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Hier stellen wir Ihnen laufend unsere neuesten Lieblinge vor und informieren Sie über unsere regelmäßigen Veranstaltungen.

 

Aber natürlich können Sie hier auch nach Ihren Wunschtiteln suchen und sie bestellen.

Haben Sie Anregungen, Kritik, wollen auch mal ein Lob loswerden? Wir hören Ihnen gerne zu:

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Wir wünschen einen schönen, geruhsamen Jahresausklang – und

einen guten Rutsch

nach 2018!

 

 

 

 


 

 

   

Bewegt im Bücher-Meer des Jahres 2017:

Viel Denken, bitte!

Ein bewegendes Bücherjahr geht zu Ende - einige herausragende Bücher werden bleiben. Zwei dieser Bücher, die viele Diskussionen in diesem Jahr bestimmt haben, verdienen es, besonders hervorgehoben zu werden: Paul Austers "4 3 2 1" und Didier Eribons "Rückkehr nach Reims". Daher stehen sie hier noch einmal am Anfang unserer diesjährigen Buchempfehlungen.
Darüberhinaus stellen wir hier die Lieblingsbücher unserer Buchhandlung vor – Kleinode, die es noch nicht ins grosse Rampenlicht geschafft haben – es aber allemal verdienen!

 

 
 

 

 

Paul Auster

4 3 2 1 

Wie der Titel "4 3 2 1" bereits andeutet, spaltet Auster Fergusons Geschichte auf. Genauer gesagt: Er erzählt in vier parallelen Strängen viermal das Leben des Archibald Isaac Ferguson. Wir haben es hier nicht mit einem Coming of Age- und Bildungsroman zu tun, sondern gleich mit vieren. Da ist es, das Auster’sche Urmotiv des Zufalls. Die Grundidee des Romans formuliert ironischerweise der sechsjährige Ferguson selbst, kurz nachdem er sich bei einem Sturz von einem Baum ein Bein gebrochen hat:

"Was für ein interessanter Gedanke, dachte Ferguson: sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. Derselbe Junge in einem anderen Haus mit einem anderen Baum. Derselbe Junge mit anderen Eltern. Derselbe Junge mit denselben Eltern, die aber nicht dieselben Dinge täten wie jetzt. Was, wenn er von demselben Baum gefallen wäre und sich nicht ein, sondern beide Beine gebrochen hätte? Was, wenn er dabei gestorben wäre? Ja, alles war möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auch auf eine andere Weise geschehen könnte." 

Doch andererseits zeichnet Auster in vielen Passagen in aller Breite das Bild einer aufbegehrenden Generation. Angefangen von der Ermordung Kennedys über den Vietnamkrieg bis hin zu den blutigen Rassenunruhen in Newark im Jahr 1967 lesen wir in "4 3 2 1" von jungen Menschen, die von den Ereignissen überrollt werden und denen nach und nach das Grundvertrauen in ihr Land entzogen wird.
"Sie waren anders als die Jahrgänge über ihnen – aggressiver, ungeduldiger, eher bereit, sich zu erheben und gegen Dummheit, Selbstgefälligkeit und Ungerechtigkeit zu kämpfen. Während die meisten älteren Studenten immer noch an das glaubten, was ihnen in den Fünfzigern eingetrichtert worden war, begriffen Ferguson und seine Freunde, dass sie in einer irrationalen Welt lebten, in einem Land, das seine Präsidenten ermordete, Gesetze gegen die eigenen Bürger erließ und seine jungen Männer in sinnlosen Kriegen sterben ließ." 
Die Politisierung durch Vietnam-Krieg und Bürgerrechtsbewegung ist der äußere Antrieb für die Fergusons: Wenn die Welt brennt, wird man selbst entflammt. 

In jeder der einzelnen Geschichten ist der Protagonist, Spross einer osteuropäischen, jüdischen Familie, derselbe und nicht derselbe. Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob Archie vaterlos aufwächst, ob die Familie in der Provinz oder in New York lebt, ob sie mit ihrem Unternehmen (Elektrowaren) zur Upperclass zählt oder schleichend verarmt. Das hört sich kompliziert an und ist es zunächst auch. Der Roman, der in den fünfziger und sechziger Jahren spielt, stößt einen anfangs gnadenlos in die Verwirrung. Man darf ihn nicht für längere Zeit weglegen, sonst weiß man nicht mehr, mit welchen der vier Archies man es zu tun hat, mit dem angehenden Journalisten, mit dem Schriftsteller oder Lyriker, mit dem Archie, der sich als Kind den Arm gebrochen hat, oder dem, der bei einem Autounfall zwei Finger verloren hat, mit dem Archie, der auch mit anderen Jungs schläft und sich ansonsten mit Prostituierten vergnügt, oder dem, der eine eher langweilige und glückliche Langzeitbeziehung hat. Die Konfusion ist natürlich Absicht, denn Auster führt ein Experiment vor: Wie sehr verändert sich der Charakter eines Menschen mit den Umständen, in denen er lebt? Die Antwort lautet: völlig und so gut wie gar nicht.

Völlig, denn schon kleine Veränderungen wie eine etwas stärkere Eigensinnigkeit, Unausgeglichenheit und Risikobereitschaft, die den vaterlosen Archie auszeichnen, ziehen andere Marotten, andere Freunde und Geliebte nach sich, andere Sexpraktiken und andere Abgründe. Alle Archies haben zwar etwas mit Amy Schneiderman, der Tochter von Freunden seiner Eltern – die aber jedes Mal anders auf ihn reagiert, denn mit dem einen passt sie besser zusammen als mit dem anderen. Der Charakter Archies ändert sich durch kleine Nuancierungen für andere völlig. Und gleichzeitig überhaupt nicht.

Die heranwachsenden Archies pubertieren mit der gut bekannten Quälerei, der Dauerunruhe und Sexbessenheit, der Sportbegeisterung, dem Baseball als Sex-Ersatz, der Selbsterniedrigung und Selbstüberschätzung. Und jede oder jeder neue Geliebte ist natürlich die größte Liebe des Universums, eine Liebe, wie es sie niemals gegeben hat und nie wieder geben wird, und nach ein paar Wochen ist sie auch wieder ganz vergessen und zur belanglosen Episode geschrumpft. Sie leben mit glühendem Hass auf die Eltern und mit weinerlicher Anhänglichkeit an sie. Mit störrischem Eifer, das Leben eigenständig zu führen, und der Einsamkeit von Langstreckenläufern. Mit dem Sehnen, in jedem Augenblick des Lebens "ununterbrochen geliebt zu werden", selbst wenn man etwas tut, das einen wenig liebenswert macht.

Paul Auster teilt mit seinen Protagonisten das Geburtsjahr 1947. Und man bewundert ihn dafür, wie er sich mit seinen fast siebzig Jahren ohne auch nur den Hauch von altväterlicher Distanz oder Umständlichkeit in die nervös schlagenden Herzen der Jungs hineinversetzt, und damit natürlich in sich selbst als Heranwachsenden. Wie nebenher entfaltet er dabei das Panorama eines untergegangenen Amerikas, das noch in der tristesten Vorstadt aufstiegsversessen ist, das sich an wachsendem Wohlstand, wachsender Mobilität und wachsender gesellschaftlicher Liberalität erfreut – trotz der Ermordung Kennedys und Martin Luther Kings, trotz Rassenunruhen und Vietnam. Der Westen ist mit seinem fiesen, seinem fantastischen Kapitalismus, dem Jazz, dem Rock und Pop, seiner klassischen Musik und dem guten alten Humanismus so vital wie die reizbaren Teenager selbst. Alle hadern mit ihrer Zeit und leben in der besten aller möglichen Welten. Das lässt sich im Rückblick leicht sagen …

Ein Buch mit einer lang anhaltenden Wirkung. (hn)

 

 

 

Roman, geb., 2017

1264 Seiten, 29,95 €

LRowohlt

ISBN 978-3-498-00097-4

 

 

 

 

Didier Eribon

Rückkehr nach Reims

"Rückkehr nach Reims" ist zwar schon im Mai 2016 erschienen, seine grosse Wirkung erzielte es aber erst in diesem Frühjahr vor dem Hintergrund des drohenden Aufschwungs der französischen "Front National" und dem Niedergang der europäischen Sozialdemokratie.

Ein Vater stirbt. Der Sohn macht sich auf die Suche. Was nach einem Roman- oder Filmanfang klingt, ist der autobiografische Kern einer unglaublich spannenden und bestürzend aktuellen Rückschau: Didier Eribon, kosmopolitischer, schwuler Pariser Intellektueller, hatte mit seiner homophoben Familie radikal gebrochen. Mit über fünfzig kehrt er erstmals in seine Heimatstadt Reims zurück, sucht, mit der Mutter das Fotoalbum durchgehend, nach Spuren seiner proletarischen Kindheit. Herausgekommen ist eine Studie über Herkunftsverleugnung, sexuelle und soziale Scham und die alles entscheidenden feinen Unterschiede in der französischen Elite. Ein autobiografischer, selbstreflektierender Text, der sehr feinfühlig und genau den gesellschaftlichen Brüchen in der französischen Arbeiterklasse, in der französischen Linken, vorwiegend der Parti Socialiste, nachspürt. Verstörend und aufschlussreich in Zeiten von Brexit und dem europäischen Aufstieg des autoritären Nationalismus. (hn)

 

 

 

Roman, 2017

221 Seiten, geb., 20 €

Luchterhand-Verlag

ISBN 978-3-630-87559-0

 

 

 


Franz Hohler

Das Päckchen

Nichtsahnend steht der Bibliothekar Ernst Stricker in der großen Unterführung des Berner Hauptbahnhofs, um an einem der wenigen öffentlichen Telefonapparate, die es noch gibt, seine Frau anzurufen. Er will ihr mitteilen, dass er mit einem späteren Zug kommen wird, als neben ihm der Apparat anfängt zu klingeln. 
Da es erkennbar keinen anderen Menschen in seinem Umfeld gibt, der auf diesen Anruf wartet und Ernst ein höflicher Mensch ist, nimmt er den Hörer ab.
Am anderen Ende der Leitung ist eine alte Frau, die ihn mit seinem Vornamen anredet und bittet, sofort zu ihr zu kommen, um ein eingewickeltes Päckchen abzuholen.
Vergeblich versucht Ernst den Irrtum aufzuklären und fährt kurzentschlossen zu der genannten Adresse.

Frau Schaefer ist eine fast erblindete alte Frau und weist alle Aufklärungsversuche von sich, denn sie möchte unbedingt ein kleines, in Packpapier eingeschlagenes, Päckchen loswerden. Zwei, ihr unheimliche Männer, waren innerhalb kurzer Zeit ein paar Mal bei ihr, um danach zu fragen. 
Sie gaben sich als Bergfreunde ihres, auf einer Bergwandertour verschollenen Mannes Philipp, aus.
Doch Frau Schaefer weiß, dass dies nicht stimmen kann.
Ernst nimmt das geheimnisvolle Päckchen entgegen. Er fühlt und ahnt sofort, daß es nur ein Buch sein kann. Und dass es sich um kein gewöhnliches Buch handelt, sagt ihm wenig später sein geschultes Auge.
„Der dunkelbraune lederne Einband, von dem die Ecken leicht geknickt waren, der Rücken, durch den ein feiner Riss von oben bis zur Mitte verlief, der Geruch, der von ihm ausging, als werde ein längst vergessenes Kellergewölbe geöffnet, machten ihm sofort klar, dass vor ihm nicht einfach ein altes Buch lag, sondern ein Bote aus einer anderen Zeit.“

Doch sollte es sich wirklich um den "Abrogans", das älteste Buch deutscher Sprache, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch, und für Mediävisten, bibliophile Bibliothekare und Antiquare eines der größten Schätze der Buchkunst aus dem 8. Jahrhundert handeln? Und ist es wiederum nur ein Zufall, dass ausgerechnet er, ein Bibliothekar, dieses Buch in den Händen hält?
Ernst bricht aus seinem routinierten Alltag aus und versucht erst allein, dann zusammen mit seiner Frau Jaqueline den Geheimnissen um diese alte Handschrift auf die Spur zu kommen.
Das diese Suche ihrer beider Leben von Grund auf verändert, versteht sich bei Franz Hohler, dem Meister der kleinen Begebenheiten, die sich dann in große Ereignisse verwandeln, von selbst.

Ein kleines, feines Buch für alle, die Freude an einer schönen Sprache und den Absurditäten des Lebens haben. (AV)


 

 

Roman, 2017

221 Seiten, geb., 20 €

Luchterhand-Verlag

ISBN 978-3-630-87559-0

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elena Favilli / Francesca Cavallo

„Good Night Stories for Rebel Girls“

100 aussergewöhnliche Frauen

Allein der Begrüßungstext auf der zweiten Seite dieses wunderschön gestalteten Buches verheißt schon eine inspirierende Lektüre:

An alle rebellischen Mädchen
dieser Welt:
träumt größer
zielt höher
kämpft entschlossener
und im Zweifelsfall merkt euch:
ihr habt recht.

Es werden uns bekannte und unbekannte Frauen jeweils auf einer Doppelseite vorgestellt, wobei sich diese in eine Text- und in eine Bildseite aufteilt. Die Porträts der Frauen sind von sechzig Illustratorinnen aus aller Welt gemalt worden.
Dies führt zu einer Vielfältigkeit, wie sie auch den vorgestellten Frauen entspricht und zu einer „Gaumenfreude“ für das Auge macht.
Ob es sich um Amna Al Haddad, eine Gewichtheberin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die deutsche Archäologin Marie Reiche oder die chinesische Dirigentin Xian Zhang handelt, alle Lebensgeschichten erzählen von Frauen, die sich aufgemacht haben, ihre Träume, Begabungen oder Überzeugungen zu vertreten. 
Manche hatten den Mut, mit den gängigen Konventionen zu brechen wie zum Beispiel die amerikanische Chirurgin Mary Edwards Walker, die im neunzehnten Jahrhundert geboren wurde und lieber (verbotenerweise) Männerkleidung trug, weil sie sich darin viel freier bewegen konnte und wohler fühlte. Während des amerikanischen Bürgerkrieges meldete sie sich freiwillig zur Unionsarmee und rettete zahlreichen Menschen das Leben.

Wer kennt sie nicht, die wunderbaren Geschichten von Astrid Lindgren, dem rebellischen Mädchen, das mit seiner großen Familie auf einem Bauernhof in Schweden aufwuchs. Sie war sehr stark und mutig, konnte Dinge reparieren und auf Dächern balancieren. Diese Kindheitserlebnisse inspirierten sie und sie wurde Schriftstellerin. Die Erwachsenen waren über ihre Pipi Langstrumpf Geschichten schockiert, aber die Kindern liebten sie, weil Astrid Lindgren sie zum selbständigen Denken anregte. Heute zählt Pippi Langstrumpf zu den beliebtesten Kinderbüchern überhaupt.
Oft hatten diese Frauen Menschen an ihrer Seite, die sie unterstützt haben und auch die beiden Autorinnen hätten nach eigenen Angaben nicht ohne den großen Beistand Vieler dieses lebensfrohe und interessante Buch zum Leben erwecken können.

Eine tolle Lektüre, die Lust auf neue Bekanntschaften macht und nicht nur Mädchen sondern auch Jungs und Erwachsene zum Schmökern einlädt. (AV)

 

 

2017;

223 Seiten, geb.

24,00 €

Hanser Verlag

ISBN 978-3-44625690-3

 

 

 

 

 

Christian Buder

Das Gedächtnis der Insel

Dreissig Jahre nach dem Tod seiner Mutter kehrt der 38 jährige Jan auf die Insel seiner Kindheit zurück. Sein Vater wurde im Hafenbecken gefunden, alle gehen von Selbstmord aus und obwohl Jan seit zwanzig Jahren keinen Kontakt zu seinem Vater hatte, verlässt er sein sicheres, einsames Leben in Paris um zur Beerdigung auf die Insel  an der französischen Atlantik-Küste zurückzukehren.

"In Paris bewohnte Yann ein Zweizimmer-Appartement im Zweiten Arrondissement. Die Küste war weit genug entfernt. Er ging über keine Brücken, und er machte einen Bogen um jede Pfütze. Bei Regen verließ er das Haus nicht. Als Archäologe im Louvre konnte er arbeiten, wann er wollte. Doch das Wichtigste war: Er arbeitete alleine in seinem Büro. Niemand, der ihm Fragen stellte, und keine Frau, in die er sich hätte verlieben können. Nur fern von der Küste war er sicher."

Schon bald ergeben sich Hinweise, die einen Selbstmord unwahrscheinlich machen, der Vater hatte ein Zugticket gekauft, um Jan in Paris zu besuchen. Zwanzig Jahre haben die beiden keinen Kontakt gehabt, Jan hat es ihm immer übel genommen, daß nur Wochen nach dem Tod der Mutter deren beste Freundin Rykel ihren Platz übernommen hat.

Immer mehr Unstimmigkeiten fallen auf,  und auch Gwenn, seine ehemalige Freundin aus der Jugend, inzwischen Polizistin, ermittelt privat und die Verstrickungen reichen bis in ihre Familie.
Ein starker Sturm zieht auf, wie damals, als Jans Mutter starb und mit den Gewalten spitzt sich auch die Lage auf der bretonischen Insel zu...

Dieser Roman hat eine spannende Krimihandlung, die leider etwas kontruiert erscheint, dass macht Buder aber wett, der Stil ist flüssig und atmosphärisch. Meer, Sturm, Wind und Wellen, knorrige Leuten und ein Rätsel aus der Vergangenheit, ich habe ihn sehr gerne gelesen! (BM)

 

 

 

Roman 2107,

271 Seiten, geb., 19,99 €

Blessing Karl Verlag

ISBN  978-3-89667-591-0

 

 

 

 

 

Norman Ohler

Die Gleichung des Lebens

Sommer 1747. König Friedrich II. will die Sumpfgebiete östlich von Berlin trockenlegen, um dort Flüchtlinge anzusiedeln und die gerade entdeckte Kartoffel für die wachsende Bevölkerung Berlins anzubauen. Mehr Land – mehr Menschen – mehr Wohlstand. Er ist begeistert von diesem Projekt und läßt sich nicht reinreden, wirbt außerhalb Preußens für einen Umzug ins Oderbruch. „Ich will Platz bieten all jenen, die nach einem frischen Anfang verlangt. Die dort, wo sie derzeit hausen, unglücklich sind, weil man sie wegen ihres Glaubens oder aus ähnlichen Gründen verfolgt. […] Ja, ich will, dass Preußen ein Land der Verheißung wird. 
Der Mathematiker Leonhard Euler erhält von ihm den Auftrag, Realisierbarkeit, Dauer und Kosten berechnen – aber nicht in der Akademie, sondern vor Ort. Die Dimension der Aufgabe lasse sich dort erst richtig begreifen. So recht überzeugt ist Euler nicht, mürrisch macht er sich auf den Weg. "jede Stunde des Nichtrechnens kostete eine nicht bekannte Anzahl an Erkenntnissen.“ 
Die Arbeiten am neuen Kanal sind schon angelaufen und kaum angekommen, erfährt Euler vom Tod des leitenden Ingenieurs. Er wurde mit einem traditionellen Speer der Eineimischen Fischer getötet und Euler beginnt diskret zu ermitteln.

Gleichzeitig betrachten die Bewohner des Gebietes, die von der Fischerei leben, die Entwicklungen mit Sorge. Bisher haben sie sehr gut gelebt im "preußischen Amazonas der Oder" und einige wollen das Ende Ihrer traditionellen Lebensweise nicht einfach hinnehmen, Streit und Zwietracht bricht aus. 

Der ruhige, immer etwas bedrückte Euler ist sehr symphatisch und beginnt bald, die negativen Seiten diesen Projekts zu sehen, Kosten und Aufwand aber auch die Folgen des Fortschritts und die unwiederbringbare Zerstörung der Natur, die Besonderheiten der Artenvielfalt und das Schützenswerte der alten Welt.

Am Ende wird der bis dahin nur locker verfolgte Kriminalfall spannend zur Auflösung gebracht, im Vordergrund stehen bei diesem Roman aber die historischen Beschreibungen, Lebensweisen und Alltag der Menschen im 18. Jahrhundert.

Auch Leonhard Euler gab es wirklich. Sein Empfehlung an Friedrich den Großen, das Projekt abzubrechen, führten dazu, daß dieser vor Wut das Genie Euler degradierte um "ihn aus den Geschichtsbüchern zu verbannen"

Ein atmosphärischer und schön erzählter historischer Roman. (BM)

 

 

Roman 2017,

416 S., geb., 22 €

Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-04968-8

 

 

 

Annette Mingels

Was alles war

Susa ist Adoptivkind – was sie seit frühester Jugend weiß. Sie wächst mit ihrer ebenfalls adoptierten Schwester bei liebevollen Pflegeeltern auf.
Als sie ihre leibliche Mutter kennenlernt, bleibt diese ihr seltsam fremd. Sie begegnet erstmals ihren Brüdern, beide erwecken grosses Interesse in ihr, zu dem einen fühlt sie sich sehr hingezogen.

Sie lernt schliesslich Henryk kennen und heiratet ihn. Ihre neue Liebe bringt allerdings zwei Töchter mit in die Ehe. Sie lässt sich darauf ein, erlebt mit ihnen Höhen und Tiefen.

Wie nun Annette Mingels in ihrem Roman diese verschiedenen Familienstränge miteinander verbindet, ist faszinierend und bestechend zugleich. Es überzeugt, wie Annette Mingels gekonnt starke Emotionen in Sprache einfängt, ohne je in Kitsch abzurutschen. Ein sehr schönes Buch, das über die verschiedenen Facetten von "Familie heute" erzählt - von Schwangerschaft und Geburt, von Pubertät, Krankheit, Verlust und Tod - lebensnah erzählt, manchmal sehr bewegend. Die einzelnen Personen, ihre Konflikte, ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihre schönen und weniger guten Erfahrungen und Erlebnisse werden der oder dem Leser*in sehr nahe gebracht. 

Eine Empfehlung! (MN)

Ergänzung (!): Ende November 2017 wurde Annette Mingels der mit 12.000 Euro dotierte Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag für ihren „Familienroman“ Was alles war übergeben. Die Jury begründet ihre Entscheidung wie folgt: 

Annette Mingels analysiert schnörkellos am Beispiel eines Familienalltags die vielbeschworene moderne Patchworkfamilie. Sie betrachtet die komplexe Beziehungsdynamik junger Eltern mit gegensätzlichen Karrierewünschen und die komplizierte Suche nach Identität anhand der eigenen Herkunft. Zugleich entlarvt sie – nicht ohne Komik – die wirtschaftliche Befindlichkeit des akademischen Prekariats am Beispiel eines Paares mit abseitigen Berufen ....  „Was alles war“ ist eine intensive psychologische Geschichte, als Familienroman ein vorbildlicher Spiegel der heutigen Zeit und zugleich ein optimistischer Entwurf, wie Familie sein kann.

 

 

 

Roman 2017, geb.,

286 Seiten, 19,99 €

Knaus-Verlag

ISBN 978-3-8135-0755-3

 

 

 

Lutz Taufer

Über Grenzen

Vom Untergrund in die Favela  

Der Historiker Karl Heinz Roth schrieb soeben zu dem Buch – treffender kann ich es nicht zeichnen (hn)

»Lutz Taufer hat in den Extremkonstellationen der linksradikalen Geschichte agiert, und da er darüber ohne jede Beschönigung und in uneingeschränkter Konfrontation mit den begangenen Fehlern schreibt und nachdenkt, wird sein Buch tatsächlich zu einem Schlüsselwerk der 1960er bis 1980er Jahre. 
Die Lektüre tut weh, denn sie blendet nichts aus: weder die maßlose Überschreitung der Grenzen der Gewalt, durch die der emanzipatorische Anspruch zerstört wurde, noch die Maßlosigkeit eines Repressionsapparats und Gefängnissystems, die heute kaum jemand noch wahrhaben möchte. Auch darüber schreibt Taufer in einer Dichte, wie ich sie bisher nicht gelesen habe. 
Was für ein Glück für ihn, dass er sich nach seiner Freilassung auf den Weg nach Uruguay und dann in die brasilianischen Favelas machte, wo er an der Seite der Namenlosen und Armen agiert hat. Und ein Glück für den Leser dazu, denn auch die Brasilien-Kapitel sind hochinformativ, beschönigen nichts und beweisen eine enorme Beobachtungsgabe und Erinnerungsfähigkeit. 
Insgesamt übertrifft seine Lebensskizze an Genauigkeit und selbstkritischer Reflexion alles, was ich aus diesem Spektrum bisher gelesen habe, nur aus Italien und Lateinamerika gibt es Gleichrangiges.«

Hinweis: Lutz Taufer wird am 1. in Kiel und am 2. Februar in Flensburg aus seinem Buch lesen – die Veranstaltungen finden in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-SH statt, in Kiel in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus SH, in Flensburg mit der Ossietzky-Buchhandlung. 
Eine gesonderte Einladung folgt.

 

 

 

kartoniert, 2017

286 Seiten, 19,80 €

Verlag assoziation-a

ISBN 978-3-86241-457-4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Imperiale Lebensweise

„Wir“ müssen aufhören so zu leben wie bisher.

Und wir müssen das System verändern. 

Die Imperiale Lebensweise (IL), verfasst von den Politologen Ulrich Brand und Markus Wissen, beruht auf einer Art gesellschaftsstabilisierendem Kompromiss zwischen den Interessen der Herrschenden und breiteren Schichten der Bevölkerung. Der Kapitalismus ist weder sozial noch ökologisch haltbar, die Menschen im globalen Norden leben auf Kosten anderer, es wird zu viel Auto gefahren, Fleisch gegessen und unnützes Zeug produziert. Die imperiale Lebensweise verweist auf „die Produktions-, Distributions- und Konsumnormen, die tief in die politischen, ökonomischen und kulturellen Alltagsstrukturen und -praxen der Bevölkerung im globalen Norden … eingelassen sind“ (S. 44). Die IL beruht darauf, dass ihre zerstörerischen Folgen auf andere Regionen der Welt verlagert werden. (siehe auch: Stephan Lessenich – Neben uns die Sintflut)
Diesen Zusammenhang anzusprechen ist zwar nicht ganz neu, in der politischen Debatte und im allgemeinen Bewusstsein spielt er allerdings bestenfalls eine Nebenrolle. Das Verdienst der Autoren besteht darin, die damit verbundene Problematik weit ausgreifend, theoretisch gut begründet und mit empirischem Material unterlegt aufzuzeigen.

Das I.L.A.-Kollektiv (I.L.A. für „Die imperiale Lebensweise: Ausbeutungsstrukturen im 21. Jahrhundert“) hat auf der Basis einer Schreibwerkstatt gar ein Dossier / Arbeitsbuch mit dem Titel „Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert“ zusammengestellt. Auch dieses wurde vom Oekom Verlag im Sommer 2017 – wenige Monate nach dem Werk Brands und Wissens – herausgegeben. Diesem Arbeitsbuch gelingt es, die Aussagen zu konkretisieren und auch sprachlich zugänglicher zu machen.
Hier wird gefragt „nach den Potenzialen für alternative Ideen und Konzepte, die in vielen Teilen der Welt an Bedeutung gewinnen und die dem berechtigten Unmut über soziale Ungleichheit, ökologische Zerstörung und ‚postpolitische‘ Alternativlosigkeit zu einem emanzipatorischen Ausdruck verhelfen“ (I.L.A. Kollektiv 2017, S. 5). Die dabei behandelten Themen reichen von Digitalisierung und Geld bis zu Sorge und Bildung.

Brand und Wissen gehen davon aus, dass die herrschende „multiple Krise“ (sozial, ökonomisch, ökologisch und politisch) einen Wendepunkt darstellen und gesellschaftsverändernde Initiativen vorantreiben könnte. Das wachsende Unbehagen an den bestehenden Verhältnissen deute darauf hin. Es komme darauf an, die eigene Lebensweise zu hinterfragen und praktische Ansätze einer solidarischen Gesellschaftsordnung zu entwickeln. Solche seien bereits in vielen Teilen der Welt anzutreffen. Ein Ziel müsse ein grundlegender institutioneller Umbau des Staates und eine umfassende Demokratisierung sein.
Die von den Autoren vorgelegte Analyse ist überzeugend, auch wenn sie keinen Masterplan für eine ökonomisch und politisch andere Gesellschaft vorstellen. Dazu braucht es praktische Erfahrungen, politische Bewegungen und ihre Reflexion bzw. weiter gehende theoretische Diskussionen. Dazu genügend Anlass gegeben zu haben, ist das Verdienst dieses lesenswerten Buches. (hn)

 

 

 

 

 

Ulrich Brand /

Markus Wissen:

Imperiale Lebensweise.

Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus

Taschenbuch

ISBN 978-3865818430

224 S., 14,95 €

oekom-Verlag 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

I.L.A. Kollektiv:

Auf Kosten anderer?

Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert

128 S., 19,95 €

Taschenbuch

ISBN 978-3960060253

oekom-Verlag 2017

 

   

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