viel Erfolg, dass die Drogendepots reihenweise auffliegen und die Narcotraficantes die Jagd auf ihn eröffnen.

Nachdem sein Mitarbeiter von den Gangstern zu Tode gefoltert wurde, schwört Art Keller Rache und startet einen gnadenlosen, blutigen Feldzug gegen die Drogenbarone.
Zu spät bemerkt er, dass er sich damit neue Feinde macht und die sitzen in Washington.

Was als Iran-Contra-Affäre in die Geschichte einging, erlebt Keller als gigantisches Drogen-, Geldwäsche- und Waffengeschäft. Vor die Wahl gestellt, seiner Regierung zu dienen oder seinem Gewissen zu folgen, trifft er eine einsame Entscheidung und stößt dabei auf unverhoffte Verbündete.

Welchen Realitätsgehalt "Tage der Toten" in solchen bitteren Passagen urplötzlich gewinnt, zeigen Zitate aus der US-amerikanischen Wirklichkeit von 1987:
"Unser Land machte sich zum Komplizen im Drogenhandel, zur selben Zeit in der wir unzählige Dollars dafür ausgaben, die durch Drogen verursachten Probleme in den Griff zu bekommen - es ist einfach unglaublich."
(US-Senator John Kerry in den Senatsanhörungen zur Rolle der CIA im Drogenschmuggel der Contras)

Weit mehr als jeder andere politische Kriminalroman verwebt Don Winslow in "Tage der Toten" Fiktion und Wirklichkeit. Die Iran-Contra-Affäre der 80er-Jahre bildet den ganz realen Hintergrund dieses Buches. Zur Erinnerung: Mitte der 80er-Jahre verkaufte die amerikanische Regierung in einem Geheimgeschäft Waffen an den Iran. Mit den ganz und gar inoffiziellen Einnahmen aus den Waffenlieferungen an den damals eigentlich offiziellen Erzfeind im Nahen Osten wurden dann, an jeglicher Gesetzgebung vorbei, zynischerweise die regierungsfeindlichen Contras im "anti-kommunistischen Kampf" in Nicaragua unterstützt. Eine Untersuchungskommission stellte später fest, dass dabei die Contras über Jahre mehrere Tonnen Kokain in die USA geschmuggelt hatten, was mit Duldung und sogar Unterstützung der CIA geschah.

Seit Robert Littells "Legends" ("Die kalte Legende") hat es keinen so kraftvollen, politisch treffsicheren und mitunter gesellschaftskritisch-klugen Kriminalroman gegeben. Der in den USA in aller Öffentlichkeit so großmundig proklamierte Krieg gegen die Drogen geht einher mit den letzten knapp dreißig Jahren des Versagens der Südamerika-Politik der USA. Beides vermischt sich, ist eins, doch wieder und wieder fragt man sich, wo die eigentlichen Absichten der Verantwortlichen liegen und die eigentlichen Fronten verlaufen.

"Es existiert eine Schattenregierung mit ihrer eigenen Luftwaffe, ihrer eigenen Marine, ihren eigenen Geldbeschaffungsmechanismen sowie der Möglichkeit, ihre eigene Vorstellung nationaler Interessen durchzusetzen, frei von allen Kontrollen und frei vom Gesetz selbst."
(US-Senator Daniel Inouye während der Senatsanhörungen zur Iran-Contra-Affäre)

Don Winslow erweist sich als handwerklicher Könner, denn selbst seine besinnlicheren Erzählpassagen bremsen den Lesefluss nicht ab, sondern sie reduzieren nur stellenweise geschickt das Tempo, um gleich danach wieder mit fast "Actionfilm-artigen" Szenerien weitere Ausrufezeichen zu setzen.

Dies alles wirkt mit seinen Zutaten erzählerisch so einfach und beinahe spielerisch, erweist sich aber in einer Zeit, in der sich in der Kriminalliteratur hauptsächlich psychopathische Serienmörder tummeln, geradezu als wohltuend und als stilistische Feinarbeit. Fazit: "Tage der Toten" ist ein Jahrzehnt-Roman, weil er die Welt mit all den vielfältigen Mitteln des Romans so eindrücklich, so realistisch abbildet.

schauen Sie auch hier 'rein:
http://www.krimi-couch.de/krimis/don-winslow.html

 

 

nach oben

 

 


Suhrkamp Taschenbuch, 689 S., 2010, TB,
ISBN 978-3518462003,
14,95 €

 

 

 

Winterkartoffelknödel
von Rita Falk

Normalerweise schiebt Dorfpolizist Franz Eberhofer in Niederkaltenkirchen eine ruhige Kugel. Aber jetzt: Vierfachmord! Stress pur! Zum Glück kocht die Oma den hammermäßigsten Schweinebraten, wo gibt. Und das beste Bier gibt’s eh beim Wolfi.

Was für ein Leben könnte der Polizist Franz Eberhofer führen, wenn der Papa nicht die Beatles hören, die Oma nicht halbtaub den Sonderangeboten bei Deichmann nachjagen würde, wenn Bruder Leopold nicht die Rumänenschlampe Roxana am Hals hätte – die große Liebe mit der Neigung, fremde Konten leer zu räumen – wenn es da nicht den Flötzinger, den Simmerl, den Schäferhund Gorbatschow gäbe? Nur leider wird die Idylle jäh durch einen Vierfachmord aufgeschreckt.

Was für ein Buch: Zuerst das Gefühl „wieder so ein Regionalkrimi, ein Langweiler wie Kluftinger“ - doch dann das Erstaunen: Mit Rita Falks Erstling „zieht der Ton Ludwig Thomas ins Genre des deutschen Kriminalromans ein“, schrieb ein Rezensent. Ein Krimi mit trefflichem Witz, ohne dem Zynismus zu verfallen, er findet eine ureigene Sprache, um von den Momenten am Rande zu erzählen, die das Leben ausmachen. Wer an ausgefeilten Plots, den perversen Abgründen der Psyche interessiert ist, ist bei Rita Falk falsch aufgehoben.

Rita Falk beschreibt das Leben mit jener Nachsicht, die skurrile Charaktere erst interessant machen. Ein amüsanter »Provinzkrimi«, der zum Weiterlesen zwingt, auch wenn der Kriminalfall zu grob gestrickt erscheint.

Ein bissiges Vergnügen. Was selten im deutschen Krimiwesen ist.

 


dtv, 2010
TB, 233 Seiten

ISBN 978-3423248105,

12,90 €

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Engländer in Sevilla: Robert Wilson

Bei dem Namen Robert Wilson fällt zunächst auf, dass es unzählige Autoren mit ebensovielen Büchern zu geben scheint. Aber, gemach: Dieser ist einmalig, dieser hat tatsächlich "nur" 6 Krimis geschrieben, die allesamt meist auf der iberischen Halbinsel spielen, wo der englische Autor heute überwiegend lebt.

http://www.krimi-couch.de/krimis/robert-wilson.html

Zunächst – darin überaus vergleichbar mit Jo Nesbös "Rotkehlchen", Ritzels "Schatten des Schwarms" und Mankells "Rückkehr des Tanzlehrers" - die Verknüpfung von Geschichten aus der Nazi-Zeit mit der heutigen Wirklichkeit:

Tod in Lissabon
Am Strand von Cascais bei Lissabon wird eine Frauenleiche geborgen, die Ermittlungen werden verknüpft mit Geschehnissen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, als die Nazis in Portugal Wolfram für ihre Rüstungsproduktion organisieren wollten. Spannend, mit komplexen vielschichtigen Handlungssträngen.

Der Blinde von Sevilla
Auftakt der Tetralogie um Javier Falcon aus Sevilla, eine spannende Krimihandlung, verknüpft mit einer Familiengeschichte, in der sich spanische Kolonial- und Nachkriegsgeschichte mischt.

Die Toten von Santa Clara
Auch wenn mensch zu Beginn reichlich in die Irre geführt wird (welcher 11. September ist denn nun gemeint …), gibt es wieder viel und aufschlussreiche Spannung!

Die Maske des Bösen
Zur Zeit nach den Madrider Bombenanschlägen schwappt die antiislamische Hysterie auch nach Sevilla, es kommt zu einem furchtbaren Anschlag, doch wer steckt dahinter? Wieder absolute Hochspannung, aber mit einem lapidaren Schluss!
Das kanns nicht sein …

Andalusisches Requiem
Natürlich nicht – Wilson dreht alle Ereignisse noch einmal um, findet vollkommen neue Einsichten und Lösungen, atemberaubend! Was für Krimis, was für ein Autor! Ein solche verwobene dennoch schlüssige Geschichte mit ihren vielen einzelnen Geschicht'chen, ein solches Niveau an Diskussionen um die Lage in der Welt zwischen Orient und Okzident, zwischen Empire und islamischer, ja generell "Dritter Welt", unglaublich! Und das "im Krimi" eingepackt – unbedingt lesen!

 
 

 

 

Schorlau, Wolfgang – Das München-Komplott

Wolfgang Schorlau legt seinen 5. Fall mit dem Privat-Ermittler Georg Dengler vor: Der BKA-Aussteiger wird von seinem ehemaligen Arbeitgeber gebeten, die Akten zu einem besonderen Fall durchzuarbeiten: Es geht um das grösste und brutalste Attentat in der Geschichte Deutschlands, um den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest am 26. September 1980, damals starben 13 Menschen durch die gewaltige Explosion, 200 wurden verletzt, 68 davon sehr schwer.
Ein alter Fall, denkt Dengler, Geschichte. Doch kaum angefangen geschehen unheimliche Dinge: Waren damals viele Spuren nicht weiter untersucht worden, so verschwinden auch heute Asservate, sterben Zeugen früh und unerklärlich. Dengler findet heraus, dass die Strippenzieher von damals auch heute noch sehr lebendig sind – und auch er ins Visier genommen wird …

Natürlich greift Schorlau wiedereinmal Verschwörungstheorien auf – das mag phantastisch klingen, doch kein anderer vermag sie so realitätstüchtig und spannend zu präsentieren wie er. Daneben ist dieser kleine Krimi ein Lehrstück - die Fakten, die er aufbereitet, verdienen allemal eine breite Öffentlichkeit!


KiWi, 11.2009
broschiert, 334 Seiten

ISBN978-3462041323,

8,95 €

   

 

nach oben

 
 

 

 

Lesen Sie begleitend zu unserer Veranstaltung mit Ulrich Ritzel hier unseren Einblick in sein neuestes Werk:

 

Ulrich Ritzel – Beifang

Kommissar Berndorf ist zurück!

Der ausgediente Kriminalbeamte Hans Berndorf bekommt den Auftrag, private Ermittlungen zu dem Mord an einer jungen Frau zu führen, deren Ehemann als anscheinend bereits überführter Täter in Ulm vor Gericht steht. Doch als Berndorf eintrifft, ist sein Auftraggeber – der Verteidiger des Angeklagten – tot, auf dem Hauptbahnhof von einem Güterzug überrollt. Hat er Selbstmord begangen oder ist er vor den Zug gestoßen worden?

 

 

 

 


btb Verlag, 464 S., 2009, gebunden 19,95 €

 

 

   

Das ist nicht die einzige Frage, vor der Berndorf steht. Vor seinem Tod war der Anwalt wiederholt in heftige Auseinandersetzungen mit dem Vorsitzenden Richter geraten, weil ein seiner Ansicht nach für das Verfahren entscheidendes Beweisstück spurlos verschwunden ist: ein Schmuck, den die ermordete junge Frau getragen hatte. Dieser Schmuck – eine Goldkette mit einem breiten Ring, auf dem in Miniatur das biblische Motiv des Sündenfalls eingearbeitet war – führt Berndorf weit über seinen ursprünglichen Auftrag hinaus. Er stößt auf allerhand Merkwürdigkeiten - eine davon ist, dass der tote Anwalt und der Vorsitzende Richter entgegen dem Anschein, den sie in der Verhandlung geweckt hatten, seit vielen Jahren gute Bekannte waren.

In dem Dickicht von alltäglichen Verstrickungen, von Lügen und Niedertracht, das Berndorf freizulegen versucht, stößt er schließlich auf das Verbrechen, das vor Jahrzehnten am Anfang von allem stand.

»Ich versuche, etwas über die Zeit und die Gesellschaft zu erzählen, wie ich sie sehe. Schreiben ist immer der Versuch, etwas zu benennen, etwas aufzudecken, etwas zu verstehen.« (U. Ritzel)

Der oben zitierte Klappentext gibt exakt die Ausgangslage wider – Ulrich Ritzel, der schon beim Erscheinen seines Erstlings "Der Schatten des Schwans" den Titel "der deutsche Mankell" bekam,  gelingt es mit viel Gespür, fesselnder und genauer Erzählweise aus einem eher unscheinbaren provinziellen Vorgang ein glaubwürdiges und treffliches Bild der bundesdeutschen Wirklichkeit entstehen zu lassen.

Ein genialer Krimi, spannend und erhellend!

 

Die bisherigen Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens:
----------------
Der Schatten des Schwans/Schwemmholz
2 Romane in einem Band (Bd. 1+2)
btb Verlag (TB)
ISBN: 978-3-442-73529-7
Paperback, 704 S. -  8,00 Eur[D]
----------------
Die schwarzen Ränder der Glut
Roman, btb Verlag (TB)
ISBN: 978-3-442-73550-1
Paperback (Band 3)
ca. 416 S. -    9,00 Eur[D]
----------------
Der Hund des Propheten
Roman, btb Verlag (TB)
ISBN: 978-3-442-73256-2
Paperback  (Band 4)
448 S. -    9,00 Eur[D]
----------------
Die schwarzen Ränder der Glut /Der Hund des Propheten
2 Romane in einem Band (Bd. 3+4)
btb Verlag (TB)
ISBN: 978-3-442-73731-4
Paperback (Bände 3 & 4)
ca. 864 S. -    8,00 Eur[D]
----------------
Uferwald
Kriminalroman, btb Verlag (TB)
ISBN: 978-3-442-73667-6
Paperback (Band 5)
384 S. -    9,00 Eur[D]
----------------
Forellenquintett
Roman, btb Verlag (TB)
ISBN: 978-3-442-73837-3
Paperback (Band 6)
384 S. -    9,00 Eur[D]
----------------
Halders Ruh
Krimi-Geschichten, (btb Verlag (TB)
ISBN: 978-3-442-73824-3
Paperback
ca. 256 S. -    7,00 Eur[D]
 

Ulrich Ritzel, Jahrgang 1940, geboren in Pforzheim, verbrachte Kindheit und Jugend auf der Schwäbischen Alb. Er studierte Jura in Tübingen, Berlin und Heidelberg. Danach schrieb er für verschiedene Zeitungen und wurde 1981 mit dem begehrten "Wächter-Preis" ausgezeichnet.

 

 

 

 

 

Richard Stark –

Das Geld war schmutzig

Im dritten und letzten Teil der Triologie befinden sich Parker und seine Freundin in einer Pension in der Nähe der verlassenen Kirche, wo die bei einem Banküberfall erbeuteten Millionen versteckt sind. Die Jagd auf den "zwischengelagerten" Schatz beginnt: Umlagert von einem Großaufgebot der Polizei, verfolgt von diversen zwielichtigen Elementen muss Parker alle Tricks und viel Kaltschnäuzigkeit aufbringen, um den Lohn der mühseligen Arbeit einbringen zu können. Gewohnt schnörkelos, gewohnt spannend, ohne ein Wort zu viel erzählt der soeben verstorbene Richard Stark. Einfach nur: Genial! (hn)

 

 


Hanser, Flexibler Einband, 256 S., 2009,
ISBN 978-3-552-05479-0, 16,90 €

 

Roman – Übersetzt aus dem Englischen von Rudolf Hermstein

 

 

 



 

Richard Stark –

Fragen Sie den Papagei (Band 1)

+ Keiner rennt für immer (Band 2)

 

Für alle "Parker"-Fans sei darauf verwiesen, dass im Winter bei Zsolnay noch weitere Einzelbände mit Parker in der Hauptrolle erscheinen werden, zunächst im Oktober:

Richard Stark – Das große Gold (–> Hanser)

 

Beschreibung bei unseren CvO-Tipps …

   

 

nach oben

 
 

 



 

Richard Stark –

Fragen Sie den Papagei

+ Keiner rennt für immer

 

Richard Stark hat unter verschiedenen Namen publiziert, er gilt als Ikone des roman noir:
Parker ist der durch und durch amoralische Held dieser Romane, er ist der hartgesottene Profi, er scheint keine Gefühle zu kennen, er ist die fleischgewordene coolness. Und Parker ist genial böse: Wie er auf der Flucht dazu kommt, sich den Männern anzuschliessen, die schon halb in Lynchstimmung auf die Suche nach ihm, den Gangster, gehen, das beschreibt Richard Stark so fesselnd, so faszinierend – einen solchen Krimi haben Sie noch nicht gelesen.

(hn)

 

Romane – Zsolnay, 10-2008 und 01-2009, jeweils 16,90 €

 

 

 

Morchio, Bruno – Wölfe in Genua

Der alt-linke, verschrobene Detektiv Bacci Pagano soll im Auftrage einer Versicherung den Tod eines gutbetuchten Rentners aufklären, der offensichtlich von einem Wolf getötet worden ist. Die nicht sonderlich aufregende Geschichte lebt von der dichten Beschreibung der Stadt Genua, ihres Viel-Völker-Gemisch' und der unkonventionellen Arbeitsweise der Hauptfigur. Durchaus spannend, gut geschrieben, viel genau gezeichnete Charaktere - guter Krimi, jetzt auch zu akzeptablem Preis (im Gegensatz zum ersten HC-Band, passte nicht, überdimensioniert, konnte ich nicht vertreten). (hn)

 

Unionsverlag, Klappenbroschur, 283 S., 07-2008, ca. 15,00 €

 

 

 

Meyer, Deon – Weisser Schatten

Lemmer, Bodyguard, vor einiger Zeit aus der Haft entlassen, soll Emma in den Kruger-Nationalpark begleiten. Er hofft auf einen harmlosen, schnellen Job – sie ist von der Idee besessen, ihren seit 20 Jahren verschwundenen Bruder wiederzufinden. Undurchsichtige Vorfälle, ein Schlangenattentat und schließlich wird Emma schwer verletzt – Lemmer begreift, daß er in eine Verschwörung geraten ist, die tief in der Geschichte des ehemaligen Apartheid-Staates verwurzelt ist. Meyer wie immer überaus spannend, dichte Schilderung südafrikanischer Wirklichkeit und kenntnisreiche Rückgriffe in die jüngere Geschichte des Landes. Die einfache Lösung des Falles ist nett, etwas enttäuschend, kann den Genuss dieses Buches aber nicht mehr schmälern! Gut! (hn)

 

Rütten & Loening, HC, 421 S., 08-2008, ca. 20,00 €

 

 

 

Mankell, Henning – Der Chinese

Januar 2006: Die Polizei entdeckt in einem kleinen Dorf ein grausiges Massaker an 18 Menschen. Die Tat eines Wahnsinnigen? Die Polizei ermittelt unter öffentlichem Druck in diese Richtung und wird anscheinend auch fündig. Die Richterin Roslin, weitab vom Geschehen, aber über entfernte verwandtschaftliche Bindungen mit einigen Opfern bekannt, entdeckt Indizien, die eine Spur nach China nahe legen. Mankell hat wieder einen guten Roman vorgelegt, diesmal vielleicht die gelungene Verknüpfung eines schwedischen Lokalkrimis mit dem antikolonialen Afrikaengagement des Autors? Zumindest verknüpft er auf aktuellstem Niveau die Geschichte kolonialer Hypotheken der weißen Welt (hier: die erbarmungslose Ausbeutung chinesischer Sklaven bei der Industrialisierung der USA) mit dem rasanten Aufstieg Chinas zur Supermacht. Daß er dabei über die politischen Widersprüche auf dem asiatischen und afrikanischen Kontinent kenntnisreich informiert, kann auch nicht gerade als Nachteil angesehen werden – auch wenn mensch die jeweiligen Sichtweisen nicht unbedingt teilt. Das hat Klasse! (hn)

 

Zsolnay, HC, 605 S., 05-2008, 24,90 €

   

 

nach oben

 
   

 

Für alle Stieg Larsson-Fans

Die Begeisterung über die Romane des so früh verstorbenen schwedischen Schriftstellers wird auch im 3. Band seiner Geschichte von der skurrilen Hackerin, Lisbeth Salander, und dem Journalisten Mikael Blomkvist anhalten – ein wahrlich überwältigender Polit-Krimi!

 
   

Jetzt alle drei Bände als Taschenbücher lieferbar:

 
 

 

 

Verblendung (1)

Was geschah mit Harriet Vanger? Während eines Familientreffens spurlos verschwunden, bleibt ihr Schicksal jahrzehntelang ungeklärt. Bis der Journalist Mikael Blomkvist und die Ermittlerin Lisbeth Salander recherchieren. Was sie zutage fördern, lässt alle Beteiligten wünschen, sie hätten sich nie mit diesem Fall beschäftigt. An seinem 82. Geburtstag erhält der einflussreiche Industrielle Henrik Vanger per Post anonym ein Geschenk. Das Paket enthält eine gepresste Blüte hinter Glas, genau wie in den 43 Jahren zuvor. Vangers Lieblingsnichte Harriet hatte ihm 1958 zum ersten Mal dieses Geschenk gemacht, doch dann verschwand sie spurlos. Ihr Leichnam wurde nie gefunden. In einer letzten Anstrengung beschließt Vanger herauszufinden, was dem geliebten Mädchen tatsächlich zustieß. Er engagiert den Journalisten Mikael Blomkvist, der, getarnt als Biograf, bald auf erste Spuren stößt. Unterstützt wird er von der jungen Ermittlerin Lisbeth Salander, einem virtuosen Computergenie mit messerscharfem Verstand. Je tiefer Blomkvist und Salander in der Vangerschen Familiengeschichte graben, desto grauenvoller sind ihre Enthüllungen.

 

Heyne Verlag, aus d. Schw. v. Kuhn, Wibke, Taschenbuch, 03/2006 - Preis: 9,95 €

 

 

 

Verdammnis (2)

Ein ehrgeiziger junger Journalist bietet Mikael Blomkvist für sein Magazin „Millennium“ eine Story an, die skandalöser nicht sein könnte. Amts- und Würdenträger der schwedischen Gesellschaft vergehen sich an jungen russischen Frauen, die gewaltsam ins Land geschafft und zur Prostitution gezwungen werden. Als sich Lisbeth Salander in die Recherchen einschaltet, stößt sie auf ein besonders pikantes Detail: Nils Bjurman, ihr ehemaliger Betreuer, scheint in den Mädchenhandel involviert zu sein. Wenig später werden der Journalist und Nils Bjurman tot aufgefunden. Die Tatwaffe trägt Lisbeths Fingerabdrücke. Sie wird an den Pranger gestellt und flüchtet. Nur Mikael Blomkvist glaubt an ihre Unschuld und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Seine Nachforschungen führen in Lisbeths Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die ihn bald das Fürchten lehrt.

 

Heyne Verlag, aus d. Schw. v. Kuhn, Wibke, TB - Preis: 9,95 €

 

 

 

Vergebung (3)

Mit einer Kugel im Kopf wird Lisbeth Salander in die Notaufnahme eingeliefert. Sie hat den Kampf gegen Alexander Zalatschenko, berüchtigter Drahtzieher mafiöser Machenschaften, ein weiteres Mal knapp überlebt. Aber wird sie gegen den schwedischen Geheimdienst bestehen können, der alle Kräfte mobilisiert, um sie ein für alle Mal mundtot zu machen? Zu groß ist die Gefahr, dass sie die Verbindung zwischen Zalatschenko und  der schwedischen Regierung aufdeckt. Unterdessen arbeitet Mikael Blomkvist unter Hoch- druck daran, Salanders Unschuld zu beweisen. Es fehlen nur noch wenige Details, und er wird das Komplott gegen Salander aufdecken. Auch als seine Ermittlungen von höchster Stelle massiv behindert werden, führt Blomkvist seine Arbeit unbeirrt fort. Er weiß genau, dass er nur noch diese eine Chance hat, um Lisbeth Salander zu retten.

 

Heyne Verlag, aus d. Schw. v. Kuhn, Wibke, TB - Preis: 9,95 €

 

 

 

Politik und Sachbuch

 
   

 

nach oben

 
 

 

 

 

 

 

Corry Guttstadt

Wege ohne Heimkehr

Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen – ein historisch-literarisches Lesebuch

 

Vor 101 Jahren, im Frühjahr 1915 begann der Völkermord an den osmanischen Armeniern durch das jungtürkische Komitee, welches sich im Jahr 1913 an die Macht geputscht hatte und als enger Bündnispartner des Deutschen Kaiserreiches auch in diesem Vorgehen deutsche Unterstützung und Rückendeckung erhielt.

Dieses Buch will in Form einer kommentierten historischen und literarischen Textsammlung ein Zeichen gegen das Vergessen setzen und an diesen Massenmord vor über 100 Jahren erinnern, aber auch das Leben der Armenier vor und nach dem Ersten Weltkrieg darstellen. Es präsentiert vor allem literarische, häufig autobiografisch geprägte Texte von (zumeist) Armeniern, die einen Eindruck ihrer vielfältigen Lebensrealitäten in Anatolien vermitteln. Weitere Texte schildern die Lebensbedingungen der überlebenden Armenier in der Türkei, in der das Verbrechen bis heute von staatlicher Seite geleugnet wird. So gab es auch für die meisten Überlebenden keine Heimkehr, ihre Familien waren ermordet, ihr Besitz beschlagnahmt.

Die heftigen, teilweise hasserfüllten Reaktionen staatlicher Amtsträger unter Führung des Staatspräsidenten Erdogan demonstrieren, wie eng die derzeitigen Machthaber noch der türkischen imperialen Machtpolitik verbunden sind - und wie fern sie einer sachlichen Auseinandersetzung mit den Hypotheken eben dieser Machtpolitik stehen.
Diese Reaktion unterstreicht die Wichtigkeit dieses Buches.

 

Corry Guttstadt, geb. 1955, studierte an der Universität Hamburg Turkologie und Geschichte. Während der 1980er und 1990er Jahre arbeitete sie als Übersetzerin (Türkisch), Deutschlehrerin und freie Autorin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Situation der ethnischen und religiösen Minderheiten in der Türkei. Sie verbrachte ein Forschungssemester am Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington DC und erhielt mehrere Forschungsstipendien (u.a. von der Fondation pour la Mémoire de la Shoah in Paris). 2011 und 2012 war sie Projektmanagerin des Projekts zum multiperspektivischen Geschichtslernen »Zuerst einmal bin ich Mensch« am Anne Frank Zentrum Berlin.

Ihre Dissertation »Die Türkei, die Juden und der Holocaust« basiert auf Recherchen in etwa 50 Archiven weltweit. Das Buch avancierte zum internationalen Standardwerk zum Thema und wurde inzwischen ins Türkische und Englische übersetzt.

Derzeit erarbeitet Corry Guttstadt mit Förderung der Beate Klarsfeld Foundation und der Fondation pour la Mémoire de la Shoah eine Quellenedition zur Politik der Türkei während des Holocaust.


Zum Buch Wege ohne Heimkehr

»Dies ist ein Weg, von dem es keine Heimkehr gibt«, notierte Armin T. Wegner im November 1915 in Ras al-Ayn im heutigen Nordsyrien. Wegner, der 1915-1916 als Sanitätssoldat der osmanischen Armee Augenzeuge des Völkermords an den Armeniern wurde, beschrieb mit seinem Tagebucheintrag das Los der vielen Hunderttausend Deportierten, die der sichere Tod erwartete.

Doch eine Heimkehr gab es auch für die meisten Überlebenden nicht. Nicht für Zabel Yesayan, eine der wichtigsten armenischen Schriftstellerinnen und engagierten Frauenrechtlerinnen ihrer Epoche, die sich der Deportation durch Flucht entzogen hatte, der die Erinnerung an den Ort ihrer Kindheit aber ein geistiger Zufluchtsort blieb. Nicht für den Lehrer Hagop Mintzuri, der zeitlebens nicht in das Dorf zurückkehrte, aus dem seine Frau, seine vier Kinder und alle anderen Angehörigen deportiert worden waren.

Dieses Jahr jährt sich der im Schatten des Ersten Weltkriegs begangene Völkermord an den Armeniern zum 101. Mal. Die meisten der in diesem Band versammelten Texte sind literarische, häufig autobiografisch geprägte Texte von Armeniern, die damit selbst zu Wort kommen. Einige stammen von Überlebenden der Deportationen, darunter bekannten armenischen Schriftstellern wie Yervant Odian, aber auch von Personen wie Pailadzo Captanian, die aus dem Bedürfnis schrieben, Zeugnis abzulegen über die erlebten, unvorstellbaren Grausamkeiten.

Ein Großteil der Texte thematisiert nicht den Völkermord selbst, sondern die Erinnerungen von ArmenierInnen an ihr Leben vor 1914 oder das Weiterleben im Exil bzw. in der Republik Türkei. Sie vermitteln einen Eindruck der vielfältigen Lebensrealitäten von Armeniern im Osmanischen Reich. Armenier nahmen aktiv Anteil am intellektuellen Aufschwung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ob Lyrik, Prosa oder Journalismus, von der Satire bis zum Theater, die armenische Literatur war ein entscheidender Bestandteil der osmanischen Literatur jener Epoche. In den Werken der armenischen AutorInnen drückt sich ihre Hoffnung und dann, angesichts der Ausgrenzung und Vernichtung ihres Volkes, ihre Verzweiflung aus, die sich ganz ähnlich dem deutsch-jüdischen Schreiben des frühen 20. Jahrhunderts in hellsichtiger Gesellschaftsanalyse und Satire Bahn bricht.

Die Texte werden gerahmt durch ein Vorwort des Historikers Hans-Lukas Kieser zu den Hintergründen des Völkermords sowie ein Nachwort von Corry Guttstadt und Ragıp Zarakolu zur Erinnerungspolitik in der Türkei.

 

 

 

 

 

203 Seiten, geb., Verlag

Assoziation A.

19,80 €

ISBN 978-3-86241-440-6

 

 

 

 

 

 

Volker Hagedorn

Bachs Welt

Familiengeschichte eines Genies

Johann Sebastian Bach kennt jeder. Aber dass er der Spross einer 150 Jahre alten Dynastie von Musikern war, ist kaum im Bewusstsein.
Dieses Buch erzählt die Geschichte eines erstaunlichen Clans in einem Europa des Umbruchs, das geprägt war von Kriegen und Seuchen.
Im 17. Jahrhundert wurde Musik ein Mittel gegen Elend und Tod, und die Bachs vor Bach beherrschten diese Kunst mit zunehmendem Genie.
Volker Hagedorn verfolgt ihren Weg über Hochzeiten und Todesfälle, Notenblätter und Orgelbänke, bis schließlich der große Ausnahmekomponist in Erscheinung tritt.

Zugleich schlägt das Buch den Bogen in die Gegenwart.
Wie sieht es heute dort aus, wo die Bachs lebten und Johann Sebastian zum Wunderkind wurde?
Hagedorn beschreibt die Arbeit der Forscher, für die unscheinbare Aktennotizen zu Leuchtspuren durchs Barock werden.
Und er schildert einen der faszinierendsten Forschungskrimis der Musikgeschichte, der im zerbombten Berlin beginnt und an dessen Ende in der Ukraine das legendäre «Altbachische Archiv» auftaucht - eine Notensammlung der Bachs vor Bach, das Fundament von Johann Sebastians Genie.

Hagedorns Buch entwirft ein farbenfrohes und facettenreiches Zeit- und Sittengemälde, das die Wurzeln des Musikers Bach erstaunlich lebendig werden lässt.

 

 

 

 

416 Seiten, geb., Verlag

Rowohlt

24,95 €

ISBN 978-3498028176

 

 

 












Zwei herausragende politische Sachbücher seien Ihnen besonders empfohlen:

Piketty, Thomas: Das Kapital im 21. Jahrhundert

Dieses Buch erzählt vordergründig nichts Neues, wir alle wissen, wie der Reichtum bei einer kleinen gesellschaftlichen Minderheit wächst, was für eine enorme Umverteilung in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat.
Aber das im einzelnen verständlich zu verfolgen, die empirischen Daten so exakt und auch (ja, tatsächlich!) spannend aufbereitet lesen zu können und nachvollziehbare Lösungsvorschläge für die anhaltende ökonomische Krise vorgelegt zu bekommen – das hat ausser diesem französischem Ökonomen noch niemand fertiggebracht. Zu Recht jubelt die kritische Wissenschaft.

 

 

Wem dieser Schmöker gar zu gwaltig geraten ist, der möge sich zunächst mit dieser gekonnten Einführung (nebst Rezensionsüberblick und Darlegung der wichtigsten kritischen Einwände gegen Piketty) befassen:

Kaufmann, Stephan Stützle, Ingo

Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre
Thomas Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert" – Einführung, Debatte, Kritik

 

 

Packer, George: Die Abwicklung

Eine innere Geschichte des neuen Amerika
Das epochale Buch zur Lage der USA - so etwas schaffen nur die Amerikaner: Ein lesbares, unterhaltsames, spannendes Sachbuch über ein bedrängendes Thema zu schreiben - ohne dabei wissenschaftliche Standards zu missachten. Das ist eine Schreibe, die es hierzulande nicht (oder kaum!) gibt. In Deutschland - so scheint es - müssen wissenschaftliche Reportagen oder Essays unlesbar sein, sonst genügen sie wissenschaftlicher Reife nicht. Dieses Werk (und Sie können beliebig andere, z.B. zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung nehmen - Sie werden eine Fülle von hochqualifizierten aber dennoch höchst spannend zu lesenden Abhandlungen finden, leider nur ein Bruchteil in deutscher Übersetzung!) spürt den Brüchen und Verwerfungen in der amerikanischen Gesellschaft in beinahe 50 Einzelporträits oder Reportagen nach, ein bislang beispielloses, anschauliches Unterfangen. Wer die heutige USA verstehen will, sollte dieses Buch lesen. (hn)

 

 


Beck C. H., gebunden,
816 Seiten 29.95 €
9783406671319

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Bertz + Fischer, Kartoniert,
112 Seiten, 7,90 €
978-3-86505-730-3

 

 

 

 

 


FISCHER-Verlag, geb.,
509 Seiten 24.99 €
9783100001573

 

 



 

Lesung und Gespräch:

Emma Goldman - Gelebtes Leben

Autobiografie (Überarbeitete Neuausgabe)
Mit einem Vorwort von Ilija Trojanow.
Aus dem Englischen übersetzt von Marlen Breitinger, Renate Orywa und Sabine Vetter, überarbeitet und mit einer Chronik versehen von Tina Petersen.


Marlen Breitinger, Übersetzerin und Schauspielerin, geht mit einer szenischen Lesung aus "Gelebtes Leben" auf Tournee.

 

»Das gut 900seitige Werk ist eine erstaunlich aufregende Lektüre. Das liegt nicht nur daran, dass das Leben Emma Goldmans über die Jahrzehnte und Kontinente hinweg überaus aktiv und ereignisreich war (...). Es ist auch dem Tonfall geschuldet, in dem Emma Goldman dies alles beschreibt: der leidenschaftlichen, gleichsam atemlosen Getriebenheit, die sich durch die Seiten zieht, und die einen hineinzieht in das Entsetzen, die Entrüstung, das Engagement der Autorin.«
Catherine Newmark, Deutschlandradio Kultur


Emma Goldman (1869–1940), Anarchistin, Revolutionärin, Agitatorin, Frauenrechtlerin, beschreibt ihr ungewöhnliches, aufregendes Leben. Sie ist Sigmund Freud, Peter Kropotkin, Ernest Hemingway und Lenin begegnet, hat sich gegen die Wehrpflicht eingesetzt und für die Rechte der Arbeiter, der Frauen und Kinder und für die freie Liebe gekämpft. »Gelebtes Leben« ist das Zeugnis einer kämpferischen, unabhängigen Frau.
Emma Goldman, »die rote Emma«, war zu ihren Lebzeiten eine gleichermaßen verehrte wie gefürchtete Symbolfigur des Anarchismus. Sie wurde bekannt durch ihre Schriften, ihre Reden und ihre engagierten Kampagnen für die Rechte der Arbeiter, für Geburtenkontrolle, gegen die Wehrpflicht und für die Friedensbewegung.
»Goldmans Autobiografie ist nicht nur ein spannendes Zeitdokument der anarchistischen Bewegung. (...) Es ist zugleich das Selbstporträt einer Frau, die zwischen dem Wunsch nach sexueller und persönlicher Erfüllung und dem Drang, gegen Unterdrückung zu kämpfen, hin- und hergerissen ist. Vor allem hinterlässt es grenzenlose Bewunderung für eine Frau, die gegen alle Widerstände immer ihren eigenen Weg gegangen ist. Trotz der über 900 Seiten liest sich ihre Autobiografie wie ein atemlos geschriebener Roman, voller Leben und Engagement.«
Claire Horst, Missy Magazin

 

Montag, den
08. Oktober 2012
um 19.30 Uhr

Ort:
Carl-von-Ossietzky-Buchhandlung

In Kooperation mit dem Tigerberg (e.V.)


Eintritt frei

Mit freundlicher Unterstützung und Förderung durch die Rosa Luxemburg Stiftung SH: werkstatt utopie & gedächtnis e.V.

Voranmeldung erbeten

 

 

Hurra, wir dürfen zahlen – Ulrike Herrmann

Die schwarz-gelbe Bundesregierung war für die Mittelschicht ein absehbar schlechtes Geschäft – und trotzdem hat diese Schicht, die noch immer die weitaus meisten Wahlberechtigten stellt, die „Koalition der Mitte“ an die Macht gewählt. Wie ist das zu erklären?
Die Redakteurin der "taz", Ulrike Herrmann, macht in ihrem Buch „Hurra wir dürfen zahlen“ einen interessanten Versuch, diesen „Selbstbetrug der Mittelschicht“ zu erklären.

Begütert ist die Mittelschicht nicht: Zu ihr zählt, wer zwischen 1000 und 2200 Euro netto im Monat als Single bzw. 2100 bis 4600 Euro als Ehepaar mit zwei Kindern monatlich verdient. Die Mittelschicht unterstützt in ihrer Mehrheit eine Politik, die vor allem der Oberschicht dient,

  • weil es die Reichen verstehen, ihre Macht und ihren Reichtum zu verschleiern,

  • weil der Glaube an den Aufstieg in der Mittelschicht ungebrochen ist,

  • weil sie ihren Status überschätzt und ihre Aufmerksamkeit darauf lenkt, sich von der Unterschicht abzugrenzen.

Die Deutschen scheinen zur Selbsttäuschung zu neigen. Es ist fast egal, wie viel jemand verdient, viele fühlen sich „fast reich“, nur 9 Prozent in Westdeutschland ordnen sich der Oberschicht zu und zur Unterschicht wollen nur 3 Prozent gehören - obwohl die ökonomische Realität völlig anders aussieht.
Zwar wisse die übergroße Mehrheit durchaus, dass die soziale Herkunft entscheidend sei, um zu Reichtum zu gelangen, doch über zwei Drittel glaubten an die „Leistungsgesellschaft“. „Obwohl die meisten klar erkennen, dass die Startchancen keineswegs gleich verteilt sind, wird Reichtum umstandslos akzeptiert.“ (48) Es ist geradezu paradox - an selbst profanen Beispielen, wie etwa der Partnerwahl (65) oder der „Begabtenförderung“ (66ff.) ja sogar der Wahl der Vornamen für die Kinder (101ff.) kann Ulrike Herrmann belegen, dass sich die Schichten immer stärker voneinander separieren und sich insbesondere die Elite immer mehr abschottet (65).

Unter dem Stichwort „Schickedanz-Syndrom“ beschreibt die Autorin das „seltsame Phänomen“, dass zwar objektiv der Reichtum zunehme, sich subjektiv aber immer mehr Reiche um ihre Zukunft sorgten. Die Reichen würden arm gerechnet, während die Armen zu den Reichen ernannt würden, die als Schmarotzer lebten und die „Leistungsträger“ aussaugten (Sloterdijk-Debatte).

Typisch dafür, wie sich die Reichen arm rechneten, sei der Verweis auf die Einkommensteuerstatistik, wonach etwa die obersten 20 Prozent der Steuerbürger über 70 Prozent des Gesamtaufkommens stemmten. Dabei würde allerdings verschwiegen, dass die Reichen keineswegs übermäßig belastet würden, denn selbst Spitzenverdiener zahlten im Durchschnitt nur 23,8% an Steuern auf ihr Einkommen. Selbst Multimillionäre wüssten sich arm zu rechnen. Der Verweis auf die Einkommensteuer sei aber auch schon deshalb eine Irreführung, weil diese Steuerart schon fast zur „Bagatellsteuer“ verkommen sei (77) und sich der Staat immer stärker durch die indirekten Steuern finanziere, die alle gleich betreffen. Für 2010 sei etwa die Körperschaftssteuer mit 7,2 Milliarden Euro niedriger eingeplant als die Versicherungsteuer mit 10,45 Milliarden Euro. Bei den Sozialabgaben würden die Reichen sogar prozentual weniger belastet als die Mittelschicht – ein recht seltener Fall auf der Welt (78).

Herrmann geht in weiteren Kapiteln dem Phänomen nach, warum sich die Mittelschicht so willig täuschen lasse. Als einen Grund nennt sie, dass die Nachkriegszeit und das Wirtschafswunder mental fortwirkten. Die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) habe die Selbstdeutung der Deutschen nachhaltig beeinflusst. Hierarchien oder der Klassenbegriff waren im Sprachgebrauch verschwunden und „Schichten“ wurden von „Milieus“ abgelöst. Teilhabe am Konsum sei maßgebend geworden. Dabei seien es nur verschiedene Arten gewesen, mit der eigenen Armut umzugehen – Armut sei Armut geblieben (86). Wenn Wut hochkomme, dann richte sie sich allein auf Manager und Politiker, aber nicht auf Millionäre oder Milliardäre.

Ein weiteres Element des Selbstbetrugs sei die Bildung oder wenigstens die Hoffnung, dass zumindest die Kinder aus der Mittelschicht aufsteigen könnten. Schon im Kleinkindlebenslauf fände inzwischen „eine Art Wettrüsten“ statt. Der eigentliche Stress beginne aber mit der Schule bzw. der Schulauswahl. Der Massenandrang auf die Gymnasien entwerte das Abitur, das kein Erkennungszeichen der Eliten mehr sei, daraus erkläre sich der Drang vor allem besser Verdienender, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken. Die Mittelschicht-Eltern bemerkten gar nicht, dass sie sich auf einen Konkurrenzkampf einließen, den sie nie gewinnen könnten. Statt darauf zu drängen, dass die staatlichen Schulen besser ausgestattet werden, fordere die Mittelschicht Steuersenkungen, wovon vor allem die Eliten profitierten, und entzögen damit dem Staat noch die letzten Mittel für eine Bildung, die für mehr Chancengleichheit nötig wären.

Zwar habe es in der deutschen Mittelschicht schon immer Abstiegsängste gegeben. Der Krisendiskurs sei stets ein Medium bürgerlicher Selbstverständigung gewesen, neu sei jedoch, dass die Sorgen durchaus berechtigt seien. Gehörten 2000 noch 49 Millionen Menschen der Mittelschicht an, so waren es 2006 nur noch 44 Millionen. Gleichzeitig fand sich rund ein Viertel aller Bundesbürger in der Unterschicht wieder (121).

Ulrike Herrmann geht dem Phänomen dieses Abstiegs nach, den sie als „deutschen Sonderweg“ bezeichnet (123), denn ökonomisch seien etwa die fallenden Reallöhne nicht zu erklären (125). Ihr scheint das eine Frage der Mentalität zu sein. So sei es auffällig, wie stark sich die Deutschen immer wieder von dem Arbeitgeber-Argument beeindrucken ließen, die Löhne dürften kaum steigen, weil sonst die internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet sei.

„Die deutsche Mittelschicht nimmt ihren eigenen Verlust nicht wahr, weil sie sich nach unten abgrenzen kann“ (126), die Zuversicht, niemals zum Prekariat zu gehören, verleite die Mittelschicht, sich mental mit den Unternehmern zu verbünden.

Die Verachtung für die Unterschicht wachse sogar, je stärker der eigene ökonomische Status bedroht werde. Die Gesamtstimmung in Deutschland sei: „Wer arm ist, muss sich den Verdacht gefallen lassen, eventuell ein Betrüger zu sein“ (130). Dieser uralte und nicht nur in Deutschland verbreitete Generalverdacht sei mit der Agenda 2010 offizielle Regierungspolitik geworden, wie Ulrike Herrmann mit zahlreichen Belegen untermauert. Die Wirkung blieb nicht aus: Nach einer Erhebung des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer im Jahre 2009 meinten 47 Prozent der Bevölkerung, dass Langzeitarbeitslose „arbeitsscheu“ seien und sogar 57,2 Prozent nahmen an, dass sich Hartz-IV-Empfänger „auf Kosten der Gesellschaft ein schönes Leben machen“ (135).

Dem von manchen „Experten“ (Sarrazin, Nolte, u.a.) und vom „Boulevard“ erzeugten Zerrbild über die „Unterschicht“, von dem sich die Mittelschicht nobel abhebe, wurde durch massive Kampagnen mit absurden Rechenbeispielen untermauert, wonach sich Arbeitslose besser stellen als Arbeitsplatzbesitzer. „Statt wahrzunehmen, dass die eigenen Realeinkommen fallen, vermutet man lieber, dass die Hartz-IV-Empfänger zu viel kassieren“ (155). Das Spiel, das die Mittelschicht mit sich treiben lasse, funktioniere folgendermaßen: „Die Reichen rechnen sich arm, während die Armen reich gerechnet werden. Damit verkehrt sich die Wahrnehmung, was eigentlich Ausplünderung ist. Es sind nicht mehr die Unternehmer, die ihre Angestellten ausbeuten – stattdessen beuten angeblich die Armen die Mittelschicht aus“ (158).

Wenn die Mittelschicht aber erst einmal glaube, dass der Staat nur noch den Armen nutze, dann stimme sie auch Steuersenkungen zu, von denen tatsächlich nur die Begüterten profitierten.

„Umverteilung“ sei in Deutschland ein „Tabuwort“, aber es werde permanent umverteilt – bisher allerdings von unten nach oben (179). Die Finanzkrise verstärke den Umverteilungsprozess: Zum einen, weil der Staat das Vermögen der Eliten rettete, indem er die Banken gestützt hat. Zum anderen, weil der Staat dafür Schulden aufnehmen musste und diese Kredite wiederum vor allem von den Eliten gewährt würden, die dafür die Zinsen kassierten. Bisher sehe es ganz danach aus, dass die Mittelschicht alleine auf den Kosten der Finanzkrise sitzen bleibe.

Ulrike Herrmann liefert keine wissenschaftliche Analyse, sondern eine Streitschrift in aufklärender Absicht. Ihr Buch „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ ist ein journalistisch gut geschriebenes und eingänglig lesbares Buch. Es hält der herrschenden Ideologie „der Mitte“ einen Spiegel vor, aus dem sich ein realistisches Selbstbild der Mittelschicht widerspiegelt, das aber so gar nicht dem entspricht, was diese Schicht sich selbst einbildet und was ihr täglich von den mächtigen Eliten eingeredet wird.

Es bietet eine Fülle von Fakten und nachvollziehbaren Argumenten - gegen die Westerwelles, Sarrazins, Merkels und Scheuerls (Volksabstimmung gegen die Hamburger Schulreform).
(hn, korr. 02.02.11)

 

Westend Verlag, Franfurt/Main, 2010
TB, 223 Seiten

ISBN 978-3938060452,

16,95 €

 

 

 

Karl-Heinz Dellwo: Das Projektil sind wir

Karl-Heinz Dellwo – Das Projektil sind wir, der Aufbruch einer Generation, die RAF und die Kritik der Waffen. Dellwo war als Mitglied der RAF an der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm 1975 beteiligt und dafür 20 Jahre inhaftiert … Mit diesem kritischen, politisch reflektierten Lebensbericht stellt er sich der Debatte.

 

 

Dellwo: Das Projektil sind wir Nautilus, brosch., 10/2007 - 14,90 €

     
   

 

Kinder & Jugend

 
 

 

Päpste pupsen nicht – Alexander Smoltczyk

Smilla (ja, ihre Mutter hat den besagten Film gesehen) zieht mit ihren Eltern von Berlin nach Rom und wird dort in ein Abenteuer der besonderen Art verwickelt: sie und ihre Freundin Eloise nehmen einen Schwarm Stare über der Stadt wahr und finden nach und nach heraus, das dort, wo dieser Schwarm auftaucht, Menschen die Wahrheit sagen (und Berlusconi zugibt, ein Verbrecher zu sein).
Bei dem Versuch, dem Rätsel auf die Spur zu kommen, gelangen sie u.a. in den Vatikan, in dem Eloise wohnt, da ihr Vater als Kommandant bei der Schweizergarde arbeitet und stossen dort auf einige Merkwürdigkeiten...
Smoltczyk ist ein guter Kenner des Vatikans und neben vielen Informationen hierzu hat er gleichermassen einen spannenden Rom-Stadtführer für Kinder geschrieben in dem es auch an literarischen Anspielungen nicht mangelt.
Der Verlag hat zu dem Buch noch einen Stadtplan gedruckt, auf dem die Reise der beiden Mädchen gut nachzuvollziehen ist. Und natürlich wird auch der wahre Grund für den Papstrücktritt verraten … (av)

 


 

ab 10 Jahren

 

Dressler Verlag, 2013,

geb., 190 S.
978-3-7915-1928-9
€ 12,–

 

 

Rückblicke 2012-2014

 
 

 

Beste Bücher 2012 – das waren unsere Höhepunkte!

Normalerweise würde hier an erster Stelle Martin Suter erwähnt werden müssen - nur leider empfinde ich sowohl die Allmen-Krimis als ausserordentlichen Fehltritt als auch "Die Zeit, die Zeit" als letztlich unglaubwürdig und missraten: Ein immer (auch in seinen Fehltritten) stilsicherer und eleganter Fabulierer kriegt seine Themen nicht in den Griff ("Die Zeit...." - nicht einmal der scheinbare am Clou am Schluss kann diese Konstruktion retten!) und scheitert kläglich (warum bloss dieser extrem flache Agatha-Christie-Aufguss in Person des Adligen Allmen??).

Aber neben dieser Enttäuschung durch einen sehr geschätzten Autor bleibt noch genügend empfehlenswerte Literatur.
Nicht nur die AltmeisterIn Isabel Allende mit "Mayas Tagebuch" auch der Altmeister Henning Mankell mit "Erinnerung an einen schmutzigen Engel" (wieder ein historischer Afrika-Roman!) präsentieren durchdachte und wohlkomponierte schöne Unterhaltung - nein, es gilt auch Neues zu entdecken - wir empfehlen:

Zuerst, allen voran seien empfohlen:
Jaume Cabré mit seinem neuen Roman "Das Schweigen des Sammlers", dann der neuseeändisch-englische Autor Anthony McCarten mit "Ganz normale Helden", wie immer Wolf Haas, diesmal mit der "Verteidigung der Missionarsstellung", die beiden Buchpreis-KandidatInnen, Ursula Krechel (die verdiente Gewinnerin!) mit dem nüchternen, fast dokumentarischen "Landgericht" und Stephan Thome mit "Fliehkräfte", die lebhafte, offene aber auch verstehende Marion Brasch mit "Ab jetzt ist Ruhe" über ihre "fabelhafte" DDR-Familie und schliesslich der zurückhaltend-elegante Holländer, Gerbrand Bakken, diesmal mit "Der Umweg".

Daneben wollen wir die herausragenden Krimis des Jahrgangs 2012 nicht vergessen:
An erster Stelle sei Ihnen hier die grandiose Dominique Manotti ans Herz gelegt - in diesem Jahr mit drei Titeln herausgekommen: "Hartes Pflaster", "Die ehrenwerte Gesellschaft" und "Das schwarze Korps" - dann der Australier Peter Temple mit "Tage des Bösen", Christof Wackernagel mit dem München-Mali-Krimi "Der Fluch des Dogon" und schliesslich Merle Kröger mit dem beeindruckenden "Grenzfall", nach einem wahren Skandal in den frühen 90-er Jahren.

Und wir wollen es nicht versäumen, Sie auf jüngst erschienene grossartige Romane hinzuweisen, die jetzt erstmals als Taschenbuch angeboten werden können:
Das überzeugende Debut "Gegen die Welt" von Jan Brandt, "Die Filmerzählerin" von Hernán Rivera Letelier, "Der Mann, der Hunde liebte" von Leonardo Padura und "Die Larve" (Harry Holes neunter Fall) von Jo Nesboe. (hn)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

» Mayas Tagebuch

 

» Erinnerung an einen

    schmutzigen Engel

 

» Das Schweigen des

   Sammlers

 

» Ganz normale Helden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

» Gegen die Welt

 

 

nach oben

 

 
 

Erinnerung an einen schmutzigen Engel –
Henning Mankell

Eine junge Schwedin landet nach einer abenteuerlichen Fahrt nach Australien Anfang des letzten Jahrhunderts in Afrika, in der portugiesischen Kolonie Mocambique. Sie gerät in ein Bordell, nicht als Hure, sondern als Geliebte des Besitzers. Als sie nach seinem Tod Erbin dieses Hauses wird, muss sie sich in dieser archaischen, von Rassismus und kolonialer Gewalt gepägten Umgebung behaupten. Sie gewinnt die Frauen für sich obwohl sie doch erkennt: „Wir sind die ungebetenen Gäste“.
Mankel erzählt eine spannende, märchenhaft ausgeschmückte, aber in ihren Grundzügen wahre Geschichte. (mn)

 


Zsolnay, geb.,
349 S.
978-3-552-05579-7
21,90 €

 

 

 
 


Ganz normale Helden – Anthony McCarten

Dies ist eine ziemlich verrückte Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn mittels eines Internet-Spiels sucht und nun droht, sich in diesem Spiel zu verlieren.
Es ist die Fortsetzung von McCartens mittlerweile verfilmten "Superhero": Der krebskranke Bruder Donald ist verstorben, die Familie ist gezeichnet. Der 18-jährige Jeff hat die zerstrittenen Eltern gerade verlassen, der Vater findet im Internet seine Spur, die Mutter chattet mit einem Unbekannten, den sie für Gott hält. Jeff ist der große Star eines Online-Spiels. Auf der Suche nach ihm verbringt sein Vater Stunden in der virtuellen Welt und kommt ihm zwar immer näher - aber gleichzeitig spitzen sich in der wirklichen Welt dieser Familie die persönlichen und beruflichen Konflikte unaufhaltsam zu.
McCarten hat hiermit ein Buch zum Virus Spielsucht und gleichzeitig das Porträt einer trauernden, auseinandergebrochenen Familie geschrieben. Dabei spiegelt er die Einsamkeit der Einzelnen lange nur in ihren absurden Handlungen - das ist klug erzählt, mit trefflichen Dialogen und Selbstgesprächen, mit Witz, vielfach bitter und traurig, aber immer mit deutlichem Mitgefühl. Wieder einmal genial!
(mn / hn – siehe unten und auch » Englischer Harem unter
den CvO-Tipps)

Weiter unten: » Hand aufs Herz

 


Diogenes, geb.,
454 S.
978-3-257-06794-1
22,90 €

 

 

 
 

Gegen die Welt – Jan Brandt

Nicht nur für Exil-Ostfriesen (für die sowieso Pflichtlektüre) ein wunderbares Buch. Das Beste, was ich seit langem gelesen habe und alles danach war langweilig. Lakonisch, knochentrocken, ostfriesisch herber Humor. An etlichen Stellen habe ich laut gelacht. Passiert mir sonst nie. Nein, diese Typen. So genau beobachtet, so superb geschildert. Dabei kein Schenkelklopfer. Überhaupt nicht. Daniel Kuper (bei uns im Dorf gab´s mal einen Harm Kuper) ist ein tragisch trauriger Held, der tapfer den Kampf gegen sich und den Rest der Welt aufnimmt und scheitert. Dieser "Rest der Welt" hat es in sich. Ist immer von knapp bis völlig daneben und trifft doch ins Schwarze bzw. eben unseren Daniel.
Jan Brandt hat jahrelang an seinem Kosmos geschrieben. Alles, bis auf den kleinsten Satz, ist fein abgewogen und komponiert. Bei so einem dicken Buch ist keine einzige Zeile geschunden. Gut, die eingestreuten Experimente mit dem Druckbild muss man mögen und man kann sich fragen, ob die 80er Jahre tatsächlich so spiessig (Sie waren es!), ... doch was soll´s? Wer sich die Muße nimmt, dieses Buch zu lesen, wird bis zum überraschenden Schluß reich belohnt. Das muss einer erstmal hinbekommen, über hunderte von Seiten die Spannung halten und am Ende noch einen drauf zu setzen. Jan Brandt hat es geschafft. Alle Literaturpreise seien ihm gegönnt. Lesen! (Klaus Guhl)

 


DuMont-Taschenbuch,
928 S.
978-3-8321-6218-4
€ 12,99

 

 

nach oben

 

 
 

Hand aufs Herz – Anthony McCarten

Ein ziemlich heruntergekommener Autohändler ruft eine medienwirksame Werbeaktion aus, um sein marodes Geschäft zu beleben und ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen: Wer am längsten die Hand an einen schönen, imponierenden Geländewagen anlegen kann, der darf das Wertobjekt behalten. Unter dem Ansturm von Presse- und TV-Leuten versuchen 40 sehr unterschiedliche Menschen ihr Glück. McCarten erzählt diesen abstrusen Wettkampf in mal komischer, witziger, manchmal realistisch-trauriger und auch bitterer Weise, wie diese vom Leben vielfach gezeichneten, oft zu kurz gekommenen Menschen die Entbehrungen von Schlaf, Krankheiten und Erschöpfung zu überwinden trachten.
Ein Buch, mal zum Lachen, mal ganz still und traurig zum Nachdenken anhaltend - ein Buch in dem nichts glatt läuft, das dennoch Hoffnung aufkeimen lässt. Gekonnt. (mn)

 


detebe, Taschenbuch,
319 S.
978-3-257-24058-0
€ 10,90

     
 

Mayas Tagebuch – Isabel Allende

Dies ist die Geschichte einer jungen Frau, Maya, die bei ihren Großeltern aufwächst und nach dem Tod des Großvaters auf die schiefe Bahn gerät. Sie komt in ein Internat, flieht wieder und strandet in Las Vefas, wo sie Kurierin für einen heroinabhängigen Drogenhändler wird. Sie nimmt alles an Drogen, was sie kriegen kann und stürzt furchtbar ab.
Ihr Weg aus der Sucht und zu sich selbst, die Suche nach den Wurzeln und Geheimnissen ihrer Familie wird glaubwürdig und realistisch erzählt. Sie kommt auf eine kleine chilenische Insel und mühselig beginnt sie, in einer einfachen dörflichen Welt ihr Leben neu zu organisieren . Manuel, ein Freund der Großmutter, spielt in dieser Phase ihrer Entwicklung eine wichtige, hilfreiche Rolle - er selbst ist traumatisiert seit er einige Zeit in den Folterkammern des Militärs gefangen gehalten wurde.
Allende erzählt sehr ausführlich aber doch sehr spannend und direkt von diesem Ausbruch aus einem elenden Leben - die Hypotheken aus der Vergangenheit stellen eine immer wiederkehrende, schwere Bürde dar. Die Autorin ist eine erfahrene Könnerin - man beginnt das Buch, wird durch die schöne, etwas blumige Sprache eingenommen und mag das Buch ob der interessanten und wirklichkeitsnah erzählten Geschichte kaum mehr aus der Hand legen. (mn)

 


Suhrkamp, geb.,
445 S.
978-3-518-42287-8
€ 24,95

     
 

Das Schweigen des Sammlers – Jaume Cabré

Wie schon in seinem vorherigen Roman "Die Stimmen des Flusses" zelebriert Cabrè auch in seinem neuen Buch die filmschnitt-artige Erzählungsweise über einen Zeitraum von mehreren Jahrhundeten hinweg: Wir erleben die beklemmende Zeit der Naziherrschaft in Italien, das Erwachsenwerden des jungen Adrià, das entbehrungsreiche Leben des Geigenholzfachmannes Jachiam Mureda und die intrigante Welt des Antiquitätenhändlers, Felix Ardèvol. Die Szenen wechseln, wir springen in den Jahrhunderten - allmählich entfaltet sich ein scheinbar logisches Mosaik von politischer und familiärer Geschichte, die Spannung scheint auf den Höhepunkt zu treiben, doch der Autor hat immer noch neue Wendungen zu erzählen - was für eine Spannung, was für eine Welt!
Jaume Cabrés Bücher erfordern Muße, sie schenken uns aber eine unglaubliche Vielfalt von Erlebnissen und historischen Enthüllungen, die tatsächlich jedes Mal lange, lange Nachwirken. (hn)


 


Insel, geb., 845 S.
978-3-458-17522-3
€ 24,95


Der ebenso sehr empfehlenswerte Roman "Die Stimmen des Flusses" liegt bereits als Suhrkamp-Taschenbuch vor,
666 S.
978-3-518-46049-8
€ 9,99

 

 

Rückschau 2013:
Gute Unterhaltung in einem schwierigen Umfeld!

 

Die diesjährigen Nobel- und "Deutscher Buchpreis"-Preisträgerinnen, Alice Munro und Terézia Mora, sind mit Sicherheit keine "leichte Kost", sie erfordern Interesse und Durchhaltevermögen. Dabei gibt es keine Zweifel, dass sie ihr Handwerk verstehen – beide setzen bei ihren Leser_innen die Bereitschaft voraus, sich mit tieftraurigen und depressiven Befindlichkeiten ihrer Protagonisten auseinanderzusetzen.
Alice Munro hat ein Werk geschaffem , dass überwiegend im Fischer-Taschenbuch-Verlag erschienen ist (sie führen die wichtigsten Titel auch als handliche, kleine Geschenkausgaben): "Tricks" und "Tanz der seligen Geister" gehören zu den herausragenden Erzählungsen.
Terézia Mora ist für ihr letztes Buch "Das Ungeheuer" ausgezeichnet worden, es ist im Luchterhand-Literaturverlag erschienen. Wer die Autorin noch nicht kennt, greife zu ihren früheren Werken – sie sind als Taschenbücher bei btb und Rowohlt erschienen: "Alle Tage" (gibt es auch als gebundene Geschenkausgabe), "Seltsame Materie" und "Der einzige Mann auf dem Kontinent". Letzteres beinhaltet die Vorgeschichte des nun preisgekrönten Romans "Das Ungeheuer".

Neben diesen prämierten Büchern bietet 2013 wieder eine Fülle absolut guter, lesenswerter Romane mit einem hohen Unterhaltungswert und Erkenntnisgewinn. Wir möchten ihnen die folgenden Bücher ans Herz legen und Sie insbesondere zur Lesung mit unserem Lieblingsautor, Klaus Modick einladen.

 

 
   

 

2014 – Gute Bücher!

 

Aus der Fülle vieler schöner und anspruchsvollerer Romane des Jahres 2014 ragen sicher die Buchpreisträger hervor: Im Frühjahr Saša Stanišić auf der Leipziger Buchmesse mit dem Roman "Vor dem Fest", im Herbst Lutz Seiler mit "Kruso" für den Deutschen Buchpreis und schliesslich Patrick Modiano mit seinem vielfältigen Werk für den Literaturnobelpreis – allesamt gut lesbare Autoren (auch wenn es viele gute weitere KandidatInnen gab), die etwas mitzuteilen haben, die spannend und mit Tiefgang erzählen können.

 

Neben diesen deutschsprachigen Autoren möchten wir ihnen die neuen Romane von Dave Eggers, Ulla-Lena Lundberg und NoViolet Bulawayo ans Herz legen – allesamt spannende, auffällige Autoren, die viele Leserinnen und Leser verdienen.

 

Ein Versäumnis aus dem Jahre 2013 möchte ich noch korrigieren – ein Roman, der mich so in den Bann gezogen hat wie schon lange kein zweiter: Der wiederentdeckte und erstmalig auf deutsch erschienene Roman von John Williams, "Stoner" (gerade jetzt im November auch als Taschenbuch erhältlich)! Das ist der nüchterne, einfache aber faszinierende Roman vom Leben eines Literaturprofessors, dem Scheitern seiner Ehe, seines Familienlebens und den Querelen im Uni-Kollegium, der sein Glück in der Liebe zur Literatur findet – dabei in allen Einzelheiten treffend geschildert, da ist kein Wort zuviel, spannend trotz des vorhersehbaren Verlaufs.

 

 

 

 


Saša Stanišić:
Vor dem Fest Luchterhand, 320 S., geb., 19,99 €
9783630872438

 

Seiler, Lutz:
Kruso Suhrkamp Verlag, gebunden, 22.95 €
9783518424476

 

Eggers, Dave:
Der Circle Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 22.99 €
9783462046755


Lundberg, Ulla-Lena:
Eis mareverlag gebunden, 24.00 €
9783866482067


Bulawayo, NoViolet:
Wir brauchen neue Namen
Suhrkamp, geb., 21.95 €
9783518424513


Williams, John:
Stoner DTV, 9.90 €, TB
9783423143950

   

 

nach oben