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Unsere letzte Veranstaltung

 

Lesung und Buchvorstellung

mit Christa Iversen
Sechs Wochen
auf der Scholle


 

 

 


 

 

   

Für einen entspannten Sommer!

 

 
 

 

 

Jesmyn Ward

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt 

Die am Mississippi 1977 geborene afroamerikanische Autorin Jesmyn Ward wurde bereits für ihren ersten Roman "Vor dem Sturm"
(siehe unsere Besprechung) mit dem renommierten "National Book Award" ausgezeichnet. Für ihren jetzt auf Deutsch veröffentlichten zweiten Roman bekam sie ihn als erste Frau ein zweites Mal – das zeigt deutlich, dass mit Jesmyn Ward eine außergewöhnliche Schriftstellerin zu entdecken ist.

Was für eine bewegende Geschichte! Poetisches und Mystisches, brutales Elend und unbändige Hoffnung auf Glück, Geister und Magie, Archaisches und Gegenwärtiges, Leben und Tod – sie liegen in Jesmyn Wards Roman „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt!“ ganz nah beieinander. Mit seinen Bildern und Lebensgeschichten aus einer uns zutiefst fremden, dabei kulturell wie zeitlich eigentlich doch nicht fernen Welt ist dieser Gesang von Lebenden und Toten eine bleibende Leseerfahrung.

Spätestens seit der Kampagne "Black Lives matte",  ist der offene und der versteckte Rassismus in den USA zu einem Tagesthema geworden, nicht zuletzt die Nazi-Aufmärsche und Debatten rund um Charlottesville in den USA im vergangenen Jahr, die aktuelle Relevanz von Romanen über die Zeit des Sklavenhandels wie Colson Whiteheads "Underground Railroad". Oder über das gefürchtete Straflager Parchman Farm bei Ward, längst verewigt im klagenden Blues von Bukka White. Virulent war er schon immer und er gehört bis heute zum Alltag des Südens. Jesmyn Wards zweiter Roman zeigt das überdeutlich.

Bois Sauvage ist der Name des fiktiven Ortes, an dem die Figuren dieses Romans zu Hause sind. Er klingt nach Hitze und nach Feuchtigkeit, nach wilden Tieren auch. Es ist ein Ort, an dem ein schwarzer Junge, der eine Wette gewinnt, vom weißen Verlierer erschossen werden kann, und ein Gericht entscheidet, es war ein Jagdunfall. Ein Ort, an dem dieser Junge seiner Schwester, wenn sie high ist, was häufig vorkommt, nach seinem Tod als Geist erscheint. Es ist ein Ort, an dem Menschen verschiedener Hautfarben, wenn sie jung sind, miteinander schlafen und sich lieben, weiße Menschen aber, wenn sie älter sind, darauf mit großem Hass reagieren. Das erfundene Bois Sauvage liegt im echten Mississippi.

Im Mittelpunkt ihres Buches steht eine arme afroamerikanische Familie, die nahe der Golfküste von Mississippi in einem schäbigen Holzhaus mitten im Wald lebt: Die Großeltern, Mam und Pop, Tochter Leonie und deren zwei Kinder, der 13jährige Jojo und seine kleine Schwester Kayla. Großvater Pop hält den Haushalt zusammen, denn seine Frau liegt sterbenskrank im Bett und kann sich um nichts mehr kümmern. Tochter Leonie, Kellnerin in einer Bar, ist drogenabhängig und vernachlässigt ihre Kinder. Sie überlässt es Jojo, sich um seine kleine Schwester zu kümmern. Michael, der weiße Vater, sitzt in dem berüchtigten Gefängnis, Parchman Farm. Jetzt soll er entlassen werden und Leonie bricht mit einer Freundin und den beiden Kindern auf, um ihn abzuholen. 

Im Unterschied zu ihrem ersten Roman, der von einem jungen Mädchen erzählt wird, hat Jesmyn Ward ihre Geschichte diesmal auf mehrere Stimmen verteilt. Wir hören dem Jungen Jojo zu, der seinen Großvater liebt, an seiner kleinen Schwester hängt und von seiner Mutter enttäuscht ist. Er entlockt seinem Großvater im Laufe des Romans die Geschichte seines Gefängnisaufenthalts. Der wurde mit 15 unschuldig zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Dort trifft er auf den zwölfjährigen Richie, der hungrig Essen gestohlen hat und dafür zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wird. Er versucht, letztlich erfolglos, das Kind vor den brutalen weißen Aufseher zu schützen. Dieser Richie ist die zweite Stimme im Roman. Er erscheint Jojo als Geist und verlangt Aufklärung über seinen Tod.

Die dritte Stimme gehört der Mutter, Leonie. Sie kommt nicht darüber hinweg, dass ein weißer Junge ihren geliebten älteren Bruder kaltblütig und vorsätzlich ermordet hat und ungestraft davongekommen, weil der Sheriff, Michaels Vater, den Mord als Jagdunfall deklariert hat. Leonie betäubt ihre Erinnerungen mit Drogen.

Mit großer Zuneigung schildert Jesmyn Ward ihre Figuren. Sie beschreibt sie so lebensnah, dass man meint, sie vor sich zu sehen. Nüchtern, zurückhaltend erzählt Jesmyn Ward die Geschichten alltäglicher rassistischer Demütigungen - es sind erschreckende Bilder einer allgegenwärtigen weißen Arroganz und Gewalt, eines schwarzen Ohnmachtgefühls angesichts weißer Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit. Der Roman ist eine große poetische Hymne auf großväterliche Zuneigung und Abgeklärtheit und einen mutigen, wissbegierigen Jungen, der seine kleine Schwester zärtlich liebt und versucht, sie zu schützen. Ein Roman, der bewegt, ohne kitschig zu sein – und der allen Widrigkeiten zum Trotz das Leben feiert.

(hn)

 

 

 

Roman, aus dem Amerikanischen von Ulrike Becker
Kunstmann Verlag, München 2018
300 S., geb., 22,- €
ISBN 978-3-95614-224-6

 

 

 


Matt Ruff

Lovecraft Country

Der Koreaveteran Atticus Turner sucht in den USA des Jahres 1954 nach seinem Vater. Das Verhältnis zu diesem ist zwar von jeher angespannt, doch als Atticus die Nachricht vom Verschwinden des Vaters erreicht, macht er sich unverzüglich auf die Suche. Er wird von seinem Onkel George, dem Verfasser des Reiseführers „Safe Negro Travel Guide“ und seiner Jugendfreundin Letitia begleitet. Die Reise führt von Chicago in den Bundesstaat Massachusetts, nach Lovecraft Country, einem Ort in Neuengland, mit den schärfsten Rassengesetzen in den USA. Ihren Spitznamen verdankt die Gegend dem Autor H. P. Lovecraft. Viele seiner Gruselgeschichten spielen hier, an fiktionalen Orten.

Doch die Gefahr lauert für den Schwarzen Atticus Turner und seine Begleiter eher am Strassenrand:  sie müssen sich vor dem Sheriff, einem Weißen, in Acht nehmen. Wie durch ein Wunder entkommen sie dessen Angriffen und gelangen bis zum Anwesen der Braithwhites. Hier tagt eine rassistische Geheimloge, mit deren Hilfe Braithwhite junior nichts weniger als die höchste Macht anstrebt. Die Ironie dabei: Die durchgehend weißen Kultisten brauchen ausgerechnet Atticus, um einen verstorbenen, äußerst mächtigen Großmeister ihrer Loge wieder zum Leben zu erwecken. Und so steht der junge Schwarze plötzlich im Mittelpunkt eines magischen Rituals.

Dieser erste Kontakt mit den "Söhnen Adams", wie sich die Loge nennt, ist nur der Auftakt zu einer Serie von Abenteuern, in denen Atticus und seine Familie mit diversen übernatürlichen Phänomenen konfrontiert werden. Vom Spukhaus über magische Folianten bis hin zum Körpertauschzauber: Der Autor bedient sich großzügig aus dem Repertoire des Horror-Genres. Alle fantastischen Elemente unterstreichen stets den sozialkritischen Grundton des Romans. Besonders augenfällig wird dies in einer Episode, in der Ruby, der Schwester von Letitia, ein Zaubertrank zugespielt wird. Dieser verwandelt sie für kurze Zeit in eine Weiße. Für Ruby tut sich plötzlich eine ganz andere Welt auf, sie kann sich frei bewegen, wird respektvoll behandelt und ernst genommen. Aber dann stößt sie an einer Straßenecke mit einem angetrunkenen Polizisten zusammen, und erst der Verlauf dieser Begegnung zeigt ihr das wahre Maß an Macht, die sie als Weiße im rassistischen Amerika über Schwarze hat.

Als Letitia in ein altes Anwesen in einer weißen Gegend zieht, hat sie, die Pionierin, nicht nur mit dem Widerstand der Nachbarinnen und Nachbarn zu kämpfen: Der ehemalige Besitzer, der als Geist durchs Haus spukt, ist ebenfalls Rassist. Mit allen Mitteln versucht er, die neue Bewohnerin zu vergraulen …

Mit subtilem Humor lockert der Autor seine Geschichten auf und leitet die Charaktere durch die Handlung, deren Stränge sich immer wieder treffen, ehe es zum Showdown kommt. Trotz des schwierigen Themas ist es Kultautor Matt Ruff gelungen, ein unterhaltsames Buch zu schreiben.

(av)


 

 

Roman, Übersetzung: Anna + Wolf Heinrich Leube
432 Seiten, Hanser Verlag
München 2018, 24,- €
ISBN 978-3-446-25820-40

 

 

 

 

 

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Peter Nichols

Die Sommer mit Lulu

Der Roman beginnt mit dem Ende der Geschichte. Jahrelang ist Lulu Gerald aus dem Weg gegangen. Obwohl sie beide auf Mallorca leben, war es durch den unterschiedlichen Tagesablauf der beiden möglich, sich nicht zu begegnen. Als es dann doch passiert, versucht Gerald erneut, die Geschehnisse, die vor über fünfzig Jahren zum Bruch geführt haben, zu erklären. „Du hast den Film nie entwickeln lassen?“ fragt er sofort, als er die Gelegenheit hat. Doch Lulu bleibt abweisend, will fliehen, strauchelt und stürzt mit Gerald, der sie auffangen will, die Klippen hinunter.

Als Leser möchte man zu gerne wissen, was bloß passiert ist, was ist mit diesem Film? Zu diesen Ereignissen kommt Peter Nichols aber erst am Ende des Romans und bis dahin ist es fast schon nebensächlich geworden. In großen Schritten rückwärts durch die Zeit erzählt er vom Leben der beiden und ihrer Kinder. Die elegante, unabhängige Lulu betreibt eines der ersten Hotels auf Mallorca, Gerald bleibt auf seiner Segelreise dort hängen und lebt von einem alten Olivenhain.

Durch die besondere Erzählweise wirkt es um so mehr. Mallorca wird mit jedem Rückblick wieder ursprünglicher, unbebauter und frei. Wie bei den Hauptpersonen des Romans, alles ist offen, die Zukunft noch ungewiß …

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Eine unterhaltsamer Familienroman vor interessanter Kulisse mit einer leichten, unaufgeregten Spannung bis zum Schluß.

(bm)

 

 

Roman, Übersetzung Dorothee Merkel
Goldmann TB, München 2018, 12,- €
978-3-442-48585-73

 

 

 

 

 

Jessie Burton

Das Geheimnis der Muse

Ende der sechziger Jahre schlägt sich Odelle, die aus Trinidad nach London gekommen ist, mehr recht als schlecht als Schuhverkäuferin durch, bis sie einen Job in der renommierten Kunstgalerie Skelton bekommt. Sie leidet als farbige Frau unter der Zwei-Klassen-Gesellschaft und möchte gerne, dass ihre Geschichten veröffentlicht werden und sie als Schriftstellerin leben kann. Zwischen ihr und der selbstbewußten Chefin der Galerie, Marjorie Quick entwickelt sich eine Freundschaft, denn Quick erkennt Odelles Potential sehr schnell. Gleichzeitig lernt sie einen jungen Mann auf einer Party kennen, durch den sie und die Galerie in die Geschichte eines lang verschollenen Gemäldes verstrickt werden.

Ein zweiter Erzählstrang des Buches erzählt von Olive, die 1936, am Vorabend des spanischen Bürgerkriegs, mit ihren Eltern nach Andalusien kommt. Ihr Vater ist ein jüdischer Kunsthändler und wird auf einen jungen, spanischen Maler im Dorf aufmerksam. Durch die Begegnungen mit dem jungen Maler und Revolutionär Isaac fängt Olive an, sich mehr Gedanken um die politischen Geschehnisse um sich herum zu machen. Außerdem ist sie selbst eine begabte junge Malerin, die aber von ihrem Vater nicht anerkannt wird, weil sie eine Frau ist.

Jessie Burton schafft es, mit ihrem Schreibstil einen atmosphärisch dichten und spannenden Roman zu schreiben.

Ein wunderbarer Roman, der überall gelesen werden will: am Strand, in der Hängematte oder abends auf dem Balkon.

(av)

 

 

 

Roman, Übersetzung
Peter Knecht
insel taschenbuch, Berlin 2018
461 Seiten, 14,95 €
ISBN: 978-3-458-36329-3

 

 

 

 

Nina Lykke

Aufruhr in mittleren Jahren

In Ingrid brodelt es gewaltig. 25 Jahre hat sie alles gegeben, für ihre Familie, als Lehrerin, immer erreichbar und bereit zu helfen. Aber nun, Anfang fünfzig reicht es ihr. Sie will nicht mehr für ihre erwachsenen Söhne waschen, die noch zuhause wohnen um ihr Geld in Aktien zu investieren. Und als ihr Mann auch noch eine Affäre mit seiner Kollegin Hanne beichtet, beschließt Ingrid, neu anzufangen.

Dieses Buch wird aus den verschiedenen Perspektiven von Ingrid, Jan und Hanne beschrieben. Keiner ist mit sich im Reinen. Die Zeit verrinnt und Lebenspläne wurden noch nicht verwirklicht, und so kämpfen sie verbissen um ihr Stück vom Glück. 

„Aufruhr in mittleren Jahren“ ist kein klassischer Beziehungsroman. Die Geschichte zeigt vielmehr auf, was geschieht, wenn die Kommunikation nicht mehr da ist und jeder in seine eigene Welt flüchtet. Die Autorin schildert ziemlich direkt und unverblümt wie sich die Leben der beteiligten Personen verändern und was der Bruch der langjährigen Beziehung aus Ingrid, Jan, den beiden Söhnen, aber auch aus Hanne macht.

Ein gut geschriebener pointierter Roman!

(bm)

 

 

 

Roman, aus dem Norwegischen von Kronenberger, Ina &
Kall, Sylvia
Verlag Nagel & Kimche
2018, 269 S., geb., 20,- €
ISBN 978-3-312-01060-8

 

 

 

 

Thorsten Nagelschmidt

Der Abfall der Herzen

"Wann hast du eigentlich aufgehört, mich zu hassen?"
"Als du mir den Brief geschrieben hast."
"Was für einen Brief?"
Und er beginnt sich zu fragen, was er sonst noch vergessen hat von diesem Sommer 1999. 

Nagel lebte damals in seiner ersten WG, hielt sich mit Nebenjobs über Wasser und verschwendete kaum einen Gedanken an die Zukunft. Damals, als ein Jahrhundert zu Ende ging, man im Regional-Express noch rauchen durfte und nur Angeber ein Handy hatten. Dann änderte sich alles, plötzlich und unvorhergesehen verwandelte sich seine Welt in einen Scherbenhaufen. Thorsten Nagelschmidt hat einen Roman über Liebe, Freundschaft und Verrat geschrieben. Über einen letzten großen Sommer und die Spurensuche 16 Jahre später.

Thorsten Nagelschmidt, geboren 1976 im Münsterland, ist Autor, Musiker und Künstler. Bis 2009 war er Sänger, Texter und Gitarrist der Band "Muff Potter". Unter dem Namen Nagel veröffentlichte er die Bücher "Wo die wilden Maden graben" (2007), "Was kostet die Welt“ (2010) und "Drive-By Shots" (2015). Thorsten Nagelschmidt lebt in Berlin (… soweit der treffliche Klappentext).

Thorsten Nagelschmidt taucht ein die Zeit seiner Jugend, besucht die alten, teilweise fast vergessenen Freundinnen und Freunde, lässt die Zeit der 90-er Jahre wieder aufleben - mit erzählerischem Geschick schafft er Spannung, Witz, Nähe und Tiefe, lässt uns die Leichtigkeit und Schwere des Erwachsen-Werdens spielerisch und nachdenklich neu erleben.

(hn)

Thorsten Nagelschmidt kommt am Mittwoch, den 12. September um 19:30 Uhr zu uns nach Flensburg – in Kooperation mit dem Kulturzentrum Volkbad veranstaltet unsere Buchhandlung diese Buchvorstellung. Ort: Volksbad, Schiffbrücke 67

 

 

Roman,  445 Seiten
S.-Fischer-Verlag
Frankfurt 2018, geb., 22,- €
ISBN 978-3-10-397347-1

 

 

 

Verena Carl

Die Lichter unter uns

„Die Lichter unter uns“ erzählt die Geschichten zweier Familien, die sich in ihrem Urlaub in Taormina begegnen und sich näher kommen. Das Ehepaar Anna und Jo verbringt mit ihren beiden Kindern ihren Urlaub an dem Ort, der für die Eltern als Ziel ihrer damaligen Hochzeitsreise eine besondere Bedeutung hat. Von der großen Liebe und Leidenschaft der damaligen Zeit ist nicht mehr viel übrig geblieben, alles ist anders. So kommt es, dass sich eine zufällige Begegnung von Anna und Alexander, einem anderen Urlaubsgast, zu einem Wendepunkt für die Mutter entwickelt.

Verena Carl beschreibt in ihrem Roman "Die Lichter unter uns" das Leben eines Ehepaares, das sich selber aus den Augen verloren hat und in eine jeweils eigene Scheinwelt geflohen ist. Die Gemeinsamkeiten sind rar geworden. Die eigene Unzufriedenheit treibt Anna dazu, sich in die scheinbar perfekte Welt des reichen Alexanders zu wünschen, dessen Leben so erstrebenswert scheint. Sie erfährt den Unterschied zwischen Schein und Sein und beginnt ihr bisheriges Leben in Frage zu stellen. 

Ein gut zu lesender nachdenklicher Roman.

(mn)

 

 

 

Roman, 320 Seiten
S.-Fischer-Verlag
Frankfurt 2018
geb., 20,- €
ISBN 978-3-10-397363-1

 

 

 

Lynne Sharon Schwartz

Alles bleibt in der Familie

„Alles bleibt in der Familie“, ein vergnüglicher, aber nie oberflächlicher New-York-Roman: Wir befinden uns in der Upper West Side in New York, in einem riesigen Haus, in dem die ganze Familie untergebracht ist. 
Dies ist auch nach zwanzig Jahren seit der Originalausgabe eine durchaus aktuell anmutende Patchwork-Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt die einen Cateringservice betreibende Bea steht, die die ganze Familie – inklusive der weiteren Ehefrauen ihres Ex-Mannes – in einem Haus zusammenhält. Weil sie es so will. 

Sie hat für jeden immer ein offenes Ohr. Besonders und vor allem immer noch für ihren Exmann Roy, den Psychiater, der immer wieder einen Rat von seiner ersten Ehefrau braucht. Bea hat nach Roy ebenfalls wieder eine Liebe gefunden, den Hauswart Dmitri aus Russland. Die zweite Ehefrau von Roy heisst Serena. Sie ist die Exfrau eines Patienten von Roy. Beas Schwester May hat sich aber ebenfalls in Serena verliebt, die Künstlerin spannt Roy also die Frau aus und die beiden sind glücklich verliebt. Sie sind das einzige gleichgeschlechtliche Paar in der Familie. Nach Serena findet Roy allerdings erneut eine Frau, die Lehrerin seiner Tochter Sara. Sara nennt sich aber nicht mehr Sara sondern Shimmer, das hört sich cooler an. Saras Lehrerin Lisa heiratet also Roy und rutscht etwas ungewollt ebenfalls in die grosse Familie hinein. Sara hat einen Bruder, der Danny heisst und eine kleine Identitätskrise hat. Sara und Danny haben noch zwei weitere Halbgeschwister, auch hier ist Roy der Vater, die Mutter war eine Prostituierte aus Vietnam. Die Zwillinge heissen Jane und Tony, die mitfühlende Bea hat sie nach dem Tod deren Mutter in die USA geholt und adoptiert, Tony und Jane gehören also längst dazu.

Ziemlich leicht fällt es Serena, Roy zu einem weiteren Beischlaf zu überreden, weil sie und May sich ein gemeinsames Kind wünschen. Am gleichen Tag, im gleichen Krankenhaus bringen schließlich Lisa und Serena ihre Kinder auf die Welt, Frau Nummer zwei und Frau Nummer drei; und beide Kinder sind von Roy (am Ende des Buches hat er sechs Kinder von vier Frauen). Und, ach ja, auch Tony, Roys erster, unehelicher Sohn, wird in diesen Stunden Vater.

Die tragischste Entwicklung darin ist noch, dass Beas Mutter Anna langsam vergesslich wird. Sie ist eigentlich die Hausherrin, die schon seit Ewigkeiten in diesem Haus lebt und nun zunehmend Gedächtnislücken aufweist. Sie ist mit einer unverschämten Direktheit ausgestattet und sorgt für so manche Pointe. Anna liebt Oscar, den Hausportier, der seine Arbeit sehr ernst nimmt. Das hindert sie allerdings nicht daran, mit einem Auftritt in einer Talkshow zu liebäugeln (Bea würde sagen: zu drohen), bei der es um One-Night-Stands gehen soll. 

„Eine Großstadtkomödie“ heißt Lynne Sharon Schwartz’ im Original 1999 erschienener Roman „Alles bleibt in der Familie“ („In the Family Way“) im Untertitel. Und genau das ist er. „Alles bleibt in der Familie“ ist eine Farce aus dem Leben wohlhabender New Yorker, ein ironischer, manchmal ein wenig sarkastischer, aber doch auch sommerleichter Roman. Nie wirkt er überkandidelt, ist gleichsam geerdet, nicht zuletzt durch Matriarchin Bea. 
Man sieht Bea vor sich, wie sie kocht, organisiert, sikch kümmert. Sich um ihre Mutter und ihre Kinder sorgt und trotz allem um ihren Ex-Mann. Man sieht Roy vor sich, den egoistischen Charmeur, der seinen Psychotherapeuten-Jargon auspackt, wenn es für ihn eng wird.


Mit einer Übersetzung des haargenau beobachteten, den Details einer langsamen Liebesabnutzung nachspürenden Eheromans „Für immer ist ganz schön lange“ hat der Verlag Kein & Aber die 1939 geborene New Yorkerin Lynne Sharon Schwartz dem deutschen Publikum vorgestellt (1991 machte rororo schon einen Versuch in der Reihe „neue frau“, „Feldstörungen“ist aber längst vergriffen).

(mn/hn)

 

 

 

Roman, 480 Seiten
Kein + Aber, Berlin - Zürich
2017, geb., 24,– €
ISBN 978-3-0369-5756-2

 

 

 

 

Mareike Krügel

Zelten mit Meerschwein

Für Anton, fast neun, stehen die Sommerferien vor der Tür und er freut sich auf den Urlaub mit seinem Vater und darauf, vor den anderen Kindern in der Schule, seine Ruhe zu haben. Doch als er am letzten Schultag zu seiner Mutter nach Hause kommt, ruft ihn sein Vater an, um ihm mitzuteilen, dass er arbeiten muss und die gemeinsamen Ferien der beiden ins Wasser fallen. Sein Vater ist Journalist und muss ins Ausland reisen, um Geld zu verdienen. Eigentlich muss seine Mutter auch arbeiten, aber da sie ihren Job sowieso in ein paar Wochen verlieren wird, beschliesst sie kurzerhand, lieber mit Anton zelten zu gehen, als weiterhin zur Arbeit.
Gesagt, getan, wird das alte Zelt vom Dachboden geholt, die Rucksäcke gepackt und beide marschieren los, Richtung Campingplatz und See.

Mit von der Partie ist Antons Meerschweinchen Pünktchen. Als die beiden nach einem langen Fußmarsch beim Campingplatz ankommen, werden sie von dem unfreundlichen Campingplatzbesitzer abgewimmelt, denn der Platz ist voll. Anton findet das gar nicht so schlimm, denn es sind ihm dort sowieso viel zu viele Kinder und auch ein zu großes und lautes Getümmel.

eine Mutter gibt nicht auf. Beide streifen durch den nahegelegenen Wald, bis sie eine kleine Lichtung für ihr Zelt gefunden haben. Zelten im Wald ist zwar verboten, aber für Antons Mutter die einzige Möglichkeit, um doch noch Ferien mit Anton und Pünktchen zu machen. Anton gefällt es ziemlich gut im Wald. Es gibt Mineralwasser aus der Flasche und Kekse direkt aus der Packung und der letzte Apfel wird durch drei geteilt. Er baut für Pünktchen einen Parcours aus Zweigen und fängt an zu schnitzen. Sie dürfen natürlich nicht entdeckt werden, doch das ist gar nicht so leicht. Als Erstes werden sie von Otto, einem kleinen Hund, gefunden, der sie von da an jeden Morgen besucht, um sich einen Keks abzuholen. 

Dann trifft Anton bei seinen Erkundungstouren durch den Wald auf Liane. Die raubeinige Liane will ganz genau wissen, was mit Anton los ist und steht ihm zur Seite, als erst Pünktchen und dann auch noch Antons Mutter verschwinden …

Mareike Krügel ist eine zarte und humorvolle Sommergeschichte gelungen, die durch die wunderbaren Zeichnungen von Nele Palmtag ergänzt wird.

(av)

 

 

 

Beltz und Gelberg Verlag
geb., 158 Seiten
Weinheim 2018, 12,95 €
ISBN 978-3-4078-2352-6
(ab 8 Jahre)

   

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